Arbeiter:innenmacht

Lateinamerika – eine Region in Aufruhr

Jonathan Frühling, Neue Internationale 302, Juli / August 2026

Es lohnt sich wieder einmal, einen Überblick über die Lage in Lateinamerika zu geben, weil sich dort momentan ein bedeutender Teil des weltweiten Klassenkampfgeschehens konzentriert.

Hintergrund der Ereignisse sind eine Mischung aus Wirtschafts- und Umweltkrisen, Wahlen, eine Zunahme der organisierten Kriminalität und ein Bestreben des US-Imperialismus, Lateinamerika wieder stärker zu unterjochen. In der letzten Ausgabe der NI sind wir ausführlich auf die Lage in Argentinien und Bolivien eingegangen. Darüber hinaus veröffentlichen wir in dieser Zeitung auch eine Stellungnahme von Marea Socialista aus Venezuela. Wir konzentrieren uns deshalb auf die Länder, zu denen wir in letzter Zeit noch nicht ausführlich berichtet haben: Chile, Mexiko und Kolumbien.

Chile – Kampf gegen die neoliberalen Angriffe!

Nach den Revolten von 2019/20 war mit Gabriel Boric ein linker Präsident mit dem Ziel einer Verfassungsreform an die Macht gekommen. Doch seine Taktik, bürgerliche Kräfte in den Reformprozess einzubinden, führte zur Demobilisierung der Bewegung, zu einem Scheitern des Verfassungsreferendums und einer massiven Stärkung der Rechten. Dies gipfelte im März 2026 in der Amtseinführung des ultrarechten Pinochet-Fans Antonio Kast.

Unverzüglich ging er an sein schmutziges Werk: Für Lohnabhängige ab 65 Jahren soll der Mindestlohn gekürzt werden und auch bei staatlichen Unterstützungsprogrammen für Rentner:innen soll es Kürzungen geben. Gleichzeitig erhalten Unternehmen und Besitzende massive Steuererleichterungen, die den Staatshaushalt untergraben und weitere Kürzungen wahrscheinlich machen. In Umfragen unter der Bevölkerung ist besonders diese Politik der Regierung unbeliebt.

Leider genießt das Kabinett Kast nach wie vor Unterstützung für seine chauvinistische Politik gegenüber Migrant:innen, die vor allem aus Venezuela kommen. Die Rechte hat es (ähnlich wie hier in Europa) geschafft, das Narrativ zu verbreiten, dass die Migration für die Probleme der Wirtschaft und Sicherheit verantwortlich ist. Ein neues Gesetz sieht vor, alle privaten und öffentlichen Sozialversicherungsbehörden und Gesundheitseinrichtungen in die Abschiebepolitik der Regierung einzubinden. Ziel ist, etwa 330.000 ohne Aufenthaltspapiere in Chile lebende Personen abzuschieben.

Doch trotz der Unterstützung für den Rassismus in Teilen der Bevölkerung ist die Zustimmung zu Kast innerhalb weniger Monate drastisch gesunken. Die Zustimmungsrate liegt nur noch bei etwas über 30 %, über 50 % lehnen den Regierungskurs ab. Noch unbeliebter als Kast selbst sind jedoch einige Minister:innen. So sah sich der Präsident gezwungen, seine Regierungssprecherin Sedini und seine Sicherheitsministerin Steinert zu entlassen, weil sie sich als völlig unfähig erwiesen hatten.

Die stürmischste Opposition schlägt Kast von Schüler:innen, Studierenden und Lehrer:innen entgegen. Sie richteten sich vor allem gegen ein verschärftes System der Kontrolle und Bestrafung an den Schulen. Der Hintergrund dafür ist eine Eskalation der Gewalt an Schulen. Der Regierungsansatz verkennt allerdings völlig die sozialen Ursachen des Problems und antwortet stattdessen mit Gegengewalt des Staates. Außerdem richtet sich das Gesetz auch gegen die Legalität von Schulstreiks. Es zielt also auch darauf ab, die soziale Bewegung zu schwächen, die 2019 maßgeblich an den Aufständen beteiligt war. Die Regierung regierte mit Repression auf die Proteste.

Aber sie agiert momentan eindeutig aus einer Position der Schwäche. Das eröffnet den sozialen Bewegungen natürlich einen gewissen Spielraum. Gleichzeitig versucht sie aber auch, sich zu stabilisieren und Siege über die Bevölkerung zu erzielen. Diese wird jedoch durch die brutalen Angriffe schon teilweise in Bewegung gesetzt. Weitere Proteste sind in Zukunft zu erwarten. Entscheidend wird sein, dass größere Teile der Arbeiter:innen die politische Bühne betreten und eine Führung herausbilden, die sich auf diese Bewegung stützt und ihr eine revolutionäre Perspektive weisen kann.

Mexiko – Lehrkräfte gegen die linkspopulistische Regierung

Mit dem Beginn der FIFA-WM hat sich der internationale Fokus verstärkt auf Mexiko gerichtet. Dort regiert eine formal linke Regierung unter Claudia Sheinbaum, die mit dem Versprechen, soziale Errungenschaften zu verteidigen, angetreten ist. Doch wie alle linkspopulistischen Regierungen steht sie letztlich in zentralen Fragen auf der Seite des Kapitals. Sie stellt sich mit Trump gut und arbeitet mit ihm in Grenzfragen und Migration zusammen. Dazu wurde eigens eine binationale Arbeitsgruppe aufgebaut. Außerdem unterstützt sie die USA im sog. Krieg gegen die Drogen. Dieser hat bisher nur zu einem Machtzuwachs der Kartelle geführt, die Einfluss im gesamten Land haben und zum Teil die Politik diktieren können. Die Mordrate liegt mit 25 Menschen pro 100.000 Einwohner:innen und Jahr extrem hoch; politische Morde und Morde an Medienschaffenden sind mit die höchsten der Welt.

Offensivstreik der Lehrer:innen

Eine Woche vor der WM nutzte die linke Lehrer:innengewerkschaftsopposition CNTE (Coordinadora Nacional de Trabajadores de la Educación) die internationale Aufmerksamkeit für einen landesweiten Streik, der überwiegend befolgt wurde. Dies war bei weitem nicht nur ein einfacher Kampf um höhere Löhne. Die Proteste richteten sich zusätzlich zum Lohnkampf auch explizit gegen das Sozialversicherungsgesetz für Staatsbedienstete, welches eine Privatisierung der Renten darstellt. Zudem wollen die Lehrkräfte die neoliberale Bildungsreform von 2013 wieder abschaffen. Es handelt sich also nicht mehr wirklich um einen Abwehrkampf; vielmehr gehen die Arbeiter:innen selbst in die Offensive!

Interessant ist auch die CNTE selbst. Sie ist eine wachsende und mächtige Oppositionsgruppe innerhalb der Lehrer:innengewerkschaft SNTE (Sindicato Nacional de Trabajadores de la Educación). Die CNTE ist straff organisiert, lebt aber von offenen Debatten und Versammlungen und einer regen Beteiligung der Basis. Besonders beachtlich ist, dass sich die CNTE in einer Zeit von Regierungen des (zumindest teilweise) sozialen Ausgleichs gebildet hat.

Die Proteste am 1. Juni verliefen auch in direkter Konfrontation mit der Regierung. Die CNTE kündigte an, vor dem Regierungspalast ein Camp zu errichten, was die Regierung mit meterhohen Metallwänden und massenweise Polizeigewalt verhinderte. Während der WM wird es keine weiteren Aktionen geben, da die Lehrer:innen nicht die Unterstützung der Bevölkerung verlieren wollen. Doch der Kampf wird weitergehen. Lehrkräfte aus dem ganzen Land strömen zu den Streiks in die Hauptstadt, wohnen in der Zeit bei Verwandten und Freund:innen und werden zum Teil nach einer bestimmten Zeit von anderen ausgetauscht, was ihr Durchhaltevermögen erhöht.

Wir können aus Mexiko zweierlei Dinge lernen. Erstens kann ein Verrat der Gewerkschaftsführung, gepaart mit einer unnachgiebigen Oppositionsarbeit, die sozialpartnerschaftliche Bürokratie schwächen und den Weg für eine kämpferische Politik freimachen. Außerdem sind die Massen dafür gewinnbar, selbst aktiv in die Offensive zu gehen. Auch wenn der Kampf längst noch nicht vorbei ist, kann dies bereits als Erfolg gefeiert werden und sollte ein Fanal für alle kämpferischen Kolleg:innen weltweit sein.

Kolumbien – katastrophaler Sieg der Rechten

2022 wurde mit Gustavo Petro zum ersten Mal in der Geschichte des Landes ein linker Präsident gewählt. Seiner Wahl war ein monatelanger Generalstreik gegen die Regierung seines Vorgängers Iván Duque vorausgegangen. Der Streik konnte zwar die Rentenreform verhindern, wurde allerdings vom Militär und faschistischen Banden blutig angegriffen und endete somit gewissermaßen mit einem Patt.

Die Präsidentschaft Petros hatte das Ziel, einen Ausgleich zwischen den Arbeiter:innen und Bäuer:innen des Landes mit dem Großgrundbesitz und dem Kapital zu formulieren – freilich ohne die herrschenden Klassen dafür angreifen zu müssen. So sollte z. B. Land an landlose Bäuer:innen gegeben werden. In Absprache mit dem mächtigen Verband der Großgrundbesitzer:innen Fedegán (Federación Colombiana de Ganaderos) wurde allerdings nur weitestgehend unfruchtbares oder brach liegendes Land enteignet. Zudem ist die Regierung nach anfänglich kämpferischer Rhetorik vor Trump eingeknickt und kooperiert nun im Krieg gegen die Drogen mit den USA.

Das wichtigste Projekt der Regierung war der „Paz total“, also eine Beendigung des Bürgerkrieges zwischen dem Staat und den verschiedenen Kartellen und Guerillas. Die illegale Wirtschaft ist allerdings viel zu lukrativ für die bewaffneten Kartelle. Und nachdem der Friedensvertrag 2016 scheiterte, wurde einmal mehr klar, dass man dem Staat nicht trauen kann. Die Anzahl der Kriegstoten hat sich seit dem Amtsantritt Petros verdoppelt und alleine 2025 wurden über 250.000 Menschen von den Kämpfen vertrieben. „Paz total“, eine auf Kompromisse ausgelegte Beendigung des Bürger:innenkrieges im Rahmen des Kapitalismus, ist also gescheitert.

Die Präsidentschaftswahl 2026

In der Stichwahl vom 21. Juni standen sich Iván Cepeda und Abelardo de la Espriella gegenüber. Erster stand für die Fortführung der Regierungspolitik, Letzterer für einen ultrarechten und neoliberalen Schwenk hin zu einer rassistischen, sexistischen und repressiven Politik à la Milei, Noboa (Ecuador) oder Bukele (El Salvador). Er wurde von Trump unterstützt. Seine Kampagne warb für mehr staatliche Gewalt, Steuersenkungen für die Reichen, eine Dollarisierung des Landes, eine Kürzung des Staatshaushaltes um 40 % und die Ausweitung der Förderung fossiler Brennstoffe. Die staatliche Gewalt droht, unter ihm zu explodieren und die Zahl der politischen Morde, weiter zu steigen. Die Menschen haben Angst vor der Rückkehr einer Zeit, in der Hunderttausende verschwanden und Zivilist:innen wahllos ermordet und als Guerillas ausgegeben wurden.

In den 2000er Jahren machte sich Espriella einen Namen als Anwalt für rechtsradikale Paramilitärs, die kolumbianische Variante des Faschismus. Seine Tätigkeiten als Anwalt brachten ihn mit den reichsten und einflussreichsten Unternehmern und Kartellbossen des Landes zusammen. Selbst der ehemalige Gefolgsmann von Pablo Escobar, Carlos Lehder, rief zur Wahl von Espriella auf. Mit der Beziehung zu Letzteren ist wohl auch Espriellas unermesslicher Reichtum zu erklären.

Ein Sieg der Rechten wurde nur durch eine massive Kampagne der Wahlbeeinflussung möglich. Wähler:innen wurden über Social Media gezielt manipuliert (Projekt Jupiter). Außerdem erpressen Unternehmen ihre Arbeiter:innen, an rechten Wahlkampagnen teilzunehmen. Zudem marschieren rechte Paramilitärs, Privatarmeen von Großgrund- und Minenbesitzer:innen sowie Faschist:innen auf, um am Wahltag die Bevölkerung einzuschüchtern. Auch bei der elektronischen Aggregation der Stimmzettel hat es höchstwahrscheinlich (wie in der Vergangenheit) Wahlbetrug gegeben.

Der Kampf geht weiter!

Espriella wird sich allerdings der kämpferischen Opposition der Arbeiter:innen und der Jugend gegenübersehen. Im Vorfeld der Stichwahlen hat es bereits im ganzen Land mächtige Demonstrationen der Jugend gegeben, die überwiegend Cepeda gewählt hat. Diese Mobilisierungen gilt es, zu verstetigen und zu vernetzen. Sie sollten nicht warten, sondern weitere Schritte im Kampf diskutieren. Die Massen Kolumbiens können kämpfen; das haben sie 2021 bewiesen. Die Frage bleibt allerdings, ob die Gewerkschaften, z. B. der größte Dachverband CUT, anders als 2021 die geballte Streikmacht und Militanz der Arbeiter:innen in die Waagschale werfen werden.

Schluss

Sieg oder Niederlage in den Klassenkämpfen in Lateinamerika werden zweifelsohne einen Einfluss auf die Weltpolitik haben. Erstens kann mit Siegen der Einfluss und damit die Macht der USA eingedämmt werden. Zweitens könnten erfolgreiche Klassenkämpfe im Extremfall den seit 2015 anhaltenden internationalen Rechtsruck beenden und international eine neue Klassenkampfdynamik eröffnen. Andererseits würde eine Niederlage die US-Vorherrschaft in Lateinamerika und den Rechtsruck zementieren.

Wir als Internationale Sozialistische Liga sind in vielen südamerikanischen Ländern aktiv. Unsere Genoss:innen kämpfen unermüdlich für eine unabhängige Organisierung der Arbeiter:innenklasse und den Aufbau einer revolutionären Führung. Im Zentrum unserer Forderungen stehen dabei die Verteidigung der Arbeiter:innenklasse, eine Verbesserung der Lebenslage der Menschen (z. B. kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung) und in vielen Ländern auch die Landfrage. Zudem ist der Kampf gegen Patriarchat und Umweltzerstörung zentral. Auch der Aufbau von Selbstverteidigungsmilizen gegen den Staat und die Kartelle ist für die meisten Länder Südamerikas eine aktuelle Aufgabe. Letztlich müssen wir vor allem auch eine glaubhafte sozialistische Alternative formulieren, um die sich die Arbeiter:innenklasse und die sozialen Bewegungen sammeln können.

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