Jeremy Dewar, Infomail 1315, 22. Juli 2026
Die von der Organisation „March and March“ festgelegte inoffizielle Frist vom 30. Juni, bis zu der alle Migrant:innen ohne Papiere Südafrika verlassen sollten, ist abgelaufen. Tausende nahmen an diesem Tag an 120 verschiedenen Protesten teil.
„Abahambe!“ (Sie müssen weg!) lautete der Hauptslogan von „M and M“ bei der Demo. Der Slogan wurde ursprünglich von der rechtsextremen Partei „Patriotic Alliance“ (PA) populär gemacht, die nun neben dem ANC und der „Democratic Alliance“ Teil der Regierung der nationalen Einheit unter Präsident Cyril Ramaphosa ist.
Jacinta Ngobese-Zuma, die ehemalige Radiomoderatorin, die 2024 die Anti-Einwanderungsbewegung „March and March“ gründete, bedient sich häufig rechtsextremer Formulierungen und sagt beispielsweise: „Südafrika wird überrannt. Südafrikaner:innen sind zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden.“ Das ist die Sprache von Migrationsgegner:innen und Rassist:innen auf der ganzen Welt, von Trump in den USA bis hin zu Nigel Farage und Tommy Robinson in Großbritannien.
Sie sagte vor der Menge in Durban: „Jeden Donnerstag, in den nächsten sechs Monaten, werden wir marschieren, bis sie [die Migrant:innen ohne Papiere] verschwunden sind“ – eine Drohung, die Migrant:innen auf der ganzen Welt nur allzu gut kennen. Offensichtlich wollen die Organisator:innen die Dynamik aufrechterhalten.
Viele der Demonstrant:innen trugen traditionelle Zulu-Kleidung und führten „traditionelle“ Waffen mit sich, Knobkerries (Keulen) und Sjamboks (Peitschen), womit sie nicht nur ihre Feindseligkeit gegenüber Migrant:innen aus anderen afrikanischen Ländern zum Ausdruck brachten, sondern auch ihre Identifikation mit dem Volk der Zulu und nicht mit Südafrika als Ganzem.
Durban und Johannesburg waren am stärksten von der durch die Bewegung ausgelösten Gewalt betroffen. Im April und Mai wurden Geschäfte, die mutmaßlich Migrant:innen gehörten, geplündert und niedergebrannt, und Krankenhäuser wurden gestürmt, während rassistische Banden nach Patient:innen mit Migrationshintergrund suchten.
Arbeitsmigrant:innen sind aus Angst aus ihren Häusern geflohen: Viele Kongoles:innen schlafen auf der Straße, Malawier:innen errichten eine Zeltstadt, um in der Menge Schutz zu finden, oder Simbabwer:innen suchen Zuflucht im Konsulat ihres Landes. Da Selbstjustizler:innen von Tür zu Tür ziehen, um nach „Ausländer:innen“ zu suchen, sehen sie keine andere Wahl.
Viele Südafrikaner:innen werden in den chauvinistischen Eifer der Pogromist:innen hineingezogen, da sich die Randalierer:innen allein an der Sprache orientieren; wer die Regionalsprache Zulu nicht spricht, wird sofort als „Ausländer:in“ identifiziert.
In der Woche vor den Demonstrationen forderten rassistische Bürgerwehren die Regierung auf, die Papiere von 457 Migrant:innen zu überprüfen, die vor dem Innenministerium in Durban campierten. Bis auf zwei hatten tatsächlich alle die richtigen Papiere, doch bewaffnete Bürgerwehrler:innen verhörten sie trotzdem, ohrfeigten sie und schlugen sie zusammen. Seit 2022 wurden 148 Afrikaner:innen bei Angriffen gegen Migrant:innen getötet, was unter anderem Malawi, Ghana, Nigeria und Kenia dazu veranlasste, ihre Staatsbürger:innen abzuziehen.
Dennoch lobte die Polizei die Organisator:innen öffentlich für den „friedlichen“ Charakter der Proteste. Die Staatsorgane nahmen über 900 Festnahmen vor, hauptsächlich von Arbeitsmigrant:innen. Diese gezielte Verfolgung der Opfer rassistischer Gewalt zeigt, dass der Staat dieser rassistischen Selbstjustiz-Straßenbewegung nicht wirklich entgegensteht, sondern sie vielmehr nutzt, um noch härter gegen Arbeitsmigrant:innen vorzugehen.
Die Ausbreitung des gegen Migrant:innen gerichteten Chauvinismus richtet sich auch gegen südafrikanische Mitbürger:innen, die auf der Suche nach Arbeit in andere Provinzen gezogen sind. So hat sich beispielsweise der National Coloured Congress den Forderungen von Helen Zille von der Democratic Alliance angeschlossen, wonach schwarzafrikanische Einwohner:innen des Ostkaps, die ins Westkap gezogen sind, „zurückgeschickt“ werden sollen.
Ngobese-Zuma gründete „March and March“ im Jahr 2024, doch erst vor etwa einem Jahr geriet die Bewegung wirklich in die Schlagzeilen, als ihre Anhänger:innen begannen, Migrant:innen anzugreifen, ihre Ausweispapiere zu verlangen, ihr Eigentum zu zerstören und sie aus Krankenhäusern, Wohnungen und Arbeitsstätten zu zerren.
Im Dezember setzten sie den 30. Juni 2026 als inoffizielle Frist fest, bis zu der alle Migrant:innen ohne Papiere (sie bezeichnen sie als „illegal“) das Land verlassen müssen. Die Regierung der Nationalen Einheit (GNU) hat nicht lange gezögert, darauf zu reagieren – allerdings nicht, indem sie dagegen vorging, sondern indem sie das Tempo der Abschiebungen erhöhte.
Die Regierung gibt an, seit ihrer Wahl vor zwei Jahren 109.000 Migrant:innen aus Südafrika (RSA) ausgewiesen und eine weitere halbe Million an der Grenze zurückgewiesen zu haben. Seit der Verkündung der „Frist“ am 30. Juni wurden 25.000 Arbeitskräfte abgeschoben, mindestens weitere 40.000 wurden festgenommen und warten darauf, ausgewiesen zu werden. Dies unterstreicht, wie sehr der ANC an dieser migrationsfeindlichen „Bewegung“ mitschuldig ist.
Ngobese-Zuma behauptet, „March and March“ sei eine „von Bürger:innen geführte Bewegung“, doch diese Behauptung hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Die bereits erwähnte Patriotic Alliance (PA), die 2024 etwas mehr als 2 % der Stimmen und neun Sitze in der Nationalversammlung errang, ist stark daran beteiligt.
Die PA ist mittlerweile Teil der aus zehn Parteien bestehenden GNU, und ihr Vorsitzender, Gayton McKenzie, ist Minister für Sport, Kunst und Kultur. In dieser Funktion hat er angedeutet, der südafrikanische Fußballnationalspieler Ime Okon sei nicht südafrikanisch genug, da sein Vater (der starb, als Ime sechs Jahre alt war) Nigerianer war. Die PA fordert die Massenabschiebung von „Illegalen“ sowie eine Vorzugsbehandlung für Südafrikaner:innen bei Arbeitsplätzen, Dienstleistungen und Gewerbescheinen. Im Jahr 2013 drohte McKenzie öffentlich damit, „illegalen Ausländer:innen auf den Intensivstationen der Krankenhäuser den Sauerstoff abzustellen“.
ActionSA (1,2 % der Stimmen im Jahr 2024) hat ihren Sitz in Johannesburg und vertritt ähnliche politische Ziele. Auch diese Partei unterstützt die Bewegung. Noch weiter rechts steht die in Soweto ansässige faschistische „Operation Dudula“ („dudula“ bedeutet auf Zulu „verdrängen“), die zusammen mit anderen straßenbasierten Bürgerwehren eine Vorreiterrolle bei der physischen Konfrontation mit Migrant:innen eingenommen hat. Auch sie spielt eine zentrale Rolle bei den Mobilisierungen. Zur Bekämpfung von „Operation Dudula“ wurde die antifaschistische Gruppe „Kopanang Africa Against Xenophobia“ (KAAX) gegründet.
Es überrascht nicht, dass auch die Inkatha Freedom Party (IFP) die Bewegung unterstützt. Die auf Zulu-Chauvinismus basierende IFP spielte in den 1980er und 1990er Jahren eine konterrevolutionäre Rolle, indem sie den Anti-Apartheid-Kampf spaltete und untergrub. Der IFP-Bürgermeister von Durban hielt am 30. Juni eine Rede auf der Hauptkundgebung und steht in ständigem Dialog mit den Organisator:innen von „March and March“.
Etwas näher am Mainstream stand die Democratic Alliance (ehemals die regierende Nationalpartei der Apartheid-Ära), die vor den Demonstrationen ebenfalls Gespräche mit „March and March“ führte. Der größte Unterstützer und wahrscheinliche Geldgeber von „March and March“ ist jedoch die Partei uMkhonto WeSizwe (MK; Der Speer der Nation) des in Ungnade gefallenen ehemaligen Präsidenten Jacob Zuma. Der rassistische Populismus der MK passt perfekt zu „March and March“, und es gibt Gerüchte, dass Ngobese-Zuma bei den Kommunalwahlen im November möglicherweise eine Kandidatur für die MK oder ActionSA anstreben könnte.
Doch die Verwischung der Grenzen zwischen den etablierten Parteien und der Bürgerwehrbewegung reicht noch tiefer. Im Jahr 2021 gründete der pensionierte General Maomela Motau die „SANDF (Armee) ANC Cadre Group“ mit dem Programm, nicht nur Massenabschiebungen durchzuführen, sondern auch diejenigen unter Strafe zu stellen, die diese „beherbergen“, d. h. Unternehmen, die sie beschäftigen. Diese undurchsichtige Gruppe soll ebenfalls enge Verbindungen zu „March and March“ haben. Im vergangenen Jahr forderte diese Gruppe, die enge Verbindungen zum Militär unterhält, offen die Wiedereinführung der rassistischen Klassifizierung aller Bürger:innen.
Das ist ein bekanntes Muster. Eine angeblich spontane Gruppe greift Migrant:innen an und fordert strengere Grenzkontrollen. Die Unterstützung dafür reicht von offen faschistischen Gruppen über populistische Parteien bis hin zur neoliberalen Mitte und schließlich zur Polizei, den Streitkräften und der Regierung selbst.
Ramaphosa hat die „March“-Bewegung und deren Forderungen nicht nur als „legitime Anliegen“ bezeichnet, sondern auch begonnen, sie umzusetzen, wobei er die Straßenbewegung als Deckmantel nutzt, um autoritäre Maßnahmen zur Abschiebung von Migrant:innen zu verschärfen und weitere davon abzuhalten, auf der Suche nach Arbeit ins Land zu kommen.
Viele Sozialist:innen auf der ganzen Welt werden von diesen Entwicklungen schockiert sein und sich fragen, woher der Rassismus gegen schwarze Mitmenschen kommt (manche nennen ihn Afrophobie). Sind die südafrikanischen Massen nicht zu Recht berühmt für ihren heldenhaften Kampf gegen die Apartheid? Offensichtlich ist in der Ideologie einer „Regenbogennation“ von Erzbischof Desmond Tutu und Nelson Mandela etwas schiefgelaufen. Aber was hat dies verursacht und warum gerade jetzt?
Wie immer bei den Problemen Afrikas ist es unerlässlich, das Erbe des Kolonialismus zu betrachten. In all ihren großen Kolonien perfektionierten die Brit:innen die Strategie des „Teile und herrsche“, wobei sie in der Regel bereits bestehende Herrscher:innen oder ethnische Minderheiten förderten, insbesondere jene, die sie als „martial races“ (kriegerische Ethnien) bezeichneten, d. h. solche, die anfangs erbitterten Widerstand gegen ihre Machtübernahme leisteten. Die afrikaanssprachige herrschende Klasse setzte dies fort, um die Kontrolle der weißen Minderheit aufrechtzuerhalten, als 1948 das Apartheid-Regime die Macht übernahm.
Sie verwandelten diese Unterscheidungen in das Bantustan-System der Quasi-Selbstverwaltung. Bis zum Schluss nutzte das Apartheid-Regime die IFP von Mangosuthu Buthelezi, um Unterstützung vom multiethnischen ANC abzulenken. Heute hat die ANC-Kadergruppe die diskreditierte Politik der rassischen Klassifizierung auf schändliche Weise wiederbelebt.
Hinzu kam das System der Binnenmigration und der billigen Arbeitskräfte aus Nachbarländern, insbesondere aus am dem Süden des heutigen Simbabwe und aus Namibia. Dieses System besteht bis heute unter dem Namen der Southern African Development Community (SADC), einer Freihandelszone, die darauf ausgelegt ist, diese Länder in halbkolonialer Unterordnung gegenüber Südafrika zu halten.
Insbesondere der Bergbau setzt Arbeitskräfte aus Nachbarländern als „vorübergehende Gäste“ ein, die ausgegrenzt, brutal behandelt und unterbezahlt werden. Doch die südafrikanische herrschende Klasse belässt es nicht dabei. Sie hat Truppen in die DR Kongo entsandt, um Bergbaukonzessionen in den kobaltreichen östlichen Provinzen zu verteidigen. Sie agiert wie eine imperialistische Macht, wenn auch mit regionaler Reichweite, und die Folge davon ist die Förderung einer halbrassistischen Hierarchie.
Die Betonung „rassischer“ Unterschiede unter schwarzen Afrikaner:innen hat also in der Republik Südafrika eine lange Geschichte, und der ANC an der Regierungsmacht hat darauf aufgebaut. Mehrere Politiker:innen des ANC, insbesondere Phophi Ramathuba, haben die rassistischen Forderungen der Rechten in einer Sprache wiederholt, die sich nicht von der der PA unterscheidet.
Es sollte nicht überraschen, dass, als die globale Wirtschaftskrise von 2008 Südafrika erfasste, rassistische Pogrome ausbrachen, bei denen 62 Menschen ums Leben kamen und 150.000 aus ihren Häusern vertrieben wurden. In den 2010er Jahren, dem Jahrzehnt der Sparprogramme, und erneut im Jahr 2021 kam es regelmäßig zu mehreren ähnlichen Vorfällen, wenn auch in kleinerem Umfang. In diesem Jahr ist ein Anstieg der Gewalt gegen Migrant:innen zu verzeichnen, der wieder das Niveau von 2008 erreicht, jedoch mit einer weitaus stärkeren Organisation im Hintergrund und einer rasch schwindenden Hegemonie des ANC.
Heute steht die Wirtschaft erneut am Rande des Zusammenbruchs. Die Arbeitslosenquote liegt bei erschreckenden 32,7 %, wobei die Quoten für die 15- bis 24-Jährigen (60,9 %) und die 25- bis 34-Jährigen (40,6 %) sogar noch höher sind (alle Zahlen stammen aus Statistiken der südafrikanischen Regierung). 38 % der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Angesichts stagnierender Wachstumsraten (1,3 %) und steigender Inflation (3,8 %) – also Stagflation – blickt eine der ärmsten Bevölkerungen und ungleichsten Gesellschaften der Welt in den Abgrund.
Die Bosse und ihre politische Klasse versuchen verzweifelt, die Schuld für all dies auf andere abzuwälzen. Wie in vielen anderen Ländern schüren sie die Flammen des Rassismus.
Doch die wirtschaftlichen Vorwürfe gegen Arbeitsmigrant:innen sind nicht stichhaltig. In Südafrika leben schätzungsweise 2,4 Millionen Migrant:innen, die 10 % der Erwerbsbevölkerung ausmachen. Der größte Beschäftigungsbereich der Wanderarbeiter:innen ist der Haushaltsdienst (18,4 %), gefolgt vom Baugewerbe (17,2 %), der Logistik und dem Einzelhandel (13,6 %) sowie der Landwirtschaft (8,9 %). Dabei handelt es sich um schlecht bezahlte, saisonale und gering angesehene Tätigkeiten. Die eigentliche Ursache für die strukturelle Arbeitslosigkeit sind die Deindustrialisierung, neoliberale Wirtschaftsmaßnahmen und die zunehmende Verwendung prekärer Arbeitsverträge.
Der Beitrag des Bergbaus zum BIP ist drastisch zurückgegangen, von 11 % im Jahr 1993 auf nur noch 4,8 % im Jahr 2023. Die Zahl der Bergleute ist von 650.000 im Jahr 1992 auf 450.000 im Jahr 2025 gesunken. Die Deindustrialisierung hat unter der neoliberalen Politik des ANC auch Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe getroffen.
Zudem ist die Gewerkschaftsbewegung heute schlechter in der Lage, Widerstand gegen den Angriff der Unternehmer:innen zu leisten – der darauf abzielt, die Armen für die Krise ihres Systems bezahlen zu lassen –, als dies bei früheren Krisen der Fall war. Der Gewerkschaftsverband COSATU war 30 Jahre lang (1994–2024) in die dreigliedrige Volksfront-Regierung mit dem ANC und der Südafrikanischen Kommunistischen Partei (SACP) verstrickt, wurde dabei korrumpiert und verlor seinen Weg als unabhängige Kampfkraft. Der COSATU verurteilt heute die Selbstjustiz gegen Migrant:innen, unterstützt jedoch strengere Grenzkontrollen und Privilegien für südafrikanische Arbeiter:innen.
Nach dem Massaker von Marikana verlor COSATU 2012 den Großteil der Bergarbeiter:innen an die kämpferischer Gewerkschaft Association of Mineworkers and Construction Union (AMCU), die daraufhin gemeinsam mit den Food and Allied Workers die South Africa Federation of Trade Unions (SAFTU) gründete; später schloss sich auch die Metallarbeiter:innengewerkschaft NUMSA an, die von Generalsekretär Irvin Jim in eine Reihe gescheiterter Projekte und Konflikte geführt wurde.
Trotz des sechsmonatigen großen Streiks der Platinbergleute im Jahr 2014 unter Führung der AMCU blieben die Streikzahlen in den meisten der folgenden Jahre niedrig. Ebenso sind die progressiven sozialen Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte, wie das Anti-Privatisierungsforum, weitgehend verschwunden. Selbst die Student:innenbewegung „Rhodes Must Fall“ von 2014–2015 hat keine Spuren hinterlassen, da sie unter dem lähmenden Einfluss der Economic Freedom Fighters (EFF) litt.
Hinzu kommt, dass die Prekarisierung des Arbeitsmarktes dazu führt, dass heute nur noch jeder fünfte Arbeitsplatz mit einem standardisierten Arbeitsvertrag ausgestattet ist. Im informellen Sektor gibt es keine Gewerkschaft, die die Beschäftigten unterstützt und eine rudimentäre Form des Klassen-(Gewerkschafts-)Bewusstseins entwickelt.
Die Arbeiter:innenklasse hat sich noch nie so schutzlos gegenüber dem Staat, den Arbeit„geber“:innen und fremden Ideologien wie dem Rassismus gefühlt. Was hat die Linke also unternommen?
Da sie nach ihrem Ausschluss aus der Regierung ins Abseits geraten war, beschloss die SACP, am 29. und 30. Mai 2026 eine Konferenz der Linken einzuberufen. Obwohl die Teilnehmer:innen einen Lenkungsausschuss wählten, um die Initiative am Laufen zu halten, war die Konferenz vor allem dadurch bemerkenswert, wen sie einlud und wen nicht.
Zunächst zu den unwillkommenen Gästen. Die MK war stark vertreten und versuchte sogar (erfolglos), Jacob Zuma auf das Podium zu holen – und das, während die Partei landesweit an pogromartigen Aktivitäten beteiligt war. Zuma war verantwortlich für die größten „State Captures“ (korrupte Privatisierungsgeschäfte) in der Geschichte Südafrikas – neben anderen abscheulichen Verbrechen. Die Tatsache, dass er anwesend war, machte die Konferenz für den Zweck einer Gegenbewegung irrelevant.
Auch Irvin Jim von der NUMSA war anwesend (und hielt eine Rede). Jim hat seit dem Ausschluss seiner Gewerkschaft aus dem COSATU im Jahr 2014 bereits mehrere Chancen vertan, darunter die „United Front“, die er sofort nach ihrer Gründung wieder verwarf, sowie die ultrastalinistische „Socialist Revolutionary Workers Party“, die ebenfalls schnell wieder von der Bildfläche verschwand. Es wird vermutet, dass Jim Finanzmittel des US-Tech-Milliardärs Roy Singham angenommen hat.
Julius Malema von der EFF hielt eine Rede, in der er die rassistische Anti-Migrant:innen-Bewegung verurteilte. Doch auch seine Partei hat sich nicht davon freigehalten, selbst Fremdenfeindlichkeit zu nutzen – beispielsweise indem sie „Ausländer:innen“ in Restaurants aufspürte und dann hinauswarf, wenn es ihr opportunistisch gelegen kam. Die Arbeiter:innenklasse kann von diesem eigennützigen Sektenführer nichts erwarten. Malema wurde, ebenso wie Zuma, der Veruntreuung beschuldigt.
Dann gab es noch diejenigen, die nicht zur Teilnahme eingeladen wurden. Dazu gehören die SAFTU (COSATU war eingeladen), alle Bürger:innen- oder Student:innenbewegungen sowie die trotzkistischen Gruppen (von denen die Marxist Workers Party [CWI] am aktivsten zu sein scheint).
Die SACP selbst hat weder Rechenschaft darüber abgelegt, warum sie so lange im ANC untergetaucht war, noch darüber, was sie 30 Jahre lang an der Regierung getan hat. Ihre Etappentheorie, wonach zuerst eine demokratische Revolution und erst viel später eine sozialistische Revolution stattfinden soll, verurteilt sie dazu, jeden echten Widerstand in die Irre zu führen.
Tatsächlich zeigt ihre Einladungsliste, dass sie nur daran interessiert ist, den „linken Flügel“ des ANC neu zu formieren – vermutlich, weil sie zu den Tagen der Volksfront zurückkehren möchte, anstatt die Probleme von heute zu lösen und einen Kampf für den Sozialismus anzuführen. Ihre Lösungen bestehen darin, das Land an den chinesischen und russischen Imperialismus zu binden – ein Knoten, der für die Arbeiter:innenklasse, sowohl die „einheimische“ als auch die „ausländische“, einen sehr hohen Preis mit sich bringt.
Südafrika leidet, wie viele andere Teile der Welt, unter einer akuten und chronischen Führungskrise. Als (relativ entwickeltes) Land im Globalen Süden steht es vor einer gewaltigen Wirtschaftskrise, die die Arbeiter:innenklasse erschüttern wird, ganz gleich, wie viele Migrant:innen abgeschoben werden.
Die Arbeiter:innenklasse muss unter diesen Umständen ihre Kampfkräfte auf der Grundlage des Klassenkampfes neu formieren. Dies beginnt damit, die Kräfte zu bündeln, die bereit sind, den Rassist:innen entgegenzutreten – mit Argumenten in den Gemeinden, an den Arbeitsplätzen und Schulen sowie mit der physischen Verteidigung von Migrant:innen, wo Argumente vergeblich wären.
Antifaschistische Kräfte wie die KAAX müssen entsprechend vorbereitete Milizen bilden, um den mit Knobkerries und Sjamboks bewaffneten Schläger:innen entgegenzutreten und die Festnahme von Migrant:innen ohne Papiere durch die Polizei zu verhindern. Siyafana Sonke („Wir sind alle gleich“) ist ein Basisbündnis aus über 160 Organisationen, das die Verteidigung von Migrant:innen in ihrer Not anführt.
Die SAFTU sollte eine eigene Konferenz der internationalistischen, antirassistischen und sozialistischen Linken einberufen und die dem COSATU angeschlossenen Gewerkschaften auffordern, auf dieser Grundlage daran teilzunehmen. Dort könnten die Teilnehmer:innen ein Aktionsprogramm ausarbeiten, um die Anti-Migrant:innen-Bewegung zu zerschlagen, und dies mit einer echten Verteidigung der Arbeitsplätze und Löhne der Arbeiter:innen sowie einer deutlichen Verbesserung der sozialen Dienstleistungen in den Townships und städtischen Zentren verknüpfen.
Zweitens müssen die Arbeiter:innen ihre Gewerkschaftsführer:innen dazu zwingen, jeden Abbau und jede Schließung mit Streiks und Besetzungen zu bekämpfen. Die Bosse sollen dafür bezahlen! Die Maikundgebungen der SAFTU standen unter dem Slogan „Stoppt das Blutbad auf dem Arbeitsmarkt!“ Jetzt ist es an der Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen. Jeder ernsthafte Streik muss die COSATU-Mitglieder, Arbeitskräfte ohne Papiere, den informellen Sektor, die Jugend und die Gemeinden einbeziehen, damit er zu einem Leuchtturm des Widerstands gegen den wahren Feind, den Kapitalismus, werden kann.
Drittens brauchen wir eine Kraft, die rassistischen und fremdenfeindlichen Ideen keinen Millimeter nachgibt, sondern ihnen die Stirn bietet und ihnen die Idee einer sozialistischen Gesellschaft in einer sozialistischen Welt entgegenstellt, in der jede Arbeiterin und jeder Arbeiter eine Schwester bzw. ein Bruder im gemeinsamen Kampf gegen Diskriminierung, Ausbeutung und Erniedrigung ist.
Schließlich muss sich die Arbeiter:innenklasse in Südafrika aus dem Schatten des Stalinismus befreien und ihre eigene revolutionäre Partei gründen, wie es die Jugend der Kommunistischen Partei in Kenia getan hat. Anstelle einer Revolution in unterschiedlichen und voneinander getrennten Etappen, die es nie schafft, die „Etappe“ des Sozialismus zu erreichen, muss sie die permanente Revolution auf ihr Banner schreiben, also den Kampf um die Arbeiter:innenmacht in Südafrika als Zwischenstation auf dem Weg zu einem sozialistischen Afrika und einer sozialistischen Welt.