Arbeiter:innenmacht

„Palästina 36“ – Filmbesprechung

Markus Lehner, Neue Internationale 301, Juni 2026

Seit Mitte Mai ist der Film „Palästina 36“ der palästinensisch-amerikanischen Filmemacherin Annemarie Jacir in deutschen Kinos zu sehen. Der Film beansprucht, eine „vergessene antikoloniale Revolte“, den arabischen Aufstand im britischen Mandatsgebiet Palästina in den Jahren 1936 bis 1939, in Erinnerung zu rufen und damit etwas offenzulegen, das bis heute Rückwirkung auf den Israel/Palästina-Komplex hat.

Empfehlenswert

Gleich vorab: Der Film ist äußerst empfehlenswert und lässt tatsächlich das traumatische Erleben kolonialer Verhältnisse besser verstehen – als etwas, das sich scheinbar wie eine „Naturgewalt“ den Menschen entgegenstellt, um als nicht enden wollende Katastrophe (arabisch „Nakba“) Zerstörung, Vertreibung und Leid für sie zu bedeuten. Symbolisch wird dies am Ende verkörpert durch den verzweifelten Lauf des jungen Mädchens Afra entlang der alten Stadtmauer von Jerusalem – wie ein vergeblicher Versuch, aus einem Albtraum zu erwachen. Im Widerstand, der durch diesen Einbruch kolonialer Verhältnisse ausbricht, macht der Film auch deutlich, formt sich aus einer äußerst heterogenen Mischung von armen Dorfbewohner:innen, aufstrebenden städtischen Mittelschichten, Hafenarbeiter:innen etc. erst eine Verbindung, in der so etwas wie palästinensische Identität entsteht. Während zu Beginn des Films die wohlhabenderen arabischen Städter:innen demonstrativ den eleganten Fes (Tarbusch) als Zeichen ihrer gehobenen gesellschaftlichen Stellung tragen, wird am Ende ein Kleidungsstück der armen fellachischen Landbevölkerung, die Kufiya, zum Zeichen des aufkeimenden palästinensischen Selbstbewusstseins.

Diese komplexe Geschichte entwickelt sich dramaturgisch geschickt gewählt an hauptsächlich drei Orten: zentral in einem kleinen Dorf in der Nähe von Jerusalem, das fiktive Al Basma, geprägt durch eine christlich-orthodoxe Tradition; das Haus in Jerusalem der einflussreichen Familie von „Amir und Khuloud“ (letztere eine sich von männlicher Bevormundung befreiende Journalistin), die auch engen Kontakt zur Führungsebene der britischen Mandatsverwaltung pflegt; sowie der Hafen von Jaffa, in dem der große Generalstreik 1936 ausbricht. Verbindende Elemente sind Jussuf aus Al Basma, der sowohl im Dorf als auch bei Amir/Khuloud arbeitet und Letzteren die Perspektive der Landbevölkerung näherbringt, sowie einer der Hafenarbeiter in Jaffa, der das Dorf mit seinem Lohn unterstützen muss. Auf dieses Beziehungsgeflecht wirken im Hintergrund die wachsende zionistische Einwanderung und ihre ökonomischen Folgen für Dorf und Hafen, die allgegenwärtige britische Kolonialverwaltung sowie die Dynamik des sich entfaltenden asymmetrischen militärischen Konflikts, in den das Dorf immer mehr hineingerät. Dies ist eine dramaturgische Verengung der Vorgeschichte und Entwicklung des Aufstandes, der für einen Spielfilm wie in einem Brennglas die Ereignisse aus der Sicht insbesondere von betroffenen palästinensischen Dörfler:innen erzählt, reflektiert höchstens in den Auseinandersetzungen der „Intellektuellen“ im Haus Amir/Khoulud (an denen auch der zunehmend von der britischen Politik angewiderte Sekretär des Hochkommissars, Thomas Hopkins, teilnimmt).

Deutsche Medien

In den deutschen Mainstream-Medien, wie dem Spiegel, wird der Film erwartungsgemäß negativ bewertet. Im besten Fall als „Kolonial-Historienfilm“, bei dem es wenig über die Hintergründe des gegenwärtigen Konfliktes zu lernen gäbe – man ist hierzulande blind dafür, die Kontinuität kolonialer Unterdrückung von der Mandatszeit zum heutigen Besatzungsregime Israels zu sehen. Im Wesentlichen wurde aber von der Kritik eine Besprechung von Oren Kessler aus dem US-Medium „The Free Press“ übernommen, der schon im Titel behauptet: „Der Film ‚Palestine 36‘ ist ein Affront gegen die Geschichte.“ Dies ist deswegen bemerkenswert, da von Kessler erst jüngst ein Buch unter dem Titel „Palästina 1936“ erschienen ist, das trotz beachtlicher Fülle an Quellen selbst wesentliche Auslassungen und vor allem ein bemerkenswertes Unverständnis der eigentlichen Ursachen des Aufstandes an den Tag legt (trotzdem wird es natürlich hierzulande von der „Bundeszentrale für politische Bildung“ herausgegeben). Kessler, der kein Historiker, sondern Journalist u. a. beim Wall Street Journal ist, erzählt die Geschichte des Aufstands im Wesentlichen als eine wichtiger Führungsfiguren der verschiedenen Seiten, mitsamt üblicher Täter/Opfer-Ereignisketten – und verträgt offensichtlich (wie der Ton seiner Besprechung deutlich macht) eine Perspektive „von unten“, von den ihrer ökonomischen und sozial-kulturellen Basis beraubten Dörfler:innen, überhaupt nicht. Am deutlichsten wird dies, wo er sich darüber aufregt, der Film würde erfinden, dass die zionistischen Siedler:innen mit Hilfe der Brit:innen den Dörfler:innen Grund und Boden geraubt hätten – wo erstere doch bekanntlich allen Grund „legal käuflich erworben“ haben. Hier wird ziemlich genau das Unverständnis der politischen Ökonomie des spezifischen kolonialen Konflikts deutlich. Das hügelige Hinterland Palästinas war eine jener Regionen, in der dörfliche Kollektivwirtschaft (Musha’a genannt) weit verbreitet war – und an deren Transformation in Privatbesitz schon die Osman:innen gescheitert waren. Im Film wird dies in einer Schlüsselszene weitaus deutlicher, als an irgendeiner Stelle in Kesslers Buch je werden könnte – einer Szene, in der die Dorfältesten dem britischen Sekretär zu seinem Grundbuch-Kataster-Ansinnen erklären, dass die Bäuer:innen in der Gegend schon seit Jahrhunderten ein System der gemeinschaftlichen Mehrfelder- und Terrassierungsbewirtschaftung betrieben haben und gar keine Idee von Verkauf oder Zukauf von Grund hatten. Die zionistischen Siedler:innen mit ihren europäischen Vorstellungen von Privatbesitz trafen auf eine vorkapitalistische Gesellschaft mit Elementen dessen, was Marx „asiatische Produktionsweise“ nannte (Grund gehört dem Staat oder Grundherren, aber wird de facto von den Bäuer:innen „besessen“, die Abgaben leisten). Den britischen Kolonialherr:innen waren die effektiven zionistischen Betriebe ökonomisch lieber als die behäbigen Dörfler:innen, so wie es für die reichen arabischen Grundherr:innen ein gutes Geschäft war, das Land, das sie eigentlich nur formal besaßen, gegen gutes Geld an die Siedler:innen zu verkaufen – die Leidtragenden und Vertriebenen dieser Dreiecksbeziehung waren offenbar die palästinensischen Fellach:innen. Dieser Hintergrund wird in dem Film genauso greifbar wie auch am Beispiel der Hafenarbeiter:innen in Jaffa, die Marginalisierung arabischer Arbeiter:innen durch das „Jüdische-Arbeit-zuerst“-Prinzip des kolonialen Arbeitsmarktes.

Kessler empört sich vor allem darüber, dass die zionistischen Jüd:innen im Film so gut wie gar nicht vorkommen oder nur als Randerscheinung – wo doch der Aufstand vor allem ein Aufstand gegen „die Jüd:innen“ gewesen sei – und nicht wie im Film dargestellt gegen die Brit:innen. Dabei wird in Kesslers Buch selbst sehr deutlich, wie sehr die zionistischen Einwander:innen – im Gegensatz zu den einheimischen orientalischen Jüd:innen – als etwas wie von einem anderen Stern, als europäischer Satellit, ins Land geschneit kamen. Im Film wird dies sogar überdeutlich: Die zionistische Siedlung neben dem Dorf erscheint nur als umzäunte Festung, aus der niemand auch nur versucht, mit dem Dorf Kontakt aufzunehmen. Als die Dorfältesten das Gespräch suchen, wird ihr Erscheinen sofort als feindselig angesehen und sie werden beschossen. Auch in Kesslers Buch gibt es eine solche Stelle, als er beschreibt, wie Ben-Gurion als Führer von Avoda und Histadrut (zionistische Arbeitspartei und Gewerkschaftsdachverband) im Jahr 1934 (14 Jahre nach Beginn der Mandatszeit!!!) zum ersten Mal das Gespräch mit palästinensischen Repräsentant:innen sucht und völlig überrascht über deren Ansichten ist. Die Zionist:innen waren für die Masse der palästinensischen Bäuer:innen vor allem Repräsentant:innen der kolonialen Fremdherrschaft, Europäer:innen, die ihnen Land und Arbeit tatsächlich und praktisch wegnahmen – nicht als Jüd:innen wurden sie im Aufruhr, Streik und Aufstand angegriffen, sondern als Repräsentant:innen des Kolonialsystems.

Aktualität

Insofern ist auch die Darstellung des kolonialen Gewaltapparates durch den Film alles andere als nur „historisch“. Hier ist auch hervorzuheben, dass neben der großen darstellerischen Leistung der genannten arabischen Protagonist:innen einigen bekannten britischen und irischen Schauspielern (Jeremy Irons, Liam Cunningham, Robert Aramayo) das Verdienst zukommt, diesen Film mitzutragen. Gerade hierzulande ist durch die Verklärung des „Mutterlands der neuzeitlichen Demokratie“ die verbrecherische Grundlage derselben in ungeheuerlichen kolonialen Gräueln nicht bewusst. Zum Teil erwischt man sich im Film bei Betrachten der Strafaktionen der britischen Sondereinheiten im Dorf bei dem Gedanken, dass dies wohl etwas überzeichnet ist. Es reicht aber schon etwas Recherche, um sich davon zu überzeugen, dass der Film hier ein realistisches Bild zeichnet. In der Zwischenkriegszeit in den Kolonien spielte sich auch eine Geschichte der Formierung von gewalttätigen, faschistoiden Persönlichkeiten ab, die in den Weltkriegen geprägt wurden, um in der Nachkriegszeit in Sondereinheiten auf die Menschheit losgelassen zu werden (eine ähnliche filmische Aufarbeitung findet man in dem berühmten „The Battle of Algiers“, mit seiner Darstellung französischer Sondereinheiten im algerischen Bürgerkrieg, später großes Vorbild für Stanley Kubrick in Bezug auf den Vietnamkrieg). In „Palästina 36“ wird dies dargestellt an der Figur des Offiziers Orde Wingate (gespielt durch den Game-of-Throne-Star Aramayo), der auf einer historischen Figur beruht. Wie Jacir im Jacobin-Interview zum Film erzählt, haben sich in den Archiven immer schrecklichere und abenteuerliche Geschichten über diesen Offizier mit messianischen Hirngespinsten und der Erfindung immer grausamerer Methoden zum Aufspüren von Freischärler:innen herausgefunden – vor allem ein abgrundtiefer Rassist, für den die Dorfbewohner:innen hinterhältige „Höhlenmenschen“ sind. Tatsächlich war Wingate nur einer von vielen britischen Soldat:innen, die nach den traumatischen Erlebnissen des Schützengrabenkriegs in Flandern während des Ersten Weltkriegs sofort rekrutiert wurden, um 1920 im irisch-britischen Krieg zu dienen. Dazu wurde eine Spezialeinheit, die „Black and Tans“ (offiziell Royal Irish Constabulary Special Reserve), aufgestellt (verewigt in einem legendären IRA-Song, der übrigens eine Brücke zwischen dem Easter Rising und dem arabischen Aufstand schlägt), die dort jede Menge an Methoden des asymmetrischen Krieges entwickelte (Strafaktionen, Massenerschießungen, diverse Foltermethoden, überfallsmäßige Hausdurchsuchungen etc.). Nach dem Ende des Irlandkrieges wurde ein Großteil der „Black and Tans“ rekrutiert, um in Palästina das Rückgrat der britischen Paramilitärs zu bilden (als „British Gendarmerie“). Doch Wingate arbeitete nicht nur mit diesen Irland-Veteran:innen, sondern während des Aufstands baute er eine die britischen Armee-Einheiten unterstützende Truppe mit mehreren tausend Kämpfer:innen auf, die hauptsächlich aus Zionist:innen bestand – hier wurde auch eine Kerntruppe der israelischen Armee schon sehr früh in Aufstandsbekämpfung und asymmetrischem Krieg trainiert. Diese Herangehensweise, einheimische oder siedlerkoloniale Bevölkerung als Masse der Aufstandsbekämpfung heranzuziehen, war Kernbestandteil des „Imperial Policing“ – die Seemacht Britannien hatte nur wenige Elitetruppen, die sie in ihrem riesigen Weltreich herumschieben konnte, um die herum sie aber jeweils „enge Verbündete“ vor Ort als militärische Masse einsetzen konnte Man kann dem Film vorwerfen, dass er hier die Rolle der Zionist:innen als imperiale Hilfstruppen ganz weglässt.

Ergänzt wird dies im Film noch durch Nachstellen einer Besprechung im britischen Hauptquartier zur Strategie der Niederschlagung des Aufstands, in der die Planung übernommen wird von einem in Irland und Indien bewährten Spezialisten, Charles Taggert – auch eine historische Figur. Hier wird klar, dass solche Taktiken wie Mauerbau, Implementierung von Stützpunktsystemen, überfallartige Hausdurchsuchungen, permanente Internierungen etc. auch etwas sind, das das Kolonialsystem unmittelbar an seinen Nachfolgestaat weitergereicht hat. Es wird auch klar, dass ein ungeheurer Widerstandswille nötig war, um vor solch einem Gewaltsystem und seinen skrupellosen Repräsentant:innen nicht in die Knie zu gehen – womit diese „historische Episode“ sicherlich auch die Geburtsstunde eines unbrechbaren Willens zur nationalen Selbstbestimmung der Palästinenser:innen war. Taggert sagt in der Besprechung, dass man in Palästina kein zweites Irland erleben will – und genau das bekamen sie dann doch. Im Film wird dies deutlich, indem viele der Razzien und Hinterhalte deutlich an vergleichbare Szenen aus dem Film über den irischen Bürgerkrieg von Ken Loach „The Wind That Shakes the Barley“ erinnern. Mit Cunningham, der Taggert spielt, gibt es auch eine schauspielerische Überschneidung der Filme. Auch kein Wunder, dass Cunningham Teilnehmer an der letztjährigen Sumud-Flotilla für Gaza war – der irische Widerstand gehörte auch zu den ersten internationalen Unterstützern der palästinensischen Sache!

Am Ende des Filmes, schon beim Abspann, sieht/hört man vor der Kulisse der palästinensischen Hügellandschaft einen Kufiya-Träger beim Dudelsackspielen. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass (neben dem Fußballspiel) ausgerechnet der Dudelsack zu einer kulturellen Hinterlassenschaft der britischen Kolonialherrschaft zählt. Die „Royal Scots“ waren die Eliteeinheit, die die Brit:innen zur militärischen Niederschlagung des Aufstandes einsetzten Sie waren seit dem Ersten Weltkrieg von Irland über Rangun, Indien, Aden bis Palästina im Dauereinsatz, um nach Palästina Richtung Dünkirchen aufzubrechen. Wie Jacir richtig bemerkt, war noch 1938 ein Großteil der britischen Armee in Kolonialkämpfen im Dauereinsatz. Alle, die meinen, das „Münchner Abkommen“ sei ein besonderes Zeichen naiven britischen Appeasements, verkennen, dass Europa damals nicht unbedingt der Fokus für das Empire war – und ein Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schon damals wahrscheinlich für das Empire schlicht zu früh gekommen wäre. Das Empire musste angesichts einer wachsenden Zahl von Krisenherden und ökonomischen Rückschlägen mit seinen Kräften sehr gezielt umgehen.

Am Rande wird hier deutlich, welche enorm strategische Bedeutung für „den Imperialismus“, historisch damals eben das britische Empire, für die Region hat. Im Film verläuft unweit des Dorfs eine Ölpipeline. Tatsächlich hatten die Vorläuferfirmen von BP und Shell 1927 das riesige Ölfeld von Kirkuk im heutigen Irak erschlossen und bis 1934 eine Pipeline von Kirkuk bis Haifa (und zwei weitere an die libanesische und syrische Küste) gebaut. In Haifa selbst wurde eine große Raffinerie errichtet, die entscheidend für die Versorgung der britischen Truppen im Mittelmeerraum und Nordafrika war (und vor allem schneller als die Tankerverbindung über den Suezkanal). Im arabischen Aufstand wurde die Pipeline mehrfach angegriffen (wie auch im Film zu sehen) und musste durch eine Masse an Truppen aufwendig gesichert werden. Letztlich führte dies auch zum „Friedensabkommen“ 1939, das vor allem dazu diente, dass die Brit:innen in Nordafrika und rund um den Suezkanal ihre strategisch wichtigen Versorgungsrouten gegenüber den Achsenmächten aufrechterhalten konnten. Die Pipeline nach Haifa wurde nach der Unabhängigkeit des Irak und dem sich zuspitzenden Konflikt um Palästina stillgelegt (die anderen im Rahmen von Iran/Irak-Krieg und syrischem Bürgerkrieg) – Israel bekommt sein Öl seither übers Meer nach Haifa. Unabhängig von der Pipeline ist klar, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Region durch den Ölreichtum am Golf sogar noch mehr zur zentralen Konfliktzone der Weltmachtpolitik wurde. Damit ist auch klar, dass das koloniale Erbe in Westasien in neuen neokolonialistischen Strukturen fortlebt – und die im Film dargestellte Katastrophe für die Unterklassen der Region sich weiter und weiter fortsetzen würde.

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