Arbeiter:innenmacht

„Your Party“ schließt ihren linken Flügel aus

Garry Knight from London, England, CC BY 2.0 , via Wikimedia Commons

Rebecca Anderson/KD Tait, Neue Internationale 300, Mai 2026

Am 12. April 2026 beschloss das Zentralkomitee (CEC) der britischen „Your Party“ – der neuen Partei, die im vergangenen Jahr vom ehemaligen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn und der ehemaligen Labour-Abgeordneten Zarah Sultana gegründet wurde – den Ausschluss von Mitgliedern organisierter sozialistischer Strömungen. Tausende hatten sich dem Projekt angeschlossen, in der Hoffnung, es würde eine echte Abspaltung nach links von der britischen Labourpartei darstellen, die unter Premierminister Keir Starmer ihren immer schneller werdenden Rechtsruck fortgesetzt hat. Stattdessen hat die Parteiführung nur wenige Monate nach dem Gründungskongress die Guillotine über den sozialistischen linken Flügel der Partei fallen lassen.

Die Ausschlüsse schließen ein Kapitel ab. Sie beendeten einen Kampf darüber, welche Art von Formation „Your Party“ werden würde, und die Antwort ist nun eindeutig: ein bürokratisch geführtes Wahlvehikel, populistisch in der Form, inhaltslos in der Politik und feindlich gegenüber jeder organisierten Opposition von links. Diese Episode sollte über Großbritannien hinaus betrachtet werden, denn sie zeigt in komprimierter Form die bürokratischen Reflexe, die der linke Populismus überall an den Tag legt, wenn er politisch herausgefordert wird.

Ein Schlag gegen uns alle

Der Schritt der Führung ist eine Kriegserklärung an die aktiven Mitglieder. Es ist ein bürokratischer Versuch, organisierte Opposition zu zerschlagen, politische Debatten zum Schweigen zu bringen und sicherzustellen, dass sich „Your Party“ als streng kontrolliertes Wahlinstrument und nicht als demokratische Partei der Arbeiter:innenklasse entwickelt.

Die Kräfte hinter dieser Führung haben die beste Gelegenheit seit einer Generation vertan, eine sozialistische Massenpartei in Großbritannien aufzubauen, und das zu einem Zeitpunkt, an dem eine solche Partei am dringendsten gebraucht wird. Von den 800.000 Menschen, die ursprünglich ihr Interesse an dem Projekt bekundet hatten, drückte die Kontrolle von oben die tatsächliche Mitgliederzahl auf etwa 60.000. Rechter Abdrift und Demoralisierung – beschleunigt durch das Fehlen jeglicher ernsthaften politischen Kampagnen – haben dazu geführt, dass viele von ihnen sich ganz aus der organisierten Politik zurückgezogen haben oder zur Grünen Partei gewechselt sind, die im vergangenen Jahr auf einer vagen linkspopulistischen Basis rasch gewachsen ist.

Anstatt Ortsgruppen zu gründen, Streiks solidarisch zu unterstützen oder eine nationale Kampagne gegen Krieg, Rassismus oder die Lebenshaltungskostenkrise zu organisieren, gab das CEC einer internen Säuberungsaktion Vorrang, durch die viele der aktivsten Mitglieder der Partei ausgeschlossen werden. Angeblich seien die Ausschlüsse für „Demokratie, Transparenz und Rechenschaftspflicht“ notwendig, mit der Begründung, dass eine von den Mitgliedern getragene Entscheidungsfindung „nur möglich ist, wenn jedes Mitglied darauf vertrauen kann, dass […] alle Mitglieder die Interessen von Your Party an erste Stelle setzen“. Diese Formulierung behandelt organisierte Sozialist:innen als eine inhärente Bedrohung für die Einheit. Die Realität ist jedoch ganz einfach: Bei dieser Entscheidung geht es weniger um Einheit als um Kontrolle.

Das Recht auf Doppelmitgliedschaft, das in der Gründungssatzung der Partei verankert ist, wird in der Praxis zunichtegemacht, auch wenn das CEC darauf besteht, dass es technisch gesehen für Organisationen, die die Führung genehmigt, „weiterhin gilt“. Rechte existieren nur nach dem Ermessen der Parteizentrale.

Auf der Gründungskonferenz selbst verwehrte ein bürokratischer Schachzug den Delegierten eine Abstimmung über einen Änderungsantrag, der das Verbot sozialistischer Gruppen herausnimmt, obwohl dieser zu den beliebtesten eingereichten Änderungsanträgen gehörte. Dies ist typisch für die pseudodemokratischen Verfahren und den Führerkult, dem Corbyn und sein Kreis sich nun hingeben, genauso wie die linken populistischen Formationen von Spanien bis Frankreich. Die Forderung, dass Mitglieder sich in Your Party nur als Einzelpersonen engagieren und davon Abstand nehmen, sich mit anderen gleichgesinnten Mitgliedern zu organisieren, ist unaufrichtig. Nicht alle Fraktionen unterliegen den Regeln: Die Bürokratie kann sich weiterhin um ihrer Macht willen organisieren. Die Säuberungsaktion mag bei der revolutionären Linken beginnen, doch ihr eigentliches Ziel ist jede organisierte Opposition, die sich in Zukunft gegen den Opportunismus der Führung formieren könnte.

Bürokratischer Reformismus: von Corbyns Labour zur Your Party

Das Bestreben, organisierte revolutionäre Sozialist:innen aus der Your Party auszuschließen, spiegelt die Erfahrungen der Labour Party unter der Führung von Jeremy Corbyn zwischen 2015 und 2020 wider. In beiden Fällen war das entscheidende Hindernis nicht einfach der Druck von rechts oder aus den Medien, sondern die anhaltende Macht einer bürokratisch-reformistischen Schicht, die in den Institutionen der britischen Arbeiter:innenbewegung verankert ist. Wie wir an anderer Stelle dargelegt haben, dient diese Schicht dazu, den Kampf zu regulieren und einzudämmen, wobei Wahlkampfmanagement und interne Stabilität Vorrang vor politischer Klärung und Massenmobilisierung haben.

Unter Corbyn wurde Labour kurzzeitig zu einem Ort der Massenpolitisierung und radikaler Hoffnungen. Hunderttausende traten der Partei bei, viele von ihnen junge Menschen, die zum ersten Mal in die organisierte Politik eintraten. Doch ihr bürokratischer Kern – die Parlamentsfraktion, die nicht gewählten Funktionär:innen, die Gewerkschaftsführungen – unternahm wiederholt Schritte, um die Debatte einzugrenzen, die organisierte Linke zu marginalisieren und jede programmatische Radikalisierung zu blockieren. Das Ergebnis war eine Führung, die von ihrem eigenen Apparat eingeengt war, sich rhetorisch dem Sozialismus verschrieben hatte, aber unfähig war, die Partei und ihr Verhältnis zum Kampf der Arbeiter:innenklasse zu verändern.

Die Wahrheit ist, dass sich Corbyn diesen bürokratischen Zwängen fügte und sie am Ende gegen den klaren Willen der Mitglieder nutzte, unter anderem bei der Migrationsfrage, beim zweiten Brexit-Referendum und beim Umgang mit der Antisemitismus-Kontroverse. Sein parlamentarischer Sozialismus veranlasste ihn, den rechtsgerichteten Abgeordneten nachzugeben, da er stets glaubte, nur mit deren (größtenteils der Mittelschicht angehörender) sozialer Basis könne er mit einem Programm milder Reformen die Wahl gewinnen. Dieses Schema wurde bei Labour zunichtegemacht. Doch dessen Kern, der linke Labourismus, lebt in Your Party weiter, in Gestalt von Abgeordneten, die als Vermieter:innen auftreten, und sogar ehemaligen konservativen Gemeinderatskandidat:innen, die ausgewählt wurden, um unter dem Banner der Partei anzutreten.

„Your Party“ wiederholt nun denselben Weg in komprimierter Form und in weitaus kleinerem Maßstab. Erneut sieht sich eine reformistische Führung mit der Perspektive konfrontiert, dass ein Zustrom politisierter Mitglieder – insbesondere solcher, die sich um revolutionäre sozialistische Programme organisieren – entscheidende Debatten darüber erzwingen wird, was Sozialismus in der Praxis bedeutet, wie er erreicht werden kann und welche Konfrontationen mit dem Staat, dem Kapital und der bestehenden politischen Ordnung dies mit sich bringt. Wie bei Labour besteht die Reaktion nicht darin, diese Debatten zu eröffnen, sondern sie administrativ zu unterbinden.

Die Sprache hat sich geändert. Wo die New-Labour-Rechte von „Wählbarkeit“ und Corbyns Apparat der „breit angelegten Einheit“ sprach, spricht die derzeitige Führung wieder von „Wählbarkeit“, „Klarheit“ und „Vertrauen“. Die Logik ist bekannt. Organisierte Politik wird als Bedrohung behandelt; kollektive Tendenzen werden als illoyal oder fremd dargestellt; und Demokratie wird auf die passive Bestätigung von Entscheidungen reduziert, die anderswo getroffen wurden. Sowohl bei Labour unter Corbyn als auch bei Your Party heute funktioniert bürokratischer Reformismus, indem er politische Führung durch administrative Kontrolle ersetzt und das Programm eher als Wahlmarke behandelt als als Ergebnis kollektiver Auseinandersetzung und des Kampfes.

Die Parallele ist kein Zufall. Das Milieu aus Berater:innen, ehemaligen Labour-Mitarbeiter:innen, gewerkschaftlichen Vollzeitkräften und professionellen Wahlkämpfer:innen, das sich bei Labour um Corbyn geschart hatte, hat sich bei Your Party neu formiert Sie haben die Instinkte mitgebracht, die sie über ein Jahrzehnt lang innerhalb eines massenreformistischen Apparats erworben haben. Diese Instinkte sind nicht sozialistisch; sie sind die Reflexe einer sozialen Schicht, deren Position davon abhängt, das Verhältnis zwischen der organisierten Arbeiter:innenklasse und dem kapitalistischen Staat zu steuern: die Erstere in Schach zu halten, sich mit Letzterem gutzustellen.

Was gerettet werden kann

Der Kampf um den Charakter von Your Party ist nun beendet, von oben. Die Ausschlüsse sind vollzogen. Die Frage für die kommende Zeit lautet: Was lässt sich aus dieser Erfahrung retten?

Tausende traten Your Party bei, um etwas aufzubauen, das die Arbeiter:innenklasse im In- und Ausland an erste Stelle setzt und die Politik der offiziellen Arbeiter:innenbewegung in Frage stellt. Dieses Bestreben bleibt bestehen, auch wenn dieses spezielle Vehikel durch seine eigene Führung lahmgelegt wurde. Ortsgruppen wurden gegründet, Kampagnennetzwerke aufgebaut, neue Aktivist:innen stiegen zum ersten Mal in die organisierte Politik ein. Nichts davon verschwindet, nur weil der Apparat diesen Kurs gewählt hat.

Der sinnvollste nächste Schritt für die überlebenden Ortsgruppen, sozialistischen Organisationen und einzelnen Aktivist:innen besteht darin, sich nach außen zu orientieren, hin zu den Kämpfen der Arbeiter:innenklasse in der kommenden Zeit: dem Kampf gegen Kürzungen der Kommunalverwaltungen, der Lebenshaltungskostenkrise, der Solidarität mit streikenden Arbeiter:innen, der Verteidigung von Migrant:innen, dem Widerstand gegen Rassismus und die extreme Rechte sowie dem Widerstand gegen den Aufrüstungskurs. Eine Einheitsfront auf dieser Grundlage – gerichtet auf Gewerkschaften, Aktivist:innen am Arbeitsplatz und lokale Kampagnen, nicht beschränkt auf die organisierte Linke – könnte dem Ruf nach einer Arbeiter:innenpartei konkreten politischen Inhalt verleihen und die besten Kräfte aus der Erfahrung von Your Party im gemeinsamen Kampf zusammenhalten, während die umfassenderen Fragen von Programm und Organisation ausgefochten werden.

Diese Fragen lassen sich nicht vorwegnehmen. Sie können nur beantwortet werden durch ernsthafte politische Debatten, innerhalb welcher Vereinigung von Ortsverbänden und sozialistischen Strömungen auch immer, die aus den Trümmern hervorgeht, und auf der Grundlage des offenen Rechts der Strömungen, sich zu organisieren und für ihre Positionen zu argumentieren. Eine revolutionäre Organisation sollte nicht so tun, als hätte sie alle Antworten; sie muss bereit sein, von der Klasse zu lernen. Aber ein politisches Programm, eine Strategie, um die heutigen Kämpfe in Richtung Sozialismus zu führen, lässt sich nicht allein aus der Arbeit lokaler Ortsgruppen ableiten. Es muss sich mit den großen Fragen der Gegenwart auseinandersetzen, und die größte Frage, vor der die Bewegung heute steht, ist immer noch die, die der Zusammenbruch ihrer Partei erneut aufgeworfen hat: Reform oder Revolution?

Für Sozialist:innen weltweit ist die Lektion eine bekannte, die durch die Erfahrung erneut geschärft wurde. Der linke Populismus bietet einen scheinbar kürzeren Weg zu politischem Einfluss als der geduldige Aufbau einer revolutionären Arbeiter:innenpartei. Dies geschieht, indem die Autorität einer/s Führer:in, eine Wahlmarke und ein technokratischer Apparat an die Stelle des kollektiven politischen Lebens der Klasse treten. Wo er durch echte Kämpfe und den Druck ihrer eigenen sich politisierenden Mitglieder auf die Probe gestellt wird, setzt sich ihr bürokratischer Kern gegen ihre Basis durch. Podemos, La France Insoumise, Syriza und nun Your Party: Die Details unterscheiden sich, aber die grundlegende Dynamik bleibt dieselbe.

Es bleibt die Aufgabe, in Großbritannien und international eine revolutionäre Partei aufzubauen, die in der Arbeiter:innenklasse verwurzelt, offen in ihren Debatten und mit einem Programm ausgestattet ist, das den Kampf zur Macht führen kann. Alles andere reproduziert unter neuem Namen dieselben Grenzen, die wiederholt die Entstehung einer sozialistischen Massenalternative blockiert haben.

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