Arbeiter:innenmacht

Schlaglicht: Was machen unsere Genoss:innen international?

Wilhelm Schulz, Neue Internationale 302, Juli / August 2026

Als Sektionen der ehemaligen Liga für die Fünfte Internationale sind wir im Dezember des vergangenen Jahres der Internationalen Sozialistischen Liga (ISL/LIS) auf Basis eines gemeinsamen revolutionären Programms und nach monatelangen Diskussionen beigetreten. Mit fast vierzig Sektionen sind wir seitdem Teil einer größeren internationalen Strömung als je zuvor. In dieser Reihe von Kurzberichten möchten wir Einblicke in die Arbeit unserer Sektionen geben.

Kenia

In Kenia kämpfen unsere Genoss:innen vom Permanent Revolutionary Congress (PRC) vor allem in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Die Organisation besteht größtenteils aus jungen Menschen und entstand aus einem Bruch mit der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Kenias (CPK). Damals brachen die Genoss:innen mit dem reformistischen Programm und der Orientierung am chinesischen Imperialismus. Der PRC war an den Aufständen der Jugendlichen, den sogenannten Gen-Z-Protesten, in den Jahren 2024 und 2025 beteiligt. Dabei zeigte die Jugend, dass sie die zunehmenden sozialen Ungleichheiten des Landes inmitten einer globalen Rezession nicht weiter hinnehmen will. Etwa 60 % des kenianischen Staatshaushalts müssen zur Tilgung von Auslandsschulden, vor allem gegenüber dem IWF, aufgebracht werden. Hiergegen regte sich Protest, als das Defizit durch eine Mehrwertsteuerreform kompensiert werden sollte. Diese Reform würde viele in absolute Armut treiben. Die Proteste weiteten sich schnell aus: Aus dem Kampf gegen die Steuerreform wurde ein Kampf gegen Korruption, Ungleichheit und sozialen Ausschluss in einer stark ethnisch und religiös segregierten Gesellschaft. Jugendliche sind hier massiv von Arbeitslosigkeit betroffen. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote bei etwa 12 %, jedoch arbeitet nur etwa ein Zehntel im formellen Sektor und mit formalen Arbeitsverträgen.

Die Proteste waren von einem neuen Selbstvertrauen geprägt, sahen sich jedoch schnell massiver Repression gegenüber. Ein Anführer der Bewegung wurde im Juni 2025 nach seiner Festnahme in einem Polizeirevier getötet, Dutzende weitere wurden auf den Straßen ermordet. Das stärkte jedoch das Misstrauen gegenüber der Regierung und dem kapitalistischen System unter den Protestierenden. Der Protest durchbrach zudem die ethnische und religiöse Segregation und zeigte die Möglichkeit und Notwendigkeit des Aufbaus einer Klassenpartei auf. Dabei wurde auch deutlich, wie wichtig eine Brücke zwischen den tagespolitischen Fragen des Kampfes und dem Programm proletarischer Gegenmacht und des Sturzes der herrschenden Ordnung ist. Mit dieser Perspektive begleiten unsere Genoss:innen bis heute die Proteste. Sie zeigt vor allem den Gegensatz in Kenia: das sprunghafte Potenzial für Proteste bei gleichzeitiger Stagnation der Organisationen der Arbeiter:innenbewegung.

Pakistan

Durch unseren Beitritt hat die ISL/LIS in Pakistan nun zwei Sektionen: The Class Struggle und unsere Genoss:innen vom Revolutionary Socialist Movement. The Class Struggle, auch The Struggle genannt, stammt aus einer Spaltung der größten trotzkistischen Organisation Pakistans, die mit der IMT/RKI-Tradition verknüpft ist. The Struggle ist stark unter Studierenden verankert und auch im national unterdrückten und zwischen Indien und Pakistan zerriebenen Kaschmir aktiv.

Im Juni kam es im von Pakistan administrierten Teil von Jammu und Kaschmir zu einem völligen Blackout, der von massiver staatlicher Repression begleitet wurde. Die Zahl der getöteten Kaschmiri ist bis heute unbekannt, wird aber auf mehrere Hundert geschätzt. Auslöser waren Proteste gegen die massive Verteuerung von Strom und Grundnahrungsmitteln seit der Coronapandemie sowie die indische Verfassungsreform von 2019, die erneut die Frage der Selbstbestimmung über die Region aufwarf. Vor diesem Hintergrund entstand 2023 das Joint Awami Action Committee (JAAC), ein Zusammenschluss linker und nationalistischer Gruppen, der der Bewegung Schlagkraft verleihen sollte. Ein wichtiger Erfolg war ein Marsch im Jahr 2024, der zwar Repressionen ausgesetzt war, Pakistan aber zu Zugeständnissen zwang. Zugleich änderte sich jedoch nichts an den Verhältnissen. Ein Forderungskatalog aus dem Jahr 2025 sollte dies ändern, wobei unsere Genoss:innen mit ihren Positionen in der Minderheit blieben. Als die Verhandlungen im Jahr 2026 scheiterten, reagierte der Staat auf erneute Proteste mit massiver Gewalt. Auch Genoss:innen aus dem Umfeld von The Struggle waren zeitweise vermisst. Aktuell diskutieren die Genoss:innen, welches Programm die Bewegung braucht und warum die Organisierung der Arbeiter:innenklasse ein zentrales Mittel im Kampf gegen die Unterdrückung demokratischer Rechte ist. Mittlerweile wurde das JAAC verboten und Führungspersonen wie Shaukat Nawaz Mir sind bis heute inhaftiert.

Venezuela

Unsere Genoss:innen von Marea Socialista in Venezuela sehen sich großen politischen Spannungen ausgesetzt. Sie kämpfen gegen die Einflussnahme des US-Imperialismus und die Kapitulation der PSUV (Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas) vor diesem Einfluss. Gleichzeitig setzen sie sich für eine politisch unabhängige Alternative der Arbeiter:innenklasse ein. Die politischen Ereignisse überschlagen sich dabei im Land. Anfang des Jahres wurde Nicolás Maduro von der US-Regierung entführt. Die Repressionen gegen den Widerstand haben seitdem nicht abgenommen. Ende Juni kam es zu einer Erdbebenserie, die nicht nur eine Naturkatastrophe ist, sondern die soziale Krise im Land weiter zuspitzt. Das erste Erdbeben ereignete sich am 24. Juni und hatte eine Stärke von 7,2; später folgte eines mit einer Stärke von 7,5. Seitdem gab es über 800 Nachbeben. Etwa ein Drittel der Bevölkerung hat keinen sicheren Zugang zu Nahrungsmitteln. Eine Woche nach dem Erdbeben liegt die Zahl der bestätigten Toten bei etwa 2.500 und die der Verletzten bei 11.000. Der IWF hat einen ersten Wiederaufbaufonds für die Regierung eingerichtet: imperialistische Brotkrumen, die die weitere Unterordnung unter den US-Imperialismus zementieren sollen.

Inmitten der Sanktionen, der massiven Inflation und der vorherrschenden Korruption inszenieren sich die USA aktuell als großzügige internationale Unterstützerin. Doch ihre Hilfsgüterlieferungen sind nur das freundliche Gesicht der Besetzung und Auspressung des Landes. Unsere Genoss:innen werfen hier die Frage der Kontrolle über die Verteilung von Hilfsgütern und den Wiederaufbau auf und verbinden dies mit einem Sofortprogramm. Dafür treten sie für den Aufbau von Kontrollorganen der Arbeiter:innenbewegung, sozialer Organisationen und Helfer:innen ein. Sie fordern eine Solidaritätskampagne in Lateinamerika und weltweit, die Druck auf die jeweiligen Regierungen ausübt, bedingungslose Unterstützung zu leisten. Die Kontrollfrage wirft auch die Frage der Arbeiter:innenkontrolle über die Ölindustrie auf und damit den Kampf gegen deren Integration ins US-Kapital.

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