USA: ein Sieg für die Basisorganisation bei Amazon Staten Island

Dave Stockton, Infomail 1187, 10. Mai 2022

Am 1. April 2022 kam es zu einem der eindrucksvollsten Siege für die US-Arbeiter:innenschaft seit langem. Im riesigen Amazon-Lagerhaus JFK8 auf Staten Island, einem von 5 Bezirken in New York City, stimmten bei einer offiziellen, von der Nationalen Arbeitsbeziehungsbehörde (NLRB) durchgeführten Urabstimmung über die Anerkennung der Gewerkschaft 2.654 Beschäftigte dafür und 2.131 dagegen. Nur einen Monat später erhielten die Feierlichkeiten jedoch einen Dämpfer, als am 2. Mai bekanntgegeben wurde, dass eine ähnliche Abstimmung in einem zweiten Lagerhaus auf Staten Island, dem Sortierzentrum LDJ5, in dem rund 1.500 Beschäftigte arbeiten, mit 618 Nein- und 380 Ja-Stimmen gescheitert war.

Amazon Labor Union

Die Gewerkschaft Amazon Labor Union (ALU), die den Sieg am JFK8 organisiert hat, reagierte mit einem Tweet: „Die Organisierung wird an diesem Standort und darüber hinaus fortgesetzt. Der Kampf hat gerade erst begonnen.“ In der Tat hat die Geschäftsleitung des Konzerns die Entscheidung in der größeren Anlage angefochten. Eine Anhörung wird am 23. Mai in Phoenix (Bundesstaat Arizona) stattfinden.

Wie in den meisten Amazon-Werken gibt es auch in Staten Island eine enorme Fluktuation des Personals – etwa 150 % pro Jahr, zum großen Teil wegen der schrecklichen Bedingungen, der lähmenden Arbeitsnormen, des Mangels an Pausen und der hohen Unfallrate. Dies sind wirklich die „dunklen satanischen Mühlen“ des 21. Jahrhunderts.

Der Sieg bei JFK8 wurde von einer Gewerkschaft, der ALU, errungen, die in der Fabrik selbst entstand, unabhängig von großen Verbänden wie der AFL-CIO oder Change to Win. Die Gewerkschaft erhob sich gegen Jeff Bezos, den zweitreichsten Mann Amerikas mit einem Vermögen von rund 200 Mrd. US-Dollar. Gegen den Amazon-Goliath ist die ALU selbst ein junger David. Sie wurde 2020 von Chris Smalls, einem Amazon-Beschäftigten, der entlassen wurde, weil er Proteste gegen die entsetzlichen COVID-19-Sicherheitsbedingungen des Unternehmens angeführt hatte, und einem Team von JFK8-Beschäftigten gegründet, die, wie in New York nicht anders zu erwarten, aus einer Vielzahl ethnischer Hintergründe stammen.

Diese Menschen, die der so genannten Generation-U (für Gewerkschaft) angehören, führten die Aktion an und nicht die „erfahrenen“ professionellen Gewerkschaftsorganisator:innen. Sie taten es einfach, indem sie mit ihren Arbeitskolleg:innen „gewerkschaftlich sprachen“, Telefon-Banking betrieben und soziale Medien nutzten. Es sollte aber auch erwähnt werden, dass sich Ortsverbände (Zweigstellen) der großen Gewerkschaften um die ALU geschart haben, darunter UNITE HERE Local 100, Communications Workers Local 1102, Food and Commercial Workers (UFCW) Local 342 sowie die Coalition of Black Trade Unionists. Es bleibt zu hoffen, dass der Erfolg der Basisorganisation auch auf die bürokratischeren großen Gewerkschaften übergreift und dazu beiträgt, sie zu demokratisieren und für eine militantere direkte Aktion zu gewinnen.

Wie zu erwarten war, fährt Amazon fort, seine Belegschaft einzuschüchtern und zu schikanieren.

In der Zwischenzeit hat Starbucks Workers United – eine Organisation, die der Service Employees International Union (Internationale Dienstleistungsgewerkschaft SEIU) angeschlossen ist – vor kurzem eine weitere Wahl gewonnen, womit die Gewerkschaft 10 von 11 Wahlen seit ihrem ersten Erfolg in Buffalo (Bundesstaat New York) im Dezember für sich entscheiden konnte. In Buffalo haben die Starbucks-Beschäftigten jedoch erneut gestreikt, um gegen eine Ankündigung des 4 Milliarden US-Dollar schweren Konzernchefs Howard Schultz zu protestieren, wonach versprochene Gehaltserhöhungen und Leistungssteigerungen nicht für Standorte gelten würden, die bereits gewerkschaftlich organisiert sind oder eine gewerkschaftliche Organisierung planen.

Diese Entwicklungen kommen nach der Enttäuschung über eine gescheiterte Urabstimmung im Amazon-Bestellausführungszentrum in Bessemer, Alabama, durch die Retail, Wholesale and Department Store Union (Einzel-, Großhandels- und Lagerhausgewerkschaft), obwohl derzeit eine Nachzählung durch die NLRB stattfindet. Der Erfolg der ALU in Staten Island und der Misserfolg in Bessemer sind zum Teil darauf zurückzuführen, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad in New York bei 27 % liegt, während er in Alabama nur 6 % beträgt.

Die NLRB-Vorschriften sind stark auf die Arbeit„geber“:innen ausgerichtet und erlauben es Unternehmen wie Amazon und Starbucks, ihre Beschäftigten an Seminaren gewerkschaftsfeindlicher Berater:innen teilnehmen zu lassen, während sie Gewerkschaftsorganisator:innen den Zugang zu ihren Werksparkplätzen verwehren und das Wachpersonal Flugblätter von Beschäftigten konfiszieren lassen, die es wagen, sie mitzunehmen. Eine Studie des Economic Policy Institute (wirtschaftspolitisches Institut) aus dem Jahr 2019 ergab außerdem, dass die Unternehmensführungen in mehr als 40 % der Gewerkschaftswahlen die gesetzlichen Rechte der Arbeiter:Innen verletzten und in 20 % der Fälle gewerkschaftsfreundliche Lohnabhängige illegal entließen.

Diktatur des Kapitals

Marx wies in „Das Kapital“ darauf hin, dass im Vergleich zur Sphäre der Warenzirkulation, dem Markt, wo alles auf der Grundlage von Gleichheit, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit zu funktionieren scheint, sobald die Arbeiter:innen die Sphäre der Produktion, den Arbeitsplatz, betreten, eine regelrechte Diktatur des Kapitals herrscht.

Es ist ein äußerst ermutigendes Zeichen, dass Arbeitsplätze, die sich der gewerkschaftlichen Organisierung entziehen sollen, in denen die Unternehmensleitungen ihre Beschäftigten ausspionieren und „Störenfriede“ in fast totalitärer Weise ausmerzen, beginnen, sich zu organisieren und zu wehren. Ermutigend ist auch das Potenzial des Widerstands von Arbeiter:innen in den größeren Gewerkschaftsverbänden, wie die Streikabstimmung von 56.000 Mitgliedern der SEIU-Ortsgruppe 721 im County Los Angeles. Die Ortsgruppe besteht aus Beschäftigten im Bereich der psychischen Gesundheit, Sozialdienstleistungen und Pflege- bzw. Erziehungspersonal, die zu den am meisten ausgebeuteten Arbeiter:Innen gehören und unter den schrecklichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie zu leiden hatten.

Nur kämpferische Gewerkschaften, die in der Belegschaft verwurzelt sind und über eine starke lokale, nationale und internationale Unterstützung verfügen, können den im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern oder Kanada niedrigen gewerkschaftlichen Organisationsgrad überwinden, der die USA seit den 1980er Jahren kennzeichnet.

Jüngste Meinungsumfragen zeigen, dass fast 50 % der nicht gewerkschaftlich organisierten amerikanischen Arbeiter:innen eine gewerkschaftliche Vertretung wünschen. Dennoch erschweren die Gesetze vieler Bundesstaaten die Anerkennung und den Abschluss eines Gewerkschaftsvertrags enorm. Eine grundlegende Änderung der extrem gewerkschaftsfeindlichen Gesetze des Landes ist unabdingbar, wenn diese Beschäftigten überhaupt eine Chance auf eine gewerkschaftliche Organisierung erhalten sollen.

Es muss eine Charta der Arbeiter:innenrechte ausgearbeitet werden, die eine gewerkschaftliche Vertretung in allen Betrieben, einen Gewerkschaftsvertrag und das Streikrecht umfasst, wenn die Arbeiter:innen dafür stimmen, und alle Gewerkschaften, ob groß oder klein, müssen sich verpflichten, dafür zu kämpfen. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Charta muss eine Verpflichtung zur Rassen- und Geschlechtergerechtigkeit bei der Einstellung sein.

Aber nur ein Klassenkampf, der so groß oder noch größer ist als in den 1930er Jahren, kann dies bewirken. Was die Arbeiter:innen, die versuchen, ihre gefängnisähnlichen Arbeitsplätze gewerkschaftlich zu organisieren, brauchen, ist die kämpferische Solidarität anderer Arbeiter:innen und der sie umgebenden Gemeinden, die sich national und international ausbreitet, insbesondere im Falle großer multinationaler Konzerne wie Amazon.

Aber die Arbeiter:innen in jedem Betrieb müssen auch die volle Kontrolle über ihre Organisation und über die Streiks behalten, die sie brauchen, um die Arbeitszeit zu verkürzen, die Löhne zu erhöhen und die unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu verbessern. Ein/e Arbeiter:in der Stufe 1 in Staten Island, der/die Artikel für den Versand staut, kommissioniert oder verpackt, verdient nur 18 US-Dollar pro Stunde und einen Zuschlag von 2 US-Dollar pro Stunde (!) für die Nachtarbeit von Donnerstag bis Samstag, 18:00 bis 6:45 Uhr morgens. Angesichts des rasanten Anstiegs der Lebensmittel- und Kraftstoffpreise wird die Notwendigkeit eines Lohnkampfes immer dringlicher.

Es liegt auf der Hand, dass jede Wiederbelebung der gewerkschaftlichen Organisierung eine Wiederbelebung der Klassenpolitik erfordert. In den großen Gewerkschaftskampagnen und Streiks der 1930er Jahre, als Millionen junger wie schwarzer Arbeiter und Arbeiterinnen in die Gewerkschaften strömten, waren es IWW (Industriearbeiter:innen der Welt), sozialistische, kommunistische und trotzkistische Aktivist:innen, die die Kämpfe anführten. Die Sozialist:innen von heute, angefangen bei den 90.000 Mitgliedern der Demokratischen Sozialist:innen Amerikas, aber auch die kleineren revolutionären Gruppen, sollten sich von der Unterstützung der Kandidat:innen der Demokratischen Partei ab- und sich dem Klassenkampf in den Betrieben und Gemeinden zuwenden. Diese wiederum können zu einem riesigesn Rekrutierungsfeld für eine neue Partei der Arbeiter:innenklasse geraten.

Es scheint, dass selbst Alexandria Ocasio-Cortez (AOC), die Abgeordnete für den 14. Kongressdistrikt von New York, sich weigerte, ins Lagerhaus auf Staten Island zu kommen, um ihre Unterstützung zu zeigen, und Senator Bernie Sanders kam erst an Bord, als die Schlacht schon gewonnen war. Wie viel weniger kann man von Joe Biden, dem „Freund der Arbeiter:innen“, erwarten? Was kann man von einer Demokratischen Partei erwarten, der Amazon 10 Millionen US-Dollar für Bidens Kampagne im Jahr 2020 gespendet hat?

Wenn Arbeiterkandidat:innen bei Wahlen antreten, sollten sie ihren Wähler:innen auf einer unabhängigen sozialistischen Plattform Rede und Antwort stehen und von ihnen abrufbar sein. Vorzugsweise sollten sie Aktivist:innen mit Erfahrung in Gewerkschaften oder kommunalen Kämpfen sein. Eine Wiederbelebung der organisierten Arbeiter:innenschaft kann dem Aufbau einer echten Arbeiter:innenpartei in Amerika enorm zugutekommen.

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