Irfan Khan, Infomail 1317, 6. August 2026
Die wachsenden Unruhen unter Indiens Jugend haben längst den Rahmen von Forderungen nach Bildungsreformen oder Beschwerden über Unregelmäßigkeiten bei Prüfungen gesprengt. Sie haben sich zu einer tiefgreifenden Herausforderung für die gesamte soziale, wirtschaftliche und politische Ordnung des Landes entwickelt. Jantar Mantar in Neu-Delhi, seit Jahrzehnten das symbolische Herz der Protestpolitik, ist erneut zum Epizentrum einer landesweiten Widerstandsbewegung geworden. Diesmal wird die Bewegung jedoch nicht ausschließlich von den traditionellen Student:innenorganisationen angeführt. Eine neue Jugendformation – die Cockroach Janata Party (Kakerlaken-Volkspartei) – ist als kraftvoller Ausdruck der Wut der Bevölkerung entstanden und hat die politische Landschaft dramatisch verändert.
Die Demonstrationen nahmen massive Ausmaße an, nachdem der Präsident des Obersten Gerichtshofs, Surya Kant, arbeitslose junge Menschen als „Kakerlaken“ (Cockroaches) bezeichnet hatte. Schließlich trat der indische Bildungsminister Dharmendra Pradhan am 25. Juli nach wochenlangen Protesten zurück.
Die Bewegung zeigte, dass Millionen junger Menschen zu dem Schluss gekommen waren, dass ihre Zukunft einem Prüfungssystem, einer Marktwirtschaft und einem Staatsapparat ausgeliefert war, die weder transparent noch fair sind und deren Bestrebungen und harte Arbeit kaum Beachtung finden. Vorwürfe wegen Prüfungsbetrugs, wiederholter Prüfungslecks, institutioneller Inkompetenz und des unaufhaltsamen Anstiegs der Arbeitslosigkeit schürten eine explosive Stimmung unter den Jugendlichen. Was als Proteste gegen Unregelmäßigkeiten bei Prüfungen begann, entwickelte sich schnell zu einer breiteren politischen Bewegung und machte Jantar Mantar zu einem nationalen Symbol des Widerstands gegen ein versagendes System.
Die herrschende Klasse versucht, die gegenwärtige Krise auf Fragen der administrativen Inkompetenz, der Korruption oder der Fehler einer Handvoll Beamt:innen zu reduzieren. In Wirklichkeit sind dies jedoch nur Symptome der sich verschärfenden strukturellen Krise des indischen Kapitalismus.
Indien hat eine enorm große junge Bevölkerung. Fast zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 35 Jahre alt, während Hunderte Millionen zur Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen gehören. Doch der Kapitalismus hat sich als unfähig erwiesen, dieser riesigen Generation sichere Arbeitsplätze, eine hochwertige Bildung oder eine würdige Zukunft zu bieten. Die Bildungskosten steigen weiter an, die Beschäftigung im öffentlichen Dienst schrumpft stetig, Privatisierung und befristete Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, während das Unternehmenskapital versucht, seine Gewinne zu maximieren, indem es junge Beschäftigte in permanenter Unsicherheit und prekären Beschäftigungsverhältnissen gefangen hält.
Die Jugendarbeitslosigkeit liegt nach wie vor um ein Vielfaches über dem nationalen Durchschnitt, wobei oft gebildete junge Menschen die Hauptlast der Krise tragen. Gleichzeitig sind mehr als neunzig Prozent der indischen Erwerbsbevölkerung im informellen Sektor beschäftigt, wo stabile Beschäftigungsverhältnisse, Renten, soziale Sicherheit und selbst die grundlegendsten Arbeitsrechte praktisch nicht existieren. Unter solchen Bedingungen sind öffentliche Prüfungen nicht mehr nur ein Meilenstein in der Bildung; für Millionen junger Menschen werden sie zu einer Frage des Überlebens. Wenn Beschäftigungsmöglichkeiten knapp sind und die Integrität des Prüfungssystems selbst in Frage gestellt wird, ist Massenwut keine Anomalie, sondern eine unvermeidliche Folge.
Als Narendra Modi 2014 an die Macht kam, versprach er Millionen von Arbeitsplätzen, rasantes Wirtschaftswachstum und die Schaffung eines „neuen Indiens“. Mehr als ein Jahrzehnt später zeichnet die Realität ein ganz anderes Bild. Dem Unternehmenskapital wurden immer größere Zugeständnisse gemacht, die Privatisierung hat sich beschleunigt, die öffentlichen Investitionen in Bildung und Gesundheitswesen sind weiterhin unzureichend, während Arbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse und schwindende Perspektiven für Millionen junger Menschen zu prägenden Merkmalen des Alltags geworden sind.
Es wäre jedoch falsch, all diese Probleme ausschließlich der derzeitigen Regierung anzulasten. Ihre Wurzeln liegen in der Struktur des indischen Kapitalismus selbst. Dennoch hat die von der Modi-Regierung verfolgte Wirtschafts- und Bildungspolitik diese Widersprüche zweifellos verschärft und die Krise vertieft.
Die Bewegung hat zudem eine der zentralen politischen Strategien der Modi-Regierung in Frage gestellt. In den vergangenen zehn Jahren wurden kommunale Polarisierung und religiöse Spaltung wiederholt genutzt, um die öffentliche Aufmerksamkeit von drängenden sozialen und wirtschaftlichen Themen abzulenken. Im Gegensatz dazu hat diese Bewegung die Themen Beschäftigung, Bildung, Transparenz bei Prüfungen und die Zukunft einer ganzen Generation in den Mittelpunkt der politischen Debatte gerückt. Junge Menschen aus verschiedenen Religionen, Kasten, Sprachgemeinschaften und Regionen haben sich auf einer gemeinsamen Plattform zusammengeschlossen und damit gezeigt: Wenn wirtschaftliche und soziale Widersprüche ausreichend akut werden, können breite Schichten der Jugend über konfessionelle Spaltungen hinwegsehen und beginnen, sich um ihre gemeinsamen Klasseninteressen und sozialen Bestrebungen zu organisieren.
Der von dem Umweltaktivisten und Verfechter von Bildungsreformen Sonam Wangchuk angeführte Kampf verlieh der Bewegung zudem neuen politischen und moralischen Schwung. Indem er zur Unterstützung der Forderungen der Studierenden in den Hungerstreik trat, trug Wangchuk dazu bei, das, was zunächst als studentisches Anliegen erschienen war, in eine breitere Massenbewegung zu verwandeln. Die Regierung und der Staatsapparat gingen davon aus, dass die Entfernung der Demonstrant:innen vom Demonstrationsort oder deren Unterdrückung die Bewegung schwächen würde. Stattdessen geschah das Gegenteil. Das harte Vorgehen gegen Wangchuk brachte Tausende weiterer junger Menschen auf die Straße, hauchte den Protesten neues Leben ein und erweiterte ihre gesellschaftliche Reichweite erheblich.
Eines der auffälligsten Merkmale der Bewegung war ihre Fähigkeit, eine Beleidigung in ein Symbol des Widerstands zu verwandeln. Die „Cockroach Janata Party“ entstand als politischer Ausdruck dieses Widerstands. Sie zog Tausende junger Menschen an, die zuvor außerhalb des Einflussbereichs traditioneller politischer Parteien gestanden hatten, aber zunehmend frustriert waren über staatliche Repression, Massenarbeitslosigkeit und die anhaltende Prüfungskrise.
Das Aufkommen dieser Strömung ist aus mehreren Gründen von Bedeutung. Erstens gab es vielen jungen Menschen das Selbstvertrauen, dass sie eine eigenständige politische Identität entwickeln konnten, anstatt sich einfach den etablierten Parteien anzuschließen. Zweitens zeigte es, wie soziale Medien nicht nur als Plattform zum Ausdruck von Unzufriedenheit, sondern auch als wirksames Instrument der politischen Organisation und Mobilisierung genutzt werden konnten. Drittens spiegelte sie die wachsende Desillusionierung einer neuen Generation gegenüber den traditionellen Parteien der herrschenden Klasse wider. Gleichzeitig ist es jedoch keiner Kraft, die sich weiterhin der Erhaltung der bestehenden kapitalistischen Ordnung verschrieben hat, gelungen, sich als echte Alternative zu präsentieren.
Trotz ihrer militanten Rhetorik bleibt auch die Cockroach Janata Party innerhalb der Grenzen des bestehenden Systems gefangen. Ihr Programm beschränkt sich weitgehend auf Forderungen nach Prüfungsreformen, mehr Rechenschaftspflicht, Transparenz und einem Regierungswechsel. Dies sind zwar legitime und wichtige demokratische Forderungen, doch gehen sie nicht auf die grundlegenden Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft ein, die der gegenwärtigen Krise zugrunde liegen.
Der Rücktritt eines BJP-Ministers stellt zweifellos einen wichtigen Erfolg für die Bewegung dar, bedeutet jedoch nicht das Ende des Kampfes. Innerhalb des Rahmens des bestehenden Systems lässt sich keine dauerhafte Lösung für junge Menschen oder die arbeitenden Massen finden. Die Welle von Strafverfahren gegen Studentenführer:innen, die Verhaftungen von Aktivist:innen und die anhaltende staatliche Repression nach den Demonstrationen zeigen deutlich, dass der Kampf nicht auf den Rücktritt einer/s einzelnen Minister:in oder die Amtsenthebung einer einzelnen Person reduziert werden kann.
Das eigentliche Problem ist nicht einfach eine Regierung, sondern die kapitalistische Politik, die die Modi-Regierung im Interesse des Großkapitals weiterhin verfolgt. Aus diesem Grund muss sich die gegenwärtige Jugendbewegung zu einer breiteren antikapitalistischen Bewegung entwickeln und ihren Kampf mit dem der Arbeiter:innen, Bäuer:innen, Frauen, Dalit (unterste soziale Schicht, darunter „Unberührbare“ und Kastenlose), Adivasi (Indigene), religiösen Minderheiten und aller anderen unterdrückten Teile der Gesellschaft verbinden.
Linke Student:innenorganisationen spielten in dieser Bewegung eine bedeutende Rolle. Ihre Mitglieder nahmen nicht nur aktiv an den Demonstrationen teil, sondern halfen auch bei deren Organisation und Aufrechterhaltung. Besonders hervorzuheben waren die Students’ Federation of India (SFI) und die All-India Students’ Association (AISA), die der Communist Party of India Marxist–Leninist Liberation (CPI-ML/L) angegliedert ist; gemeinsam mobilisierten sie landesweit eine große Zahl von Studierenden. Unter den aufstrebenden Führungspersönlichkeiten der Bewegung erlangte Neha Bora von der AISA beträchtliche Bekanntheit.
Dennoch wurden auch die politischen Grenzen der Führung deutlich. Obwohl die AISA-Führung sowohl die Modi-Regierung als auch das kapitalistische System scharf kritisiert, führte ihre politische Strategie letztendlich dazu, dass sie Rahul Gandhi und die Kongresspartei unterstützten, die nach wie vor eine Partei der indischen Kapitalist:innenklasse ist, die sich für die Aufrechterhaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung einsetzt. Aus dieser Perspektive liegt das grundlegende Problem in erster Linie bei der Modi-Regierung, während die Umsetzung der Verfassung und die Wahl einer anderen Regierung als ausreichende Lösungen dargestellt werden.
Dies spiegelt eine der zentralen Schwächen eines Großteils der indischen Linken wider. Anstatt zu versuchen, eine Massenbewegung in einen Kampf gegen das kapitalistische System selbst zu verwandeln, neigt sie dazu, solche Bewegungen der parlamentarischen Politik und Wahlbündnissen unterzuordnen. Im Namen der Verteidigung des Säkularismus werden Massenkämpfe immer wieder hinter die Kongresspartei kanalisiert. Infolgedessen werden linke Student:innenorganisationen trotz ihres Mutes, ihres Engagements und ihrer Opfer oft zu Gefangenen dieser politischen Strategie.
Eines der bedeutendsten Merkmale dieser Bewegung war ihre Fähigkeit, breite Schichten der städtischen Mittelschicht in den Kampf einzubeziehen. Jahrzehntelange neoliberale Politik hat den Glauben, dass Bildung und harte Arbeit allein eine bessere Zukunft sichern können, zutiefst untergraben. Steigende Arbeitslosigkeit, der Abbau von Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst, wiederholte Prüfungsskandale, Privatisierungen und die explodierenden Bildungskosten haben die Hoffnungen von Millionen von Familien der Mittelschicht zunichtegemacht. Eltern, die ihre gesamten Ersparnisse in die Bildung ihrer Kinder investiert hatten, sahen sich plötzlich mit der Möglichkeit konfrontiert, dass all ihre Opfer sinnlos werden könnten, sollte das Prüfungssystem selbst korrupt und unzuverlässig werden. Aus diesem Grund wurden die Protestorte nicht nur von Studierenden, sondern auch von Eltern, Lehrkräften und anderen Teilen der städtischen Mittelschicht besetzt. Ihre wachsende Unzufriedenheit ist selbst Ausdruck der umfassenderen Krise des Kapitalismus.
Die größte Stärke der Bewegung liegt in der Entschlossenheit, dem Mut und dem politischen Erwachen der Jugend. Ihre Hauptschwäche besteht jedoch darin, dass sich ihre soziale Basis nach wie vor weitgehend auf Studierende, gebildete junge Menschen und Teile der städtischen Mittelschicht konzentriert. Der kapitalistische Staat gibt seine grundlegende Politik nicht einfach wegen Demonstrationen oder des Rücktritts einzelner Minister:innen auf. Seine wahre Macht liegt nicht nur im Parlament, sondern in der wirtschaftlichen Vorherrschaft der Kapitalist:innenklasse und in den Institutionen, die ihre Herrschaft verteidigen – der Bürokratie, der Justiz, der Polizei und dem gesamten Apparat staatlicher Repression.
Aus diesem Grund ist es unerlässlich, dass die Rebellion der Jugend mit der organisierten Kraft der Arbeiter:innenklasse verschmilzt. Mehr als eine halbe Milliarde Lohnabhängige sind in Indiens Industrie, im Baugewerbe, im Transportwesen, im Dienstleistungssektor, in der Landwirtschaft und in anderen Bereichen beschäftigt, während Millionen von Kleinbäuer:innen und Landarbeiter:innen ebenfalls die Last der Wirtschaftskrise, der Privatisierung und der unerbittlichen Angriffe der Konzerne tragen. Es ist die Arbeiter:innenklasse, die den Reichtum der Gesellschaft produziert und die gesamte Wirtschaft am Laufen hält. Wenn ihre organisierte Stärke durch Streiks und Massenmobilisierungen mit den Kämpfen der Jugend vereint wird, kann sie nicht nur eine bestimmte Regierung, sondern das kapitalistische System selbst herausfordern.
Die Erfahrungen der letzten Jahre haben dieses Potenzial bereits aufgezeigt. Die historische Bäuer:innenbewegung und die landesweiten Generalstreiks mobilisierten zig Millionen Arbeiter:innen und Bäuer:innen und zwangen die Regierung, in wichtigen Fragen einen Rückzieher zu machen. Die Student:innen- und Jugendbewegung wird ihr volles revolutionäres Potenzial erst dann entfalten, wenn sie organisch mit der kollektiven Kraft der Arbeiter:innenklasse verbunden ist.
Innerhalb der Linken feiert eine Tendenz jeden Sieg der Bewegung, als wäre er der endgültige Triumph, und lehnt jede Kritik an ihren politischen Grenzen ab. In der Praxis führt dies dazu, dass sie bürgerliche Parteien wie die Kongresspartei unterstützt. Eine andere Tendenz lehnt die Bewegung gänzlich ab, weil ihre derzeitige Führung weiterhin auf das kapitalistische System setzt.
Die revolutionär-sozialistische Position lehnt diese beiden falschen Alternativen ab.
Diese Bewegung hat bereits gezeigt, dass Narendra Modi, der lange Zeit als politisch unbesiegbar dargestellt wurde, durch den Druck des Massenkampfes in die Defensive gedrängt werden kann. Sie hat auch gezeigt, dass die Modi-Regierung nicht in erster Linie durch parlamentarische Manöver besiegt werden wird, sondern durch organisierte Massenaktionen auf den Straßen, an den Universitäten, in den Fabriken, auf den Feldern und in den Arbeiter:innenvierteln.
Aus diesem Grund besteht die Verantwortung linker Student:innenorganisationen und revolutionärer Sozialist:innen nicht einfach darin, der bestehenden Führung der Bewegung zu folgen. Ihre Aufgabe ist es, innerhalb der Bewegung für ein unabhängiges Klassenprogramm zu kämpfen, das die unmittelbaren demokratischen Forderungen der Jugend mit dem umfassenderen Kampf für den Sturz des Kapitalismus verbindet.
Ein solches Programm sollte folgende zentrale Forderungen vorantreiben:
Nur auf diese Weise kann sich die Jantar-Mantar-Bewegung über eine Kampagne für Prüfungsreformen oder den Rücktritt einer/s einzelnen Minister:in hinaus entwickeln. Sie besitzt das Potenzial, zur Grundlage eines breiten revolutionären Kampfes gegen das kapitalistische System selbst zu werden. Die Herausforderung besteht darin, die heutigen Proteste in eine dauerhafte revolutionäre Bewegung zu verwandeln. Dies erfordert jedoch den Aufbau einer revolutionären Partei in Indien, die in der Lage ist, die Wut und Frustration der Massen in einen bewussten Kampf für die sozialistische Revolution umzuwandeln.