Arbeiter:innenmacht

Rüstungsindustrie im Rausch

Jürgen Roth, Neue Internationale 303, September 2026

Geopolitische Spannungen – Nahost, Ukraine, militärische Aufrüstung in Ostasien – führen zu Investitionen in Militärtechnologie und Produktion in bislang ungekanntem Ausmaß. Doch welche Firmen stecken dahinter?

Rüstungsanteile weltweit

Laut Stockholmer Internationalem Friedensinstitut SIPRI stieg der Gesamtumsatz der 100 weltweit größten Rüstungskonzerne um 4,2 % auf 632 Mrd. US-Dollar (alle Zahlen aus 2023). Europa als bedeutender, aber vorsichtiger Akteur verzeichnete einen Umsatz von 133 Mrd. US-Dollar (über 20 % Weltanteil) mit einem Wachstum von nur 0,2 %.

US-Unternehmen liegen nach wie vor in Führung. 41 rangieren unter den Top 100 und erzielten mit 317 Mrd. US-Dollar mehr als die Hälfte des globalen Umsatzes. 30 davon konnten ihre Erlöse steigern. Seit 2018 sind die ersten 5 Ränge alle von US-Firmen belegt: Lockheed Martin, RTX (ehemals Raytheon), Northrop Grumman, Boeing und General Dynamics.

Asien und Ozeanien stellten 23 Unternehmen mit jährlichem Umsatzwachstum von 5,7 % und Umsätzen von 136 Mrd. US-Dollar, also etwa gleich mit Europa. Davon hatten 6 ihren Sitz in Westasien mit Umsätzen, die um 18 % auf 19,6 Mrd. US-Dollar stiegen. Mit Beginn des Genozids in Gaza erzielten die 3 israelischen Unternehmen in der Rangliste Erlöse von 13,6 Mrd. US-Dollar – ein Höchstwert für Israel.

Russland war nur mit 2 Konzernen vertreten, deren Umsätze jedoch um 40 % zulegten.

Europa kommt langsam in Fahrt

2023 arbeiteten Europas Rüstungskonzerne alte Aufträge ab, weshalb die SIPRI-Zahlen der Realität hinterherhinken, die mittlerweile deutlich gewachsen sind. 27 europäische Firmen schafften es in die Liste der Top 100 weltweit, darunter BAE Systems aus Großbritannien auf Platz 6. 4 rein deutsche oder trans-europäische Firmen mit deutscher Beteiligung sind unter den 20 größten europäischen gelistet: Airbus (2/Weltrang: 12), Rheinmetall (6/26), KNDS (12/45), Thyssengroup (20/66).

SIPRI ordnet die Unternehmen nach Einnahmen aus dem Militärgeschäft, nicht nach Gesamtumsatz. Dazu zählen: Verkäufe von Waffen, Systemen und Technologien, die speziell für den militärischen Einsatz entwickelt wurden; militärspezifische Dienstleistungen wie IT, Wartung, Reparatur, Instandsetzung und operative Unterstützung; Verkäufe an nationale Streitkräfte und ins Ausland. Nicht dazu zählen: zivile Produkte wie Treibstoff, Büromaterial, allgemeine IT, Uniformen und Stiefel.

Top 10 in Deutschland

Getrieben durch das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen, die Erhöhung der Rüstungsausgaben und massive Aufrüstung in Europa haben die führenden Unternehmen der deutschen Rüstungsindustrie lt. SIPRI und Statista ein durchschnittliches Umsatzplus von 30 % verzeichnet (Zahlen aus 2026).

Doch nicht nur das: Die „Zeitenwende“ erfolgt auch in den Werkshallen. Früher dominierte Kleinserienfertigung das Bild, heute haben hochautomatisierte Fertigungsstraßen und eine Rückbesinnung auf massive Skalierbarkeit (Modulbauweise) Einzug gehalten und die gesamte Wertschöpfungskette transformiert.

Zudem wird massiv in den Ausbau der Kapazitäten investiert. Besonders im Fokus stehen dabei Teile der Automobilindustrie und deren Zulieferer (z. B. VW-Karmann in Osnabrück), aber auch die Waggonbau Görlitz, seit April 2026 unterm Rockzipfel von KNDS. Im neuen „Werksverbund Niedersachsen“ hat Rheinmetall die Munitionsproduktion auf ein bisher unerreichtes Niveau gehoben. Die Integration von KI-gestützten Fertigungsprozessen und digitalen Zwillingen ermöglicht es z. B. Airbus und KNDS, die Durchlaufzeiten für komplette Waffensysteme bedeutend zu senken. Digitale Zwillinge ermöglichen einen übergreifenden Datenaustausch. Sie bestehen aus Modellen des repräsentierten Objekts und können daneben Simulationen, Algorithmen und Services enthalten, die Eigenschaften oder Verhalten des repräsentierten Objekts beschreiben, beeinflussen oder Dienste darüber anbieten.

Hinter den Top 10 stehen 2.500 kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Die Bundesregierung legt spezielle Förderprogramme auf, um deren Übergang von der Manufaktur zur industriellen Serienfertigung zu fördern. Insgesamt sind heute rund 105.000 Lohnabhängige direkt in der reinen Verteidigungsindustrie beschäftigt plus rund 282.000 in der Sicherheitsindustrie – Tendenz steigend.

Eine Liste der zehn größten deutschen Rüstungsunternehmen verdeutlicht den Umfang der Branche und deren Wachstum, auch wenn die Rangfolge schwer zu bestimmen ist, weil viele Konzerne nicht klar zwischen zivilem und Rüstungsgeschäft trennen und etliche Unternehmen auch die deutschen Anteile am Gesamtumsatz nicht öffentlich ausweisen. Hier ein Überblick lt. produktion.de. Die Zahlen stützen sich auf SIPRI-Jahrbücher, Geschäftsberichte und veröffentlichte Bilanzen der Unternehmen aus dem Jahr 2025 (sofern nicht anders angeführt).

Top 10 Rüstungsunternehmen

– Rheinmetall

Militärischer Umsatz: 10,0 Mrd. Euro/Geschäftsjahr: 2025

– Airbus Defence & Space

12,5 Mrd. Euro, deutsche Anteile nicht extra ausgewiesen

– KNDS Deutschland

3,8 Mrd. Euro, 2024, Bilanzpressekonferenz

– MBDA Deutschland

5,8 Mrd. Euro, militärische Anteile nicht extra ausgewiesen

– Hensoldt AG

2,46 Mrd. Euro

– TKMS

2,1 Mrd. Euro, ThyssenKrupp-Segmentbericht

– Diehl Defence

1,83 Mrd. Euro

– Renk Group

1,37 Mrd. Euro

– NVL Group

1,0 Mrd. Euro, Unternehmensangaben vor Übernahme 2024

– Heckler & Koch

0,34 Mrd. Euro, Geschäftsbericht 2024, Bericht 1. Quartal 2025 zeigt 14,7 % Wachstum

Geostrategisches Dilemma der EU

Die EU gilt im Rennen um die Neuaufteilung des Weltmarkts nicht zu Unrecht als Verliererin. Kann sie dieses Manko wirtschaftlich und militärisch aufheben und wie? Das größte Fragezeichen neben der Kapazität Russlands bildet zusehends Trumps Außen- und Europapolitik. Es war ihm und Vorläufern zuerst gelungen, die baltischen Länder und Polen hinter sich zu scharen, besonders in der Energiepolitik (Aufkündigung der Zulieferung aus Russland, Abkopplung von Kaliningrad, LNG-Terminals), bevor das auch Deutschland und den Rest der EU betraf. Auch die Verlegung schneller NATO-Eingreiftruppen in die zuerst genannten Länder trägt die Handschrift der USA.

Das sah ganz danach aus, als ginge es Trump um die Ausdehnung seines Einflusses auf Kosten der europäischen Verbündeten in NATO und EU. Doch in letzter Zeit, unter seinem aktuellen Kabinett, wird deutlich, dass hinter dieser gewachsenen Stärke auch ein Zeichen von Schwäche stecken mag. Die MAGA-Bewegung zeigt ihre Widersprüche. Alle sind sich nur darin einig, dass die größte Gefahr am Horizont in Gestalt der VR China aufgetaucht ist. Ein Flügel zieht jedoch daraus die Konsequenz, eine neue Monroedoktrin zu verfolgen. Witzige Zungen reden bereits von Donroedoktrin.

Das bedeutet für ihn: Das Blickfeld liegt nicht mehr so sehr im transatlantischen Europa oder auch im Nahen und Mittleren Osten, sondern in der Rückbesinnung auf den traditionellen „Hinterhof“ Mittel- und Südamerika, diesmal jedoch nicht, um die alten europäischen imperialistischen Mächte dort rauszuhalten, sondern um den chinesischen Einfluss zurückzudrängen. Ein zweiter Flügel sieht sein Heil in der Rückkehr zu alter weltweiter Dominanz wie der nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre. Dazwischen gibt es zahlreiche Schattierungen, z. B. was die Nibelungentreue zu Israel betrifft. Gerade an der US-Strategie für die Ukraine und gegen den Iran kann man das Hin- und Herziehen der beiden Hauptflügel am geopolitischen Tau gut erkennen.

Auswege

Es wäre Kaffeesatzleserei, Prognosen über die zukünftige militärische und wirtschaftliche Entwicklung Europas aufzustellen, ob es etwa in der Lage sein wird, endgültig mit den USA zu brechen, wirtschaftlich aufzuholen und welche neuen Bündnisse es dabei schmieden wird.

Doch eines ist deutlich: Die Unzufriedenheit mit Trumps USA nimmt zu. Geopolitisch spielen Nordatlantik und Arktis auch aufgrund der Polschmelze eine zunehmende Rolle, auch für die Bundeswehr. Neue Schifffahrtswege von und nach Asien spielen bei diesen Überlegungen ebenso mit wie die Exploration fossiler Energieträger und von Mineralen am Meeresgrund. Grönland lugt längst als Zankapfel am Horizont hervor.

Ein im Stillen vor sich gehendes Bemühen um neue Bündnispartner:innen seitens der EU ist zu erkennen (Kanada). Und dass die deutsche Rüstungsindustrie gewaltige Anstrengungen zum Aufholen unternimmt, haben wir ja gerade demonstriert. Mit der industriellen Kapazität der BRD ist zu rechnen, aber dabei stellt sich ein Problem und das liegt in der Struktur der Rüstungsproduktion in Deutschland wie in der EU.

Staat und Monopole – das Beispiel EADS

In Sektoren wie Stahl, wo es zuvor auch gescheiterte Fusionen gab (Hoesch in Dortmund und Hoogovens in den Niederlanden; Estel), hat das Fusionskarussell mit Gründung der EU erst richtig Fahrt aufgenommen (ThyssenKrupp, Arcelor). Doch gerade trans-europäische Fusionen im Rüstungsbereich stehen noch vor einem weiteren Hindernis als in der übrigen Wirtschaft, wo es nur nationale, aber keine supranationalen gesellschaftlichen Gesamtkapitale auf den Territorien der jeweiligen imperialistischen Staaten gibt.

Die bewaffnete Macht teilt ein (imperialistisches) Land noch weniger gern mit einem anderen als sein Gesamtkapital. Und das schlägt sich auch in der Waffenproduktion nieder. Beispiel: EADS.

Nachdem die Fusion zwischen EADS (European Aerospace Defence Systems) und BAE Systems gescheitert war, was man im Nachhinein durchaus als Menetekel für den späteren Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit) bezeichnen darf, bildete sich die Rüstungssparte um Airbus neu. Dieser Konzern lagerte die ehemaligen EADS-Divisionen Cassidian, Airbus Military und Astrium im 1. Halbjahr 2014 aus dem Mutterkonzern aus. Sie wurden unter dem Namen Airbus Defence and Space zusammengelegt. Der Konzern gliedert sich in 3 Sparten: Military Aircraft; Space Systems; Communications, Intelligence and Security.

Im Zuge weiterer Umstrukturierungen trennte man sich von Non-Core-Geschäftsfeldern wie Airbus DS Electronics and Border Security (Avionik, Radar und Systeme für die elektronische Kampfführung) und Airbus Optronics GmbH (ehemals Zeiss Optronics). Seit März 2016 agieren sie unter dem neuen Firmennamen Hensoldt auf Platz 5 der deutschen Top 10.

Aber ist dieses Beispiel nicht wenig zielführend? Schließlich gibt es doch 2 trans-europäische Rüstungsriesen. Wohl schon, aber wesentlich mehr nationale, darunter deutsche, französische, italienische, polnische und schwedische unter den weltweiten Top 100 – und natürlich auch britische.

Zweitens sind im Fall von Airbus Defence and Space und KNDS die Produktionsstandorte europaweit verteilt, darunter auch in Großbritannien, aber im ersten Fall dominiert klar deutsches Kapital, im zweiten bis vor kurzem französisches. Im März wurde beschlossen, Unternehmensanteile an die Börse zu bringen, wobei der französische Anteil auf 40 % reduziert und der deutsche auf 40 % erhöht werden soll.

Steigen die Preise langfristiger Rüstungsprojekte sowieso mit der Zeit exorbitant (siehe den jüngsten Fregattendeal der Bundesmarine), so spekuliert man auf Besserung im Zuge der Konzentration des Kapitals und der Fusionen. Dahinter steckt natürlich die Theorie von den degressiven Kosten bei größeren Serien und ausgedehnterer Arbeitsteilung. Doch die oben geschilderte Barriere mag auch hier manches durchkreuzen, seien es deutsch-französische Kampfjets, nukleare Zusammenarbeit oder MGCS (Main Ground Combat System; bemannte und unbemannte gepanzerte Plattformsysteme und deren vernetztes Zusammenwirken mit Kampfpanzern), je nachdem, in welche Richtung sich die EU weiterentwickeln wird.

Die nationalen Eigeninteressen bilden also ein wesentliches Hindernis für die Konzentration der Rüstungsbranche im Stile der USA, Chinas oder Russlands. Umgekehrt drängt der Kampf um die Neuaufteilung der Welt dazu, solche Konzerne mit Mitteln der EU und der großen imperialistischen Staaten voranzutreiben. Ansonsten droht ein weiteres Zurückfallen gegenüber der globalen Konkurrenz.

Kampf gegen Militarismus!

Es ist nicht unsere Aufgabe, zu spekulieren, ob die EU dies schafft oder nicht. In jedem Fall können wir aber davon ausgehen, dass alle Staaten Europas – und vor allem die dominierenden imperialistischen – weiter auf gigantische Aufrüstungsprogramme setzen. Und zwar nicht, weil sie eine „falsche Politik“ verfolgen würden, sondern weil die Konkurrenz im globalen imperialistischen System die verschiedenen Mächte und Blöcke tatsächlich dazu treibt. Hier helfen keine zahnlosen Appelle, dass es doch „vernünftiger“ wäre, der Militarisierung abzuschwören.

Vielmehr muss der Kampf gegen Aufrüstung als Teil des Klassenkampfes gegen das „eigene“ Kapital und den „eigenen“ Imperialismus begriffen werden. Das erfordert auch einen Kampf gegen jede Form der Klassenzusammenarbeit und der Sozialpartnerschaft durch Gewerkschaften, Betriebsräte, reformistische Parteien. Nur so können wir eine Bewegung aufbauen, die die Aufrüstung durch Demonstrationen, Aktionen und durch politische Streiks stoppen kann.

  • Nein zu jeder Erhöhung der sog. Verteidigungsausgaben! Eine Zustimmung zu jeder Verbesserung der Kriegsfähigkeit des deutschen Imperialismus ist kategorisch abzulehnen. Rücknahme der sog. Sondervermögen für die Bundeswehr!
  • Bei der Aufrüstung geht es nicht um „unsere Sicherheit“, sondern um die Durchsetzung der Interessen des deutschen Imperialismus, um die Sicherung der Investitionen deutscher Konzerne. Daher müssen die Abgeordneten der Partei Die Linke in den Parlamenten gegen alle Rüstungsausgaben, gegen alle Auslandeinsätze, gegen alle Waffenlieferungen stimmen. Auch alle Gewerkschafter:innen und SPD-Abgeordneten müssen dazu aufgefordert werden.
  • Offenlegung der Bilanzen, Verträge und Gewinne der Rüstungskonzerne sowie aller staatlichen Aufträge! Die Geschäftsbücher und Konten müssen von Ausschüssen der Beschäftigten und Gewerkschaften kontrolliert werden!
  • Entschädigungslose Verstaatlichung aller Rüstungskonzerne, deutscher wie multinationaler! Und zwar nicht unter der Kontrolle von Manager:innen, sondern der Arbeiter:innen. Diese müssen entscheiden, was produziert und wie Unternehmen umstrukturiert werden sollen.

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