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Peter Main, Vortrag beim Sommercamp Internationalismus 25 im August, Infomail 1320, 24. September 2026
In dieser Sitzung möchten wir einen Überblick über Chinas Entwicklung seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001 geben. Wenn man ein bestimmtes Datum als Ausgangspunkt für eine historische Entwicklung nimmt, besteht die Gefahr, dass man die Vorgeschichte unterschätzt oder gar außer Acht lässt. Natürlich sollten wir die Bedeutung wichtiger Wendepunkte in China nicht unterschätzen, insbesondere in den 1990er Jahren, als die regierende Partei, die KPCh, beschloss, die bürokratische Planwirtschaft abzubauen und kapitalistische Produktionsverhältnisse wiederherzustellen. Gleichzeitig stellt Chinas Beitritt zur WTO einen entscheidenden Moment in den Beziehungen zum Rest der Welt und insbesondere zu den USA dar.
Bevor wir uns jedoch den Einzelheiten der letzten 25 Jahre zuwenden, möchte ich Euch einige allgemeine Punkte mit auf den Weg geben. Der erste betrifft die Wirkungsweise des Gesetzes der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung, zu dessen Erkenntnissen gehört, dass Elemente eines vergangenen Wirtschaftssystems und Regimes auch dann weiterbestehen, wenn es bereits durch ein anderes abgelöst wurde. Dies erklärt beispielsweise das Fortbestehen in meinem Land, dem Vereinigten Königreich, nicht nur einer aus dem Feudalismus stammenden Monarchie, sondern auch eines Landadels, der sich nicht nur zunächst in eine Klasse von Sklavenhändler:innen und dann in einen wesentlichen Bestandteil der industriellen und finanziellen Bourgeoisie verwandelte, sondern sogar Gesetzgebungsbefugnisse in einem nicht gewählten Oberhaus behielt.
In China hat sich die bürokratische Kaste, deren Wurzeln in der zentralistischen Planwirtschaft liegen, in einer kapitalistischen Wirtschaft erhalten, wobei sie zwar ihre unmittelbare Funktion geändert hat, aber ihre politische Macht in Form der KPCh beibehalten hat. Obwohl sie nicht mehr versucht, den Austausch zwischen den verschiedenen Wirtschaftssektoren zu kontrollieren, überwacht sie weiterhin die wirtschaftliche Entwicklung gemäß einer Reihe von Gesamtzielen, die in einem Fünfjahresplan formuliert sind. Darüber hinaus hat sie weitgehend dieselbe Denkweise beibehalten, bei der der Schwerpunkt stets auf dem lag, was Marx als „Abteilung eins“ der Wirtschaft bezeichnete – der Produktion der Produktionsmittel –, während „Abteilung zwei“, also die Konsumgüter, weitaus stärker dem Spiel der Marktkräfte überlassen wurde.
Zweitens werde ich mich in meinem Vortrag durchgehend auf eine Grafik zum BIP-Wachstum Chinas beziehen, die auf Zahlen des chinesischen Amtes für nationale Statistik basiert. Vielen von Euch ist sicherlich bekannt, dass diese Statistiken im „Westen“ oft mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden; daher sollte ich meine Verwendung dieser Daten vielleicht erläutern: Es geht nicht um die rechnerische Genauigkeit bestimmter Zahlen – oder gar um das Konzept des BIP selbst, das kein Maß für die Produktion ist, sondern für die Gesamtkosten aller in einer Volkswirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen für die Endverbraucher:innen, in Geld ausgedrückt. Für unsere Zwecke ist entscheidend, dass jedes Jahr weitgehend dieselben Größen auf weitgehend dieselbe Weise gemessen werden; die daraus resultierende Grafik vermittelt uns daher ein visuell auf den ersten Blick verständliches Bild der Wirtschaftsentwicklung der letzten 25 Jahre. Das reicht völlig aus.

GDP = Bruttoinlandsprodukt (BIP)
Werfen wir also einen Blick auf die Grafik zur BIP-Wachstumsrate Chinas. Unübersehbar ist der Boom, der auf den Beitritt zur WTO 2001 folgte. Kurz zuvor hatten viele ausländische Unternehmen, die zuvor Komponenten für die Montage in China vor dem Export geliefert hatten, infolge der asiatischen Finanzkrise begonnen, ihre eigene Produktion nach China zu verlagern. Hinzu kam nun ein wirklich dramatischer Anstieg der chinesischen Investitionen, um von der Beseitigung der Zollschranken zu profitieren. Dies war ein klassischer Boom im Stil des Frühkapitalismus. Dank eines stetigen Zustroms billiger Arbeitskräfte vom Land wurden rund 200 Millionen Arbeiter:innen – meist jung und völlig unerfahren –, organisiert von regionalen und lokalen Regierungen, in hastig errichteten Werkstätten zur Arbeit eingesetzt. Der Großteil der Produktion bestand aus billigen Konsumgütern, die für Europa und die USA bestimmt waren, wo das Kapital infolgedessen die Löhne auf dem Niveau der 1970er Jahre halten konnte.
Die Produktion unter solchen Bedingungen, oft unterstützt durch staatliche Subventionen für Energie, Transport und Unterbringung, unterbot mühelos konkurrierende Hersteller:innen in anderen Ländern. In Europa und insbesondere in den USA lautete die entscheidende Frage bei der Beschaffung durch Einkaufsleiter:innen zunehmend: „Wie hoch ist der China-Preis?“ Ein solches Wachstum hatte jedoch seinen Preis. Nachdem der Großteil der ausländischen Konkurrenz ausgeschaltet war, standen die chinesischen Hersteller:innen nun im Wettbewerb miteinander. Unweigerlich führte der Wettlauf um die Beibehaltung von Marktanteilen zunächst zu Preissenkungen, dann führten geringere Margen zu Betriebsschließungen, woraufhin die Überlebenden ihre Preise für Kundschaft in Übersee erhöhten.
Der daraus resultierende Anstieg der Preise für Konsumgüter war ein Faktor, der zum Zusammenbruch des US-amerikanischen Hypothekenmarktes von Schuldner:innen mit mangelnder Kreditwürdigkeit und in der Folge zur großen Finanzkrise beitrug.
Die Gegenreaktion in China war rasant und brutal. Unternehmen brachen zusammen, Eigentümer:innen verschwanden, ohne ausstehende Löhne oder Lieferrechnungen zu begleichen, wodurch sich der Zusammenbruch auf die Küstenprovinzen ausbreitete, die das größte Wachstum verzeichnet hatten. Zahlen über bis zu 40 Millionen Arbeitsplatzverluste innerhalb von nur drei Monaten mögen nicht ganz zuverlässig sein, aber sie verdeutlichen das Ausmaß des wirtschaftlichen Zusammenbruchs deutlich genug.
Dies war die erste Krise dieser Art, mit der das Regime konfrontiert war. Im Gegensatz zu länger etablierten kapitalistischen Staaten, die viele Stürme überstanden und beispielsweise Sozialversicherungs- und Sozialhilfesysteme entwickelt hatten, um damit umzugehen, verfügte China über kein systemweites Sicherheitsnetz; vielmehr hatte die überwiegende Mehrheit der Arbeiter:innen im Rahmen des Hukou-Registrierungssystems nicht einmal das Recht, in den Städten zu leben.
Angesichts von Hunderttausenden von Arbeiter:innen, die Hilfe forderten und Autobahnen sowie Städte blockierten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, reagierte die Partei schnell und – das muss man sagen – recht effektiv. Lokale Regierungen wurden angewiesen, Hilfsgelder zu verteilen, oft in Verbindung mit subventionierten Transporten, um die Arbeiter:innen in ihre Heimatdörfer zurückzubringen. Dies sicherte ihnen nicht nur zumindest eine gewisse Unterstützung, sondern entfernte sie natürlich auch aus den Städten.
Wie die BIP-Grafik zeigt, war der Einbruch der Produktion dramatisch, doch ist zu beachten, dass innerhalb eines Jahres eine Erholung einsetzte und sich bald beschleunigte. Im Zentrum dieser geradezu erstaunlichen Wende stand ein staatliches Investitionsprogramm im Umfang von umgerechnet 568 Mrd. US-Dollar. Diese Summe war vergleichbar mit den Kosten der Rettungsmaßnahmen und der quantitativen Lockerung, mit denen die USA ihr Finanzsystem wieder stabilisierten.
Die Zahlen sind jedoch das Einzige, was ähnlich ist. In China wurden die Mittel vor allem für Investitionen in die Infrastruktur und die damit verbundenen Produktionsmittel verwendet. Daraus entstanden die Tausende Kilometer Hochgeschwindigkeitsstrecken, die neuen Autobahnen, die neuen städtischen U-Bahnen, die neuen Flughäfen, die neuen Häfen und all die anderen Entwicklungen, über die sich Tourist:innen noch heute wundern.
Die ersten Jahre nach der Krise bedeuteten nicht nur ein quantitatives Wachstum der Wirtschaft, sondern auch einen qualitativen Wandel in der Gesellschaft. Es wurden Millionen besser ausgebildeter und qualifizierter Arbeitskräfte benötigt, es wurden neue Städte benötigt, um sie unterzubringen, es wurden Konsumgüter benötigt, und die Unternehmen der Abteilung zwei, denen oft zinsgünstige Kredite von Staatsbanken verweigert wurden, generierten Nachfrage bei privaten oder „Schattenbanken“, die tragfähige Geschäftspläne verlangten – und die Arbeitskräfte, die zu deren Umsetzung notwendig waren.
Eine einzige Statistik reicht aus, um das Ausmaß und die Bedeutung des Wandels in China zu dieser Zeit zu veranschaulichen: In den Jahren 2011–2012 wurden angeblich über 90 % des gesamten Zements weltweit in China verbraucht. Man stelle sich nur einmal vor, was das für den Außenhandel, die Schifffahrt, den Tiefbau, die Ausbildung von Arbeitskräften, die internationale Finanzwelt – kurz gesagt, für jeden Aspekt des Lebens in China – bedeutet. Und nicht nur in China: Die Nachfrage nach Rohstoffen und Energieträgern reichte aus, um viele andere Volkswirtschaften, darunter vor allem Brasilien und Australien, aus der durch die große Finanzkrise verursachten Rezession herauszuziehen.
Es war diese Fähigkeit, die schlimmste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt daraus hervorzugehen, die uns damals in der Liga für die Fünfte Internationale davon überzeugte, dass China – weit davon entfernt, zu einer untergeordneten Quelle billiger Waren für die USA und die EU, also zu einer Halbkolonie im marxistischen Sinne, degradiert worden zu sein – tatsächlich zu einer Weltmacht, einem imperialistischen Staat, herangewachsen war. Auch wenn nicht dieselbe Terminologie verwendet wurde, kam man anderswo zu einer ähnlichen Schlussfolgerung.
In Peking wurde Xi Jinping im November 2011 unerwartet zum Generalsekretär der KPCh ernannt. Unerwartet, weil sowohl in China als auch im Ausland lange davon ausgegangen worden war, dass Li Keqiang, zuvor Vizepräsident unter Hu Jintao, in dieses Amt befördert werden würde. War Lis Motto „Stetig vorwärts“, so lautete das von Xi im Gegensatz dazu „Volle Kraft voraus!“ Innerhalb weniger Monate nach seiner offiziellen Amtseinführung als Präsident Chinas im März 2012 verkündete er die aus vier Schriftzeichen bestehende Strategie „One Belt, One Road“ (ein Gürtel, eine Straße), für die er wahrscheinlich in Erinnerung bleiben wird.
Obwohl es auf Englisch etwas seltsam klingt, da der „Gürtel“ die Landroute von China nach Europa und die „Straße“ die Seeroute um Südostasien und Indien herum nach Afrika bezeichnet, machte die „Belt and Road Initiative“ (BRI), wie sie heute besser bekannt ist, Chinas Absicht deutlich, sich als Weltmacht zu etablieren. Der Schlüssel dazu sollten Investitionen in Infrastruktur und Bauvorhaben in Ländern sein, die entweder über wichtige Rohstoffvorkommen oder strategisch günstige Standorte verfügen.
Auch im Inland war Xi bestrebt, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, und signalisierte dies durch weitere Lockerungen zugunsten der „Marktkräfte“. Obwohl die Wachstumsraten, wie die Grafik zeigt, nicht so hoch waren wie im ersten Jahrzehnt, handelte es sich nun um eine weitaus größere Wirtschaft, sodass der absolute Zuwachs beträchtlich war – und bis zu dreimal so schnell wuchs wie bei anderen imperialistischen Mächten. Darüber hinaus hatte die Betonung des Kapitalexports für BRI-Projekte unweigerlich Auswirkungen auf die Binnenwirtschaft.
Chinas rasante Entwicklung blieb bei diesen anderen Mächten, insbesondere in den USA, nicht unbemerkt. Im selben Monat, in dem Xi Generalsekretär wurde, im November 2011, verkündete Präsident Barack Obama mit seiner „Pivot to the Pacific“ (Drehpunkt zum Pazifik)-Strategie einen Wandel in der Außenpolitik – ein sicheres Zeichen dafür, dass das Weiße Haus und das Pentagon nun nicht nur die Ankunft eines Konkurrenten, sondern eines Herausforderers erkannten.
Vor dem Hintergrund umfangreicher Auslandsinvestitionen, eines stetigen Wachstums der Binnenwirtschaft, aber auch erster Anzeichen einer Gegenreaktion seitens des mächtigsten Imperialismus muss sich unsere Aufmerksamkeit nun auf die politische Lage innerhalb Chinas richten, insbesondere innerhalb der KPCh selbst.
Die Lockerung der Kontrollen über privates Kapital löste eine Art Gegenreaktion unter den führenden Persönlichkeiten der Partei aus, die oft als „rote Familien“ bezeichnet werden, da zu ihnen die verbliebenen Veteran:innen aus der Zeit vor der Revolution und deren Nachkommen gehörten. Während die meisten ihre Bedenken nur hinter verschlossenen Türen äußerten, machte einer von ihnen, Bo Xilai – der Sohn von Bo Yibo, einer seit den 1920er Jahren wichtigen Persönlichkeit in der Partei und der Volksbefreiungsarmee – keinen Hehl aus seiner Präferenz für eine Rückkehr zu strengeren Parteikontrollen. Bo ging sogar so weit, in der Stadt Chongqing, wo er Parteisekretär war, Kampagnen im Stil Maos zu organisieren, und wurde so zu einer Art Galionsfigur einer Strömung innerhalb der Partei, die schon lange mit Deng Xiaopings Politik der Wiederbelebung nicht einverstanden war. In einem Muster, das sich später oft wiederholen sollte, wurde Bo 2015 wegen Korruption angeklagt und seines Amtes enthoben.
Anderswo führte das rasche Wirtschaftswachstum nach der Krise zu einem Arbeitskräftemangel, der die Beschäftigten dazu ermutigte, bessere Arbeitsbedingungen und Löhne zu fordern – mit beachtlichem Erfolg in Regionen wie Guangdong. Dabei profitierten sie sowohl von den Aktivitäten ausländischer NGOs als auch von zunehmend erfahrenen Rechtsaktivist:innen. Berichte über das Wachstum der Shanghai-Börse und den steigenden Wert der Aktien boomender Unternehmen führten zudem zu einer zunehmenden Zahl von „Kleinanleger:innen“, d. h. gewöhnlichen Menschen ohne Erfahrung im Aktienhandel, die sich Geld liehen, um Aktien zu kaufen, in der Annahme, diese anschließend problemlos mit Gewinn verkaufen und den Vorgang wiederholen zu können.
Beide Entwicklungen fanden im Juni 2015 ein jähes Ende. Am 12. Juni begannen die Aktienkurse zu fallen, und zwar rapide: Innerhalb weniger Wochen verloren sie ein Drittel ihres Wertes. Die Regierung unter Xi reagierte schnell. Einerseits wurde der Handel an der Börse ausgesetzt, andererseits mussten NGOs und Kampagnen der Arbeiter:innenbewegung ihre Aktivitäten einschränken und wurden bald sehr strengen rechtlichen Beschränkungen unterworfen.
Schon vor dem Crash hatte die Parteiführung die Notwendigkeit einer Erneuerung der Wirtschaftsstrategie sowohl im Inland als auch international erkannt, was im 13. Fünfjahresplan und dessen Kernzielen, zusammengefasst unter dem Motto „Made in China 2025“, zum Ausdruck kam. Damit sollte China nicht nur zu einem effizienten Produzenten von Gütern, sondern auch zu einem führenden Innovator im Technologiebereich werden. Genauer gesagt sollten bis 2025 70 % der Schlüsselkomponenten und -materialien aus heimischer Produktion stammen und der Wertschöpfungsanteil der Produkte steigen, um die Abhängigkeit von Importen hochentwickelter Güter zu beenden.
Was dies in der Praxis bedeuten würde, wurde auf dem 19. Parteitag im November 2017 deutlicher. Xi bekräftigte die zentrale Rolle der „sozialistischen Theorie“ und erklärte, es sei eine „angebotsorientierte Strukturreform“ erforderlich, wobei er auf die Gefahren von Überproduktion und zunehmender Verschuldung hinwies.
Xi wurde natürlich als Generalsekretär wiedergewählt, musste jedoch mehrere Verbündete von Hu Jintao, wie beispielsweise Li Keqiang, in das Ständige Komitee des Politbüros aufnehmen. Zu dieser Zeit kursierten zahlreiche Gerüchte, dass die „roten Familien“ Xis zunehmende Dominanz nicht gutheißen würden, was möglicherweise den wachsenden Einfluss einer sich rasch entwickelnden Bourgeoisie widerspiegelte – Kapitalist:innen, denen seit Ende der 1990er Jahre der Beitritt zur Partei gestattet worden war.
Was auch immer daran wahr sein mag: Im Jahr 2018 erfolgte mit der Einführung von drei „roten Regeln“, die sich gegen spekulative Immobilienentwickler:innen richteten, ein sehr wichtiger Eingriff gegen zügellose Kapitalist:innen. Mit sofortiger Wirkung wurden sehr strenge Kontrollen hinsichtlich des Verhältnisses von Schulden zu vorhandenen Vermögenswerten verhängt, was dem langjährigen Motto der Branche „Build it and they will come“ (Baue und sie werden kommen) zuwiderlief, das von nie endenden Boom-Bedingungen ausging.
Bevor sich jedoch die Auswirkungen dieser dramatischen Politikwende zeigen konnten, begann sich gegen Ende 2019 das größte Drama von allen zu entfalten: das Auftreten des Covid-19-Virus.
Wie die Grafik zeigt, hatte der erste Lockdown – obwohl er auf Wuhan und die Provinz Hubei beschränkt war – erhebliche Auswirkungen auf die Wachstumszahlen des gesamten Jahres. Die Lockdown-Strategie wurde jedoch als erfolgreich angesehen und die Erholung verlief rasch, sodass die Zahlen für das folgende Jahr, 2021, deutlich über dem Trend vor Covid lagen. Die Tatsache, dass sich der allgemeine Abwärtstrend im Jahr 2023 wieder fortsetzte, verschleiert jedoch eine äußerst wichtige Entwicklung im Jahr 2022.
Das Auftreten der Omikron-Variante des Virus, die Ende Februar erstmals in Shanghai gemeldet wurde, führte zunächst zu einem vollständigen Lockdown in dieser Stadt bis Mai und anschließend zur „Zero-Covid“-Politik mit sehr strengen Kontrollen im ganzen Land. Auf dem 20. Parteitag im Oktober 2022 lobte Xi die Wirksamkeit der Strategie und erklärte, sie werde auf unbestimmte Zeit fortgesetzt. Doch bereits vor der Eröffnung des Parteitags zeigte sich die weit verbreitete Unzufriedenheit in der Popularität des Protests des „Bridge Man“ (Brückenmann), und nur zwei Wochen nach dem Parteitag lösten die Todesfälle von Bewohner:innen bei einem Brand in einem Hochhaus in Ürümqi weitreichende Unruhen aus, die in Shanghai begannen, sich aber innerhalb weniger Stunden auf das ganze Land ausbreiteten. Diese Unruhen wurden als „Weißbuch“- oder „A4“-Revolution bekannt, da die Demonstrant:innen leere Blätter hochhielten – ein stilles Signal, das jeden dazu aufforderte, sich vorzustellen, was darauf stehen würde, wenn es nur erlaubt wäre.
Fast unmittelbar darauf fand die „Zero-Covid“-Politik trotz Xis Lob ein Ende. Sowohl die Proteste als auch die Geschwindigkeit von Xis Rückzug könnten im Nachhinein als bedeutsam angesehen werden, doch auch der Parteitag selbst war ein wichtiger Wendepunkt. Noch bevor er zusammentrat, stand bereits fest, dass Xi nach seinen zwei Amtszeiten nicht zurücktreten würde, wie es nach Dengs Machtübernahme üblich gewesen war. Nun wurde seine unangefochtene Vorherrschaft in der Partei dadurch unterstrichen, dass er ausschließlich Personen, die als seine Anhänger:innen bekannt waren, als Mitglieder des Ständigen Ausschusses handverlesen hatte.
Mittlerweile befand sich China im zweiten Jahr des 14. Fünfjahresplans, der eine Neuausrichtung der „Belt and Road Initiative“ (BRI) vorsah, bei der der Schwerpunkt weniger auf großen Infrastrukturprojekten und viel stärker auf dem Export von Technologie und Dienstleistungen wie Transport und Wartung, Überwachung, Versicherungen und Rechtsberatung lag – und zwar im Rahmen kommerzieller statt staatlich gelenkter Verträge. Wie in der Vergangenheit konnten Zahlungen jedoch über Rohstoff- und Energielieferverträge abgewickelt werden.
Im Inland begannen Xis „rote Regeln“, für die Immobilienspekulant:innen Wirkung zu zeigen, von der sich China bis heute nicht erholt hat. Evergrande, eines der größten Bauunternehmen der Welt, war im September 2021 nicht mehr in der Lage, die Zinsen für seine Schulden zu zahlen, und es wurde bald deutlich, dass die Schulden selbst niemals zurückgezahlt werden könnten und dass Evergrande nur eines von vielen Unternehmen war, die faktisch insolvent waren.
Die Folgen waren verheerend; es stellte sich heraus, dass es einen Überschuss von über 90 Millionen Wohnungen gab, die nicht verkauft werden konnten. Gleichzeitig gab es Millionen von Familien, die „vom Plan weg“ bezahlt hatten, das heißt, noch bevor der Bau überhaupt begonnen hatte – und nun würde er niemals beginnen. Die Folgewirkungen lassen sich leicht vorstellen: Die Unternehmen, die die Materialien für die überzähligen Bauvorhaben geliefert hatten, die Ingenieurbüros, die die Kräne, die Erdbaumaschinen und die Lastwagen bereitgestellt hatten, sowie die Firmen, die die fertiggestellten Gebäude ausgestattet hatten – ganz zu schweigen von all den Arbeiter:innen, die sie tatsächlich gebaut hatten –, konnten nicht bezahlt werden.
Unterdessen wurden im Einklang mit dem Plan Investitionen vorrangig in die Hightech-Industrien, Elektrofahrzeuge, die Entwicklung von Quantencomputern, Luft- und Raumfahrttechnik, biochemische Forschung und zweifellos auch in hochentwickelte Rüstungsgüter getätigt. Bis Ende 2023 hatte sich der Abschwung durch den zweiten Lockdown umgekehrt, und das BIP-Wachstum war wieder auf den Trendkurs zurückgekehrt, auch wenn dieser, wie bereits erwähnt, abwärtsgerichtet war. Was dadurch verschleiert wurde, war die wachsende Diskrepanz zwischen den „Boom“-Branchen und dem Rest der Binnenwirtschaft, im Wesentlichen zwischen Marx’ Abteilung eins und der Abteilung zwei.
In jüngerer Zeit wurde natürlich die gesamte Weltwirtschaft von der bizarren Politik Donald Trumps beeinträchtigt. Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Länder, die seine „Liberation Day“ (Befreiungstag)-Zölle in der – manchmal berechtigten, oft aber auch unberechtigten – Hoffnung hinnahmen, hinter den Kulissen bessere Konditionen aushandeln zu können, reagierte China einfach mit eigenen Zöllen und einer Umleitung des Handels weg von US-Lieferant:innen – beispielsweise durch den Kauf von Soja aus Brasilien. Das reichte aus, um Trump an den Verhandlungstisch zu bringen, was im Allgemeinen zu einem Einlenken auf beiden Seiten führte.
Ihr nächstes Treffen ist für den 14. September angesetzt – mit wer weiß welchem Ergebnis. Was wir sagen können, ist, dass China offenbar über ein viel ausgeprägteres Gespür für strategische Planung verfügt und dass Xi zweifellos auf viele Eventualitäten vorbereitet ist. Er weiß, dass schwierige Zeiten bevorstehen; sein Plan besteht darin, auf kontinuierlichen technologischen Fortschritt und steigende Exporte zu setzen, gestützt durch die Kontrolle über wichtige Mineralien, neue Handelsrouten und eine stetig wachsende Nutzung des Yuan (chinesische Währung) für Handel und Wirtschaft.
Das Problem, mit dem er im Inland konfrontiert ist, ähnelt stark dem in den Jahren unmittelbar vor der großen Finanzkrise. China hat viele andere Länder bei immer komplexeren Produkten übertrumpft, dabei jedoch seinen eigenen Binnenmarkt vernachlässigt. Der Weltmarkt kann Chinas Überschüsse nicht ewig aufnehmen, doch China ist von Exporten abhängig.
Eine Statistik verdeutlicht dies: China dominiert bereits die Produktion von Elektrofahrzeugen, während sich die USA damit begnügen, weiterhin Benzin zu verschlingen, und deutsche sowie japanische Unternehmen nun Joint-Ventures mit Firmen wie BYD (Autokonzern) aushandeln. Die geschätzte weltweite Nachfrage nach Elektrofahrzeugen liegt bei 23 Millionen pro Jahr. China kann 12 Millionen davon abnehmen – verfügt aber bereits über die Kapazität, 25 Millionen zu produzieren. Gleichzeitig gibt es in China über 100 Unternehmen, die Autos produzieren; es wird also ganz klar zu einer umfassenden Umstrukturierung, einer massiven Zerschlagung und einer Zentralisierung des Kapitals kommen.
Ähnliche Berechnungen ließen sich auch für andere Branchen anstellen, die alle auf weitreichende Entlassungen und damit auf Unzufriedenheit hindeuten. Auch darauf hat Xi vorgesorgt – die KPCh hat mittlerweile 101 Millionen Mitglieder und verfügt über das umfassendste Überwachungssystem der Welt. Das zeigt: Er hat keine Angst vor den Amerikaner:innen, er hat Angst vor den Chines:innen!