Martin Suchanek, Infomail 1318, 5. September 2026
Beim VW-Vorstand knallen die Sektkorken. In der Aufsichtsratsitzung am 3. September einigten sich Geschäftsführung, Unternehmensvertreter:innen, das SPD-geführte Land Niedersachsen, Betriebsräte und Gewerkschaften einstimmig (!) auf einen Sanierungsplan, der seinesgleichen sucht:
Damit hat sich der VW-Vorstand in allen wichtigen Punkten durchgesetzt. An der deutschen Börse, dem DAX 40, stieg der VW-Kurs am Morgen des 4. September wie schon lange nicht, zum Handelsstart um mehr als sechs Prozent, jener von Porsche um 3 Prozent. Auch wenn das Feuer am Aktienmarkt nur von begrenzter Dauer sein wird, so geben sich auch die zentralen Medien des deutschen Kapitals optimistisch. Endlich, so die FAZ, würden „konkrete Rendite- und Sparziele genannt, außerdem etliche Handlungsfelder; von der geplanten Halbierung des Modellangebots bis zur Neuausrichtung des Nordamerika- und China-Geschäfts“. Aber, so die Zeitung weiter, jetzt müsse der Beschluss auch umgesetzt werden. Betriebsrat und IG Metall dürften jetzt den Entscheid, den sie mitgetragen haben, nicht in „kleinlichen“ Verhandlungen verwässern.
Man sieht. Die Bourgeoisie ist eine undankbare Klasse. Ohne Zustimmung von Betriebsrat, IG Metall und dem Land Niedersachsen, das 20 % der Anteile an VW hält, hätte die Entlassungsorgie überhaupt keine Mehrheit gefunden. Stattdessen haben sie sich mit Vorstandsvorsitzendem Blume hinter verschlossenen Türen geeinigt.
Im Klartext: Betriebsrat und IG Metall (auch das SPD-geführte Land Niedersachsen) haben kapituliert. Sie haben in allen Punkten dem Vorstand nachgegeben. Nun setzen die bürgerlichen Kommentator:innen nach: Die Kapitulationserklärung müsse konsequent umgesetzt werden.
Doch warum haben sie überhaupt zugestimmt? In einer gemeinsamen Erklärung rechtfertigen Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, und Daniela Cavallo, Vorsitzende des Gesamt- und Konzernbetriebsrats der Volkswagen AG, ihre Zustimmung folgendermaßen:
„Die Arbeitnehmerseite hat gemeinsam mit dem Land Niedersachsen in dieser Situation einmal mehr Verantwortung übernommen, eine gefährliche Eskalation des Konflikts verhindert und den Weg für tragfähige Lösungen geebnet. Dafür haben sich alle aufeinander zubewegt.
Eine Ausgliederung der Kernmarke Volkswagen Pkw und der VW-Komponente ist vom Tisch, der Angriff auf die Mitbestimmungsstrukturen damit erfolgreich abgewehrt. Kein Werk wurde aufgegeben und entgegen mehreren Medienberichten ist keine Werksschließung besiegelt.“
Einmal mehr loben sich Gewerkschafts- und Betriebsratsbürokratie selbst. Während das Management „eskaliert“ und damit die Belegschaften „verunsichert“, übernimmt die Bürokratie „Verantwortung“ – indem sie den Beschäftigten in den Rücken fällt und dem Plan des Vorstands zustimmt. Was hat man damit verhindert?
Erstens wäre man einem solchen Beschluss der Aktionär:innenversammlung zuvorgekommen, wo die Bürokratie aus den Gewerkschaften und den Betriebsräten keine Stimme hat. Diese – und nicht der sozialpartnerschaftlich zusammengesetzte Aufsichtsrat – hat mittlerweile nämlich faktisch das letzte Wort bei Volkswagen, nicht der Aufsichtsrat. Die Macht dieser Institution der Sozialpartnerschaft ist durch die der Finanzmärkte selbst längst unterhöhlt. Doch dieser Realität wollen sich weder IG Metall noch Betriebsrat noch die SPD-Landesregierung stellen. Anerkannt wird sie aber indirekt, indem man selbst im Interesse der Aktionär:innen und gegen jene der Arbeiter:innen abstimmt – dann auch noch so tut, als hätte man selbst das Zepter des Handelns in der Hand.
Zweitens wird aber einmal mehr deutlich. Die Vertreter:innen der Gewerkschaften und die Betriebsrät:innen begreifen sich selbst als „bessere“, verantwortungsvollere Vertreter:innen der langfristigen Interessen „ihres“ Konzerns. Dass es Personalabbau, Produktivitätssteigerungen und „harte Maßnahmen“ geben müsse, erkennen die Bürokrat:innen an. Nur „einseitig“ dürften sie nicht sein. Schließlich teilen auch sie das Ziel, dass VW an der Spitze der Autoindustrie stehen müsse und nicht irgendein ausländischer Konkurrent. Dafür, so Benner und Cavallo, müsse aber der Vorstand seine „Hausaufgaben“ erledigen und endlich „die notwendigen Investitionen auf den Weg bringen, Innovationen vorantreiben und Beschäftigung dauerhaft sichern“.
Welch Hohn! Nachdem beide gerade der Entlassung von 100.000 Beschäftigten zugestimmt haben, tun sie so, als ob sie für Beschäftigungssicherung stehen. Tun sie nicht. Das wird am drastischsten deutlich, wenn es um die Jobs der 50.000 Arbeiter:innen geht, die nicht an deutschen Standorten beschäftigt sind. Die kommen bei der Vorsitzenden des Konzernbetriebsrates Cavallo allenfalls als Randnotiz vor. Wenn es schon um den Erhalt von Standorten geht, dann eigentlich nur um den in Deutschland.
Es ist wichtig zu verstehen, dass Cavallo und Benner nicht einfach schlechte Gewerkschafter:innen sind. Das Problem liegt tiefer. Sie verstehen sich wie die gesamte Führung der Industriegewerkschaften in Deutschland und die Spitzen aller Betriebsräte in den Großkonzernen als bessere Vertreter:innen des Gesamtinteresses „ihres“ Konzerns – und sie agieren so. Sie wollen daher auch eine Eskalation mit dem Vorstand und einen Kampf gegen alle Entlassungen um fast jeden Preis verhindern.
Doch bei VW geht es ums Ganze. Wer sich in den Mühlen der Klassenkollaboration verstrickt, endet bei der vollständigen Kapitulation. Der Beschluss des Aufsichtsrats stellt damit einen schweren Schlag gegen alle Beschäftigten bei VW und gegen die gesamte Arbeiter:innenklasse in Deutschland und im gesamten Konzern dar.
Die Kapitulation ist nämlich alles andere als alternativlos. Die Beschäftigten bei VW gehören zu den gewerkschaftlich am besten organisierten der gesamten Arbeiter:innenklasse. In Deutschland sind über 90 % der Beschäftigten des VW-Konzerns in der IG Metall organisiert. Bei den Betriebsratswahlen erhält die Gewerkschaft zwischen 83 und 85 % der Mandate.
Die IG Metall ist also eine Macht im VW-Konzern (und in der gesamten deutschen Metall- und Elektroindustrie). Doch sie führt ihre Macht nicht ins Feld und begnügt sich mit allenfalls symbolischen, eintägigen Aktionen wie dem für den 21. September geplanten Aktionstag Autoindustrie. Einen Kampfplan hat sie dafür nicht. Vielmehr fordert man gebetsmühlenartig, dass die verantwortlichen Geschäftsführungen ihre „Hausaufgaben“ machen müssten, und schreibt ansonsten gemeinsam mit Konzernchef:innen und Unternehmer:innenverbänden Bittbriefe an die Bundesregierung, dass diese die Großindustrie mehr subventionieren solle.
Die IG-Metall-Führung hofft außerdem, dass staatliche Förderung durch die Regierung die „guten alten Zeiten“ zurückbringt, als Sozialpartnerschaft und Klassenkollaboration bei Volkswagen (und anderen Autokonzernen) so erfolgreich waren. Sie weigert sich allerdings, die Ursachen für den Erfolg der deutschen Autoindustrie am Weltmarkt überhaupt nur in Betracht zu ziehen. Wachsende Umsätze und Gewinne fielen schließlich nicht vom Himmel, sondern waren selbst Resultat hoher Ausbeutungsraten, stetig steigender Produktivität und von Extraprofiten aus der globalen Ausbeutung. So konnten viele Konkurrent:innen geschlagen werden. Über Jahrzehnte sicherte die Politik der Klassenkollaboration auch die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie durch Produktivitätsabkommen. Doch diese „guten alten Zeiten“ kommen nicht wieder, sie sind unwiederbringlich vorbei.
Ihre Auswirkung auf das Bewusstsein der Arbeiter:innenklasse jedoch nicht, sie lasten vielmehr wie ein Albtraum auf diesem. Über Jahre schienen die Arbeitsplätze lange relativ sicher und die Gehälter sind bis heute überdurchschnittlich hoch. So verdienen Produktionsarbeiter:innen bei VW Wolfsburg durchschnittlich 56.000 Euro brutto im Jahr. Dieses Einkommen erhalten die schlechter bezahlten Teile der Gesamtbelegschaft. Der Durchschnittsverdienst aller Beschäftigten bei deutschen Autokonzernen liegt bei 93.000 Euro brutto/Jahr.
Diese Lage bildet auch die soziale Basis für die Ideologie der Sozialpartnerschaft unter den Beschäftigten, die mehrheitlich der Arbeiter:innenaristokratie angehören. Hinzu kommt, dass sie über Jahrzehnte im Geiste ebendieser Klassenkollaboration erzogen wurden, die ihre eigene Zukunft an den Erfolg „ihres“ Unternehmens band.
Die letzten Jahre mit immer mehr Sanierungs- und Umstrukturierungsprogrammen haben das Vertrauen in die „Sozialpartnerschaft“ bei vielen Beschäftigten untergraben. Die aktuelle Entlassungswelle vertieft das weiter. Das zeigte sich auch bei den Betriebsversammlungen der letzten Wochen. Die Arbeiter:innen sind empört, wütend auf die Geschäftsführung, aber sie sind oft auch verzweifelt und ratlos. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll, und hoffen irgendwie auf eine Zukunft im Konzern. An dieser widersprüchlichen Stimmung versuchen die Betriebsräte und Gewerkschaftsbürokrat:innen anzuknüpfen, indem sie den Beschäftigten selbst den schäbigsten Ausverkauf, eine Kapitulation vor der Geschäftsführung, noch als „Kompromiss“ verkaufen, der nach dem Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ irgendwie eine Perspektive bietet.
Kurzfristig kann es daher gut sein, dass die Wut auf den Vorstand durch die Betriebsräte und die IG Metall in „friedliche“ Formen kanalisiert wird. Aber das Problem der Bürokratie ist auch klar: Außer Beschönigungen hat sie nichts zu bieten. Sie wird mit ihrer Politik keinen einzigen Standort retten, sondern verwaltet vielmehr die größte Entlassungswelle in der VW-Geschichte mit.
Doch die Umsetzung der Kapitulation wird selbst nicht von heute auf morgen, sondern über Monate, ja Jahre erfolgen. Das bedeutet, dass der Kampf gegen die Entlassungen und Schließungen nicht vorbei ist, auch wenn die Konzernführung einen großen Sieg eingefahren hat.
Im VW-Konzern (und auch in anderen Autokonzernen) entwickeln sich nämlich nicht nur Wut, Empörung gemischt mit Verzweiflung und einem Irgendwie-Weiter-Hoffen. Es beginnt sich auch, eine Opposition unter linken, kämpferischen Gewerkschafter:innen, Vertrauensleuten und einzelnen Betriebsräten zu entwickeln. So haben z. B. IG-Metall-Vertrauensleute bei Daimler Untertürkheim selbst betriebliche Proteste während der Arbeitszeit organisiert und den IGM-Vorstand für seine Politik der Zusammenarbeit mit den Unternehmensverbänden offen kritisiert.
Das ist ein Zeichen für die Zukunft. Insgesamt ist die Opposition in den Gewerkschaften und Betrieben heute schwach, wenig organisiert und zersplittert. Das ist auch der Rolle des bürokratischen Apparates geschuldet, der auf eine lange Geschichte der Repression gegen oppositionelle gewerkschaftliche Gruppierungen zurückblicken kann (inklusive der Kooperation mit der Geschäftsführung gegen ebendiese).
Doch um den Aufbau einer organisierten klassenkämpferischen Opposition gegen die Bürokratie führt bei VW und in den anderen Konzernen kein Weg vorbei. Die aktuelle Zuspitzung der Lage macht sie dringend notwendig – und ermöglicht, Beschäftigte zu organisieren, die bisher nicht aktiv gewesen sind.
Es ist daher notwendig, dass diese Strömungen am 21. September und bei den DGB-Aktionstagen gegen Sozialkürzungen möglichst sichtbar werden. Für den 16.–17. Oktober ist außerdem ein Koordinationstreffen für gewerkschaftliche Opposition in Kassel geplant.
Ein wichtiger Hebel ist es, diese Debatte in Die Linke hineinzutragen. Auch Die Linke könnte sich in diesem Konflikt ganz praktisch als „organisierende Klassenpartei“ in der Klasse aufbauen, muss sich aber entscheiden, ob sie das als linker Flügel der Bürokratie oder als Sprachrohr der Basis tun will.
Mit symbolischen Aktionen und eintägigen Aktionstagen wird sich der Kahlschlag bei VW nicht verhindern lassen. Dazu braucht es einen Kampfplan, unbefristete Streiks und Betriebsbesetzungen gegen alle Entlassungen und Schließungen, verbunden mit dem Kampf um die entschädigungslose Enteignung von VW (und aller anderen Konzerne, die Zehntausende auf die Straße setzen) unter Arbeiter:innenkontrolle.
Um einen Kampfplan in den Gewerkschaften zu entwickeln und zu erzwingen, braucht es aber auch die Zusammenführung dieser verschiedenen oppositionellen Initiativen: eine bundesweite, demokratische Aktionskonferenz aller oppositionellen Gruppierungen in den Gewerkschaften, einschließlich der Gewerkschaftsstrukturen der Linkspartei. Denn es braucht eine organisierte politische Alternative zur Sozialpartner:innenschaft, Klassenkollaboration der Bürokratie.