Arbeiter:innenmacht

Hitzewelle: ein Klassenproblem

KD Tait, Infomail 1315, 16. Juli 2026

Der heißeste Juni seit Beginn der Aufzeichnungen in Großbritannien trifft auf eine steigende Energiepreisobergrenze. Keine gesetzliche Höchsttemperatur am Arbeitsplatz, Busse bei 48 °C, überlastete Krankenhäuser – warum die Hitzewelle ein Klassenproblem ist.     Großbritannien und Europa wurden von der schwersten Juni-Hitze seit Beginn der Aufzeichnungen heimgesucht. Das Met Office (Wetteramt) meldete 37,7 °C in Lingwood, Norfolk, und übertraf damit den Rekord von 1976 um mehr als zwei Grad. Der Rekord wurde an drei aufeinanderfolgenden Tagen gebrochen, während die erste jemals ausgegebene rote Hitzewarnung galt.

In ganz Europa hat die Weltgesundheitsorganisation seit dem 21. Juni mehr als 1.300 zusätzliche Todesfälle mit der Hitze in Verbindung gebracht, wobei in Deutschland 41,7 °C erreicht wurden und Frankreich seinen heißesten Tag seit Beginn der Aufzeichnungen verzeichnete. Europa erwärmt sich fast doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt.

Das ist der Hintergrund für eine weitere Anhebung der Energiepreisobergrenze. Haushalte, die ihre Wohnung nicht unter 30 °C halten können, die den Ventilator nicht die ganze Nacht laufen lassen können oder die die Kühlung im Sommer genauso rationieren wie im Winter die Heizung, sind genau die Haushalte, die bald mehr für den Strom bezahlen müssen, um das zu schaffen.

Ein neues Klima

Hitzewellen sind nichts Neues, aber so hohe Temperaturen wie diese sind es schon. Die Gruppe „World Weather Attribution“ hat herausgefunden, dass dieser Juni 1976 etwa 3,5 °C kühler und 2003 etwa 2 °C kühler gewesen wäre, wobei sich die heißesten Tage mittlerweile dreimal so schnell erwärmen wie der Planet insgesamt.

Die Ursache ist kein Rätsel, und nicht die „Menschheit“ ist schuld. Es ist unsere Produktionsweise: zwei Jahrhunderte Entwicklung auf der Grundlage von Kohle, Öl und Gas, gesteuert von Unternehmen, die die Folgen seit Jahrzehnten kennen und die Brennstoffe trotzdem verbrannt haben, weil sich damit Gewinn erzielen ließ. Der Kohlenstoff in der Atmosphäre ist das Abfallprodukt dieses Gewinns.

Das Kapital erzeugt die Hitze und zwingt uns, ihr schutzlos ausgeliefert zu sein. Es lässt Arbeiter:innen in unsicheren Jobs zurück, Mieter:innen in Häusern, die die Hitze speichern, Kinder in Klassenzimmern, die für ein anderes Jahrhundert gebaut wurden, und Patient:innen in Krankenhäusern, deren Systeme bei Hitzewellen versagen.

Es ist eine Boulevard-Kritik, dass das Land in Stillstand gerät, sobald das Wetter zu heiß oder zu kalt wird. Der wahre Skandal liegt woanders. Die Firmen behalten den Gewinn und wälzen die Kosten ab: Hitzetote, abgesagte Operationen, verdorbene Lebensmittel und Lohnausfälle gehen zu Lasten der Arbeiter:innen und der Öffentlichkeit. Privatisierte Versorgungsunternehmen, Wasserwerke und ausgelagerte Dienstleister:innen behandeln ihre Dienste als etwas, aus dem sie Rendite schlagen können – sie werden billig aufgebaut und betrieben, ohne Plan für den Klimawandel.

Die gleiche Kluft entscheidet darüber, wer gefährdet ist und wer geschützt wird. Wer Geld hat, arbeitet von zu Hause aus, kühlt sein Haus oder verlässt die Stadt. Alle anderen halten das Land in der Hitze am Laufen: Sie fahren Busse, füllen Regale auf, pflegen Patient:innen und sorgen dafür, dass der Unterricht weitergeht.

Vor fünf Jahren wurden sie noch als „systemrelevante Arbeitskräfte“ gepriesen, die das Land während Covid am Laufen hielten – wurden aber dennoch ohne angemessenen Schutz in tödliche Gefahren geschickt und starben häufiger als die Gesamtbelegschaft. Es wurde nichts daraus gelernt. Die Pandemie hat gezeigt, dass das Kapital „systemrelevante“ Arbeitskräfte genau dann als entbehrlich behandelt, wenn ihre Arbeit am wichtigsten ist, und die Hitzewelle zeigt es erneut. Die Gefahr hat sich geändert; die Gefährdung und das offizielle Schweigen darüber sind es nicht.

Zu heiß zum Arbeiten

In Großbritannien gibt es keine gesetzlich festgelegte Höchsttemperatur für die Arbeit. Die Gesundheits- und Sicherheitsbehörde stuft Hitze als Gefahr ein und fordert Unternehmer:innen auf, das Risiko zu managen, legt aber keinen Grenzwert fest, ab dem die Arbeit eingestellt werden muss. Es ist illegal, Rinder, Schafe oder Schweine zu transportieren, wenn die Außentemperatur 30 °C überschreitet, doch ein/e Lagerarbeiter:in, ein/e Lieferfahrer:in oder ein/e Busfahrer:in kann bei weitaus höheren Temperaturen eingesetzt werden.

Einige Krankenhäuser sind buchstäblich außer Betrieb gewesen. Als die Hitze ihren Höhepunkt erreichte, meldeten die Norfolk and Norwich University Hospitals einen kritischen Vorfall, da ihre MRT-Geräte (MRT: Magnetresonanztomograph; liefert verfeinerte Röntgenbilder) nicht mehr funktionierten, nachdem ihre Kühlsysteme ausgefallen waren – mehr als 360 Termine mussten abgesagt werden. In Portsmouth fielen im Queen-Alexandra-Hospital die Kühlaggregate für Operationssäle und Herzlabore aus. Mindestens sechs Krankenhausverbände meldeten kritische Vorfälle, und ein Bericht aus dem letzten Jahr ergab, dass neun von zehn NHS-Gebäuden für anhaltende extreme Hitze ungeeignet sind.    Die Gewerkschaften haben die Lösungen – auf dem Papier. Der TUC fordert, dass Unternehmer:innen bei Temperaturen über 24 °C Maßnahmen ergreifen und den Arbeiter:innen bei 30 °C – bzw. bei 27 °C bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten – eine Arbeitsunterbrechung gewähren. Die Gewerkschaften Unite, Unison und GMB setzen sich für einen stärkeren Schutz ein. Selbst der regierungseigene Ausschuss für Klimawandel empfiehlt eine gesetzlich festgelegte Höchsttemperatur am Arbeitsplatz. Doch was die Arbeiter:innen wirklich schützt, ist die Organisation am Arbeitsplatz.

In den Schulen wurde bereits ein Anfang gemacht. Neun Bildungsgewerkschaften haben ein gemeinsames Hitzewellenprotkoll erstellt, das Schulleiter:innen dazu verpflichtet, im Voraus gemeinsam mit den Gewerkschaftsvertreter:innen Sicherheitsmaßnahmen zu planen, um hitzeerzeugende Aktivitäten einzuschränken. Eine rote Warnung löst eine „sofortige Risikobewertung“ aus, die die Schließung unsicherer Räume oder der gesamten Schule erzwingen könnte.

Als im Juni dieses Jahres die rote Warnung ausging, schlossen mehr als tausend Schulen, viele davon, weil Vertreter:innen und Mitglieder das Thema forcierten, anstatt auf eine Genehmigung zu warten. Die NEU (Nationale Energieunion) setzt sich für eine gesetzliche Obergrenze von 26 °C ein.

Jeder Arbeitsplatz braucht einen Hitzeschutzplan, der von den Sicherheitsbeauftragten ausgehandelt und in Betriebsversammlungen beschlossen wird: von den Mitgliedern erstellte Risikobewertungen, Kühlung und Belüftung, Trinkwasser, Schatten, reduzierte Arbeitsbelastung, angepasste Arbeitszeiten bei vollem Lohn sowie eine festgelegte Temperatur, bei der die Arbeit eingestellt wird.

Vor allem braucht es das kollektive Recht, unsichere Arbeit zu verweigern, ohne Lohnausfall oder Benachteiligung. Oft als „§ 44“ (des Arbeitsgesetzes von 1996) bezeichnet: Arbeiter:innen können und sollten sich kollektiv weigern, an unsicheren Arbeitsstätten zu arbeiten, und dabei eine „ernsthafte und unmittelbare Gefahr“ geltend machen. Rechtlich gesehen sind Arbeiter:innen vor Disziplinarmaßnahmen oder Lohnausfall geschützt, wenn sie Maßnahmen gemäß § 44 ergreifen.

Busse verwandelten sich während der Hitzewelle in Gewächshäuser. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan erklärte den privaten Betreiber:innen in London, die Arbeitsbedingungen der Fahrer:innen seien „inakzeptabel“, und sagte, jede/r, dem/r es im Fahrerhaus zu heiß sei, um sicher zu fahren, könne ohne Strafen anhalten. Willkommene Worte. Aber wie viel ist das Wort eines Bürgermeisters im Busdepot wert?

Es gibt keine gesetzliche Höchsttemperatur für eine Busfahrerkabine, und die Vorschrift, dass Fahrerkabinen über eine Kühlung verfügen müssen, verlangt nicht, dass diese Kühlsysteme auch funktionieren. Fahrer haben von Temperaturen über 40 °C in ihren Kabinen berichtet, in einem Fall sogar 48 °C, während sie von den Betreiber:innen angewiesen wurden, im Dienst zu bleiben. Unite hat Bus für Bus gekämpft, sollte seine Mitglieder aber anweisen, die Arbeit unter gefährlichen Bedingungen zu verweigern.

In den Wohnungen der Menschen sieht es nicht viel besser aus. Der Klimawandelausschuss warnt, dass das Land für ein Klima gebaut wurde, das es nicht mehr gibt; bei den aktuellen Trends könnten 92 Prozent der bestehenden Wohnungen bis 2050 von Überhitzung bedroht sein, und die Zahl der hitzebedingten Todesfälle könnte ohne Gegenmaßnahmen auf 10.000 pro Jahr steigen.

Mieter:innen haben am wenigsten Einfluss und am wenigsten Geld, um Sonnenschutz oder Kühlung zu installieren. Das sind die Haushalte, die von der Anhebung der Preisobergrenze am härtesten getroffen werden. Sich kühl zu halten, wird, genau wie sich warm zu halten, zu etwas, das der Markt je nach Einkommen rationiert.

Wir brauchen ein staatliches Programm, um Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser und Arbeitsplätze mit einer Isolierung nachzurüsten, die sowohl gegen Hitze als auch gegen Kälte schützt, zusammen mit Belüftung, Sonnenschutz, Grünflächen, öffentlichen Kühlzentren und einem Verkehrssystem, das für heißere Sommer aufgerüstet wird. Die Arbeiten sollten von direkt angestellten, gewerkschaftlich organisierten Arbeitskräften durchgeführt werden, nicht von Subunternehmer:innen, die auf Gewinnmarge aus sind.

Für einen Wandel durch die Arbeiter:innen

Die Hitze fiel zusammen mit einem Streit innerhalb der Labour Party und der Gewerkschaften um Ed Miliband, Netto-Null und Öl und Gas in der Nordsee. Unite und GMB greifen seine Klimapolitik als Bedrohung für Arbeitsplätze an. Unison und eine Gruppe von Ökonom:innen verteidigen sie als Quelle für Arbeitsplätze.

Beide liegen falsch. Labours Plan für saubere Energie ist im Markt gefangen: Private Entwickler:innen sichern sich lukrative staatliche Garantien, um das Vertrauen der Investore:innen zu gewinnen. Das ist grüner Kapitalismus, kein Übergang im Sinne der Arbeiter:innen. Aber neues Öl und Gas wird die Kosten nicht senken, weil es auf den Weltmärkten verkauft wird. Es wird keine Arbeitsplätze sichern, weil das Fördergebiet bereits im Rückgang begriffen ist und Unternehmen Arbeiter:innen entlassen, sobald es der Profit erfordert. Und es verschärft die durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe verursachte Klimakrise.

Arbeiter:innen in der Öl- und Gasindustrie, in Raffinerien, Häfen und Energieversorgungsketten dürfen nicht im Stich gelassen werden. Ihre Fähigkeiten werden gebraucht. Wir kämpfen gegen Zwangsentlassungen, für volles Gehalt sowie Umschulung und Wiedereingliederung in klimafreundliche Arbeitsplätze in öffentlicher Hand. Legt die Geschäftsunterlagen offen. Verstaatlicht Energie, das Stromnetz, Häfen und Raffinerien ohne Entschädigung und betreibt sie unter der Kontrolle von Arbeiter:innen und Verbraucher:innen.

Hier treffen die Heizkosten und die Preisobergrenze wieder aufeinander. Ein auf Profit ausgerichtetes Energiesystem verlangt im Winter überhöhte Preise von den Haushalten und lässt sie im Sommer schwitzen. Offshore-Windkraft, Solarenergie, Netzausbau, Gebäudesanierung und öffentlicher Nahverkehr gehören in einen einzigen demokratischen Plan, der von gewählten Gremien aus Arbeiter:innen, Gewerkschaftsvertreter:innen, Gemeindevertreter:innen und Verbraucher:innen beschlossen wird. Energie, Wasser, Wohnen, Land und Verkehr müssen aus dem Markt genommen und im Sinne menschlicher Bedürfnisse und des ökologischen Überlebens geplant werden – mit Klimagerechtigkeit für alle.

Die Hitze ist keine Vorhersage mehr. Sie ist in unseren Taxis, Krankenstationen, Klassenzimmern und Wohnungen. Vom Kapital zu verlangen, sich den Weg da raus zu investieren, wird nicht funktionieren, und eine von den Chef:innen gesteuerte Energiewende wird von den Arbeiter:innen bezahlt werden. Was bleibt, ist eine Klimapolitik des Klassenkampfs: sichere Arbeitsbedingungen, die jetzt von den Gewerkschaften durchgesetzt werden, öffentliche Investitionen in die Anpassung und die Überführung der Lebensgrundlagen in gemeinschaftliches Eigentum und demokratische Kontrolle.

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