Arbeiter:innenmacht

Gegen den schwarz-rot-goldenen Regenbogen: für queere Befreiung – gegen Homonationalismus!

Yorick F., Neue Internationale 302, Juli / August 2026

„Wir dienen queer“ und „Pride is more than a parade“. Das sind Slogans auf Stickern von „Queer BW“, der „queeren“ Abteilung der Bundeswehr, welche sie auf der „Queeren Jobmesse“ am 6. Juni in Berlin verteilen durfte. Parallel dazu treten staatliche Institutionen wie Polizei und Bundeswehr auf CSDs auf und Kai Wegner darf sich auf dem Berliner CSD selbst inszenieren. Der CSD-Verein schließt radikale oder palästinasolidarische Stimmen aus, während von FDP, DHL und Ikea bis hin zur Bundeswehr all jene mitlaufen dürfen, die sich kleine Regenbogenfähnchen und Seifenblasenpistolen besorgen.

Was da als Fortschritt, Integration und Akzeptanz verkauft wird, ist nicht mehr als eine politische Vereinnahmung von queeren Identitäten durch dieselben Institutionen, welche diese ansonsten unterdrücken. Diese bürgerlichen Parteien und Institutionen sind Träger:innen des gesellschaftlichen Rechtsrucks, der einerseits massive Angriffe gegen queere Personen mit einschließt, andererseits aber durch eine relative Liberalisierung in der BRD Chauvinismus und Rassismus legitimiert. Das besonders Traurige ist, dass queere Institutionen wie der Verband Queere Vielfalt (LSVD+) oder der CSD-Verein ihnen dabei Rückendeckung geben.

Worüber reden wir eigentlich?

Dass der deutsche Staat queere Rechte heute scheinbar verteidigt, während er sie zugleich für rassistische und antimuslimische Hetze nutzbar macht, ist kein Zufall. Genau dieses Phänomen wird mit dem Begriff Homonationalismus beschrieben. Geprägt wurde er in den 2000er Jahren von Jasbir Puar in den USA. Sie beschreibt anhand der USA nach dem 11. September 2001, wie errungene queere Rechte im vorherrschenden Diskurs verwendet werden, um den USA wie dem gesamten Westen eine Art sexuellen Exzeptionalismus, also eine Vorreiterrolle, zu attestieren, was Toleranz gegenüber queeren Personen angeht. Das wird genutzt, um muslimischen Migrant:innen einerseits und muslimischen Staaten andererseits Homophobie zu unterstellen und damit rassistische Politik nach innen sowie imperialistische Kriege nach außen zu rechtfertigen.

Wie stark dasselbe Phänomen auch in Deutschland existiert, zeigt sich neben den oben genannten Beispielen am Umgang mit dem Genozid in Gaza, insbesondere in der bürgerlich-liberalen Öffentlichkeit: Israel wird als „einzige Demokratie im Nahen Osten“ und vermeintlicher „sicherer Hafen“ für queere Menschen dargestellt. Die Solidarität mit dem zionistischen Apartheidstaat wird immer wieder mit der Frage der Rechte für queere Personen legitimiert. Ein Artikel des deutschsprachigen pro-israelischen Thinktanks „Mena Watch“ in Bezug auf fehlende Solidarität mit Israel in der europäischen Bevölkerung heißt buchstäblich: „Warum Israel die LGBTQ-Karte spielen sollte“. Währenddessen sind unter Zionist:innen Witze über Initiativen wie „Queers for Palestine“ zum Schenkelklopfer schlechthin geworden. Dass auf CSDs in Deutschland immer wieder regenbogenfarbene Israel- und EU-Fahnen zu sehen sind, ist dabei unter dieser chauvinistischen Lesart nur folgerichtig.

Die soziale Basis der Verbürgerlichung …

Die Lesben- und Schwulenbewegung war von Beginn an keine einheitliche Klassenbewegung. In ihr kämpften queere Menschen aus der Arbeiter:innenklasse, aus dem Kleinbürger:innentum, aus den Mittelschichten und aus bürgerlichen Milieus. Gerade in der schwulen Bewegung gewannen jedoch vor allem weiße schwule Männer und zu einem kleineren Teil lesbische Frauen aus sozial abgesicherten Schichten politisch an Gewicht und gaben damit der Bewegung einen kleinbürgerlichen Charakter. Denselben Prozess durchläuft natürlich auch die gesamte Bewegung gegen geschlechtliche Unterdrückung.

Das prägte auch den Schwerpunkt der Bewegung. An die Stelle einer umfassenden Kritik an Familie, Staat, Polizei und kapitalistischer Ordnung trat immer stärker der Kampf um Anerkennung, Gleichstellung und Integration in die bestehende Gesellschaft. Das zeigte sich etwa in Initiativen wie der „Aktion Standesamt“, die eine rechtliche Gleichstellung homosexueller Beziehungen mit Hetero-Ehen forderte. Diese Forderung war und bleibt unterstützenswert angesichts der realen Diskriminierung. Aber wenn sie zum strategischen Zentrum der Bewegung wird, verschiebt sich auch das Bild davon, wer überhaupt als politisches Subjekt erscheint: Sichtbar wird vor allem der respektable, weiße, staatsbürgerliche schwule Mann oder die entsprechend angepasste lesbische Frau.

Damit gerieten jene stärker an den Rand, die nicht in dieses Bild bürgerlicher Normalität passten: Queers of Color, trans Personen, arme Queers und queere Arbeiter:innen.

… AIDS-Krise, Selbsthilfe und die Orientierung auf den Staat …

Diese Entwicklung wurde durch die AIDS-Krise massiv beschleunigt. Der bürgerliche Staat ließ schwule Männer sterben, hetzte gegen sie oder versuchte, sie wie in Bayern wegzusperren. In dieser Situation waren AIDS-Vereine und Selbsthilfe-Strukturen notwendig, weil sie für viele eine Frage des Überlebens waren.

Gerade deshalb wäre es die Aufgabe der Arbeiter:innenbewegung und der Linken gewesen, diese Selbstorganisierung mit einem Kampf gegen staatliche Repression, Rassismus, Kürzungspolitik und kapitalistische Gesundheitsversorgung zu verbinden. Das geschah nur vereinzelt. Große Teile der Linken reagierten spät, unzureichend oder vertraten selbst queerfeindliche Positionen. Dadurch blieb ein großer Teil der Selbsthilfe politisch auf sich selbst zurückgeworfen.

Ohne eine Klassenperspektive erschien der Staat nicht mehr nur als Gegner, der verfolgt, verwaltet und sterben lässt, sondern zunehmend auch als möglicher Förderer, Gesprächspartner und Garant von Anerkennung.

… und die Kooptierung durch den bürgerlichen Staat

Der bürgerliche Staat griff diese Entwicklung aktiv auf, während sich auch die materielle Lage änderte. Denn parallel zum Zusammenbruch des Stalinismus kam es zu einer neoliberalen Offensive mit massiven Angriffen auf die Arbeiter:innenklasse.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Struktur der Lohnarbeit massiv verändert, der weibliche Teil war deutlich gewachsen (in der DDR noch mehr als in Westdeutschland). Dadurch veränderte sich auch die konkrete Form der bürgerlichen Kleinfamilie. Die Reproduktion der Ware Arbeitskraft blieb weiter privat organisiert, aber das klassische Modell aus männlichem Ernährer und weiblicher Hausfrau wurde durchlässiger. In diesem veränderten Rahmen konnten vor allem schwule Männer und später auch lesbische Frauen teilweise in die bürgerliche Lebensordnung integriert werden: über die eingetragene Lebenspartnerschaft ab 2001 und die „Ehe für alle“ ab 2017.

Diese Rechte wurden zwar durch Kämpfe erzwungen und müssen gegen jeden reaktionären Angriff verteidigt werden, aber ihre staatliche Anerkennung bedeutete keine queere Befreiung. Sie ermöglichen dem bürgerlichen Staat vielmehr, einen respektablen, staatsnahen Teil queerer Politik zu integrieren und auch die Form der bürgerlichen Familie zu verbreitern und flexibler auszugestalten. Zugleich wurden und werden besonders unterdrückte Schichten weiter ausgegrenzt.

Das zeigte sich ganz konkret im Umgang etablierter queerer Institutionen mit Queers of Color. Bereits in den frühen 2000er Jahren wurde LesMigraS, einer Gruppe migrantischer Lesben, die Finanzierung für eine Broschüre über ihre Lebensrealitäten entzogen, mit dem Argument, dass deren Inhalt nicht überprüfbar sei, wenn er in nicht deutschen Sprachen veröffentlicht werde. Diese Darstellung sowie viele weitere Beispiele für paternalistischen bis offen rassistischen Umgang solcher Institutionen mit Queers of Color finden sich im von Tarek Shukrallah herausgegebenen Buch „Nicht die Ersten“.

Welche Antwort brauchen wir?

Für uns als Revolutionär:innen ist klar, dass wir uns gegen diese Vereinnahmung unserer Rechte und Identitäten im Dienste der rassistischen Unterdrückung unserer Klassengeschwister wehren müssen! Gleichzeitig verteidigen wir selbstverständlich alle erkämpften Rechte von Schwulen, Lesben und queeren Menschen, etwa das Recht auf eine anerkannte Ehe. Es kann daher auch keine Antwort sein, Veranstaltungen wie CSDs oder Kampagnen für rechtliche Gleichstellung den Rücken zu kehren.

Wir müssen aber stets deren Unzulänglichkeiten aufzeigen und benennen, dass Zugeständnisse des bürgerlichen Staates wie die Ehe für alle oder niedrigschwellige Repräsentation nichts als ein Feigenblatt für die im Kapitalismus allgegenwärtige queere Unterdrückung sind und dass deshalb auch diese Zugeständnisse mehr als fragil sind, insbesondere wenn es reaktionären Kräften mit homonationalistischer Propaganda gelingt, uns gegeneinander auszuspielen!

Für queere Befreiung!

Eine Bewegung, die wirklich queere Befreiung erkämpfen kann, muss sich mit anderen Kämpfen verbinden und klar benennen, dass es für die Befreiung von allen, nicht nur queeren Menschen, die Zerschlagung des Kapitalismus als Grundlage gesellschaftlicher Unterdrückung braucht. Forderungen, die wir hierfür vorschlagen, sind:

  • Gegen alle homonationalistischen Vereinnahmungsversuche von queeren Kämpfen!
  • Bullen, Bonzen und Armee – weg von unserem CSD! Für demokratische Entscheidungsorgane bei der Organisierung von CSDs darüber, wer dabei sein darf und wer nicht!
  • Gegen die Kürzung queerer Projekte wie das des RosaLinde e. V. in Leipzig – für die weitere Finanzierung solcher Projekte auf Kosten der Reichen!
  • Entschädigungslose Enteignung der Pharmaindustrie und der Gesundheitsversorgung! Kostenlose medizinische Betreuung und volle Finanzierung der medizinischen Forschung in öffentlicher Hand und unter Arbeiter:innenkontrolle!
  • Für eine breite Antikrisenbewegung, welche den Kampf gegen verschiedene Unterdrückungsformen miteinander verbindet!

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