Tim Nailsea, Neue Internationale 304, Oktober 2026
Ansar Allah (deutsch: Helfer Gottes), auch als „die Huthis“ bezeichnet, hat den von Saudi-Arabien unterstützten jemenitischen Regierungstruppen einen schweren Schlag versetzt. Am 10. September eroberte Ansar Allah in einer schnellen Offensive die Hafenstadt Mokka an der Küste des Roten Meeres; am folgenden Tag rückten ihre Kräfte auf die Insel Perim, auch Mayyun genannt, in der Meerenge von Bab al-Mandab vor. Durch diesen Vorstoß hat die Gruppe wichtige Stellungen eingenommen, von denen aus sich eine der weltweit bedeutendsten Schifffahrtsrouten überwachen lässt. Fast zeitgleich wurde die für Saudi-Arabien lebenswichtige Ost-West-Ölpipeline angegriffen, was zu einer vorübergehenden Stilllegung führte. Dieser Angriff wurde in Medienberichten eher mit dem Iran verbündeten Kräften im Irak in Verbindung gebracht als eindeutig Ansar Allah selbst zugeschrieben. Der Vormarsch ist eine schwere Demütigung für Saudi-Arabien und die von ihm im Jemen unterstützten Kräfte sowie ein bedeutender strategischer Gewinn für die mit dem Iran verbündeten Kräfte in der Region. Da die Straße von Hormus bereits durch den Konflikt mit dem Iran blockiert ist, verschafft die Kontrolle über Stellungen rund um die Meerenge von Bab al-Mandab Ansar Allah zusätzlichen Einfluss auf eine zentrale Handelsroute, die Asien, den Nahen Osten und Europa verbindet.
Der Konflikt im Jemen wird im Allgemeinen schlicht als „Bürgerkrieg“ bezeichnet. Zwar beruht der Konflikt auf tiefen politischen und regionalen Spaltungen innerhalb des Jemen, doch verschleiert diese Bezeichnung die entscheidende Rolle äußerer Mächte und ihrer geopolitischen Interessen. Seit 2015 greifen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate immer wieder militärisch gegen Ansar Allah ein und bewaffnen, finanzieren und organisieren rivalisierende jemenitische Kräfte. Saudi-Arabien intervenierte ursprünglich, um die Regierung von Abed Rabbo Mansur Hadi wiederherzustellen. Seit 2022 unterstützt es den Präsidialen Führungsrat, während die Vereinigten Arabischen Emirate Kräfte im Süden fördern, insbesondere solche, die mit dem separatistischen Südlichen Übergangsrat verbunden sind. Großbritannien spielte und spielt eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der saudischen Kriegsmaschinerie.
Von Großbritannien gebaute „Typhoon“- und „Tornado“-Flugzeuge sowie britische „Paveway“-Bomben und andere Waffen wurden von der saudischen Luftwaffe im Jemen eingesetzt. Die britische Regierung leistete zudem technische Unterstützung für saudische Flugzeuge, bildete saudische Pilot:innen und Personal für die Zielplanung aus und entsandte militärische Verbindungsoffizier:innen in die saudischen Hauptquartiere. Britische Minister:innen betonten, dass dieses Personal weder Ziele auswähle noch unmittelbar an Angriffen beteiligt sei, doch eine parlamentarische Untersuchung beschrieb das Gesamtmaß der britischen Unterstützung als umfangreich. Nun engagiert sich Großbritannien wieder direkter. Am 22. September kündigte die Regierung an, ein Tankflugzeug vom Typ „Voyager“ der Royal Air Force werde saudische Flugzeuge in der Luft betanken. Diese Hilfe ergänzt das bereits im Land eingesetzte britische Personal und die britische Unterstützung für die saudische Luftabwehr. In ihrer Erklärung benannte die Regierung die damit verbundenen imperialen Interessen ungewöhnlich offen: den Schutz des Handels und der Energieversorgung sowie die Vermeidung von Störungen der britischen Wirtschaft.
Ansar Allah ging aus einer religiösen Wiederbelebungsbewegung der Zaidit:innen in Saʿda im Norden des Jemen hervor. Unter Hussein Badreddin al-Huthi (daher der Name „Huthis“) entwickelte sie sich zu einer bewaffneten Oppositionsbewegung gegen das Regime von Präsident Ali Abdullah Salih. Zwischen 2004 und 2010 führte die Regierung sechs aufeinanderfolgende Kriege gegen die Bewegung, die als Saʿda-Kriege bekannt wurden. Sie beteiligte sich 2011 am Massenaufstand gegen Salih. Nachdem dieser im Rahmen des von Saudi-Arabien vermittelten Übergangs durch seinen Stellvertreter Hadi abgelöst worden war, dehnte sie ihren Einfluss über ihre ursprünglichen Hochburgen im Norden hinaus aus. Im Jahr 2014 ging sie ein Bündnis mit ihrem ehemaligen Feind Salih ein und eroberte Sanaa mit Hilfe von Streitkräften, die dem früheren Präsidenten noch treu ergeben waren. Das Bündnis zerbrach schließlich, und Salih kam im Dezember 2017 bei Kämpfen zwischen den beiden Seiten ums Leben. Der Iran hat Ansar Allah politisch unterstützt und zunehmend umfangreiche militärische Hilfe geleistet. Diese Beziehung hat sich während des Krieges erheblich vertieft, doch Ansar Allah einfach als Stellvertreter des Irans zu bezeichnen, greift zu kurz. Die Bewegung verfügt über eine eigene Führung, eine eigene soziale Basis und eigene politische Ziele im Jemen, und ihr Kampf gegen den jemenitischen Staat und den saudischen Einfluss reicht weit über ihre heutigen Beziehungen zu Teheran hinaus. Iranische Waffen und militärische Hilfe sind dennoch zu einem wichtigen Faktor für ihre Entwicklung zu einer regionalen Militärmacht geworden.
Politisch ist Ansar Allah eine religiös-politische und militärische Bewegung. Ihre Ideologie verbindet die zaiditische Erneuerungsbewegung mit jemenitischem Nationalismus und der Feindschaft gegen die Vorherrschaft Saudi-Arabiens, der USA und Israels. Neben ihrer antiimperialistischen und antizionistischen Rhetorik enthält ihre offizielle Parole, die Anfang der 2000er eingeführt wurde und weiterhin verwendet wird, eine ausdrücklich antisemitische Zeile, die sich gegen Jüd:innen als solche richtet („Fluch über die Juden“). Vertreter erklären zwar, ihre Feindschaft richte sich allein gegen Zionismus und die Besatzung Palästinas. Die Fortsetzung und Verschärfung der Verfolgung von Angehörigen der kleinen jüdischen Minderheit unter ihrer Herrschaft sowie die anhaltende Inhaftierung des jemenitischen Juden Levi Marhabi trotz einer gerichtlichen Freilassungsanordnung widersprechen dieser Abgrenzung jedoch.
Über zwei Jahrzehnte hinweg gewann Ansar Allah weit über ihre ursprüngliche Basis in Saʿda hinaus Unterstützung, indem sie die Korruption und den Zusammenbruch des alten Staates, den Unmut über die saudische Einmischung und die die politische und wirtschaftliche Vernachlässigung Saʿdas und anderer Teile des nördlichen Hochlands ausnutzte. Ansar Allah gehört in keinster Weise zur sozialistischen oder Arbeiter:innenbewegung, sondern eine klerikal-nationalistische Kraft. Ihr Programm stellt weder das kapitalistische Eigentum in Frage noch tritt es für eine unabhängige politische Herrschaft der Arbeiter:innen und armen Bäuerinnen und Bauern ein. Ihre Herrschaft ist autoritär und sozialkonservativ. Während Frauen bei ihrer Bewegungsfreiheit, ihrer Arbeit und ihrer Teilnahme am öffentlichen Leben zunehmend eingeschränkt werden, wurden politische Gegner:innen und Journalist:innen inhaftiert und unterdrückt. Die rivalisierenden jemenitischen Behörden und dem Südlichen Übergangsrat gehen ebenfalls äußerst repressiv vor.
Breitere Unterstützung und größeres Ansehen gewann Ansar Allah vor allem durch ihren Widerstand gegen die saudische Intervention und – seit Beginn des israelischen Angriffs auf den Gazastreifen – ihre Angriffe auf Israel und die mit dem Krieg in Verbindung stehende Schifffahrt. Durch diese Aktionen wurde die ursprünglich vorwiegend nordjemenitische Bewegung zu einer zunehmend wichtigen Kraft in der umfassenderen Konfrontation mit Israel und den westlichen Mächten in der Region.
Der Imperialismus unterdrückt ganze Nationen und Völker, die verschiedene Klassen umfassen. Der Widerstand dagegen entsteht daher nicht immer unter sozialistischer oder proletarischer Führung. Er kann von nationalistischen, religiösen und anderen widersprüchlichen politischen Kräften angeführt werden. Die strategische Bedeutung des Jemen liegt auf der Hand: Das Land grenzt an den Bab al-Mandab, die schmale Meerenge, durch die der Schiffsverkehr zwischen dem Indischen Ozean, dem Roten Meer, dem Suezkanal und Europa verläuft. Diese Lage hat das Land wiederholt zum Schauplatz von Interventionen regionaler und imperialistischer Mächte gemacht. Ansar Allah konnte sich als wichtigste Kraft im Widerstand gegen die saudische Intervention etablieren, unter anderem weil sie die durch Armut, Korruption und die politische Marginalisierung des Nordjemens hervorgerufenen Missstände mobilisiert hat. Ihr Widerstand gegen Saudi-Arabien und in jüngerer Zeit ihre militärische Konfrontation mit Israel um den Gazastreifen haben ihren Einfluss weit über ihre ursprüngliche zaiditische Basis hinaus ausgeweitet. Nichts davon erfordert es, den politischen Charakter von Ansar Allah oder die Bilanz ihrer Herrschaft zu verschleiern. Der Widerstand gegen die Intervention Saudi-Arabiens, Großbritanniens und der USA verleiht ihrem klerikalen Programm keinen fortschrittlichen Charakter und macht ihre autoritäre Regierung nicht zu einer sozialistischen Alternative. Aber auch die Politik von Ansar Allah ändert nichts am Charakter der erneuten saudischen und britischen Intervention. Saudi-Arabien hat kein Recht, dem Jemen mit militärischer Gewalt eine Regierung aufzuzwingen. Ebenso wenig hat Großbritannien das Recht, diese Intervention mit Flugzeugen, Waffen, Personal und nun auch direkter militärischer Unterstützung zu ermöglichen.
Die jüngste Offensive hat einmal mehr die Grenzen der saudischen Militärmacht aufgezeigt. Seit mehr als einem Jahrzehnt setzt Riad – unterstützt von westlichen Regierungen, Rüstungskonzernen und Militärberater:innen – einige der modernsten Waffensysteme der Welt gegen Kräfte ein, die in einem der ärmsten Länder der Region operieren. Dennoch hat Ansar Allah den von Saudi-Arabien angeführten Luftkrieg überstanden, seine Kontrolle über weite Teile des Nordjemens gefestigt und den von Saudi-Arabien unterstützten Kräften an der Küste des Roten Meeres nun eine schwere Niederlage zugefügt. Der Gegensatz ist augenfällig: Eine Monarchie, die über einige der teuersten Waffensysteme der Welt verfügt, ist erneut daran gescheitert, dem Jemen ihren Willen aufzuzwingen.
Voraussetzung für eine Überwindung von Unterdrückung und Gewalt im Jemen ist letztlich die unabhängige Organisation der Arbeiter:innen, der armen Bäuerinnen und Bauern, der religiösen Minderheiten sowie der übrigen unterdrückten Massen des Landes gegen imperialistische Einmischung und gegen die rivalisierenden kapitalistischen, klerikalen und stammesbezogenen Führungsschichten des Landes, zu denen auch die bürokratische Führung von Ansar Allah gehört. Eine Niederlage der erneuten saudischen Intervention sowie der britischen Regierung, die diese gegenwärtig stützt, wäre jedoch ein schwerer Schlag gegen die imperialistische Vorherrschaft in der Region.