Arbeiter:innenmacht

Französischer Imperialismus: Ostverlagerung, schwindender Einfluss in Sahelzone

Ezra Otieno, Infomail 1317, 19. August 2026

Der französische Imperialismus versucht, seinen Einfluss in Afrika durch neue Allianzen in Ostafrika wieder aufzubauen, nachdem er in der Sahelzone und in Westafrika eine Reihe schwerer Rückschläge erlitten hat.

In den letzten vier Jahren wurden französische Truppen aus Mali, Burkina Faso, Niger, dem Tschad und anderen ehemaligen Hochburgen vertrieben, in denen Paris jahrzehntelang militärischen, politischen und wirtschaftlichen Einfluss ausgeübt hatte. Dieser Rückzug stellt eine der größten Herausforderungen für die französischen Interessen auf dem Kontinent seit der formellen Entkolonialisierung dar.

Anstatt sich komplett aus Afrika zurückzuziehen, hat Frankreich seine Aufmerksamkeit nun auf Kenia gerichtet, wo sich die Regierung von Präsident William Ruto als einer seiner engsten regionalen Partner herauskristallisiert hat.

Diese Neuausrichtung wurde durch den „Africa Forward“-Gipfel unterstrichen, der im Mai in Nairobi stattfand und Tausende von Delegierten, Staatschef:innen, Investor:innen und Regierungsvertreter:innen zusammenbrachte. Der französische Präsident Emmanuel Macron nutzte den Gipfel, um Investitionszusagen in Höhe von mehreren Milliarden Euro in den Bereichen Energie, Landwirtschaft, Technologie und Infrastruktur anzukündigen.

Während Regierungsvertreter:innen das Treffen als Symbol einer neuen Partnerschaft zwischen Afrika und Frankreich bezeichneten, argumentieren Kritiker:innen, dass der Gipfel ein Teil der umfassenderen Bemühungen des französischen Kapitals sei, nach seinem Rückzug aus Westafrika eine neue Operationsbasis zu etablieren.

Das Ende von Françafrique?

Jahrzehntelang unterhielt Frankreich durch Militäreinsätze, Wirtschaftsabkommen, politische Interventionen und das CFA-Franc-Währungssystem ein mächtiges Einflussnetzwerk in seinen ehemaligen Kolonien.

Massenproteste in der gesamten Sahelzone stellten diese Ordnung zunehmend in Frage. In Mali, Burkina Faso und Niger trug die weit verbreitete Wut über militärische Interventionen, wirtschaftliche Abhängigkeit und ausländischen Einfluss zum Abzug der französischen Truppen bei. Große Demonstrationen vor französischen Militärstützpunkten wurden zur Normalität, wobei die Demonstrant:innen ein Ende dessen forderten, was viele als anhaltende neokoloniale Kontrolle betrachteten.

Der Abzug stellte eine schwere politische Niederlage für Paris dar. Der französische militärische Einfluss, der sich einst über weite Teile West- und Zentralafrikas erstreckte, ist drastisch geschrumpft. Analyst:innen warnen jedoch, dass der Rückgang des französischen Einflusses in einer Region nicht unbedingt das Ende imperialistischer Interventionen auf dem Kontinent bedeutet.

Kenia wird zum strategischen Partner 

Kenia hat in den letzten zehn Jahren zunehmend französische Investitionen angezogen. Französische Unternehmen haben ihre Präsenz in Bereichen wie erneuerbare Energien, Verkehr, Telekommunikation, Bankwesen und Stadtentwicklung ausgebaut.

Französische Regierungsvertreter:innen betrachten Kenia als stabilen regionalen Knotenpunkt und als Tor zu den ostafrikanischen Märkten. Seine Lage an den wichtigen Handelsrouten des Indischen Ozeans bietet zudem wichtige strategische Vorteile. Die wachsenden Beziehungen erhielten durch ein Anfang dieses Jahres ratifiziertes Verteidigungskooperationsabkommen weiteren Auftrieb. Im Rahmen des Abkommens werden französische und kenianische Streitkräfte gemeinsame Trainingsübungen, nachrichtendienstliche Zusammenarbeit, Operationen zur maritimen Sicherheit und friedenserhaltende Maßnahmen durchführen.

Das Abkommen sorgte für Kontroversen, nachdem Details bekannt wurden, wonach französischen Militärangehörigen, die in Kenia im Einsatz sind, rechtlicher Schutz gewährt wird. Oppositionspolitiker:innen, zivilgesellschaftliche Organisationen und Aktivist:innen stellten die Frage, ob die Vereinbarung die kenianische Souveränität untergräbt und ein System schafft, in dem ausländische Truppen Privilegien genießen, die normalen Bürger:innen verwehrt bleiben. Berichten zufolge haben etwa 800 französische Militärangehörige an Operationen im Rahmen des Abkommens teilgenommen.

Kritiker:innen verbinden das Abkommen mit imperialistischen Interessen

Sozialistische Organisationen haben das Abkommen als Beweis für Frankreichs Versuch bezeichnet, nach dem Verlust des Zugangs zu strategischen Stützpunkten in der Sahelzone einen neuen militärischen Stützpunkt zu errichten.

Wir argumentieren, dass die Partnerschaft eher die Interessen französischer Konzerne widerspiegelt, die sichere Investitionsbedingungen suchen, als die Bedürfnisse kenianischer Arbeiter:innen und armer Gemeinden.

Ausländische Investitionen unter kapitalistischen Bedingungen kommen in erster Linie multinationalen Konzernen und lokalen Eliten zugute, während die Arbeiter:innen mit steigenden Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit und Sparmaßnahmen konfrontiert sind. Die Kritik kommt inmitten wachsender sozialer Spannungen in Kenia nach Jahren von IWF-gestützten Wirtschaftsreformen.

Der Schatten des Gen-Z-Aufstands

Die Kollaboration zwischen Kenia und Frankreich entwickelt sich vor dem Hintergrund des Gen-Z-Aufstands von 2024, einer der größten Protestbewegungen in der Geschichte Kenias. Millionen junger Menschen mobilisierten sich gegen Steuererhöhungen, Sparpolitik, Korruption und steigende Lebenshaltungskosten.

Die Jugend warf der Regierung vor, die Interessen internationaler Kreditgeber:innen und ausländischer Investor:innen über die der einfachen Bürger:innen zu stellen. Protestslogans wie „IMF Go Home“ und „Ruto Must Go“ spiegelten die wachsende Wut sowohl auf die Regierung als auch auf internationale Finanzinstitutionen wider. Menschenrechtsgruppen dokumentierten Todesfälle, Verletzte, Festnahmen und Verschwundene während der Reaktion der Regierung auf die Demonstrationen.

Für uns lässt sich die wachsende Beziehung zwischen Kenia und Frankreich nicht von diesen umfassenderen wirtschaftlichen und politischen Kämpfen trennen.

Proteste gegen den Gipfel endeten mit Verhaftungen

Während sich die Staats- und Regierungschef:innen im Kenyatta International Convention Centre in Nairobi zum „Africa Forward Summit (Gipfeltreffen Afrika voran)“ versammelten, organisierten antiimperialistische Aktivist:innen Parallelveranstaltungen gegen das Treffen.     Die Demonstrant:innen warfen Frankreich vor, durch Investitionsabkommen, militärische Zusammenarbeit und politischen Einfluss alte Formen der Herrschaft wiederbeleben zu wollen. Die Polizei löste die Demonstrationen auf und verhaftete mehrere Aktivist:innen sowie internationale Delegierte, die mit dem Gegengipfel in Verbindung standen.

Die Festnahmen wurden von allen Seiten verurteilt; man argumentierte, dass demokratische Rechte eingeschränkt würden, um den Gipfel vor öffentlichem Widerstand zu schützen.

Ein neues Kapitel eines alten Systems

Die wachsende französische Präsenz in Kenia hat die Debatte über die Zukunft der afrikanischen Souveränität und Entwicklung verschärft. Befürworter:innen der Partnerschaft verweisen auf versprochene Investitionen, Infrastrukturprojekte und wirtschaftliche Chancen.

Wir als Trotzkist:innen argumentieren, dass die zugrunde liegende Struktur unverändert bleibt. Wir weisen darauf hin, dass ausländisches Kapital weiterhin Reichtum aus Afrika abzieht, während lokale Regierungen als Vermittlerinnen zwischen multinationalen Konzernen und der Bevölkerung fungieren.

Für sozialistische Organisationen auf dem gesamten Kontinent bleibt die zentrale Frage, ob afrikanische Arbeiter:innen und Jugendliche unabhängige politische Bewegungen aufbauen können, die in der Lage sind, sowohl die ausländische Herrschaft als auch die lokalen herrschenden Klassen, die diese stützen, herauszufordern.

Während der französische Einfluss in einer Region abnimmt und in einer anderen anwächst, geht der Kampf um Afrikas Zukunft weiter.

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