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Jaqueline Katherina Singh, Infomail 1320, 21. September 2026
18 Uhr, Sonntagabend. Jubel bricht aus, Fäuste gehen nach oben, überall lachende Gesichter. In diesem Moment gibt es wohl keinen schöneren Ort, an dem man sein könnte, als bei der Neuköllner Wahlparty der Linken: 25,7 Prozent. Stärkste Kraft. Berlin wird rot. Und die Neuköllner Genoss:innen können ihren Wahlkampf getrost feiern – denn sie holen zu Recht das beste Ergebnis ein.
Doch Wahlergebnisse erklären sich nicht von selbst. Gerade vor dem Hintergrund des Rechtsrucks der vergangenen Jahre stellt sich die Frage: Warum konnte Die Linke ausgerechnet in Berlin einen solchen Wahlsieg erringen – und vor allem: Was machen wir jetzt damit?
Die klare Gewinnerin: Die Linke. Das Ergebnis ist historisch. Mit 25,7 Prozent hat Die Linke ihren Stimmenanteil gegenüber 2023 mehr als verdoppelt und ist erstmals stärkste Kraft bei einer Berliner Abgeordnetenhauswahl geworden. Auch bei den BVV-Wahlen erreicht sie berlinweit 24,1 Prozent und gewinnt 11,5 Prozentpunkte hinzu. Es ist das beste Ergebnis, das die Partei je hatte. Bemerkenswert ist auch die Wählerwanderung: Netto gewinnt Die Linke rund 75.000 Stimmen aus dem Nichtwähler:innenlager, 57.000 von den Grünen, 39.000 von der SPD und sogar 16.000 von der CDU.
Die zweiten Gewinner: Doch wer angesichts des Linke-Ergebnisses glaubt, Berlin habe sich dem allgemeinen Rechtsruck einfach entzogen, macht es sich zu leicht. Auch die AfD gewinnt deutlich hinzu und erreicht 16,3 %. Sie mobilisierte unter anderem rund 65.000 Stimmen aus dem bisherigen Nichtwähler:innenlager und netto etwa 56.000 ehemalige CDU-Wähler:innen. Gerade in Teilen der Außenbezirke zeigt sich damit eine andere politische Dynamik als in vielen innerstädtischen Wahlkreisen und auch hier muss sich Die Linke eingestehen: Ein erheblicher Teil derjenigen, die unter steigenden Preisen, schlechten Löhnen, Wohnungsnot und gesellschaftlicher Unsicherheit leiden, ist für eine linke Perspektive noch nicht gewonnen.
Die Abgestraften: Die CDU verliert massiv – 9,5 % und landet bei 18,8 %. Damit wird auch der Kurs der Union unter Merz abgestraft: der Versuch, der AfD durch immer mehr eigenen Rassismus und rechte Politik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch auch Berlin zeigt: Wer diesen Kurs fährt, schwächt die AfD nicht, sondern stärkt am Ende das rassistische Original.
Noch härter trifft es die SPD. Die Partei, die Berlin jahrzehntelang geprägt und regiert hat, verliert nicht nur nach rechts, sondern auch massiv an Die Linke. Das hat sie auch einem Wahlkampf unter Steffen Krach zu verdanken, der es nicht einmal geschafft hat, das Wort „Enteignung“ positiv in den Mund zu nehmen. Das Ergebnis von 12,1 % (–6,3) verweist damit auf eine tiefere Krise der Sozialdemokratie. Für einen großen Teil ihrer bisherigen sozialen Basis erscheint sie längst nicht mehr als Partei, von der eine grundlegende Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu erwarten wäre.
Auch die Grünen verlieren und landen bei 14,3 % (–4,1) – allerdings unter anderen Bedingungen. Gerade im jüngeren, urbanen und progressiven Milieu bekommen sie mit Der Linken eine Konkurrenz, die soziale Fragen radikaler formuliert und sich stärker als Opposition zum Bestehenden präsentieren kann. Allein netto 57.000 Stimmen wechseln von den Grünen zur Linken.
Die Bedeutungslosen: Die FDP verabschiedet sich vorerst bis zum Sankt-Nimmerleinstag in die parlamentarische Bedeutungslosigkeit und erreicht gerade 2,5 %. Auch das BSW verpasst mit 4,7 % den Einzug ins Abgeordnetenhaus. Ob es bis zur nächsten Wahl überlebt, ist ungewiss.
Das Berliner Ergebnis steht nicht einfach für einen allgemeinen „Linksruck“. Es zeigt vielmehr eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung: Während Teile der Stadt deutlich nach links gehen, erstarkt anderswo im Land die extreme Rechte. Die entscheidende Frage lautet also: Warum konnte Die Linke einen Teil dieser Polarisierung für sich entscheiden?
Wie immer gibt es nicht die eine Erklärung für ein Wahlergebnis, sondern mehrere gesellschaftliche Entwicklungen und politische Entscheidungen kommen zusammen:
Die Berliner Wahl findet nicht im Vakuum statt. Nur zwei Wochen zuvor holte die AfD in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent. Doch dieselbe gesellschaftliche Krise produziert nicht überall dieselben politischen Antworten. Gerade zwischen Metropolen und ländlichen Regionen, aber auch innerhalb Berlins zwischen Teilen der Innenstadt und den Außenbezirken zeigen sich unterschiedliche politische Dynamiken. Dahinter stehen Unterschiede in Sozialstruktur, Alter, Migration, Arbeits- und Lebensverhältnissen.
Berlin ist damit kein Gegenbeweis zum gesellschaftlichen Rechtsruck, sondern Ausdruck einer zunehmenden Polarisierung, die regional sehr unterschiedlich verlaufen kann. Dass nicht automatisch alles verloren sein kann, zeigen auch hier die Ergebnisse des Neuköllner Südens. Direktmandate wurden zwar nicht gewonnen – aber die Partei hat kräftig zugelegt.
Besonders deutlich wird das bei jungen Menschen. Erstmals durften auch 16- und 17-Jährige das Abgeordnetenhaus wählen. Unter den 16- bis 24-Jährigen wählten 43 Prozent Die Linke, bei den 25- bis 34-Jährigen sogar 49 Prozent. Unter den Erstwähler:innen war sie mit 38 Prozent ebenfalls mit Abstand stärkste Kraft.
Das verstärkt eine Entwicklung, die schon länger sichtbar ist: Die Linke erreicht besonders viele junge Menschen. Kein Wunder, ein großer Teil einer neuen Generation erlebt explodierende Mieten, Klimakrise, Krieg und Aufrüstung nicht als abstrakte Zukunftsprobleme, sondern als unmittelbare Realität. Gleichzeitig ist ihre Bindung an die traditionellen Volksparteien gering – aber auch ihr Vertrauen kann schnell enttäuscht werden.
Die Entscheidung, den Kampf um bezahlbares Wohnen und die Umsetzung des Volksentscheids „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ ins Zentrum zu stellen, war richtig. Kaum eine Frage betrifft die Berliner:innen so unmittelbar wie die Miete. Die Linke konnte damit an eine reale gesellschaftliche Auseinandersetzung anknüpfen, in der Hunderttausende bereits selbst aktiv geworden sind. Gerade darin liegt eine wichtige Lehre: Die Linke gewinnt dort an Stärke, wo sie nicht nur verspricht, bestehende Verhältnisse etwas sozialer zu verwalten, sondern Eigentums- und Machtfragen stellt!
Der enorme Mitgliederzuwachs der vergangenen Jahre war nicht nur eine Zahl auf dem Papier. Neue Mitglieder konnten gezielt in den Wahlkampf einbezogen, Haustürgespräche geführt, Kieze bearbeitet und Menschen mobilisiert werden. Das Ergebnis zeigt, welches Potenzial darin steckt. Aber genau hier beginnt auch die nächste Aufgabe: Aus Mobilizing muss Organizing werden.
Menschen für einige Wochen in einen Wahlkampf zu ziehen, ist das eine. Dauerhafte Strukturen aufzubauen, in denen Mitglieder selbst Verantwortung übernehmen, Kolleg:innen und Nachbar:innen organisieren und gesellschaftliche Kämpfe führen können, ist etwas anderes. Der Wahlerfolg ist deshalb kein Endpunkt, sondern ein Test dafür, ob aus einer größer gewordenen Partei auch eine gesellschaftlich stärker verankerte werden kann.
Gerade Genoss:innen, die sich klar gegen den Genozid in Gaza und solidarisch mit Palästina positioniert haben, wurde immer wieder erklärt, diese Haltung würde Die Linke isolieren und Wähler:innen vertreiben. Die Wahlergebnisse erzählen eine andere Geschichte: Ob Vedi Emde in Neukölln mit 46,2 Prozent, Martha Kleedörfer mit 46,2 Prozent oder Deike Janssen mit 43,4 Prozent – sie alle gewannen ihre Direktmandate mit deutlichem Abstand. Auch bei der BVV-Wahl in Neukölln, wo unter anderem Ahmed Abed antrat, wurde die Linke mit 32 Prozent und einem Plus von 17,6 Prozentpunkten mit Abstand stärkste Kraft.
Das widerlegt die Erzählung, eine klare Positionierung zu Palästina würde Wähler:innen verschrecken, sondern zeigt: Schweigen lohnt sich nicht und auch vor der Hetzkampagne der Presse muss man sich nicht fürchten. Statt immer wieder einzuknicken und zu versuchen, Wettbewerbe im Zurückrudern zu gewinnen, um es dem letzten konservativen Spiegel-Redakteur recht zu machen, sollte man drauf vertrauen, was die politische Realität formt. Schweigen lohnt sich nicht und die Verbindung aus klarer politischer Kante, einem starken mehrsprachigen Wahlkampf und der gezielten Ansprache migrantischer Communities konnte offensichtlich erfolgreich sein. Damit bleibt auch die umgekehrte Frage: Welches Potenzial wurde verschenkt – etwa in Teilen Reinickendorfs oder Charlottenburgs?
Viele werden in den nächsten Tagen versuchen, diesen Wahlsieg für ihre jeweilige politische Strategie zu reklamieren. Doch so einfach ist es nicht. In Neukölln wurde bewusst ein rebellischer Wahlkampf geführt, der Organisierung und gesellschaftliche Kämpfe ins Zentrum stellte und einen Regierungswechsel ausdrücklich nicht mit einem Politikwechsel gleichsetzte. Gleichzeitig warb der Landesverband offensiv mit Elif Eralp und dem Anspruch, das Rote Rathaus zu erobern.
Und beide können auf Erfolge verweisen. Neukölln kann seine enormen Zugewinne und Direktmandate anführen; zugleich holte Elif Eralp in Friedrichshain-Kreuzberg ihr Direktmandat mit 50,4 Prozent. Das Wahlergebnis allein entscheidet diese Strategiedebatte also nicht.
Und genau deshalb wird die entscheidende Frage jetzt erst konkret: Was machen wir mit diesem Wahlsieg? Denn dass Die Linke stärkste Kraft geworden ist, beantwortet noch nicht, ob – und vor allem unter welchen Bedingungen – sie regieren sollte.
Viele Wähler:innen – und auch viele Mitglieder – wollen, dass Die Linke jetzt regiert. Das ist nachvollziehbar, gerade mit Blick auf die Alternativen. Doch wer den Rechtsruck langfristig bekämpfen will, darf den kurzfristigen Griff nach Regierungsmacht nicht mit gesellschaftlicher Veränderung verwechseln.
Die Frage kann deshalb nicht einfach lauten: Regieren oder nicht regieren? Sie muss lauten: Welche Politik – und um welchen Preis?
Was passiert mit „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“? Was passiert, wenn Koalitionspartner:innen weitere Kürzungen verlangen? Was passiert mit Abschiebungen und der zunehmenden Militarisierung der Stadt? Eine Linke, die Enteignung verspricht und nicht enteignet, gegen Kürzungen mobilisiert und sie anschließend mitverwaltet oder Abschiebungen weiter vollzieht, würde langfristig genau die Glaubwürdigkeit verspielen, auf der ihr jetziger Erfolg beruht. Sie wird ihre jungen Wähler:innen verprellen und genau das, wovor sie Angst hat, machen: die AfD weiter stärken.
Dabei bietet das Ergebnis eine enorme Chance: fast eine halbe Million Stimmen, zehntausende mobilisierte Nichtwähler:innen, zahlreiche Direktmandate und tausende neue Mitglieder. Daraus kann gesellschaftliche Macht entstehen – wenn sie organisiert wird.
Genau deshalb müssen Linke innerhalb der Partei jetzt einige Lehren ziehen.
Schon vor dem Wahltag wurden die Weichen gestellt. Während bei internen Diskussionsformaten immer wieder beteuert wurde, die Kampagne für Elif Eralp und das Rote Rathaus sei zunächst genau das – eine Wahlkampagne –, kann nach der Wahl mit derselben Kampagne argumentiert werden: Wir sind mit dem Anspruch angetreten, zu regieren, jetzt müssen wir ihn auch einlösen, wir wurden doch deswegen gewählt.
Genau solche strategischen Entscheidungen dürfen nicht faktisch von Wahlstäben und Kampagnenteams vorweggenommen werden, die in erster Linie jenen rechenschaftspflichtig sind, von denen sie hoffen, den nächsten Job zu bekommen. Vor der nächsten Wahl braucht es deswegen eine demokratische Entscheidung über die inhaltliche und strategische Ausrichtung der Kampagne auf dem Landesparteitag. Jetzt aber muss die Frage einer Koalitionsbeteiligung transparent und verbindlich auf dem Landesparteitag diskutiert werden. Und nicht nur dort: Auch die breitere Mitgliedschaft muss einbezogen werden, in allen BOen und Bezirken müssen Befürworter:innen und Kritiker:innen einer Koalition mit SPD und Grünen gleichberechtigt zu Wort kommen. Es muss eine Befragung der Mitglieder nach ausreichender Zeit für Diskussion über einen etwaigen Koalitionsvertrag und eine Entscheidung durch einen auf Basis dieser Diskussion neu gewählten Landesparteitag geben!
Es braucht eine Debatte über Taktik und Strategien, wie Die Linke weiter Macht- und Eigentumsfrage stellen – und gewinnen kann – statt Floskeln, und ob bei der Frage der Enteignung oder bei Sozialprotesten: Die Linke versucht, Initiative zu ergreifen – und das ist richtig. Gleichzeitig gibt es bisher keine gemeinsame Vorstellung davon, wie tatsächlich genügend Druck aufgebaut werden kann, um diese Forderungen auch durchzusetzen.
Die „organisierende Klassenpartei“ gibt eine Stoßrichtung vor. Doch selten wird konkret darüber diskutiert, was das strategisch bedeutet. Denn was auch immer nach dieser Wahl passiert: Enteignung und kommende Abwehrkämpfe lassen sich nicht einfach an der Wahlurne gewinnen. Es ist deshalb an uns, die Frage des politischen Streiks, gestützt auf eine breite gesellschaftliche Bewegung, wieder populär zu machen. Wie können wir eine gesellschaftliche Kraft aufbauen, die Forderungen nicht nur stellt, sondern ihre Umsetzung erzwingen kann?
Je unkonkreter die Linke der Partei darauf antwortet, desto leichter können Reformer:innen ihren Weg über Regierungsbeteiligung als den einzig „realistischen“ oder sogar natürlichen darstellen.
In diesem Kontext muss auch der Haustürwahlkampf gesehen werden. Er ist eine Stärke der Partei: Er bringt Mitglieder in Aktivität, bildet Aktivist:innen aus und bringt uns mit Menschen außerhalb unserer eigenen politischen Blase zusammen. Aber er ist zunächst eine Form des Mobilizing – nicht automatisch des Organizing.
Für Genoss:innen, die eine sozialistische Partei aufbauen wollen, stellen sich deshalb konkrete Fragen: Wie und wann wenden wir Haustürgespräche außerhalb von Wahlen an? Welche anderen Beteiligungsformen schaffen wir? Und wie können wir ähnliche Aktivitätsmomente an den Orten herstellen, an denen wir uns ohnehin befinden – an Schulen, Universitäten, in Betrieben und Nachbarschaften –, um dort den Alltag zu politisieren und Gegenmacht aufzubauen?
Insbesondere letzteres ist die Schlüsselfrage. Vor allem müssen wir klar kommunizieren können: Es kommt nicht nur auf deine Stimme an. Enteignen, Kürzungen verhindern oder andere Verbesserungen erkämpfen können wir nur, wenn Menschen selbst aktiv werden und sich organisieren.
Der linke Flügel innerhalb der Partei ist zersplittert. Das zeigt sich allein an der Regierungsfrage. Wahrscheinlich wird es keine Position geben, auf die sich das gesamte Spektrum von marx21 über KPF, SoL, KgK, GAM, von linken Basisorganisationen bis zur LAG Palästina und zu anderen linken Strömungen in jeder taktischen und strategischen Frage einigen kann.
Das muss es aber auch nicht. Es braucht eine Koordinierung derjenigen, die sich auf gemeinsame Grundsätze und Ziele für eine aktive, kämpferische Politik und für die Demokratisierung der Partei verständigen können – und gleichzeitig eine eigenständige revolutionäre Stimme innerhalb dieser Vernetzung. Eine Kampagne gegen eine Regierungsbeteiligung wäre dabei keine Kampagne gegen die Partei. Sie wäre eine Auseinandersetzung darum, welchen Charakter Die Linke entwickelt und was ihren politischen Erfolg langfristig bestimmt.
Denn organisierende Klassenpolitik lebt nicht von den Krümeln, die vom Kuchen der Herrschenden herunterfallen. Sie lebt dann, wenn sie die Frage beantworten kann, wie wir uns die ganze Bäckerei holen.
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