Internationale Kommunisten Deutschlands (IKD), „Unser Wort“, März 1939
Die Lehren der spanischen Revolution. Analysen und Dokumente, Broschüre der Gruppe Arbeiter:innenmacht, Juli / August 2026
Der Fall Barcelonas, der den Ausgang des spanischen Bürgerkriegs entscheidet, hat sich mit einer geradezu verblüffenden Leichtigkeit vollzogen. Ohne einen Schuss rückten Francos Truppen in die Strassen der vormaligen Hochburg des revolutionären Proletariats ein, in ganz Katalonien stießen sie auf keinerlei ernsthaften Widerstand. Das republikanische Regime war in einem solchen Grade verfault, die Soldaten von den Offizieren, die Armee von den Massen, die Massen von der Regierung, die Regierung vom Ausland in einem solchen Grade isoliert, verraten und verlassen, dass auch die Gegner der Regierung Negrin vom Tempo der Katastroph überrascht wurden. Hatte doch sogar der eitle Großsprecher Franco, durch viele fehlgeschlagene Prophezeiungen klug geworden, den Fall Barcelonas erst für Mai angekündigt! Wenige Tage vor ihrer Flucht aus Barcelona hatte übrigens die Negrinregierung selbst Zeugnis abgelegt für ihren völligen, nicht nur materiellen, sondern auch moralischen und politischen Bankerott, durch eine Handlung, die mehr als alle andere die völlige Isolierung der «Volksfront» von den Massen unterstrich: Negrin verordnete die Konfiskation aller privaten Radioapparate, um die Bevölkerung daran zu hindern, die Sendungen der Francostationen zu hören. Selbst die Aufklärung war eine Waffe in den Händen der Faschisten geworden!
Zwar versucht eine „demokratische“ und „sozialistische“ Presse, deren Funktion seit nunmehr 25 Jahren in der systematischen Lüge, in der Verdummung, Einschläferung und Paralysierung der unterdrückten Massen besteht, uns immer noch einzureden, der Fall Barcelonas und Kataloniens entscheide nichts, der Krieg gehe weiter, es bestehe immer noch Hoffnung auf Sieg, Hoffnung auf Daladier, Churchill, Duff Cooper und, nicht zu vergessen, auf Roosevelt. Überlassen wir diese schreibenden Kretins und Schufte, die kopf- oder Charakter- oder kopf- und charakterlose Schar der Stampfer, Braun, Münzenberg, Walcher, Fröhlich, Budzislawski, Pieck, Dengel und ihres gleichen in Frankreich, England und der übrigen Welt sich selbst und stellen wir fest: Die Sache des spanischen Proletariats ist verloren, wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus. Die spanischen Arbeiter haben Bewundernswertes, in der Geschichte fast Beispielloses geleistet. Trotz Beschränktheit, Verrat, Zynismus, bewusster und unbewusster Sabotage von Seiten ihrer Führung haben sie in einem Bürgerkrieg von fast dreijähriger Dauer dem Faschismus die Stirn geboten. Darum Hut ab vor den spanischen Arbeitern! Ehre und Dank dem spanischen Proletariat! Unsere brüderlichste Solidarität den spanischen Kämpfern und Flüchtlingen! Aber darum auch Schmach und Schande den so genannten Führern dieses heldenmütigen Proletariats! Schmach und Schande den Negrin, Hernandes, Uribe, Garcia Oliver, del Vayo, Caballero und Co., die den Widerstand des spanischen Proletariats desorganisiert, den Kampf seines sozialen Inhalts beraubt, die bürgerliche Ordnung wiedererrichtet, sich Stalin und dem Non-Interventionskomite unterworfen haben! Schmach und Schande den spanischen Stalinisten und den hinter ihnen hertrottenden Sozialisten und Anarchisten, die sich mit reaktionärsten politischen Schuften wie Partelas Valladares verbrüdert, revolutionäre Sozialisten wie Nin, Durutti, Bemeri, Wolf, jedoch ermordet und die Arbeiter entwaffnet haben!
Schmach und Schande auch den französischen, belgischen, englischen, schweizerischen, holländischen und skandinavischen „Sozialisten“ und „Kommunisten“, die sich während des ganzen Bürgerkrieges an der zynischen und gemeinen Komödie der Non-Intervention beteiligten, die die elende stalinistische Verleumdung von der „trotzkistischen Sabotage“ des republikanischen Verteidigungskampfes unterstützten und gleichzeitig in ihrer übergroßen Mehrzahl als brave Regierungssozialisten und untertänige Agenten der profithungrigen Bourgeoisie diplomatische und kommerzielle Verbindungen mit Burgos knüpften. Die Hauptschmach und Hauptschande aber, die Hauptverantwortung für die in ihrer Schwere noch nicht abzumessende Niederlage des spanischen Proletariats kommt auf das im voraus schwer belastete Schuldkonto dieser unheimlichsten Figur der modernen Geschichte, des vertierten Scheusals im Moskauer Kreml, Borgia-Stalin, des Einbläsers und Einpeitschers der verräterischen und verbrecherischen Volksfrontpolitik, des Organisators aller Niederlagen des Weltproletariats in den letzten 16 Jahren, des Massenhenkers und Kameradenmörders.
Der Zeitpunkt ist gekommen, einen raschen Rückblick auf die Geschichte des spanischen Bürgerkriegs zu werfen. Am 17. Juli 1936 erhob sich fast die gesamte „republikanische“ Armee mit General Franco an der Spitze gegen die „Volksfrontrepublik“, die der Verschwörung ihrer faschistisch-monarchistischen Offiziersclique tatenlos zugesehen und auch sonst alles beim Alten gelassen hatte. Während die vor der Perspektive des Bürgerkriegs zu Tode erschreckenden „linken“ Bourgeois Azana, Barrio, Giral zwischen Kapitulation und Kompromiss schwebten, gingen die Arbeiter am 19. Juli auf eigene Faust zum Gegenangriff über. Im Laufe weniger Tage eroberten die „von unten“ organisierten Milizen Barcelona, Katalonien, Madrid, Malaga zurück und behielten gleichzeitig die baskische Provinz. Der größere und wertvollere Teil Spaniens war in den Händen der Arbeiter. Diese gingen in der Abwehr des Francoaufstandes sogleich über die Grenzen der republikanischen Institutionen hinaus, bildeten Milizen, Räte, beschlagnahmten bürgerliches Eigentum, gründeten Kooperativen, konfiszierten das Land und bewirtschafteten es mit Landarbeitergenossenschaften usw. Für eine revolutionäre Partei waren also glänzende Ansatzpunkte für eine revolutionäre Politik gegeben. Sie brauchte nur das alte Rezept der marxistischen Taktik zu befolgen, sich der bereits im Fluss befindlichen Bewegung der Arbeiter und armen Bauern anzuschließen, um sie vorwärts zu stoßen. Doch eben eine revolutionäre Partei fehlte in Spanien.
Die Massen standen im Juli 1936 tausendmal weiter links als die äußerste politische Linke (POUM, Anarchisten) und unermesslich weiter links als Sozialisten, Stalinisten und bürgerliche Republikaner, die erst mehrere Wochen nach dem Aufstand der Arbeiter wieder aus ihren Löchern hervor krochen. Statt die Bewegung der Arbeiter vorwärts zu treiben, gaben sich alle genannten Parteien mit vereinten Kräften – darin bestand die „Volksfront“ – daran, zu bremsen, noch einmal zu bremsen und abermals zu bremsen, um dann die Bewegung zurückzuschrauben. Dabei bedienten sich die spanischen Menschewiken des gleichen verschlissenen Arguments, dessen sich bisher die Bremser in allen Revolutionen bedient haben, nämlich der Drohung mit der Intervention des konterrevolutionären Auslandes. „Lasst uns um Gottes Willen nicht den Rahmen der konstitutioneller. Republik verlassen, sichern wir uns die wohlwollende Neutralität oder vielleicht gar die Hilfe Englands und Frankreichs, indem wir nichts unternehmen, was gegen die Interessen dieser Länder verstößt. Schwören wir dem Sozialismus, der roten Fahne, dem Internationalismus und den Sowjets ab und proklamieren wir stattdessen die Verteidigung des Privateigentums, der spanischen Nationalfarben und der Cortes“
Und die äußerste Linke – Anarchisten und POUM – sagte keineswegs dieser Linie der Kapitulation und des Verrats den schärfsten Kampf an, sondern übernahm das Argument in seiner perfidesten und zugleich lächerlichsten Fassung: Durch den Aufstand des 19. Juli haben die Arbeiter de facto die Macht, überlassen wir die Macht de jure den Regierungen Companys und dem Präsidenten Azana, lassen wir die Republik als „diplomatische Fassade“ bestehen, um England und Frankre.ch zu täuschen. Doch wie immer in solchen Fällen erwiesen sich die kleinen Betrüger bald als die Betrogenen. Denn die englische und französische Bourgeoisie erwiderten durch den Mund ihrer Agenten in Barcelona und Madrid: Die Worte hören wir wohl, allein uns fehlt der Glaube. Wollt ihr in den Kreis der „respektablen“ bürgerlichen Demokratien eintreten, löst die Komitees auf, entwaffnet die Arbeiter, gebt das Privateigentum zurück, unterdrückt die revolutionären Bestrebungen, verbietet die Umsturz-Parteien. Immerhin hätte diese diplomatische Intervention Englands und Frankreichs vielleicht nicht genügt, dies alles in relativ kurzer Frist durchzusetzen, wäre ihnen nicht in Stalin ein Gendarm erstanden, der dieses Programm der bürgerlichen Konterrevolution mit den Erpressermethoden eines Al Capone mit der Autorität eines Revolutionärs und der Gewissenlosigkeit eines Henkers zu seinem eigenen gemacht hätte. Zu diesem bestimmten, genau begrenzten Zweck – nämlich der Erdrosselung der selbständigen Bewegung der Arbeiter – erlaubten England und Frankreich sogar Stalin, der spanischen Regierung ein paar Waffen zu liefern.
Damit fiel den spanischen Anarchisten und Sozialisten ein Stein vom Herzen. Waren sie doch nunmehr durch Stalin von der Verpflichtung entbunden, für ihre eigenen Prinzipien zu kämpfen. Die Führer der spanischen Anarchisten und Syndikalisten entdeckten plötzlich, was der von ihnen schwer gelästerte Kautsky 1914 in Bezug auf die Sozialdemokratie entdeckte, dass nämlich Prinzipientreue in „Friedenszeiten“ eine schöne Sache, in „Kriegszeiten“ jedoch ein lebensgefährlich Ding ist. Also verschacherten sie ihre Prinzipien gegen Stalins Waffen und verhalfen den zu Anfang des Bürgerkriegs gänzlich unbedeutenden spanischen Stalinisten als den konsequentesten, rücksichtslosesten, zynischsten und ungehemmtesten Einpeitschern der bürgerlich-republikanischen Linie zu ihrer führenden Rolle, die sie allerdings nur kurze Zeit und als Platzhalter Francos spielen konnten.
Von ihren Organisationen verraten und verlassen und den stalinistischen Schurken ausgeliefert, machten die Barcelonaer Arbeiter im Mai 1937 noch einen letzten heroischen Versuch, die Errungenschaften des 19. Juli zu verteidigen, um den Krieg gegen Franco mit den Mitteln und Methoden der proletarischen Revolution führen zu können. Wiederum war für eine revolutionäre Partei die großartige Gelegenheit geboten, sich der bereits im Fluss befindlichen Bewegung der Arbeiter anzuschließen, um sie vorwärts zu stoßen und zum Siege zu führen, und wiederum schloss sich die POUM der Bewegung nur an, um sie zu bremsen, während sich die führenden Anarchisten gar von vornherein auf die andere Seite der Barrikade stellten. Auf diese Weise wurde der Sieg den stalinistischen Henkern in die Hände gespielt. Doch die wirkliche Bedeutung der Maitage war eine viel tiefere. Hier wurde die wichtigste, die entscheidende Schlacht des gesamten spanischen Bürgerkriegs geschlagen. Der Sieg des mit Moskauer Waffen ausgerüsteten stalino-republikanischen Polizeikorps über die Barcelonaer Arbeiter entschied den Bürgerkrieg zu Gunsten Francos. (she. Anmerkung) Hoffen wir, dass General Franco nicht versäumen wird, den Hauptverantwortlichen dieser Entscheidungsschlacht, Kain-Stalin, mit seinem höchsten Orden zu dekorieren.
Die spanischen Sozialisten und Anarchisten redeten sich in vollem Ernst ein, ohne sowjetrussische Waffen und die wohlwollende Neutralität Englands und Frankreichs sei der Krieg gegen Franco nicht zu führen. Zur Erreichung dieser beiden „Vorteile“ schien kein Preis zu hoch, kein Verrat zu teuer. Sie fälschten den spanischen Bürgerkrieg aus einem Krieg der Unterdrückten gegen die Unterdrücker in einen Krieg zwischen zwei Unterdrücker-Fraktionen um, und in dem richtigen Instinkt, dass man der herrschenden Klasse in England und Frankreich nicht als Demokrat sondern als Imperialist kommen müsse, proklamierten Caballero und Negrin ihren unabdinglichen Anspruch auf Marokko. Herr Negrin veröffentlichte ein Programm von 13 Punkten, das wohl zum Schamlosesten gehört, was jemals eine Regierung im Kriege den auf ihrer Seite kämpfenden Massen zu bieten gewagt hat: Der auf der ändern Seite des Schützengrabens stehenden Bourgeoisie versprach er „staatlichen Schutz des gesetzlich erworbenen Eigentums und des Familienerbes“ (Pkt. 7), den halbverhungerten, täglich ihr Leben in die Schanze schlagenden Arbeitern dagegen … eine fortschrittliche Gesetzgebung, nicht weniger, nicht mehr. (Pkt. 9) Den 10. Punkt seines Programms holte sich Negrin direkt vom Dunghaufen der nationalsozialistischen Ideologie: „Die kulturelle, körperliche und sittliche Verbesserung der Rasse wird eine der Angelegenheiten sein, mit denen sich der Staat in allererster Linie befassen wird.“ Doch damit nicht genug nimmt Punkt 13 des Programms dem Bürgerkrieg vollends jeden Sinn: „Verrat“ begeht derjenige, der sich einer großzügigen Amnestie und einer Versöhnung mit den faschistischen Generälen, Offizieren und Bourgeois, die ihrerseits den alten Tugenden des Heldenmutes und Idealismus der spanischen Rasse zu neuen Ehren verholfen haben, widersetzt und nicht jeden Gedanken an Rache unterdrückt. Mehr als alle deutschen und italienischen Flugzeuge und Tanks hat dieses Negrinsche Programm den Widerstandswillen der Arbeiter demoralisiert und Franco zum Siege verholfen. Auch Herr Negrin hat sich um einen Francoschen Orden verdient gemacht.
Dass ein politisch beschränkter und isolierter Universitätsdozent mitten im blutigsten Bürgerkrieg mit Ideen dieser Art herumläuft, das kann man zur Not verstehen, dass aber diese politische Null im zweiten Jahre des Bürgerkriegs an die Spitze der Regierung kam und diese Regierung als „El Gobierno de la Victoria“ proklamiert wurde, daran mag man den ungeheuren Zynismus der Stalinisten, die unerhörte Feigheit der Anarchisten und die beispiellose Stupidität aller Fraktionen der Volksfront ermessen.
Denn die ganze Spekulation der Volksfront auf die Gunst der englischen und französischen Imperialisten musste notwendigerweise daran scheitern, dass als Imperialist und Schirmherr des Kapitals die Firma Franco unsäglich solider war als die Koalition der „Sozialisten“, „Kommunisten“ und „Anarchisten“, mochten diese noch so sehr Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus abschwören und den Götzen des Privateigentums anbeten. Die spanische Regierung gewann nicht nur nicht die Unterstützung der französischen und englischen Regierungen, sie verlor auch deren Respekt. Daraus erklärt sich das Paradox, dass je feiger, je reaktionärer, je bürgerlicher und nachgiebiger die spanische Regierung, umso herablassender wurde sie behandelt und schließlich völlig negiert, umso mehr verschanzten sich England, Frankreich und die „demokratischem“, ach so demokratischen Kleinstaaten hinter dem Schutzwall der Non-Interventionspolitik.
Und selbst mit ihrer Unterwürfigkeit Stalin gegenüber hatte die Volksfront nicht mehr Glück. Wie wir in diesem Blatte seit Herbst 1936 ununterbrochen und trotz aller Anfeindungen festgestellt haben, war das Ziel der Stalinschen Intervention n Spanien nicht der Sieg über Franco, sondern die Niederschlagung der proletarischen Revolution. Stalin lieferte solange Waffen, bis die POUM aufgelöst, Andres Nin und einige Dutzend „Trotzkisten“ und linke Anarchisten gemeuchelt, der Barcelonaer Aufstand niedergeschlagen und das Proletariat entwaffnet waren. Nach der Niederlage der Barcelonaer Arbeiter im Mai 1937 wurden die Stalinschen Waffenlieferungen, die von Anfang an spärlichen Charakter hatten, seltener und seltener, um schließlich, nach Hitlers Münchner Triumph, völlig aufzuhören. Stalins Ziel, die Erdrosselung der proletarischen Revolution, war gründlich erreicht. Von nun an hatte er andere Sorgen, deren hauptsächlichste lautet: Wie komme ich zu einer Verständigung mit Hitler? Für diese Verständigung ist er bereit, jeden Preis zu zahlen, noch ehe Hitler ihn verlangt. Darum verweigert er deutschen und tschechischen Flüchtlingen, Juden und Nichtjuden das Asyl, darum überlässt er die tausende und abertausende Opfer seiner spanischen Politik sich selbst und ihrem namenlosen Elend.
Die völlige außenpolitische Isolierung der spanischen Regierung wurde also gerade durch eine Politik herbeigeführt, die von der ständigen Furcht vor dieser Isolierung diktiert war. Eine revolutionäre Partei und eine revolutionäre Regierung hätten vor vornherein mit der Feindschaft aller Imperialisten und Mächtigen dieser Erde gerechnet und sich freiwillig von diesen isoliert, um eben dadurch die Isolierung zu überwinden. Sie hätten die wirkliche Demokratie der unterdrückten Massen in Bewegung gesetzt, indem sie die Scheinheiligkeit, die Heuchelei und den Zynismus der Imperialisten und ihrer „demokratisch“, „sozialistisch“ oder gar „kommunistisch“ maskierten Agenten vor ihnen entlarvten. Auf diese Weise hätten sie die Begeisterung und den Kampfeswillen der Massen entfacht und entweder die Herren Blum und Spaak zum Nachgeben und Aufgeben des Boykotts gezwungen, oder aber zu deren Sturz durch den revolutionären Elan der Massen beigetragen. Eine revolutionäre Partei hätte weiterhin Annahme und Durchführung der kriminellen Stalinschen Ultimaten weit von sich gewiesen und auf diese Weise Stalin gezwungen, entweder die Waffen trotzdem zu liefern oder aber sich offen auf die Seite der Gegner des spanischen und internationalen Proletariats zu steilen. Der Erfolg wäre dreifach gewesen: Stalins Prestige in der internationalen Arbeiterbewegung wäre endgültig erschüttert worden, die russischen Arbeiter wären zu neuem Bewusstsein und neuem Handeln erwacht, das Vertrauen der spanischen Arbeiter in den unbeugsamen revolutionären Willen ihrer Regierung wäre gestiegen.
Doch wie, wenn Stalin in diesem Fall keine Waffen lieferte und die selbständige Aktion der russischen Arbeiter gegen ihn auf sich warten ließ? Und wie, antwortet Trotzki in seiner kleinen Broschüre „Die spanische Lehre“ auf diesen stets wiederkehrenden Einwand, wenn es überhaupt keine Sowjetunion gegeben hätte? „Die Revolutionen siegten bisher durchaus nicht Dank hoher ausländischer Gönner, die ihnen Waffen lieferten. Die ausländischen Gönner standen gewöhnlich auf Seiten der Konterrevolution. Muss man an die Erfahrung der Intervention französischer, englischer, amerikanischer japanischer und anderer Truppen gegen die Sowjets erinnern? Das russische Proletariat besiegte die Reaktion im Innern und die ausländischen Interventionen ohne militärische Unterstützung von außen. Die Revolutionen siegten vor allem eines kühnen sozialen Programms, das es den Massen ermöglicht, die auf ihrem Territorium vorhandenen Waffen zu erobern und die feindliche Armee zu zersetzen. Die Rote Armee beschlagnahmte französische, englische und amerikanische Militärvorräte und warf die fremden Expeditionskorps ins Meer. Ist das etwa schon vergessen?“
Gewiss, die Herren offiziellen Arbeiterführer sowie die literarischen Parasiten der Bewegung (Malraux, Heinrich Mann, Louis Fischer, Nordal Grieg) vergessen alles und begreifen nichts. Inzwischen nähert sich die Stunde der Entscheidung in Frankreich. Das französische Proletariat gerät in eine weit schwierigere Lage als das spanische im Sommer 1936. Die Blum, Faure, Jouhaux, Thorez, Duclos, Cachin werden sich demzufolge als noch unterwürfiger, nachgiebiger, verräterischer, charakterloser und feiger als je zuvor erweisen. Doch wird das nur dazu führen, dass sie auch den letzten Rest von Kontakt mit den Massen verlieren und sich dadurch für die Bourgeoisie in wertlosen und kompromittierenden Ballast verwandeln.
Die wichtigste spanische Lehre für das internationale und heute in erster Linie für das französische Proletariat lautet: Die Arbeiterklasse braucht eine fest gefügte, revolutionär-marxistische Partei, die ihrerseits in engstem Kontakt mit den Massen steht und die demokratischen wie sozialistischen Interessen und Forderungen aller unterdrückten Schichten mit äußerster Entschlossenheit und Konsequenz wahrnimmt. Und die zweite Lehre: Das französische Proletariat muss alle diejenigen als Verräter und Feiglinge aus seinen Reihen verjagen, die eine französische Revolution auf Grund der Umzingelung Frankreichs durch konterrevolutionäre Mächte für unmöglich erklären. Die Frage ist für Frankreich von der Geschichte so gestellt: Entweder wird Frankreich durch das Beispiel seiner eigenen Veränderung die Umwelt verändern, oder aber die Umwelt wird Frankreich nach ihrem Bild formen. Ein Drittes ist völlig ausgeschlossen. Ein Sieg des Faschismus in Frankreich jedoch wird das Schicksal Europas besiegeln und die Entscheidung über die zukünftige Organisation der menschlichen Gesellschaft nach Nordamerika verlegen. Noch liegt der Schlüssel zur Lage in Frankreich, doch wo ist die Hand, die ihn ergreift?
7.2.39 David.
Als wir diese Erkenntnis in den von unserer Konferenz im August 1937 angenommenen „Thesen zum Bürgerkrieg in Spanien“ (Unser Wort, Januar 1938) in den Satz formulierten: „Die Voraussetzung für des Sieg über Franco liegt heute in einer neuen proletarischen Revolution im Gebiete der Valenciaregierung“, da geriet die „Neue Front“ der altbewährten Philister Walcher und Frölich völlig aus dem Häuschen, bezeichnet unsere Thesen als „gefährlichen Unsinn“, uns selbst als „wahnsinnig“ und „Helfer Francos“ und schleuderte uns neben sieben anderen Wahrheiten gleichen Kalibers den Satz entgegen: „Wahrheit ist, dass der Bürgerkrieg in Spanien fortdauert, dass die republikanischen Kämpfer täglich Beispiele echten und unvergänglichen Heldenmutes liefern und dass begründete Hoffnung auf einen vollen Sieg über den Faschismus besteht.“ (N.F., März 1938)
Sicher, der Ruhm der heldenmütigen spanischen Kämpfer ist unvergänglich. Aber ebenso unvergänglich ist die Schmach und Schande der Schurken und Dummköpfe, die die spanischen Arbeiter mit „Wahrheiten“ der angeführten Art fütterten, statt ihnen den Weg zum Sieg zu zeigen.
El Gobierno de la Victoria – die Siegesregierung Negrin – ist geflohen, noch bevor Franco die letzte Schlacht gewonnen hat. Negrin und seine stalinistischen Verschworenen – Uribe, La Passionaria, Lister – sind vertrieben worden, nicht von Franco, sondern von ihrer eigenen Armee, von der „republikanischen Volksarmee“, die angeblich „einen neuen historischen Typus“ darstellte. General Miaja, der treue Sohn des spanischen Volks, der Held der Demokratie und ihr unbestechlicher Verteidiger, hat sich im allerletzten Augenblick als Verräter entlarvt. Arme Stalinisten! Wieder sind sie verraten worden. Glückliche Stalinisten! Wieder ist es ihnen gelungen, einen Verräter zu finden, dem sie die Verantwortung für die eigene verbrecherische Politik aufbürden können.
In den letzten 15 Jahren hat es uns nicht an Verrätern gefehlt. Wir haben Tschangkaischeck gehabt und Hindenburg, Schuschnig, Benesch und General Sirovy, Daladier und Bonnet und jetzt sogar Miaja! In China, in der Tschechoslowakei, in Frankreich und nun wieder in Spanien, überall erleben wir das gleiche: Die Stalinisten stellen die absoluten Gegner des Proletariats als dessen Freunde dar und schlagen schonungslos jegliche Opposition gegen diese nieder, um schließlich nach getaner Henkersarbeit selbst ihrer eigenen Politik zum Opfer zu fallen.
Die Stalinisten waren es, die die Arbeitermilizen aufgelöst und die revolutionären Arbeiter entwaffnet haben; sie waren es, die die bürgerlich-republikanische Armee wiedererrichtet und den bürgerlichen Offizieren die unbeschränkte Kommandogewalt zurückgegeben haben; sie waren es, die die Komitees der Arbeiter und Soldaten aufgelöst und die Verteidigung der bürgerlichen Republik und des Privateigentums proklamiert haben.
Im Kampf gegen die revolutionären Arbeiter, die den Kampf gegen Franco als einen Kampf für den Sozialismus verstanden, stützten sich die Stalinisten auf die Schultern der bürgerlichen Generäle. Jetzt haben sich die Schultern in Bajonette verwandelt, die sich gegen die Stalinisten selbst kehren. Die „Volksarmee“ hat einen neuen Franco hervorgebracht, der den Namen Miaja trägt. Alles das war vorauszusehen und ist vorausgesagt worden. (she. Anmerkung) Doch niemand beherrscht die Kunst der Lüge besser und frecher als die Stalinisten. Ein ganzes Heer von Journalisten, Schriftstellern und ehemaligen Dichtern, die entweder naiv und im guten Glauben oder klug und bestochen waren, wurde mobilisiert, um Negrin und Miaja als die großen Genies darzustellen, die dazu berufen waren, den Sieg über Franco davonzutragen und das spanische Volk zu erlösen. Zu der Aufgabe des gleichen Heeres gehörte es, alle radikalen und revolutionären Gegner der verbrecherischen Volksfrontpolitik als bezahlte Agenten Francos zu verleumden. Zu den hervorragendsten deutschen Mitgliedern dieses Lügenbataillons gehören Heinrich Mann, Ludwig Renn, Bert Brecht und Rudolf Leonhard. Sie alle leben in bestem Wohlergehen. Das sei ihnen vergönnt. Aber die spanische Arbeiterklasse blutet fürchterlich unter den Folgen einer Politik, deren Wortführer und Zuhälter diese Herren waren.
Von ihrer Regierung und ihren Parteiführern verlassen und verraten haben sich die kommunistischen Arbeiter und Soldaten zu einem letzten und verzweifelten Kampf sowohl gegen Miaja-Casado wie gegen Franco erhoben. Die Sympathie aller revolutionären Arbeiter in aller Welt steht auf ihrer Seite. Aber diese werden auch die notwendige Lehre aus den spanischen Ereignissen ziehen: Sollen Katastrophen und Niederlagen ein Ende nehmen, dann muss es zu Ende sein mit der Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie, dann müssen die Stalinisten als die korruptesten, zynischsten und verlogensten Wortführer dieser Zusammenarbeit aus den Reihen der Arbeiterbewegung vertrieben werden.
So schrieb Gen. Walter Held bereits Sommer 1937 in seiner Broschüre „Die spanische Revolution“: „Heute stützen sich die Stalinisten im Kampfe gegen die POUM, die Anarchisten und die linken Sozialisten auf die Schultern der republikanischen Generäle. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Schultern in Bajonette verwandeln und die stalinistischen Mohren, die ihre Schurkenschuldigkeit getan haben, von sich abschütteln werden.