Peter Main, Infomail 1320, 18. September 2026
Nachdem wir uns mit der US-Politik gegenüber Europa befasst haben, wenden wir uns nun der westlichen Hemisphäre zu. Als egoistischer Immobilienspekulant sieht Donald Trump keinen Grund, warum Kanada, das Nachbargrundstück, nicht einfach in sein bestehendes Immobilienportfolio eingegliedert werden sollte. Auch wenn er damit einen weiterer Beweis für seine Unterschätzung des Konzepts der nationalen Identität erbringt, ist Kanada eine imperialistische Macht, und wir haben kein besonderes Interesse daran, es zu verteidigen. Worüber wir heute sprechen werden, ist Washingtons Politik gegenüber Lateinamerika, das oft als „Amerikas Hinterhof“ bezeichnet wird – zumindest von anderen imperialistischen Mächten.
In ihrer Berichterstattung zu diesem Thema beziehen sich Journalist:innen oft scherzhaft auf die neue „Donroe-Doktrin“ oder, wenn sie besser informiert sind, auf das „Donroe-Korollar“ (logische Folge); daher werden wir damit beginnen – und wie wir sehen werden, ist dies, sobald man sich näher damit befasst, alles andere als ein Scherz.
Der Verweis bezieht sich natürlich auf die Erklärung von James Monroe, dem fünften Präsidenten der USA, aus dem Jahr 1823, wonach es in den „Amerikas“ keine „Einmischung“ durch andere Mächte geben dürfe. Er meinte damit die europäischen Mächte, die durch nationalistische Bewegungen vertrieben worden waren und von denen man annahm, dass sie versuchen würden, zurückzukehren. Interessanterweise handelte es sich hierbei um die „Monroe-Doktrin“. Obwohl sie vom Vereinigten Königreich nicht offiziell übernommen wurde, bestand zwischen London und Washington Einigkeit darüber, dass nur die Royal Navy (britische Seestreitkräfte) die Fähigkeit besaß, die Doktrin durchzusetzen – und natürlich über den gemeinsamen Wunsch, die Kontinentaleuropäer:innen fernzuhalten. Bezeichnenderweise verstieß das „perfide Albion“ fast sofort gegen die Doktrin, indem es seine eigene Souveränität über die argentinischen Islas Malvinas verkündete, die es in Falklandinseln umbenannte.
Abgesehen davon wurde die Doktrin herangezogen, um ein Eingreifen der USA in ganz Lateinamerika zu rechtfertigen, wann immer ihre Interessen bedroht waren oder sich daraus ein Vorteil ziehen ließ – zum Beispiel im Krieg gegen Spanien zur Übernahme der effektiven Kontrolle über Kuba im Jahr 1896. Kurz darauf – und vielleicht, um dies im Nachhinein zu rechtfertigen – erklärte Präsident Theodore Roosevelt, die USA hätten das Recht, in Amerika als „internationale Polizeimacht“ zu agieren, und folglich das Recht, einzugreifen, um „chronisches Fehlverhalten“ oder „Instabilität“ zu unterbinden. Dies wurde als „Roosevelt-Korollar“ zur Monroe-Doktrin bezeichnet.
Eine solch explizite Behauptung der Oberhoheit der USA über die gesamte Hemisphäre sollte eigentlich durch Franklin Delano Roosevelts „Good-Neighbor“ (Gute Nachbar)-Politik abgelöst worden sein, in der er versprach, dass sich die USA nicht in die inneren oder äußeren Angelegenheiten lateinamerikanischer Staaten einmischen würden. Diese galt zumindest theoretisch noch in den 1960er Jahren, verhinderte jedoch weder Kennedys Angriff auf Kuba in der Schweinebucht noch Johnsons Entsendung von Truppen in die Dominikanische Republik, als er ein „zweites Kuba“ befürchtete.
In Wirklichkeit haben sich die USA also schon immer das Recht zugeschrieben, Lateinamerika ihren Willen aufzuzwingen. Im Allgemeinen formuliert das „Trump-Korollar“ oder die Donroe-Doktrin, wie sie in der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA zum Ausdruck kommt, dies lediglich für das 21. Jahrhundert neu. Es gibt jedoch eine wesentliche Verschiebung der Schwerpunkte. Neben der Einführung des Gedankens, dass die Verhinderung des Drogenschmuggels als ausreichende Rechtfertigung für eine Intervention gilt, wird darin festgelegt, dass das Ziel darin besteht, alle „Außenstehenden“ daran zu hindern, Truppen zu entsenden oder strategische Ressourcen wie Bodenschätze zu kontrollieren. Dies spiegelt in der Tat Monroes Befürchtung wider, dass „ausländische Mächte“ sich in US-Interessen einmischen könnten – doch die Bedrohung kommt nun nicht mehr von jenseits des Atlantiks, sondern von jenseits des Pazifiks.
Bevor wir uns jedoch damit befassen, sollten wir das aktuelle Kräfteverhältnis betrachten. Trotz der beiden Wellen der sogenannten „rosa Welle“, die mit Hugo Chávez in Venezuela und Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien begann und auf die dann Persönlichkeiten wie Néstor Kirchner in Argentinien, Evo Morales in Bolivien und Rafael Correa in Ecuador folgten, und in jüngerer Zeit beispielsweise Andrés Manuel López Obrador in Mexiko, Gustavo Petro in Kolumbien und erneut Lula da Silva, waren es proamerikanische Persönlichkeiten, die die letzten sieben Präsidentschaftswahlen in der Region gewonnen haben.
Die jüngsten unter ihnen, Abelardo de la Espriella in Kolumbien und Keiko Fujimori in Peru, haben zweifellos vom Einzug Trumps ins Weiße Haus profitiert. Wie sie haben auch José Antonio Kast in Chile, Daniel Noboa aus Ecuador und andere ihren Wahlkampf auf sehr „trumpianische“ Themen wie innere Sicherheit, illegale Migration und den „Krieg gegen die Kriminalität“ ausgerichtet, um zunehmend repressive Gesetze und barbarische Haftbedingungen wie Bukeles Megagefängnis in El Salvador zu rechtfertigen. Ebenso bezeichnet de la Espriella die Vereinten Nationen als „Instrument der Linken“, während Kast Abtreibung unter allen Umständen ablehnt und sich sogar dagegen ausgesprochen hat, dass seine eigene Frau die Antibabypille einnimmt.
Auf den ersten Blick stellt Trumps Vorgehen gegenüber Lateinamerika keinen vollständigen Bruch mit der seit langem etablierten Praxis der USA dar. Seine ausdrückliche Unterstützung für Flávio Bolsonaro als Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen in Brasilien im nächsten Jahr oder die 20 Milliarden Dollar zur Förderung von Javier Milei in Argentinien weichen nicht dramatisch von den Maßnahmen seiner Vorgänger ab. In mancher Hinsicht, wie etwa bei den pauschalen Zöllen von 10 Prozent, ist dies sogar kontraproduktiv für die Interessen der USA, da es die Regierungen dazu veranlasst hat, nach anderen Märkten und Handelsbeziehungen zu suchen.
Es ist sicherlich richtig, dass er diplomatische Normen mit einer gewissen nonchalanten Missachtung behandelt, wie zum Beispiel, als er in die Wahlen in Honduras eingriff, indem er Juan Orlando Hernández begnadigte, den ehemaligen honduranischen Präsidenten, der in den USA wegen Drogenhandels verurteilt worden war. Noch vor seinem Amtsantritt im November 2024 drohte Trump Panama und behauptete, dass für die Durchfahrt von US-Schiffen durch den Kanal höhere Gebühren erhoben würden, und erklärte: „China betreibt den Panamakanal, der nicht an China übergeben wurde, sondern törichterweise an Panama, aber sie haben gegen die Vereinbarung verstoßen, und wir werden ihn zurückholen …“ Beide Behauptungen waren unwahr, doch Trump mag das Gefühl haben, dass seine großspurigen Äußerungen Wirkung zeigten; Panama erklärte sich bereit, Fort Sherman wieder zu öffnen und die Stationierung von US-Truppen im Rahmen einer Vereinbarung zuzulassen.
Venezuela zeigte jedoch, dass Trump bereit war, über leere Drohungen hinauszugehen. Auf der Grundlage unbegründeter Behauptungen, die Regierung unterstütze den kriminellen Drogenschmuggel, wurden kleine Boote, die in der Karibik unterwegs waren, von US-Kampfflugzeugen in Stücke gesprengt, und natürlich wurde am 3. Januar dieses Jahres Caracas bombardiert, als US-Truppen in den Miraflores-Palast eindrangen und Nicolás Maduro und seine Frau festnahmen.
Vor diesem Hintergrund hat Trumps Aussage „Ich glaube fest daran, dass ich die Ehre haben werde, Kuba einzunehmen“ ernsthaft bedrohliche Implikationen.
Trumps Vorgehen ist in der Geschichte der US-Beziehungen zu Lateinamerika keineswegs einzigartig, doch es ist wahr, dass seine wahrgenommene Bedrohung durch eine Herausforderung der US-Vorherrschaft neu ist. Während frühere, ebenso brutale Interventionen darauf abzielten, feindliche Bewegungen und Regime innerhalb des Kontinents zu unterdrücken, ist die Bedrohung heute extern, dynamisch und bereits eine Macht, mit der man rechnen muss: China.
Bereits seit Barack Obama im Jahr 2011 ist sich Washington der globalen Strategie Pekings bewusst, Infrastruktur- und Rohstoffprojekte zu finanzieren, um das eigene dramatische Wirtschaftswachstum zu stützen. Während die bekannten Karten der „Belt and Road Initiative“-Projekte quer durch Eurasien und bis hinunter nach Afrika zeigen, hat China Lateinamerika nicht außer Acht gelassen. Bereits 2010 wurden jährlich 25 Milliarden US-Dollar investiert, meist in Großprojekte. Dies führte beispielsweise zum Bau von Häfen in Ecuador, Venezuela, Kolumbien und Mexiko sowie jeweils drei Häfen in Kuba und Brasilien. Das jüngste dieser Projekte, Chancay in Peru, veranschaulicht die langfristige und integrierte Strategie, die China verfolgt. Der Bau des Hafens selbst kostete 1 Milliarde US-Dollar; er ist der größte Hafen an der gesamten Westküste des Kontinents und liegt in der Nähe von Kupfer-, Zinn- und Zinkminen, die bereits im Besitz chinesischer Unternehmen sind. Der Transport von Gütern von der Küste Südchinas nach Peru dauert nun 23 Tage, im Gegensatz zu 43 Tagen vor dem Bau des Hafens. Natürlich dient Chancay als Tor zu anderen Ländern, insbesondere zu den Andenstaaten, doch es gibt auch Pläne für eine Eisenbahnverbindung, die diesen Pazifikhafen mit einem anderen an der brasilianischen Atlantikküste verbinden soll, wodurch eine ganze Region für die Entwicklung erschlossen würde. Ein Termin für dieses riesige Projekt steht noch nicht fest, doch es verdeutlicht, was als möglich erachtet wird.
Es waren solche Megaprojekte, die die USA auf Chinas Potenzial aufmerksam machten – eine Bedrohung in einer ganz anderen Größenordnung als europäische Verbindungen oder innerstaatliche Aufstände. Wie die US-Zeitschrift „Foreign Affairs“ jedoch kürzlich berichtete, verfolgt China nun einen ganz anderen Ansatz. Dem Bericht zufolge „verankert sich China derzeit in der Region, indem es kleinere, unauffälligere Vorhaben fördert, oft auf kommunaler oder provinzieller Ebene“.
Dieser neue Ansatz steht im Einklang mit der innenpolitischen Strategie von Präsident Xi Jinping, Ressourcen in fortschrittliche Technologien und Informationssysteme sowie in kommerzielle, finanzielle und juristische Dienstleistungen zu investieren. Ein konkretes Anwendungsbeispiel ist die Bereitstellung von Überwachungsausrüstung für Kommunen und Sicherheitsbehörden. Mittlerweile nutzen 35 lateinamerikanische Städte chinesische Ausrüstung und sind daher bei der Programmierung, Aktualisierung, Wartung und Integration solcher Systeme auf chinesische Unternehmen angewiesen.
Ein weiteres Beispiel für den neuen Ansatz stammt aus der Provinz Jujuy in Argentinien. Eine geologische Untersuchung, die als Zusammenarbeit zwischen argentinischen und chinesischen geologischen Behörden durchgeführt wurde, mündete in eine staatliche Partnerschaft zur Erkundung einer Salzebene; als dabei eine reichhaltige Lithiumquelle entdeckt wurde, investierte ein chinesisches Unternehmen in deren Erschließung für die kommerzielle Nutzung. Lithium ist natürlich ein unverzichtbares Element bei der Herstellung moderner Batterien für Elektrofahrzeuge, die in China produziert werden.
Lateinamerika spielt auch in Chinas allgemeiner Handelsentwicklung eine Rolle, und diese wurde durch einige von Trumps Maßnahmen, wie beispielsweise den pauschalen Zoll von 10 % auf alle in die USA importierten Waren, sogar noch verstärkt. Wie zu erwarten war, suchen die Länder nach alternativen Märkten, und Chinas riesige Bevölkerung sowie seine dynamische Wirtschaft sind eine naheliegende Option.
Peking ist zudem in der Lage, Lateinamerika in seinem Handelskrieg mit den USA zu nutzen. Nachdem Trump am „Liberation Day“ Zölle auf chinesische Importe verhängt hatte, die schließlich über 150 % erreichten, gab China nicht nach, sondern kündigte Verträge über den Kauf von Millionen Tonnen Sojabohnen von US-Landwirt:innen und verlagerte die Einkäufe nach Brasilien – nicht gerade Trumps Lieblingsland in Lateinamerika.
In der Folge kam es auf beiden Seiten zu einer gewissen Entspannung, doch es bleibt abzuwarten, wie es weitergeht: Xi und Trump werden sich am 24. September treffen – man kann sich gut vorstellen, dass sie dabei weitgehend dieselben Themen besprechen werden, die wir hier in dieser Sommerschulung erörtert haben!
Zum Abschluss dieser kurzen Einführung ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass wir hier über die Pläne und Strategien zweier imperialistischer Mächte sprechen, von denen die eine im relativen Niedergang begriffen ist, während die andere sich noch im Aufstieg befindet. Auch wenn es durchaus befriedigend sein mag, zu sehen, wie der Einfluss der USA in Lateinamerika – oder wo auch immer – allmählich nachlässt, sollten wir nicht den Fehler begehen, China als eine Art wohlwollende Macht zu betrachten. Was Peking in Lateinamerika und anderswo tut, unterscheidet sich nicht von dem, was die britischen Imperiumserbauer:innen im 19. Jahrhundert und die USA im 20. Jahrhundert taten.
Kapital wird exportiert und investiert, um Reichtum zu schöpfen und Märkte für Chinas eigene Produktion zu schaffen. Als internationalistische Sozialist:innen steht unser Programm im Gegensatz zu allen Imperialist:innen, und unsere Strategie ist die politische Entwicklung der Arbeiter:innenklasse und der unterdrückten Völker sowie deren Mobilisierung, um die Kontrolle über alle Ressourcen ihrer Länder, einschließlich derjenigen der imperialistischen Mächte, zu übernehmen und diese im Interesse der Menschheit und nicht des Kapitals zu entfalten – und dies wird zweifellos durch die Zusammenarbeit mit den Arbeiter:innen aller Länder, einschließlich der imperialistischen, gestärkt werden.