Arshad Shezad (RSM, Pakistan), Infomail 1310, 12. Mai 2026
Liberale Kommentator:innen wie Liaquat Ali Advocate, Syed Ibrahim und Waseem Altaf verspotten oft diejenigen, die sich gegen die amerikanischen und israelischen Angriffe auf den Iran aussprechen oder Parolen wie „Tod dem amerikanischen Imperialismus“ skandieren. Ihr Argument ist zutiefst zynisch: Sie behaupten, dass genau die Menschen, die die Vereinigten Staaten und Europa anprangern, auch verzweifelt dorthin auswandern wollen, und dass, wenn Pakistaner:innen freie Visa gewährt würden, nur wenige sich dafür entscheiden würden, in Pakistan, anderen Ländern der muslimischen Welt oder dem Globalen Süden zu bleiben. Dieser liberalen Erzählung zufolge sind die Menschen bereit, alle möglichen Mittel einzusetzen, um die imperialistischen Zentren des Westens zu erreichen.
Für Millionen einfacher Menschen ist der Widerstand gegen amerikanische Kriege, Besatzungen, Sanktionen und militärische Aggressionen keine abstrakte ideologische Haltung, sondern eine Frage des Überlebens. Gleichzeitig spiegelt der Wunsch, in die Vereinigten Staaten oder nach Europa auszuwandern, die Suche nach Sicherheit, Stabilität und einem würdigen Leben wider – Bedingungen, die weiten Teilen der Menschheit aufgrund der ungleichen, ausbeuterischen Struktur des globalen Kapitalismus verwehrt bleiben.
Es besteht kein Widerspruch zwischen der Ablehnung des Imperialismus und dem Wunsch nach Migration in imperialistische Länder. Migration selbst ist ein Produkt des internationalen kapitalistischen Systems, geprägt von der globalen Arbeitsteilung und dem Gesetz der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung. Reichtum, Industrie und Chancen konzentrieren sich in den fortgeschrittenen kapitalistischen Zentren, während Armut, Instabilität und Unterentwicklung in der abhängigen und halbkolonialen Welt reproduziert werden.
Liberale stellen Kritik an den Vereinigten Staaten und Europa häufig als Beweis für eine kulturelle oder religiöse Feindseligkeit gegenüber „Modernität“ und „Fortschritt“ dar, insbesondere in muslimischen Gesellschaften. Sie argumentieren, dass Widerstand gegen den Westen Rückständigkeit, Irrationalität oder religiöse Reaktion bedeute.
Dieses Argument verschleiert bewusst die materiellen Grundlagen antiimperialistischer Stimmungen. Der Widerstand gegen die amerikanische und europäische Vorherrschaft beschränkt sich nicht auf mehrheitlich muslimische Gesellschaften. In ganz Asien, Afrika und Lateinamerika herrscht tiefe Feindseligkeit gegenüber imperialistischen Mächten aufgrund ihrer langen Geschichte wirtschaftlicher Ausbeutung, militärischer Interventionen und politischer Vorherrschaft.
Amerikanische und europäische multinationale Konzerne schöpfen durch die Ausbeutung von Arbeitskräften, natürlichen Ressourcen und Märkten enormen Reichtum aus ärmeren Ländern ab. Dieser Prozess wird durch Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank sowie durch Militär- und Geheimdienstapparate wie die Central Intelligence Agency verstärkt. Die Folgen sind verheerend: zunehmende Armut, ökologische Zerstörung, Schuldenabhängigkeit, Währungskrisen, politische Instabilität und der Sturz von Regierungen, die imperialistische Interessen bedrohen.
Die Geschichte Lateinamerikas liefert unzählige Beispiele für imperialistische Interventionen, die eher im Interesse des Kapitals als der Demokratie durchgeführt wurden. 1973 wurde die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende in Chile durch einen von den USA unterstützten Militärputsch gestürzt, was den Weg für die brutale Diktatur von Augusto Pinochet ebnete. US-amerikanische Intervention war 1954 für den Sturz der Regierung in Guatemala verantwortlich. In Nicaragua wurden die Contras bewaffnet und finanziert, die einen Stellvertreterkrieg führten, um revolutionäre Bewegungen zu zerschlagen, während Kuba jahrzehntelang unter Wirtschaftsblockaden und Sanktionen litt.
Bei diesen Interventionen ging es nie um die Verteidigung von Demokratie oder Menschenrechten. Ihr eigentlicher Zweck war der Schutz amerikanischer wirtschaftlicher und geopolitischer Interessen.
In Afrika hielt die imperialistische Vorherrschaft noch lange nach dem Ende der formellen Kolonialherrschaft an. In der Demokratischen Republik Kongo haben ausländische Interventionen und der Kampf um die Kontrolle über Bodenschätze endlose Gewalt und Instabilität geschürt. In Libyen hat die von der NATO angeführte Intervention 2011 den Staat zerschlagen und das Land in anhaltendes Chaos und einen Bürgerkrieg gestürzt.
Diese Beispiele zeigen ein Muster: Das imperialistische Kapital entzieht den abhängigen Ländern Reichtum und behindert gleichzeitig systematisch ihre unabhängige Entwicklung.
Laut Wladimir Iljitsch Lenin stellt der Imperialismus die höchste Stufe des Kapitalismus dar – eine Stufe, die durch die Herrschaft von Monopolen, die Verschmelzung von Industrie- und Finanzkapital sowie die globale Aufteilung der Welt unter konkurrierenden Großmächten gekennzeichnet ist.
Unter dem Imperialismus beuten mächtige kapitalistische Staaten und Konzerne schwächere Nationen für billige Arbeitskräfte, Rohstoffe und Märkte aus. Dieser Prozess zerstört lokale Industrien und die Landwirtschaft, vertieft die Abhängigkeit und führt zu chronischer Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen. Millionen Menschen sind daher gezwungen, auf der Suche nach Überleben in die imperialistischen Zentren zu migrieren.
Der relative Wohlstand in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern ist untrennbar mit diesem globalen Ausbeutungssystem verbunden. Imperialistische Mächte können ihren höheren Lebensstandard zum Teil durch die Ausbeutung der unterdrückten Welt aufrechterhalten.
Doch auch Arbeitsmigrant:innen, die in diese Länder kommen, werden Opfer intensiver Ausbeutung. Sie werden oft zu schlecht bezahlter und prekärer Arbeit gezwungen, die dem Kapital enorme Gewinne beschert, während sie selbst Rassismus, Unsicherheit und sozialer Ausgrenzung ausgesetzt sind.
Um seine Interessen zu verteidigen, unterstützt der Imperialismus routinemäßig korrupte herrschende Eliten, Diktaturen, Monarchien und autoritäre Regime in abhängigen Ländern. Diese Allianzen verschärfen politische Krisen und tragen oft zu Bürgerkriegen und sozialem Zusammenbruch bei. In vielen mehrheitlich muslimischen Gesellschaften hat die imperialistische Politik eine zentrale Rolle bei der Stärkung reaktionärer politischer Kräfte gespielt.
Die von den Vereinigten Staaten im Irak und in Afghanistan geführten Kriege wurden im Namen von Demokratie, Frieden und Menschenrechten gerechtfertigt, führten jedoch zu Verwüstung, Massenvertreibung und sozialer Zerstörung.
Im Iran ebneten der Sturz von Mohammad Mossaddegh und die Wiedereinsetzung des Schahs durch ausländische Intervention den Weg für Jahrzehnte der Unterdrückung und trugen letztlich zum Aufstieg des klerikalen Regimes bei, das nach der Revolution entstand.
Ebenso lässt sich der Erfolg der Taliban in Afghanistan nicht losgelöst vom Kontext der imperialistischen Politik und Interventionen des Kalten Krieges verstehen.
Von Westasien bis nach Lateinamerika zeigen die historischen Aufzeichnungen, dass die Vereinigten Staaten nicht als Kraft für Befreiung oder menschlichen Fortschritt gewirkt haben. Vielmehr haben sie als eine im Niedergang begriffene imperialistische Macht fungiert, die zunehmend Militarismus, Autoritarismus, rechtsextreme Reaktionen, Bürgerkriege und sogar genozidale Gewalt schürt, um ihre globale Vorherrschaft aufrechtzuerhalten.
Die religiöse Form, die die antiamerikanische Stimmung in muslimischen Gesellschaften oft annimmt, muss ebenfalls historisch verstanden werden. Imperialistische Mächte untergruben systematisch sozialistische, säkulare und progressive nationalistische Bewegungen, während sie Diktaturen, Monarchien und religiös-fundamentalistische Kräfte unterstützten, die ihren strategischen Interessen dienten.
Wären fortschrittliche und sozialistische Bewegungen nicht durch Unterdrückung und ausländische Interventionen zerschlagen worden, hätte sich säkulare und emanzipatorische Politik in der muslimischen Welt und anderen ehemals kolonialisierten Gesellschaften wahrscheinlich weitaus stärker entwickelt.
Der Aufstieg reaktionärer Politik in diesen Gesellschaften lässt sich nicht von der wirtschaftlichen und politischen Rolle trennen, die der Imperialismus selbst spielt. Diese Realität zu leugnen, bedeutet, die historischen Fakten abzustreiten.
Liberale stellen den Kapitalismus oft als ein System dar, das von Natur aus Demokratie, Freiheit und sozialen Fortschritt hervorbringt. Dabei ignorieren sie die tiefen strukturellen Krisen des Kapitalismus und seine Geschichte brutaler Ausbeutung.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren Arbeiter:innen in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern regelmäßig vierzehn bis sechzehn Stunden am Tag unter entsetzlichen Bedingungen für Hungerlöhne tätig. Kinderarbeit war weit verbreitet, Todesfälle am Arbeitsplatz waren an der Tagesordnung, und Frauen wurden grundlegende soziale und politische Rechte verwehrt.
Diese Reformen waren keine Geschenke aufgeklärter Kapitalist:innen. Sie wurden durch erbitterte Kämpfe der Arbeiterklasse errungen. Die Russische Revolution und der Einfluss der bolschewistischen Partei spielten ebenfalls eine wichtige Rolle dabei, die Kapitalist:innenklasse in Europa aus Angst vor revolutionären Umwälzungen zu Zugeständnissen zu zwingen.
Wenn Kapital auf der Suche nach Profit frei über Grenzen hinweg fließen darf, dann sollte auch die Arbeit die Freiheit haben, sich auf der Suche nach Überleben und Würde zu bewegen.
Die Kriege, die Umweltzerstörung, die Wirtschaftskrisen und die sozialen Katastrophen, die die moderne Welt prägen, sind keine Zufälle. Sie sind Produkte des imperialistischen kapitalistischen Systems selbst. Nur durch einen Kampf gegen Imperialismus und Kapitalismus kann die Menschheit eine echte Alternative zu Reaktion, Unterdrückung, Armut und Unwissenheit schaffen – sowohl in muslimischen Gesellschaften als auch weltweit.