Arbeiter:innenmacht

Spanien 1936: Eine vergessene Revolution

Die Lehren der spanischen Revolution. Analysen und Dokumente, Broschüre der Gruppe Arbeiter:innenmacht, Juli / August 2026

Die spanische Revolution, die mit dem Massenaufstand der Arbeiter:innen und Bäuer:innen gegen den blutigen Militärputsch General Francos 1936 ihren ersten Höhepunkt erlebte, ist eine verratene, verleumdete, vergessene Revolution. Soweit überhaupt erwähnt, zieht es die offizielle Sprachregelung vor, vom „Spanischen Bürgerkrieg“ zu sprechen, in dem sich Faschismus und Demokratie bekämpft hätten und letztere mangels ausreichender Bewaffnung und Dank Hitlers und Mussolinis, die sich nicht an internationale Nichteinmischungs-Abkommen gehalten haben, leider unterlegen sei.

Die stalinistischen Veteranen der Interbrigaden reden auf Gedenkfeiern. Sie beschwören ihre Feindschaft gegen den Faschismus, vor dem sie schon damals, leider vergeblich, gewarnt hätten. Sie beklagen die undankbare Behandlung seitens der Demokratie, die sie verteidigt hatten, und die sie nach dem Ende der spanischen Republik meistens nicht mehr erwähnte.

Die einschlägigen Historiker:innen gefallen sich in Spekulationen darüber, ob Francos Diktatur nun ein dem deutschen Faschismus vergleichbares Regime, oder „nur“ eine bonapartistische Militärdiktatur gewesen sei. Für die Reformist:innen aller Couleur ist Spanien keinen Satz wert – Revolutionen sind ihnen ein unerfreuliches Relikt vergangener Zeiten.

Die massenhaft an und hinter der Front von Stalinist:innen und Bürgerlichen gemeuchelten nichtstalinistischen Linken können nichts mehr berichten …

Franco ist inzwischen schon lange tot, im Spanischen Staat herrscht die Bourgeoisie heute demokratisch. Alle Parteien, die heute angeblich im Interesse der Arbeiter:innenklasse handeln, weigern sich beharrlich, aus der Niederlage von damals Lehren zu ziehen. Kein Wunder: allzu deutlich wäre die Komplizenschaft des Reformismus, v.a. der KP Spaniens, dessen aktive Rolle am Verrat und bei der Verhinderung der sozialistischen Revolution gewesen. Auch die Anarchist:innen rühmen sich ihrer – historisch fast einmaligen – bedeutenden Rolle in der Spanischen Revolution – über ihr Versagen bei der Führung der Massen zur Übernahme der Macht aber schweigen sie.

Dabei war es die Politik dieser Führungen der revolutionären Massen in Spanien, die den Sieg des Faschismus erst ermöglichten.

Spanien erlebte im 20. Jahrhundert als erstes westeuropäisches Land den Versuch seines Proletariats, die Staatsmacht zu erobern. Die spanischen Arbeiter:innen mussten als erste erleben, in welche Katastrophe die Strategie der Volksfront sie treiben sollte – darin liegen die aktuelle Bedeutung und die historische Tragik der Spanischen Revolution. Das war das Ergebnis dieser Politik, welche die Aufgabe des Proletariats darauf beschränkte, die bürgerliche Demokratie, die spanische Republik gegen den faschistischen Putsch der Generäle zu verteidigen, ohne aber an den Eigentumsverhältnissen selbst zu rühren, um nicht die prekäre Allianz zwischen der Sowjetunion und dem demokratischen Imperialismus Frankreichs und Großbritanniens, die paradoxerweise als einzige zuverlässige außenpolitische Verbündete im Bürgerkrieg angesehen wurden, zu gefährden.

Das Ergebnis hätte verheerender nicht ausfallen können! Nicht nur, dass die Massen Spaniens mit dem Massaker an hunderttausenden der entschlossensten und besten KämpferInnen für eine sozialistische Zukunft die Niederlage gegen den Faschismus bezahlten; in der langen Nacht der Herrschaft Francos und der Falange, wurde eine ganze Generation des spanischen Proletariats um Jahrzehnte zurückgeworfen, Rückständigkeit und Unterentwicklung erneut verewigt. Spanien wurde nach dem II. Weltkrieg zum billigen Urlaubsland des Massentourismus der EG-Staaten und zu deren billigem Arbeitskräftereservoir während der Rekonstruktionsphase des Imperialismus.

Ein Debakel sondergleichen auch auf internationaler Ebene: Der spanische Bürgerkrieg war nicht nur das Exerzierfeld für Hitlers Wehrmacht, die hier für den Weltkrieg übte; es war überhaupt erst der Sieg Francos und die Niederlage der proletarischen Revolution, die es ermöglichten, dass die Achsenmächte ihren Kriegskurs – zuerst gegen ihre imperialistischen Konkurrenten, dann gegen die Sowjetunion – so rücksichtslos und zügig realisieren konnten.

Man stelle sich nur vor, welche Bedeutung eine siegreiche Revolution in Spanien für das französische Proletariat, das mit der Welle spontaner Fabrik-Besetzungen 1936 seine Entschlossenheit und Kampfkraft deutlich bewiesen hatte, besessen hätte. Man stelle sich vor, welche Auswirkung der Triumph der sozialistischen Revolution auf das faschistische Italien, dessen Interventionstruppen allein nach ihrer Niederlage bei Guadalajara zu Tausenden desertiert waren, gehabt hätte. Man bedenke, welche Rückwirkungen eine inter­nationalistische Politik des Selbstbestimmungsrechts der Völker schließlich gegenüber den vom spanischen und französischen Kolonialismus brutal unterdrückten Nationen Nordafrikas provoziert hätte. Man berücksichtige, welches Beispiel revolutionäre, nicht bürokratisch kontrollierte, internationale Brigaden in einem militär­ischen Konflikt gewesen wären.

Wer trägt die Schuld an dieser historischen Niederlage? Die Arbeitermilizionär:innen, die sich trotz aller Rückschläge und trotz der fatalen Politik der Volksfront-Regierung immer wieder heroisch den Faschisten entgegenstellten? Oder die Bäuer:innen, die als Analphabet:innen das famose Reformprogramm der Regierung weder lesen noch verstehen konnten und spontan das Land in Besitz nahmen? Oder schließlich die „trotzkistischen Agent:innen“ der POUM?

Nein, die Spanische Revolution ging an der Politik der Parteien der Arbeiter:innenklasse selbst zugrunde, noch vor dem endgültigen Triumph der faschistischen Konterrevolution wurde sie von der demokratischen Konterrevolution der Volksfront verraten und zerschlag­en! Ihre Totengräber heißen Stalinismus, Sozialdemokratie und Anarchismus. Die stalinistische spanische KP (PCE) und ihr katalanisches Pendant, die PSLJC, waren willfährigere Werkzeuge der skrupellosen Politik Stalins. Ja, sie waren überhaupt erst als Agentur der sowjetischen Bürokratie in Spanien zu nennenswertem Einfluss gelangt. Die PCE war von Anfang an die Speerspitze aller Attacken auf die proletarische Doppelmacht und jeden Versuch, die Macht ganz zu übernehmen und die Revolution weiter zu treiben. Dieser Rolle blieb sie bis zum bitteren Ende treu. Doch auch die sozialdemokratischen und anarchistischen Führungen der Arbeiter:innenbewegung tragen nicht weniger Schuld am Fiasko in Spanien.

Es waren ihre Parteien, ihre Gewerkschaften, die die Massen organisiert hatten und deren Vertrauen sie besaßen. Es waren ihre politischen Traditionen, in denen das spanische Proletariat ansatzweise zur „Klasse für sich“ geworden war. Sie waren es, die im ersten Jahr des Bürgerkrieges Einfluss und Autorität besaßen, um den Wiederaufbau eines effektiven bürgerlichen Staatsapparates im republikanischen Spanien gegen den Willen und die Absicht der Massen zu garantieren.

Die spanische Sozialdemokratie zeichneten einige Besonderheiten aufgrund der historischen Entwicklung der spanischen Gesellschaft vor den anderen Reformist:innen der II. Internationale aus. So ihr heftiger Verbalradikalismus, personifiziert in der charismatischen Figur Largo Caballeros, so das weitgehende Fehlen einer stabilen Grundlage für ein klassenversöhnendes Inte­grationsmodell wie in Mitteleuropa. Ihrem Wesen nach aber waren PSDE/LJGT die gleichen Verteidiger:innen einer friedlichen Entwicklung zum Sozialismus im Rahmen bürgerlicher Staatlichkeit wie ihre deutschen, französischen oder austromarxistischen Genoss:innen.

Darum wäre es lächerlich anzunehmen, dass ausgerechnet diese Strömung unter dem Druck der Massenmilitanz und angesichts der Gefahr des faschistischen Militärputsches eine revolutionäre Alternative der Machtergreifung des Proletariats hätte entwickeln und verfechten können.

Anders dagegen die CNT/FAI. Hatten nicht die An­archist:innen jahrzehntelang in Wort und Tat ihre prinzipielle Feindschaft gegenüber dem bürgerlichen Staat bekundet? Hatten sie nicht durch den Aufstand von Barcelona 1917, durch ihre strikte Ablehnung jeder Teilnahme an Wahlen, ihre Versuche, auf dem Land unter den verelendeten Tagelöhner:innen von Andalusien und den Kleinbäuer:innen von Aragon den bewaffneten Aufstand zu entfachen, durch den von FAI-Kommandos hartnäckig geführten Kleinkrieg mit Polizei und Unternehmerverbänd­en zur Genüge bewiesen, dass hier keine reformistische, sondern eine revolutionäre Kraft vorhanden war? Die revolutionäre Kraft schlechthin, wie sie behaupteten, so revolutionär, dass sie nicht für die Diktatur des Proletariats, sondern gleich für die staatenlose Assoziation der Produzentenkollektive kämpfen wollten?! Doch die Realität sah anders aus.

Spanien, besonderes Katalonien, war das einzige Land, in dem es dem Anarcho-Syndikalismus gelungen war, zu einer dominanten Massenströmung in der Arbeiter:innenbewegung zu werden – und in der Feuerprobe der Spanischen Revolution auch sein größtes Debakel zu erleben. Eine derartige Niederlage, dass sich der Anarchismus seither nie wieder davon erholen konnte. Allzu deutlich hatte die libertäre Ideologie angesichts einer realen Revolution ihren Bankrott erklären müssen. Diese idealistischen Helden der „direkten Massenaktion“, die es den Bolschewiki als größtes Verbrechen ange­rechnet hatten, einen Arbeiter:innenstaat errichten zu wollen; die sich brüsteten, der Bürokratisierung der Arbeiter:innenbewegung zu entkommen, indem sie sich einfach weigerten, sich als Partei zu konstituieren (de facto agierte die FAI als von der Basis völlig unkontrollierbares geheimes Kommandozentrum der Massengewerkschaft CNT), verwandelten sich in loyale Koalitionspartner:innen der Volksfrontregier­ung – statt gegen den bürgerlichen Staat zu kämpfen, waren sie selbst Teil von ihm geworden.

Sie hatten sich geweigert, die Diktatur des Proletariats zu verwirklichen, aber an der Aufrechterhaltung der Diktatur der Bourgeoisie nahmen sie, als es darauf ankam, umso eifriger Teil. Genauso stimmten sie der Unterdrückung der Arbeiter:innen, der Verfolgung der Genoss:innen ihrer eigenen Jugend­organisation und der Auflösung der Milizen 1937 zu. Der Spanische Bürgerkrieg hat vor der Geschichte bewiesen, dass der Anarchismus keine revolutionäre Strömung der internationalen Arbeiter:innenbewegung darstellt, sondern nur eine unzeitgemäße Spielart des Reformismus.

Es fehlte dem spanischen Proletariat nicht an Kampf­entschlossenheit, nicht an Klassenbewusstsein – was ihm fehlte, war eine revolutionäre Führung, die fähig gewesen wäre, eine revolutionäre Perspektive der Arbeiter:innen- und Bäuer:innenmacht zu entwickeln und dafür bis zur letzten Konsequenz zu kämpfen. Die Führer:innen jedoch, denen die Massen vertrauten, waren gerade das Gegenteil davon. So verwandelte sich die Todeskrise der spanischen Bourgeoisie bald in die Agonie der spanischen Arbeiter:innenbewegung. Der Faschismus besiegelte mit seinem militärischen Sieg nur die vorhergehende politische Niederlage der Arbeiter:innen vor der demokratischen Reaktion der Volksfront.

Es gab jedoch eine Partei – wenn auch klein und hauptsächlich in ihrem Wirkungsbereich auf Kata­lonien beschränkt -, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, zu einer solchen revolutionären Alternative zu werden: die POUM. Warum gelang es ihr nicht, Masseneinfluss zu erlangen, um dem Reformismus die Führung ernsthaft streitig zu machen?

Die POUM war sicherlich keine reformistische Partei, ihr bedeutendster Führer, Andres Nin, kam aus der Strömung der Linksopposition und war lange Jahre ein Mitkämpfer Trotzkis gewesen. Aber Nin hatte in allen entscheidenden Fragen schon vor 1936 mit Trotzkis Methode gebrochen; die POUM war als Partei gerade gegen die Konzeption Trotzkis und der Internationalen Linksopposition aufgebaut worden.

Die POUM, in Katalonien in einer besseren Position als die Bolschewiki 1917 in Russland, versagte angesichts aller entscheidenden Probleme, die ihr vom Gang der Ereignisse gestellt wurden. Der Komplizenschaft mit der Volksfrontregierung sollte bald die Liquidation der Partei durch ihre übermächtigen Koalitionspartner folgen. Denn: war die POUM auch wegen ihres zentrist­ischen Schwankens unfähig, zu einer revolutionären Alternative zu den reformistischen Berufsverräter:innen des Proletariats in den Augen der Massen zu werden, so verkörperte ihre bloße Existenz jedoch die Drohung einer unabhängigen proletarischen Politik – und das sollte ihr Todesurteil durch die Stalinist:innen bedeuten.

Die Probleme der Spanischen Revolution sind auch heute noch genauso brandaktuell wie die Lehren, die aus den Fehlern zu ziehen sind, wenn wie sie nicht wiederholen wollen. Es bleibt die Aufgabe, bei der Wiedererarbeitung eines revolutionären Programms, beim Wiederaufbau einer revolutionären Welt­partei des Proletariats die Erfahrung des spanischen Proletariats mit einzubeziehen.

Erläuterung der Abkürzungen

CNT: „Confederacion National de Trabajo“ (Nationaler Arbeitsverband), 1910 gegründete anarcho-
syndikalistische Gewerkschaft;

UGT: „Union General de los Trabajadores“ (Generalunion der Arbeiter:innen); sozialdemokratische Gewerkschaftszentrale;

FAI: „Federation Anarquista Iberica“; Iberische anarchistische, halbklandestine ideologische Führungstruppe innerhalb der CNT, die deren Politik und Struktur wesentlich bestimmte und leitete;

PSOE: „Partido Socialista Obrero de Espana“ (Sozialistische Arbeiter:innenpartei Spaniens); die spanische Sozialdemokratie war in einen linkssozialistischen Flügel um Largo Caballero und einen rechten, KP-freundlichen um Prieto und Negrin gespalten;

PCE: „Partido Comunista de Espana“ (Kommunistische Partei Spaniens); bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges eine marginale Gruppe;

PSUC: „Partido Socialista Unificado de Cataluna“ (Vereinigte Sozialistische Partei Kataloniens); eine Fusion der Jugendorganisationen der SP und der katalanischen Stalinist:innen;

POUM: „Partido Obrero de Unification Marxista“ (Arbeiter:innenpartei der marxistischen Vereinigung); eine kleine zentristische, auf Katalonien beschränkte Partei unter Führung von A. Nin und J. Maurin.

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