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Frauengesundheit: ein Hort systemischer Gewalt?

Lucienne Cabo, Neue Internationale 305, November 2026

Frauen zahlen bei der Gesundheit drauf! Nicht nur müssen wir in überteuerte Periodenprodukte investieren, auch Kosten für Verhütungsmittel wie Pille oder Spirale sind ungleich verteilt. Auch in der Forschung über frauenspezifische medizinische Probleme wurden wir jahrhundertelang missachtet. Dadurch wurden und werden wir fehldiagnostiziert, müssen mehr Schmerzen erleiden und sind strukturell benachteiligt. Und die „Reformen“ der Regierung Merz mit ihren Einschnitten im Gesundheits- und Sozialbereich tragen ihr Übriges dazu bei.

Gender Health Gap – passé?

In der Forschung, Diagnostik und in klinischen Studien galt der Medizin jahrhundertelang der männliche Körper als Norm. Diese systematische Unterrepräsentation von Frauen in wissenschaftlichen Datensätzen bezeichnet man als Gender Data Gap. So waren beispielsweise Frauen im gebärfähigen Alter in den USA bis 1993 weitgehend von frühen Studienphasen ausgeschlossen. Denn der Zyklus gilt in Studien als Störfaktor. Noch heute liegt der Frauenanteil in Studien zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei nur etwa 38 Prozent, obwohl diese Erkrankungen bei Frauen die häufigste Todesursache sind. Die Datenlücke betrifft auch trans und Interpersonen. In großen RKI-Befragungen sind die Fallzahlen zu klein für belastbare Analysen (RKI: Robert Koch-Institut). Zusätzlich ist durch Ablehnung und Diskriminierung ihre psychische Belastung deutlich höher. In Dänemark begehen trans Personen fast achtmal so häufig einen Suizidversuch wie die Gesamtbevölkerung [1].

Die Gender Health Gap beschreibt dagegen die daraus entstehenden Unterschiede in der Gesundheitsversorgung. Eine dänische Studie zeigte, dass Frauen bei 770 Erkrankungen im Schnitt später diagnostiziert werden als Männer: bei Krebs rund 2,5 Jahre, bei Diabetes etwa 4,5 Jahre. Zudem treten bei Frauen Nebenwirkungen von Medikamenten fast doppelt so häufig auf, da die Dosierung kaum angepasst wird. Für Patientinnen hat die Gender Health Gap auch finanzielle Folgen. Verhütungsmittel zahlt die Kasse nur bis zum 22. Lebensjahr, und viele gynäkologische Zusatzuntersuchungen werden als Selbstzahlerleistung abgerechnet. Ab 2027 steigen zudem die gesetzlichen Arzneimittelzuzahlungen (Rezeptgebühren) um 50 Prozent. Weil Frauen im Schnitt weniger verdienen, treffen sie solche Eigenanteile besonders.

Drei Beispiele

1) Endometriose: starke Schmerzen – späte Diagnose

Schätzungsweise zwei bis vier Millionen Frauen sind in Deutschland von Endometriose (Wucherung der Gebärmutterschleimhaut) betroffen. Trotzdem vergehen von den ersten Symptomen bis zur Diagnose sieben bis zehn Jahre. Starke Regelschmerzen gelten noch immer als normal, Betroffene werden mit Ibuprofen (Schmerzmittel) nach Hause geschickt oder als überempfindlich abgetan. Häufig folgen Fehldiagnosen wie Reizdarm oder unerklärliche Unterbauchschmerzen. Die Folgen sind gravierend. Unbehandelt kann sich die Krankheit ausbreiten, Schmerzen werden chronisch, und die Erkrankung ist häufig mit unerfülltem Kinderwunsch verbunden. Gezielte Mittel für die Endometrioseforschung stellte der Bund erst 2023 überhaupt bereit.

2) Verhütungsmittel: von Verantwortung bis Depression

Auch bei der Verhütung tragen Frauen die Last fast allein. Pille, Hormonspirale oder Vaginalring greifen dauerhaft in den Hormonhaushalt ein. Neben bekannten Risiken wie Thrombosen zeigt eine Studie mit über einer Million Frauen: Wer die kombinierte Pille nimmt, bekommt 23 Prozent häufiger erstmals Antidepressiva verschrieben, bei Jugendlichen steigt das Risiko sogar um 80 Prozent. Eine Studie zur hormonellen Verhütungsspritze für Männer wurde dagegen 2011 vorzeitig gestoppt, unter anderem wegen Stimmungsschwankungen und Depressionen. Das sind genau die Nebenwirkungen, die Frauen seit Jahrzehnten hinnehmen sollen! Zwar wird inzwischen an einer hormonfreien Pille für den Mann geforscht, von einer Zulassung ist sie aber noch Jahre entfernt.

3) Kliniken schließen, geboren wird trotzdem

Wie wenig Frauengesundheit zählt, zeigt sich auch bei der Geburt. Die Zahl der Kliniken mit Geburtshilfe hat sich seit den 1990ern mehr als halbiert, und mit der Krankenhausreform drohen weitere Schließungen, vor allem bei kleinen Häusern auf dem Land. Dort sind Fahrzeiten von 30 bis 40 Minuten schon heute üblich, und bei Stau oder Glatteis werden sie schnell länger. Wo Kreißsäle schließen, müssen die übrigen Kliniken mehr Geburten stemmen. Eine Hebamme betreut im Schnitt drei Frauen gleichzeitig, obwohl mehr als jede zweite Hebamme sagt, sie habe zu wenig Zeit für eine angemessene Betreuung. Das ist nicht nur belastend für Hebammen, sondern schadet auch den Gebärenden.

Gesundheit ist Klassenfrage!

Frauengesundheit ist heute kein Randthema mehr. Gerade Aktivist:innen auf Social Media, aber auch kritische Forscher:innen tragen dazu bei, dass Frauen nicht mehr „unter ferner liefen“ behandelt werden. Nur profitieren nicht alle Frauen im selben Maße davon. Was die Gesundheitsversorgung angeht, gibt es große Gefälle zwischen Stadt und Land, Halbkolonien und imperialistischen Ländern, aber auch ärmeren und reicheren Vierteln. Frauen aus der Arbeiter:innenklasse erreichen Innovationen und neue Forschungsergebnisse meist als Letzte und erhalten in der Regel, wenn überhaupt, eine Minimalbehandlung. Als Revolutionär:innen ist es daher unsere Aufgabe, bei der Gender Health Gap einen Klassenstandpunkt einzunehmen. Denn derzeit gibt es massive Angriffe auf die Gesundheitsversorgung durch Kürzungen, die all die oben genannten Probleme noch verschärfen werden.

Wir fordern daher:

  • Gute Gesundheitsversorgung für alle!
  • Abschaffung der privaten Krankenversicherung und Vorzugsbehandlung von Reichen!
  • Regionale Gesundheitszentren, damit die Arbeiter:innenklasse dieselbe Gesundheitsversorgung erhält wie die Bourgeoisie!
  • Frauengesundheit und queersensible Versorgung müssen Kassenleistung sein: von der Spirale über Hebammenversorgung bis Mastektomie!
  • Stoppt die Kürzungen im Gesundheitsbereich, denn sie greift vor allem die Gesundheit der Arbeiter:innenklasse an!

Endnote

[1] Hilfe bei Suizidgedanken findest du bei der Telefonseelsorge 0800 111 0 111, kostenlos und rund um die Uhr.

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