Arbeiter:innenmacht

Mit wem marschieren wir im Kampf gegen den Krieg im Iran?

Jaqueline Katherina Singh, Infomail 1308, 29. April 2026

Gerade am Iran entzündet sich Streit um Symbole, Bündnisse und politische Grenzen. Für fortschrittliche Kräfte ist klar: Weder die Islamische Republik noch der Schah sind eine Perspektive. Die Aufgabe ist, breite Mobilisierung gegen den Krieg mit politischer Unabhängigkeit zu verbinden. Das ist keine Frage nur des Iran, sondern eine grundsätzliche jeder Bewegung. Somit reicht sie über den Iran hinaus: Wie verbindet man gemeinsame Aktion mit klarer politischer Abgrenzung? Wie organisiert man gemeinsame Aktionen gegen den Krieg, ohne reaktionären Kräften Raum zu geben? Schließlich braucht es, um den Krieg zu stoppen, Massenproteste. Was also tun?

Abgrenzung – kein Einzelfall

Eltern von Freund:innen und Genoss:innen wurden vom Regime vertrieben, gefoltert oder ermordet; andere haben bis heute Angehörige und Bekannte in Todeszellen. Wut, Schmerz und Gefühle von Ohnmacht darüber sind nicht nur berechtigt, sondern mehr als natürlich. Dass es bei vielen kein Interesse gibt, mit den Fahnen der Islamischen Republik zu laufen, ist deswegen politisch und menschlich nachvollziehbar. Und schauen wir uns die Anhängerschaft Pahlavis an, die sich den Tod aller Linken wünscht und regelmäßig Kritiker:innen des „Prinzen“ verfolgt und bedroht, gilt das Gleiche.
Neu ist das nicht und begegnet uns auch in anderen Zusammenhängen: wenn palästinensische Aktivist:innen die Auseinandersetzung mit Gruppen wie „Israelis for Peace“ ablehnen, weil diese immer wieder Apartheid relativieren, oder wenn syrische Revolutionär:innen in der Vergangenheit darauf bestanden, sich gegen Assad-Anhänger:innen abzugrenzen, wenn sie von diesen normalerweise für die Fahne der Revolution angegriffen wurden. Dass Menschen, die im Widerstand zu einem Regime stehen und von ihm gewaltvoll unterdrückt werden, keinerlei Bereitschaft haben, mit dessen Symbolen auf die Straße zu gehen, muss für alle nachvollziehbar sein.

Frage der Zielsetzung

Auch inhaltlich ist es notwendig, sich von Monarchist:innen wie von Unterstützer:innen der Islamischen Republik abzugrenzen und eine eigenständige politische Perspektive zu vertreten. Doch diese notwendige Abgrenzung beantwortet noch nicht die strategische Frage, wie Krieg gestoppt werden kann. Wer nur fragt, mit wem man nicht läuft, beantwortet nicht, wie eine Bewegung entsteht, die einen Krieg tatsächlich aufhalten kann – gerade darauf Antworten zu entwickeln, ist Aufgabe von Sozialist:innen.

Kritik am Regime darf deshalb nicht zurückgestellt werden – aber Aktion gegen Krieg darf auch nicht von vollständiger Homogenität abhängig gemacht werden. Umso mehr, angesichts der getöteten und vertriebenen Zivilist:innen – und weil Deutschland selbst durch Ramstein und AFRICOM Teil imperialistischer Kriegführung ist, braucht es eine breite Bewegung dagegen. Wie bauen wir diese also auf?

Kampf um sozialistische Hegemonie

Wenn das Ziel darin besteht, eine schlagkräftige Antikriegsbewegung aufzubauen, kann vollständige politische Übereinstimmung keine Teilnahmebedingung sein. Sonst wird die notwendige Breite einer solchen Bewegung von vornherein untergraben. Das heißt nicht, das Regime politisch zu stützen. Es heißt, eine Bewegung gegen Krieg aufzubauen und zugleich innerhalb dieser Bewegung für eine unabhängige sozialistische Politik zu kämpfen.

Erfahrungen etwa aus der Palästinabewegung zeigen: Sozialist:innen verbreitern ihre Position nicht durch politische Abschottung, sondern indem sie in realen Kämpfen für eine klare, unabhängige Linie streiten. Nur so kommen wir aus der Isolation heraus.

Eine andere Frage als die Zusammensetzung einer Demonstration ist, wer einer Bewegung politisch ihren Stempel aufdrückt. Idealerweise sollten Proteste von den fortschrittlichsten Teilen der Bewegung angeführt werden – weder von Schah-Anhänger:innen noch von Kräften, die die Islamische Republik im Istzustand verteidigen. Wir müssen darum kämpfen, dass fortschrittliche, internationalistische Kräfte die Demonstrationen anführen, zentrale Reden halten und den politischen Ton angeben. Andere, die gegen den Krieg mobilisieren wollen, sollten dennoch kommen können. Denn eine von solchen Kräften organisierte Demonstration ist etwas anderes als eine breite Mobilisierung, auf der einzelne reaktionäre Symbole auftauchen. Fahnen auf einer Massendemonstration sind nicht dasselbe wie politische Unterstützung oder organisatorische Zusammenarbeit.

Generell gilt: Wenn Demonstrationen Symbole oder politische Ausdrucksformen pauschal verbieten, sollten Sozialist:innen dem entgegentreten. Politische Differenzen werden nicht durch Verbote gelöst, sondern durch offene Auseinandersetzung. Kritik- und Propagandafreiheit sind dabei elementare demokratische Rechte. Das Recht, eigene Symbole des Widerstands zu tragen, zu verteidigen, heißt nicht politische Zustimmung zu allem, was auf einer Demonstration auftaucht.

Natürlich gibt es auch Fälle, wo ein Verbot von Fahnen und Symbolen bestimmter Organisation gerechtfertigt ist, nämlich dann, wenn sich diese selbst gegen die Ziele einer Aktionseinheit wie z. B. einer gemeinsamen Antikriegs-Demonstration gerichtet sind. Das betrifft z. B. zionistische und US-Fahnen. Diese haben natürlich bei einer Solidaritätsdemo mit Palästina oder gegen den Angriff auf den Iran oder Libanon nichts verloren, weil sie für die Seite der zionistischen und imperialistischen Aggression stehen.

Doppelte Aufgabe

Doch generell treten wir für Freiheit der Propaganda ein. Dabei dürfen Sozialist:innen ihre Kritik an einem reaktionären Regime nicht zurückstellen, aber sie dürfen Aktion gegen Krieg auch nicht von vollständiger politischer Homogenität abhängig machen. Die politische Aufgabe ist daher eine doppelte: hier eine schlagkräftige Massenbewegung gegen Krieg aufzubauen und zugleich Iraner:innen davon zu überzeugen, dass es weder die Islamische Republik noch den Schah braucht, sondern eine sozialistische Perspektive. Diese Überzeugungsarbeit kann nicht in Isolation stattfinden. Zugleich kann es nicht die erste Aufgabe derjenigen sein, die selbst unmittelbar von Verfolgung, Exil und Repression betroffen sind, diese Debatten ständig zu führen und sich an Leuten abarbeiten zu müssen, die Illusionen in den Schah oder in das Regime hegen.

Gerade deshalb ist es Aufgabe von internationalistischen Sozialist:innen, diese politische Auseinandersetzung offensiv zu führen – und dabei deutlich zu machen, dass es darauf ankommt, den Iran gegen imperialistische Angriffe zu verteidigen, ohne Illusionen in das bestehende Regime zu nähren.

Daher ist es grundfalsch, Menschen moralisierend zu unterstellen, sie unterstützten das iranische Regime, wenn sie für breite Antikriegsproteste eintreten. Das verhindert gerade die Debatte über die reale strategische Frage, wie Krieg gestoppt, ein progressiver Pol gebildet und eine sozialistische Alternative gegen Regime, Monarchismus und Imperialismus aufgebaut werden können. Denn angesichts des Kriegs und der Zerstörung in der ganzen Region ist klar: Entscheidend ist die Perspektive, dass nicht nur im Iran, sondern in ganz Westasien ein anderer gesellschaftlicher und politischer Weg nötig ist!

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