25 Jahre Trend-Online: Aufgaben der „Klassenlinken“

Martin Suchanek, Infomail 1133, 4. Januar 2020

Politische Nachrufe nehmen oft die Form einer kritischen Würdigung an und münden in Lehren und Folgerungen für eine – hoffentlich – bessere Zukunft. Dem Format wollen oder können wir uns im Beitrag zu letzten Ausgabe der Trend-Online-Zeitung auch nicht entziehen.

Wer 25 Jahre lang ein Magazin herausbrachte, das von unterschiedlichen Strömungen und Personen der „radikalen Linken“ als Medium genutzt wurde, muss auch etwas richtig gemacht haben. In jedem Fall hat Trend-Online einem realen Bedürfnis einer politisch zersplitterten Linken links von der Sozialdemokratie Rechnung getragen – dem Bedürfnis, ein breiteres Publikum zu erreichen, als es die eigenen Organe vermochten, wie auch dem nach Austausch und Diskussion. Trend-Online stellte somit auch einen Ansatzpunkt dar, eine Art Gegenöffentlichkeit zur bürgerlichen herzustellen.

Dies bildete natürlich kein Alleinstellungsmerkmal. Andere Plattformen waren und sind jedoch entweder auf bestimmte Formen der Auseinandersetzungen zentriert – wie z. B. das Labournet – oder sie wurden wie indymedia faktisch zum exklusiven Privatmedium einer bestimmten ideologischen Strömung – im konkreten Falle von indymedia eines libertären, anarchistischen, mehr oder minder autonomen Sektors der „radikalen“ Linken, der schon bald Statements und Positionspapiere von Gruppen, zumal von „autoritären“, blockierte.

Natürlich war auch Trend-Online nie eine „über den Parteien und Strömungen“ stehende, vorgebliche selbstlose Plattform. Und das war gut so. Anders als z. B. indymedia proklamierte das Trend-Online nicht. Schließlich stellt die Behauptung, dass es ein solches, vorgeblich neutrales, über den verschiedenen Gruppierungen der antikapitalistischen Linken stehendes Medium überhaupt geben könne, im besten Fall eine ideologische Selbsttäuschung dar – oft genug eine schlichte Lüge, mit der sich missliebige Strömungen unpolitisch ausschließen lassen.

Trend-Online stand es gut zu Gesicht, nie vorzugeben, dass es nicht selbst Partei und parteiisch wäre, nicht selbst Teil einer seit Jahrzehnten auf das Stadium kleiner Propagandagesellschaften, Zirkel oder „Sekten“ zurückgeworfenen subjektiv, also dem eigenen Anspruch nach, revolutionären Linken.

Trend-Online bot in den letzten Jahren den von der Redaktion selbst „Klassenlinke“ bezeichneten Gruppierungen ein Forum, die sie sonst nicht gehabt hätten, da sie in weiten Teilen der kleinbürgerlich geprägten „radikalen“ Linken der Bundesrepublik selbst ausgegrenzt werden. Innerhalb der „Klassenlinken“ stand die Trend-Online-Redaktion dem Maoismus näher als jeder anderen Strömung. Aber sie erfüllte ihr Ziel einer strömungsübergreifenden Veröffentlichungspolitik weitgehend, jedenfalls weit mehr als alle sog. antiautoritären Plattformen.

Für viele kleinbürgerlich-(post)autonom geprägte „Linksradikale“ mag das paradox erscheinen – und paradox ist dies auch von einem Standpunkt aus, für den das revolutionäre Subjekt letztlich eine Sammlung von Individuen darstellt. Für eine marxistische, also klassenpolitische, Linke hingegen bedeutet das revolutionäre Subjekt immer ein Klassensubjekt, nicht bloß eine Sammlung von mehr oder weniger vielen Menschen guten Willens.

Daher erfordert die Herausbildung eines solchen Subjekts – des Werdens einer Klasse an sich zu einer Klasse für sich – immer eine Verbindung zu den Grundfragen von Theorie, Programm, Strategie, Taktik und des Aufbaus einer revolutionären Partei und Internationale in einer konkreten geschichtlichen Lage.

Trend-Online wollte einen Beitrag zur Lösung dieser ungelösten Hauptaufgabe der kommunistischen Linken leisten und versuchte z. B., in den NaO-Prozess einzugreifen, aus dem der „Arbeitskreis Kapitalismus aufheben“ (AKKA) entgegen der Einwände der Gruppe ArbeiterInnenmacht sehr früh ausgegrenzt wurde.

Unabhängig davon zeigten sich in der Programm- und Organisationsfrage aber auch Schwächen und Grenzen des Projekts. Trend-Online bot zwar eine Tribüne, aber es organisierte weder eine darüber hinausgehende Diskussion noch vertrat es eigene politische und programmatische Vorschläge zur Überwindung der Zersplitterung der „Klassenlinken“. Im Grunde, so unsere Kritik, erhoffte sich die Redaktion eine organische Zusammenführung von Positionen, die aus guten Gründen, also aufgrund realer und ernster theoretischer und programmatischer Differenzen, als verschiedene Organisationen existieren.

Eine Vereinigung solcher Gruppierungen bzw. deren Neuzusammensetzung in einer größeren, revolutionären Organisation kann jedoch, so unsere Erfahrung, nur durch eine Verbindung von gemeinsamer Aktion/Praxis und theoretischer und programmatischer Klärung erfolgen, also durch die Vereinheitlichung auf Basis eines revolutionären Programms.

Ansonsten existieren unterschiedliche, letztlich in verschiedene Richtungen drängende Gruppierungen unter einem Dach ohne theoretisch fundierte Grundlage weiter. Eine davon angeleitete, gemeinsame Praxis wie auch die Verallgemeinerung kollektiver Erfahrung ist ohne diesen gemeinsamen Bezugsrahmen letztlich jedoch unmöglich. Einer solchen Konstruktion steht das Zerfallsdatum schon eingeschrieben.

In der Online-Zeitung äußerte sich diese Problem letztlich nur indirekt, in deren Erscheinungsform. Alle möglichen Beiträge unterschiedlicher Gruppen standen oft unvermittelt nebeneinander, quasi als  „klassenlinke“ Rundschau, als Sammlung von Statements, teilweise auch als innere Nabelschau und als Update neuester Spaltungen samt politischer Schmutzwäsche.

Es wäre ungerecht, diese Probleme bloß Trend-Online anzulasten. Die Veröffentlichungspraxis reflektierte schließlich nicht nur dessen Redaktion, sondern auch die „Klassenlinke“ selbst – und damit deren eigene Schwächen. Sie existiert weitgehend unvermittelt voneinander, weil sie Zusammenarbeit und Kritik oft genug als einander ausschließende Faktoren betrachtet. Das hat zwar mit Marxismus, Leninismus oder Trotzkismus wenig zu tun – umso mehr aber mit der politischen Dünnhäutigkeit und theoretischen wie programmatischen Dürftigkeit eines großen Teils der „radikalen“ Linken. Diesem hielt Trend-Online zum Teil den Spiegel vor Augen, kam aber über die Bespiegelung nicht wirklich hinaus.

Dabei wäre das dringend nötig – und mit einigen Gedanken und zur Diskussion dieser Frage wollen wir schließen. Die aktuelle Mehrfachkrise des Kapitalismus – globale Rezession; Kampf um die Neuaufteilung der Welt zwischen den Großmächten; drohende ökologische Katastrophe und die Pandemie, die mittlerweile schon 1,8 Millionen Tote gefordert hat – erfordern eigentlich ein koordiniertes, bundesweites wie internationales Eingreifen der „Klassenlinken“. Dazu braucht es unserer Meinung nach eine Verständigung über ein Aktionsprogramm, also zentrale ökonomische, soziale und politische Forderungen sowie eine Politik der Einheitsfront gegenüber den Gewerkschaften und anderen Massenorganisationen der ArbeiterInnenklasse. An dieser Stelle wollen wir nur kurz auf unser Corona und Krise: Aktionsprogramm für die ArbeiterInnenklasse! verweisen.

Nicht minder wichtig und damit verbunden, bedarf es einer Diskussion zu theoretischen und programmatischen Grundfragen revolutionärer Politik. Mit der neuesten Ausgabe des „Revolutionären Marxismus“ widmen wir uns einem solchen Themenkomplex, der Frage des Imperialismus, der marxistischen Theorie, ihrer Aktualität, aber auch der Notwendigkeit ihrer Aktualisierung. Dazu werden wir im kommenden Halbjahr auch eine Reihe von Online-Veranstaltungen durchführen. Wir hoffen, so einen Beitrag zur politischen Stärkung, Formierung und zur revolutionären Vereinheitlichung einer „Klassenlinken“ zu leisten, die in nicht allzu ferner Zukunft das Stadium des Zirkelwesens zu überwinden fähig ist.

Redaktioneller Hinweis

Der Artikel erschien ursprünglich in Nr. 1/2021 der von Trend-online Zeitung. Alle Ausgaben von Trend-online sind weiter als Archiv auf http://www.infopartisan.net/ zugänglich.

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