KD Tait (Workers Power/GB), Neue Internationale 301, Juni 2026
Im Mai habt sich die Lage in Bolivien – beginnend mit Streiks und Straßenblockaden gegen Benzinpreiserhöhungen und Sparmaßnahmen – zu einer offenen politischen Konfrontation mit der Regierung von Rodrigo Paz entwickelt. Die Hauptstadt La Paz wurde durch Blockaden abgeschnitten, die von der Central Obrera Boliviana (COB) – dem wichtigsten Gewerkschaftsverband des Landes, der im Zuge der Revolution von 1952 gegründet wurde – zusammen mit Bäuer:innen- und Bergarbeiter:innengewerkschaften organisiert wurden. Die Bewegung hat sich ausgeweitet und umfasst nun auch Transportarbeiter:innen, Lehrer:innen, Nachbarschaftsorganisationen und die städtische arme Bevölkerung, während die Forderung nach Paz’ Rücktritt in den Mittelpunkt des Kampfes gerückt ist.
Die Krise hat bereits die Region in Mitleidenschaft gezogen. Die Trump-Regierung hat die Proteste als versuchten „Putsch“ verurteilt und die Regierung von Paz öffentlich unterstützt; Kolumbiens linker Präsident Gustavo Petro hat die Ereignisse als „Volksaufstand“ bezeichnet, was zur Ausweisung des kolumbianischen Botschafters führte; und die MST berichtet, dass Argentiniens rechtsextremer Präsident Javier Milei dem bolivianischen Staat materielle Hilfe geleistet hat. Erneut entwickelt sich in Bolivien eine revolutionäre Situation. Dieser Artikel stellt den Hintergrund des Kampfes und die zentralen politischen Fragen vor, die in den kommenden Tagen und Wochen entschieden werden.
In dieser Zeitung veröffentlichen wir den Aufruf „Weg mit der mörderischen proimperialistischen Paz-Regierung!“ der Movimiento Socialista de los Trabajadores (MST) vom 24. Mai und wir verweisen unsere Leser:innen auf eine Reihe weiterer Artikel der MST in Bolivien. Die Gruppierung sympathisiert mit der Internationalen Sozialistischen Liga (ISL) – der internationalen Tendenz, der Arbeiter:innenmacht nach dem Betritt der Liga für die Fünfte Internationale (L5I) zur ISL angehört.
Sie sind wertvoll, weil sie von Aktivist:innen stammen, die in der Bewegung selbst engagiert sind: in der Bergarbeiter:innenbewegung, in den Debatten der COB und in den breiteren Mobilisierungen von Arbeiter:innen, Bäuer:innen und der Bevölkerung, die derzeit der Regierung von Paz gegenüberstehen. Sie sind in der Hitze des Gefechts verfasst, als Versuch, die Parolen und die Strategie zu klären, die nötig sind, um den Kampf voranzubringen.
Rodrigo Paz Pereira trat im November 2025 als Kandidat der Christdemokratischen Partei (PDC), einer katholischen Mitte-Rechts-Formation, sein Amt an. Paz, ein ehemaliger Senator aus Tarija und Sohn des ehemaligen MIR-Präsidenten Jaime Paz Zamora, wurde zusammen mit seinem Mitstreiter Edmand Lara gewählt, einem entlassenen Polizeihauptmann, der sich durch die Anprangerung von Korruption innerhalb des Sicherheitsapparats einen Namen gemacht hatte. Sein Sieg beendete zwanzig Jahre Regierung durch die Movimiento al Socialismo (MAS), die Partei von Evo Morales und seinem Nachfolger Luis Arce.
Der Zusammenbruch des MAS-Projekts – Lateinamerikas am längsten andauerndes Experiment der „rosa Welle“, das von seinen eigenen Führer:innen, insbesondere dem ehemaligen Vizepräsidenten Álvaro García Linera, manchmal als „andino-amazonischer Kapitalismus“ bezeichnet wurde – bildet den politischen Hintergrund für alles, was danach folgte. Zwei Jahrzehnte an der Regierung konnten die Macht der Agraroligarchie im Osten des Landes nicht brechen, die Abhängigkeit des Landes vom Rohstoffkapital nicht lockern und endeten mit dem erbitterten Bruch zwischen Morales und Arce, einer Wirtschaftskrise und der Entfremdung eines Großteils der alten indigenen und proletarischen Wähler:innenschaft der MAS.
Ein Teil dieser Basis stimmte für Paz, der einen „moderaten“ Bruch mit der alten neoliberalen Rechten und die Beibehaltung der Sozialleistungen aus der MAS-Ära versprochen hatte; ein anderer Teil gab ungültige Stimmen ab oder blieb zu Hause. Paz’ rechter Gegner in der Stichwahl, der ehemalige Präsident Jorge „Tuto“ Quiroga Ramírez, wurde als direkter Vertreter der alten oligarchischen Rechten abgelehnt.
Dies ist die jüngste Wendung in einem Land mit einer der kämpferischsten Traditionen der Arbeiter:innenklasse und der Bäuer:innenschaft auf dem gesamten Kontinent: die Revolution von 1952, die die COB als Organ der Arbeiter:innenmacht neben dem bürgerlichen Staat etablierte; der Wasserkrieg von Cochabamba im Jahr 2000; der Gaskrieg von 2003, der eine neoliberale Regierung zu Fall brachte; und die Unruhen von 2019. Die unten verlinkten Artikel sollten vor dem Hintergrund dieser Geschichte gelesen werden.
Der Verlauf der Ereignisse wird in den Artikeln der MST skizziert. Die Wahlen im Oktober 2025 beendeten zwanzig Jahre MAS-Regierung. Die Erschöpfung des Projekts von Arce und Morales brach dessen Einfluss auf einen Großteil seiner alten Massenbasis, während ein Teil dieser Basis aufgrund der oben genannten Versprechen zu Paz überlief.
Diese Versprechen hielten nur so lange wie der Wahlkampf. Bis Weihnachten hatte Paz das Oberste Dekret 5503 durchgesetzt, mit dem die Treibstoffsubventionen abgeschafft und eine umfassendere Privatisierungsagenda auf den Weg gebracht wurden. Die COB rief zu einem unbefristeten Generalstreik auf. Ein entscheidender Faktor dabei ist, dass der Streik unter einer neuen COB-Führung durchgeführt wurde. Auf ihrem 18. Kongress im Oktober 2025 wählte die COB den Vertreter der Bergleute von Huanuni, Mario Argollo Mamani, zum Exekutivsekretär und ersetzte damit Juan Carlos Huarachi, der den Verband acht Jahre lang geleitet hatte und weithin als jemand angesehen wurde, der die MAS-Regierungen vor dem Druck der Basis geschützt hatte. Argollos Wahl wurde von der Bergbauarbeiter:innengewerkschaft FSTMB vorangetrieben und spiegelte eine breitere Rebellion der Basis gegen die versöhnliche Führung der MAS-Ära wider. Der Kongress lehnte zudem Huarachis Bericht ab und untersagte seinem scheidenden Vorstand, weitere Gewerkschaftsämter zu bekleiden.
Die neue Führung erreichte bis Mitte Januar die Aufhebung des Dekrets 5503, unterzeichnete dann jedoch eine Vereinbarung mit der Regierung und hob die Blockaden auf. Dies gab Paz Spielraum, mit einem neuen Maßnahmenpaket zurückzukehren, darunter das Gesetz 1720 zur Landumwandlung, das es Banken ermöglicht hätte, kleine bäuerliche Grundstücke zu beschlagnahmen.
Dieser Verrat zündete die Lunte für den Mai. Seit der von der COB ausgerufenen Mobilisierung zum 1. Mai haben die Basismitglieder die Führung gezwungen, einen „Pakt gegen Verrat“ zu unterzeichnen; die Forderung hat sich zu „Paz raus“ verdichtet. Das Bündnis aus Arbeiter:innen und Bäuer:innen wurde durch die städtische arme Bevölkerung von El Alto und den Verband der Selbstständigen gestärkt; und nachdem eine als „humanitärer Korridor“ getarnte Militäroffensive am 24. Mai Víctor Cruz, einen Demonstranten gegen die Regierung, in Calamarca tötete, haben selbstorganisierte Versorgungsnetze begonnen, Lebensmittel, Sauerstoff und Medikamente außerhalb der staatlichen Kontrolle zu transportieren. Gegen Argollo und vierundzwanzig weitere Gewerkschaftsführer:innen liegen nun Haftbefehle wegen „Terrorismus“ vor.
Die Genoss:innen der MST kämpfen dafür, revolutionäre Schlussfolgerungen aus den realen Organen und Parolen zu ziehen, die der Kampf selbst hervorgebracht hat. Die Argumentation wird ausführlich in einem umfangreichen Interview mit dem MST-Führers Juan José Villa dargelegt, dessen vollständige Lektüre wir empfehlen.
Villa argumentiert, dass die COB durch die Auseinandersetzungen im Januar und Mai über die Rolle eines gewöhnlichen Gewerkschaftsbundes hinausgewachsen ist und begonnen hat, als Organ einer „Doppelherrschaft“ zu agieren. Auf dieser Grundlage argumentiert er, dass die Parole der Stunde – die Parole, die die unmittelbare Forderung nach Páz’ Rücktritt mit der Machtfrage verknüpft – lautet: Alle Macht der COB und den kämpfenden Bäuer:innen- und Volksorganisationen. Dazu gehören die Central Sindical Única de Trabajadores Campesinos de Bolivia (CSUTCB), die wichtigste Bäuer:innengewerkschaft; die Tupaj-Katari-Föderation der Aymara-Provinzen von La Paz; und die FEJUVE-Nachbarschaftsräte von El Alto.
Der Streit ist praktischer Natur: Wer tritt an Paz’ Stelle, falls er stürzt? Auf der einen Seite stehen die bürgerlichen Nachfolgelösungen: die Amtsübernahme durch Vizepräsident Edmand Lara, Neuwahlen oder eine Neuzusammensetzung des Parlaments. Diese werden in unterschiedlicher Form von Evo Morales’ neuer Formation „Evo Pueblo“ und von der Kommunistischen Partei vorangetrieben. Auf der anderen Seite stehen Strömungen der extremen Linken, die abstrakte Alternativen wie „Volksversammlungen“ vorschlagen, während sie leugnen, dass die COB und die ihr nahestehenden Organisationen zum konkreten Mittelpunkt des Machtkampfs geworden sind.
Die MST plädiert für einen anderen Kurs: den Kampf durch die realen Massenorganisationen, die die Bewegung geschaffen hat, die Forderung, dass die COB sowie die Bäuer:innen- und Volksorganisationen die Verantwortung für die Macht übernehmen, und den Aufbau der revolutionären Führung, die nötig ist, um diesen Kampf durchzusetzen.
Das ist der Kern von Villas Polemik gegen diejenigen, die die revolutionäre Situation leugnen, weil ihre eigene Organisation klein ist. Die Frage ist nicht, ob Revolutionär:innen bereits stark genug sind, um zu führen. Die Frage ist, ob sie das objektive Potenzial der Bewegung erkennen und mit Parolen in sie eingreifen können, die ihrer tatsächlichen Entwicklung entsprechen.
In Bolivien ist eine Revolution im Gange. Ihr Ausgang ist noch nicht entschieden. Wir stehen für die in unserem Programm dargelegten Methoden: Unabhängigkeit der unterdrückten Klassen, den Kampf für Organe der Arbeiter:innenmacht und den Kampf für eine internationale revolutionäre Führung.
Alle Leser:innen können die Veröffentlichungen der MST direkt unter lis-isl.org verfolgen.
Weiterführende Texte der ISL und der MST Bolivien: