Alex Zora, Arbeiter*innenstandpunkt, Infomail 1313, 25. Juni 2026
Die Bewegung gegen den US-amerikanischen und israelischen Angriffskrieg gegen den Iran hat zentrale Differenzen innerhalb der antiimperialistischen und antizionistischen Bewegung in Wien, aber natürlich auch international aufgezeigt. Auf der einen Seite gab es Mobilisierungen aus dem „campistischen“ Lager, auf denen nicht nur klar der Angriff gegen den Iran abgelehnt, sondern auch noch klar und deutlich der Islamischen Republik die politische Solidarität und Unterstützung ausgesprochen wurde. Auf der anderen Seite gab es Demonstrationen, die sich ebenso klar gegen den Krieg ausgesprochen haben, aber gleichzeitig gemeinsam mit iranischen Linken, die sich seit Jahren – wenn nicht Jahrzehnten – klar in Gegner:innenschaft zum Regime im Iran positioniert haben, organisiert wurden.
Doch was sind die politischen Gründe für diese Trennung? Geht es hier nur um die Frage der Positionierung zur Regierung in Teheran oder ist das ein Symptom einer tiefergehenden Differenz? Wir denken, dass es sich hier eigentlich um den praktischen Ausdruck eines politischen Phänomens, das wir „Campismus“ nennen, handelt. Was wir darunter verstehen und warum wir uns nicht dieser politischen Strömung zuordnen, wollen wir im Folgenden darlegen.
Unter Campismus verstehen wir ein Verständnis der Welt, das sich in erster Linie anhand einer vereinfachten Analyse von Imperialismus und einer geopolitischen Logik zu internationalen Konflikten positioniert. Eine marxistische Analyse von globalen oder nationalen Klassenverhältnissen tritt dabei entweder in den Hintergrund oder wird vollkommen fallengelassen. In einem gewissen Sinne ist daher auch eine prinzipielle Positionierung auf der Seite des eigenen „demokratischen“ Imperialismus (im Falle von Österreich oder der EU) eine Form von Campismus. Nachdem es dafür aber genug andere Bezeichnungen gibt, wenden wir den Begriff in erster Linie auf Anhänger:innen des nicht-westlichen Lagers an.
Historisch gesehen hat der Campismus seinen Ursprung in der Außenpolitik der Sowjetunion und der damit eng verbundenen Positionierung der stalinistischen Parteien im Rest der Welt. Beginnend mit der Machtübernahme der stalinistischen Clique Mitte der 1920er-Jahre lässt sich klar eine Tendenz feststellen, die die Interessen der Sowjetbürokratie über jene des Weltproletariats stellte, um ihre eigene Macht zu erhalten. Wir können das an vielen historischen Erfahrungen sehen, beispielsweise anhand der Volksfrontpolitik in Spanien oder Frankreich Mitte der 1930er-Jahre, als die Kommunistische Internationale bürgerliche Regierungen unterstützen wollte, die der Sowjetunion vermeintlich freundlich gegenüberstanden, auch wenn das auf Kosten einer Entwicklung in Richtung sozialistischer Revolution ging. In Spanien führte es beispielsweise zur offenen Unterdrückung der radikalsten Teile der Arbeiter:innenbewegung durch Gefängnis, Folter und Ermordung (POUM, linke Teile der CNT, unabhängige Milizen u.a.).
Den höchsten Ausdruck der campistischen Logik finden wir aber während des Kalten Kriegs. Hier unterstützte die Sowjetunion eine ganze Reihe von autoritären, bürgerlichen Staaten, die sich auf Seiten der Sowjetunion positionierten. Die stalinistischen Parteien auf der ganzen Welt folgten der Orientierung, die von Moskau ausgegeben wurde. Es ist vermutlich nicht notwendig zu erwähnen, dass diese Parteien ebenfalls reaktionäre Maßnahmen – wie beispielsweise die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 – aus einer sehr ähnlichen Logik heraus verteidigten.
Nach Zusammenbruch der Sowjetunion fiel eigentlich die materielle Grundlage für diese Politik weg. Es gab im Kreml keine stalinistische Bürokratie mehr, deren Interessen die Politik der unterschiedlichen stalinistischen Kräfte bestimmte. Wie es Ideologien aber so an sich haben, entwickeln sie manchmal auch ein Eigenleben. Beim Campismus war das der Fall. Im Gegensatz zum Campismus während des Kalten Kriegs geht es jetzt aber nicht einmal mehr um die Verteidigung der außenpolitischen Interessen von degenerierten Arbeiter:innenstaaten, die einerseits eine reaktionäre Diktatur über die Arbeiter:innenklasse ausübten, andererseits aber zumindest nicht-kapitalistische Eigentumsverhältnisse erhielten. Wir lehnen zwar die politische Unterordnung unter diese stalinistische Bürokratie und das stumpfe Verteidigen ihrer (Außen-)Politik ab, doch auch wir verteidigen diese Kräfte gegen imperialistische Angriffe oder kapitalistische Restauration. Der heutige Campismus überträgt hingegen die Logik der Verteidigung der Sowjetunion und der mit ihr verbündeten Staaten noch dazu auf alle Staaten, die sich in einem Konflikt mit dem US-Imperialismus befinden – egal, ob es sich dabei sogar selbst um imperialistische Großmächte handelt.
Wir sehen heute eine Zuspitzung der Widersprüche zwischen den unterschiedlichen imperialistischen Blöcken (USA, EU, China, Russland). Die kurze Phase der guten Beziehungen zwischen die China und Russland mit den USA und der EU ist längst vorbei. Mit deren Ende ging dann die campistische Unterstützung auf die aufstrebenden imperialistischen Großmächte (Russland und China) und die mit ihnen verbündeten halbkolonialen Staaten (Belarus, Iran, Venezuela, u.a.), quasi als „kleineres Übel“, über. Dabei wird dann jegliche Bewegung in diesen Ländern, die sich politisch gegen die herrschende Politik richtet – sei es die Demokratiebewegung in Hongkong, die Anti-Putin-Proteste, die unterschiedlichen Bewegungen im Iran gegen das Regime, die Aufstände gegen Gaddaffi in Libyen oder Assad in Syrien – als westliche Verschwörung („Farbrevolution“) bezeichnet oder als Schwächung des Antiimperialismus betrachtet und folgerichtig abgelehnt.
Da der Stalinismus selbst in Österreich nie besonders stark war, ist auch der Campismus hierzulande keine besonders bedeutende Kraft. Nichtsdestotrotz gibt es auch in Österreich Gruppen und Organisationen, die wir im Großen und Ganzen dieser Strömung zuordnen. Auf der einen Seite gibt es einen Teil der KPÖ, der eine starke Tendenz dazu hat. Das sehen wir beispielsweise in der KPÖ Steiermark aber auch anderen „traditionalistischeren“ Teilen der KPÖ. Ähnliches gilt auch für Kräfte wie „Selbstbestimmtes Österreich“ oder eben Teile der palästinasolidarischen Bewegung. Ein wichtiger Faktor ist hierbei in Wien insbesondere die Antiimperialistische Koordination (AIK), die eine prominente Rolle innerhalb der antiimperialistischen und palästinasolidarischen Bewegung spielt.
Die Wurzeln der AIK liegen – obwohl es nicht zu Campismus passt – im Trotzkismus (Revolutionär Kommunistische Liga), mit dem sie aber schon vor mehr als 20 Jahren bewusst gebrochen hat. Sie zeigt zwar immer wieder positive Bezugspunkte auf Marxismus, Leninismus oder die Arbeiter:innenbewegung, aber sieht die Periode, die durch die Oktoberrevolution 1917 eröffnet wurde, nachhaltig als gescheitert an. Damit ist auch der zentrale Widerspruch nicht mehr in einem Kampf gegen den Kapitalismus zu finden, sondern aktuell geht es in erster Linie darum, Antiimperialismus zu koordinieren und zu organisieren.
Ihre politische Strategie wird ausführlich in ihrem Manifest beschrieben und dort auch kurz zusammengefasst:
„Über Antiamerikanismus zum Antiimperialismus und dadurch zum Antikapitalismus, das ist unsere Perspektive. Nur die Niederlage des amerikanischen Reichs und die Zerschlagung seiner Vollzugsorgane kann zum Sieg über den gesamten Imperialismus und zur Überwindung des Kapitalismus führen.“ (1)
Bevor man also zu Antikapitalismus voranschreiten könnte, muss man zuerst durch das Stadium des Antiimperialismus durch (und um genau zu sein auch vorher noch durch das Stadium des Antiamerikanismus).
Da verwundert es auch wenig, wenn dem Ziel des Kampfes gegen den US-Imperialismus alle anderen Ziele strategisch untergeordnet werden. Dabei werden dann reaktionäre und antikommunistische Regimes oder auch der russische und chinesische Imperialismus zu strategischen Verbündeten. Ziel ist der Übergang der unipolaren Weltordnung, in der die USA seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion angeblich die einzige Weltmacht wären, in eine sogenannte multipolare Weltordnung.
Wir können hier nicht ausführlich auf das Konzept der „multipolaren Weltordnung“ bzw. Mulitpolarität eingehen (2). Kurz gesagt beschreibt es ein Ende der US-amerikanischen globalen Dominanz und die Errichtung einer Weltordnung, in der es unterschiedliche Zentren – neben den USA insbesondere Russland und China – gibt. Für den russischen wie den chinesischen Imperialismus und seine Ideolog:innen, für die das Konzept der multipolaren Weltordnung ein wichtiger Bezugspunkt ist, geht es hier auch darum, dass die Welt in unterschiedliche Einflusszonen zerfällt. In diesen Einflusszonen herrscht dann jeweils eine imperialistische Großmacht. Wer diese Bestrebungen unterstützt, folgt also nicht einmal einem Antiimperialismus, der sich dem Sinn des Wortes entsprechend gegen jeden Imperialismus richtet, sondern eben nur gegen den momentan vorherrschenden.
Wir erleben aktuell eine Situation, in der imperialistische Kriege und Militarisierung zur alltäglichen Realität gehören. Widerstand dagegen zu organisieren, wird immer wichtiger und muss zu einer strategischen Fragestellung für die Linke und Arbeiter:innenbewegung werden, möchte man nicht die Zukunft der Menschheit in einem (atomaren) Weltkrieg gefährden. Umso wichtiger erscheint es uns darzulegen, wie ein proletarischer und internationalistischer Antiimperialismus aussehen sollte.
Im Gegensatz zu manchen Linken, für die Imperialismus und der Kampf dagegen kein relevanter Faktor sind, halten wir das vielmehr für eine unserer zentralen und strategischen Aufgaben. Eine glücklicherweise kaum noch relevante Kraft in der Linken schreibt dem (westlichen) Imperialismus und seinen Aktivitäten sogar einen progressiven Charakter zu (3). Dass es sich um eine deutlich schädlichere Politik handelt, den Imperialismus im eigenen Land zu unterstützen, wollen wir hier explizit auch noch einmal unterstreichen.
Im Gegensatz dazu ist der Campismus immerhin so weit, den eigenen Imperialismus – zumindest in seiner westlichen Ausprägung – als Problem anzusehen. Aber hier schlägt er auch ins andere Extrem über. Wie schon erwähnt bietet er wenig anderes als ein linkes Feigenblatt für die imperialistischen Aktivitäten von Russland oder China. Er möchte eine Weltordnung, wo diese Kräfte ihren „berechtigten Platz“ auf der Weltebene erhalten. Anstatt imperialistische und kapitalistische Staaten überall als seine Feinde zu begreifen, werden hier vermeintliche Verbündete in Staaten gesucht, in denen Arbeiter:innen ausgebeutet und ihre Organisationen mitunter massiver Repression ausgesetzt sind. In den Fällen von Russland oder dem Iran handelt es sich darüber hinaus um zutiefst antikommunistische politische Formationen.
Antiimperialismus ist in diesem Verständnis nicht mehr die Aufgabe der Massen, sondern wird – außerhalb der Staaten des „Westens“ – zu einer geopolitischen Frage. Das Ziel ist nicht der Widerstand gegen jede Form des Imperialismus und der nationalen Unterdrückung, sondern die Unterstützung von Staaten, die genau das betreiben. Wir sind in Russland für Widerstand gegen den Krieg und in China für den Kampf gegen die Unterdrückung der Uigur:innen. Der Campismus sieht allerdings keinerlei Perspektive darin, eine wirklich internationalistische Antikriegsbewegung aufzubauen, die den Kampf gegen Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung überall auf ihre Fahnen schreibt.
Er sieht keine Perspektive darin, Solidarität von unten aufzubauen, sondern sucht sich seine Verbündeten beispielsweise im Kampf gegen den Krieg im Iran in erster Linie in einer Zusammenarbeit mit Kräften, die das Regime im Iran unterstützen. Die Islamische Republik, die sich in einem strategischen Bündnis mit dem russischen und chinesischen Imperialismus befindet, wird eben nicht nur gegen den Imperialismus verteidigt, sondern ihr wird auch die politische Solidarität ausgesprochen. Die iranische Linke, die sich genauso klar an der Seite der Palästinenser:innen positioniert hat, wie sie gegen den imperialistischen Angriffskrieg gegen den Iran aufsteht, wird dabei links liegen gelassen, ebenso wie die revolutionären Massen, die sich berechtigterweise gegen das als „antiimperialistisch“ verklärte Regime erhoben haben.
Dabei muss genau dieser politisch unabhängige, proletarisch-internationalistische Zugang die Perspektive für unseren Internationalismus und Antiimperialismus sein. Wir verfallen nicht in eine abstrakte Analyse der Geopolitik, in der wir Akteur:innen, die sich ebenfalls im Konflikt mit dem US- oder europäischen Imperialismus befinden, als vermeintliche strategische Verbündete ansehen. Wir verstehen Antiimperialismus und Internationalismus in erster Linie in einer Solidarität der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Wir wollen eine Antikriegsbewegung von unten schaffen. Sie muss unmissverständlich gegen jede Art von Unrecht aufstehen und Solidarität zwischen den Organisationen der Ausgebeuteten und Unterdrückten aller Länder aufbauen. Zentral ist dabei die Unabhängigkeit von jeglichen bürgerlichen Staaten und ein unabhängiger Klassenstandpunkt des Proletariats. Unsere Solidarität gilt beispielsweise in Russland ganz klar dem linken Widerstand gegen den Krieg und nicht den vermeintlich linken Unterstützer:innen der Linie des Kremls.
Um diesen Internationalismus und Antiimperialismus mit Praxis füllen zu können, braucht es die unmittelbare Verbindung von revolutionären Kommunist:innen in allen Ländern. Wir müssen es so rasch wie möglich schaffen, eine internationalistische Bewegung gegen Krieg und Imperialismus aufzubauen, denn die Herrschenden drängen ganz klar in eine andere Richtung. Es braucht eine internationale Organisation, die in der Lage ist, den unterschiedlichen nationalen Bewegungen einen internationalen Ausdruck zu verleihen und Solidarität über nationale Grenzen hinweg zu schaffen.
Wir treten daher nicht nur für die internationale Vernetzung von Bewegungen gegen Imperialismus und Militarisierung ein, sondern sind auch international mit anderen Revolutionär:innen organisiert. Unsere internationale Organisation, die Internationale Sozialistische Liga, hat sich ebendieser Aufgabe verschrieben. Es braucht eine geeinte Antwort der Ausgebeuteten und Unterdrückten in Form einer neuen revolutionären Internationale, die den Widerstand gegen Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung in allen Teilen der Welt organisieren und internationalisieren kann. Nur eine solche Organisation wäre in der Lage, die unterschiedlichen nationalen und regionalen Bewegungen zu verbinden und mit dem Kampf gegen die kapitalistische Klassenherrschaft sowie deren heutige Ausdrücke wie Genozid, Umweltzerstörung und Ausbeutung ein für alle Mal zu beenden.
1 https://www.antiimperialista.org/2010-01-18-manifest-der-antiimperialistischen-koordination/
2 Siehe zum Konzept der multipolaren Weltordnung beispielsweise „Von der Sowjetunion zum Russischen Imperialismus“ in Revolutionärer Marxismus 56
3 https://jungle.world/artikel/2026/16/der-unvollendete-krieg