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Britannien: Aufruf an Hafenarbeiter:innen, sich den Streiks gegen den Krieg anzuschließen

Jeremy Dewar, Workers Power/Britannien, Infomail 1324, 4. November 2026

Am 30. Oktober fand der größte internationale Streik von Hafenarbeiter:innen in der Geschichte statt. In mindestens 113 Häfen in 22 Ländern auf fünf Kontinenten – von Australien bis Irland, von Indien bis in die USA – kam es zu Arbeitskampfmaßnahmen. Viele legten den gesamten Schiffsverkehr für 24 Stunden komplett lahm, vor allem in Italien und Frankreich, andere legten die Arbeit für zwei Stunden nieder. Im Mittelmeer wurden 40 % aller Frachtgüter im Wert von 1,5 Milliarden Pfund aufgehalten.

Die „International Dock and Transport Workers Against War and Genocide“ hatten den Streikaufruf im Mai auf der Grundlage ihrer Istanbuler Erklärung gestartet. Obwohl die Koalition damals nur aus sechs Gewerkschaften bestand, wuchs die Bewegung insbesondere im letzten Monat rasant an.

Die Arbeiter:innen fordern ein Ende des Genozids an den Palästinenser:innen, Solidarität mit Kuba und den Menschen in Venezuela und im Sudan sowie, dass Häfen nicht zum Transport von Waffen oder militärischen Bauteilen genutzt werden. In ihrer Erklärung forderten sie außerdem Lohnerhöhungen, sichere Arbeitsverträge und kürzere Arbeitszeiten sowie die Kontrolle über jegliche Automatisierung.

Indem sie Antimilitarismus mit wirtschaftlichen Forderungen verbanden, zeigten die Gewerkschaften den Hafenarbeiter:innen, dass sie keine Arbeitsplatzverluste unterstützten, sondern kürzere Arbeitszeiten, sicherere Arbeitsbedingungen und angemessene Löhne forderten.

Die italienische Unione Sindacale di Base, die die Initiative ins Leben gerufen hatte, verband den Streik mit einem Aufruf zum Generalstreik, der von fünf weiteren Basisgewerkschaften, darunter Cobas sowie Zehntausenden Schüler:innen und Student:innen unterstützt wurde. Genua kam zum Stillstand.

Auch in Frankreich schlossen sich die Jugendlichen den Hafenarbeiter:innen an. Die Sache Palästinas liegt ihnen sehr am Herzen, und ihre Aktionen im vergangenen Monat haben die Kampfbereitschaft der Arbeiter:innen deutlich gesteigert. Alle 22 Häfen wurden von der großen Gewerkschaft CGT geschlossen. In Le Havre wurde eine Puppe von Präsident Emmanuel Macron verbrannt.

Erster Kontakt hergestellt

Am 30.10. um 5:30 Uhr morgens stiegen 30 Basisgewerkschafter:innen, Palästinenser:innen und ihre Unterstützer:innen aus unserem Reisebus in den dichten Nebel, der die Themse-Mündung umhüllte, um am Eingang zum Hafen von Tilbury Stellung zu beziehen. Die Polizei wurde völlig überrascht, da unsere Plakate und Flugblätter einen Beginn um 9 Uhr angekündigt hatten. Sie unternahm nichts weiter, als einen deutlichen Abstand zwischen uns und dem stetigen Strom von Lkws, die in den Hafen einfuhren, aufrechtzuerhalten.

Innerhalb weniger Minuten wurden Transparente mit den Aufschriften „Hafenarbeiter:innen arbeiten nicht für den Krieg“ und „100 Häfen weltweit stoppen den Transport von Völkermord“ entrollt, Flugblätter verteilt und über Megafone und Trommeln wurden Parolen skandiert. Das war das erste Mal, dass britische Antikriegsaktivist:innen auf britische Hafenarbeiter:innen zugegangen waren und sie – nicht ihre Gewerkschaftsführer:innen – um Solidaritätsaktionen gebeten hatten.

Zwischen 6.00 und 9.00 Uhr beginnen über 3.000 Hafenarbeiter:innen ihre Schichten, wobei die meisten Arbeiter:innen – unsere Hauptzielgruppe – in der ersten Stunde an der Arbeit sind. Trotz der Schwierigkeiten, an die Autos und Transporter heranzukommen, verteilten wir Hunderte von Flugblättern, sprachen mit Dutzenden von Hafenarbeiter:innen und sorgten dafür, dass dies das Hauptgesprächsthema des Tages in den Teams und in der Kantine war.

Unsere unmittelbare Forderung war im internationalen Vergleich bescheiden. Tragt eine Palästina-Anstecknadel. Sprecht mit euren Kolleg:innen über den Völkermord und die Streiks. Fordert eine Ortsgruppenversammlung in Anwesenheit einer/s internationalen Hafenarbeiter:in, um beim nächsten Mal über den Beitritt zur Koalition zu diskutieren.

Unser Flugblatt wies auf die „Verschärfung der Arbeitsbedingungen, die erschöpfenden Arbeitszeiten, unsichere Arbeitsplätze, unsichere Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne“ hin, unter denen Hafenarbeiter:innen leiden, sowie auf die Notwendigkeit, dass sich die Arbeiter:innen „unabhängig organisieren, um Maßnahmen zu ergreifen“ gegen den Krieg und die steigenden Lebenshaltungskosten.

Mitglieder von „Workers Power“ waren den ganzen Vormittag über deutlich präsent: Sie verteilten Flugblätter, skandierten Parolen, hielten Transparente hoch und hielten drei gut aufgenommene Reden bei der Demo. Das war der Höhepunkt unserer Vorbereitungsarbeit, bei der wir Transparente angefertigt, Flugblätter verfasst sowie Pressemitteilungen und Musteranträge an Gewerkschaftsverbände und Gewerkschaftsräte verschickt hatten.

Da die Zahl der Demonstrant:innen auf über 100 angewachsen war und immer weniger Arbeiter:innen zur Arbeit kamen, beschlossen wir, die Aktion im Hafen gegen 10:30 Uhr zu beenden, und hielten eine kurze Demo sowie eine Abschlusskundgebung in Tilbury Town ab, wo unsere früheren Flugblatt- und Plakataktionen auf gute Resonanz gestoßen waren. Die meisten Läden und Cafés werden von Arbeitsmigrant:innen betrieben, die ohnehin schon gegen den Krieg waren.

Trotz des rechtsgerichteten Rufs, den die Gegend hat – erst im vergangenen Mai stimmten 50 von 54 „Reform“-Stadträten für Kriegsunterstützung –, applaudierten auch einige andere Anwohner:innen unseren Bemühungen. Insbesondere hatten wir die Unterstützung des örtlichen irischen Sozialvereins. Das zeigt: Es ist das Versagen der reformistischen Führer:innen, die Arbeiter:innen in den britischen Industrieregionen anzusprechen, zu inspirieren und zu organisieren, das den Aufstieg von Nigel Farage (Reform UK) begünstigt hat – und nicht irgendeine angeborene Rückständigkeit der Arbeiter:innen.

Vorbereitung und Nachbereitung

Workers Power war an diesem Tag nicht nur prominent vertreten, sondern auch Teil des zentralen Organisationsteams. Die Kampagne begann mit einer öffentlichen Versammlung am 13. Oktober in Südlondon, die vom Southwark Trades Council (dem Zusammenschluss lokaler Gewerkschaftsverbände) veranstaltet wurde und bei der Mick Flynn von der CGT Marseille sprach. Mick inspirierte uns und eine ähnliche Versammlung in Liverpool dazu, auf die Hafenarbeiter:innen und ihre Gewerkschaft Unite zuzugehen, um sie zu bitten, den Aufruf zu unterstützen und der Koalition beizutreten.

Leichter gesagt als getan. Unite hat mit Sharon Graham eine notorisch rüstungsbefürwortende und palästinafeindliche Vorsitzende. In Liverpool überredete der Unite-Verantwortliche die Kampagne dazu, den Protest ins Stadtzentrum zu verlegen, weg vom Hafen. In London ließen wir uns darauf nicht ein.

Drei Jahre lang haben wir in Stadtzentren Flugblätter verteilt. Drei Jahre lang hatte die Palestine Youth Movement Gespräche mit Unite in Tilbury geführt – aber keine/n einzige/n Hafenarbeiter:in getroffen. Dieses Mal wollten wir persönlich auf sie zugehen. Wir schrieben dem Gewerkschaftsvertreter (der praktisch ein Vollzeitfunktionär ist) einen entsprechenden Brief, erhielten aber bislang keine Antwort, obwohl wir wissen, dass er mit der UBS in Italien gesprochen hat – vielleicht ändert sich also gerade etwas.

Mehr Glück hatten wir mit den Antikriegs- und Palästina-Solidaritätsbewegungen, vier Gewerkschaftsräten und mehreren Gewerkschaftsverbänden. Der große Durchbruch gelang uns jedoch durch die einstimmige Unterstützung des Londoner Regionalrats der Gewerkschaft „Rail, Maritime and Transport“ (RMT). Leider kam diese Unterstützung erst am Vorabend des Streiks, doch könnte sich die Gewerkschaft in Zukunft als mächtige Verbündete erweisen, da sie einige Schlüsselkräfte in den Häfen organisiert.

In Zukunft wollen wir die Kampagne vertiefen. Dabei können wir auf die großzügige und wichtige Unterstützung von Mick aus Marseille zählen und sind stolz darauf, bereits den größten Tag der Solidaritätsaktionen der Arbeiter:innen in drei Jahren des Völkermords organisiert zu haben. Wir müssen nicht nur versuchen, die Hafenarbeiter:innen in Tilbury für uns zu gewinnen, sondern auch Liverpool dazu ermutigen, einen direkteren Ansatz zu verfolgen, sowie andere wichtige Häfen wie Felixstowe, Southampton und in Schottland anzusprechen.

Wir stehen vor einer Inflationskrise, die Grundbedürfnisse wie Kraftstoff und Lebensmittel am härtesten trifft, gepaart mit einer Labour-Regierung, die auf Aufrüstung setzt. Premierminister Andy Burnham suggeriert hinterlistig, dass mehr Rüstungsfabriken (darunter eine in Southwark!) Großbritannien reindustrialisieren würden, und fordert die Bürger:innen auf, sich für den Fall eines russischen Angriffs mit Konserven und Energieriegeln einzudecken. Die Hafenarbeiter:innen lachten, als wir das erwähnten.

Indem wir den Kampf für höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten mit dem Kampf gegen den Krieg verknüpfen, können wir britische Arbeiter:innen mobilisieren und sie ermutigen, Französisch, Italienisch und Spanisch zu lernen – also sich mit der Jugend zu vernetzen und den Widerstand zu stärken. Wir haben keinen Zweifel daran, dass dies einen Kampf gegen die Bürokratie bedeuten wird, die sich mit ganzer Kraft hinter Labour gestellt hat und ihre Mitglieder eifersüchtig unter Kontrolle hält.

Wir von Workers Power, der britischen Sektion der International Socialist League, werden unsererseits auch die Notwendigkeit einer neuen Arbeiter:inneninternationale thematisieren. Wie Mick in Tilbury sagte: „Manche nennen die französischen Schüler:innen Randalierer:innen. Ich nenne sie Revolutionär:innen!“ Tatsächlich muss die neue Internationale, genau wie die vier vorherigen, eine revolutionär-kommunistische sein.

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