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Jaqueline Katherina Singh, Infomail 1315, 26. Juli 2026
Am 25. Juli, kurz vor 22 Uhr, ist ein Van in eine von Deutschlands größten Prides gefahren. Laut ZDF starb eine Frau noch vor Ort an ihren Verletzungen. 29 weitere Menschen wurden verletzt, drei davon lebensbedrohlich und acht schwer. Der CSD wurde daraufhin abgebrochen. Zurück bleiben Schock, Trauer und Angst.
Dass wieder eine Pride angegriffen wurde, ist schmerzhaft. Wir erinnern uns an Malte C. 2022 in Münster. Er stellte sich am Rande des CSD schützend vor Menschen, die queerfeindlich beschimpft und bedroht wurden. Er wurde niedergeschlagen und starb wenige Tage später an seinen Verletzungen. Als ich mit 16 das erste Mal auf dem Berliner CSD war, hab‘ ich ein Stück zu Hause gefunden. Die Musik, die Farben, die Menschen, die Herzlichkeit – das Gefühl von Sicherheit, einfach so sein zu können. Ob laut, ob leise, ob bunt oder … Pride sollte ein Ort des Spaßes, des Zuhauses, der Sicherheit sein. Doch diese Sicherheit gibt es schon länger nicht mehr.
Der Angriff auf eine Pride ist dabei ähnlich zu werten wie der in Hanau auf die Shisha-Bar – ein Ort der Sicherheit für uns wird bewusst zerstört. Das erzeugt Ohnmacht, Schmerz und Trauer. Es erinnert daran, dass viele von uns außerhalb queerer Klubs gar nicht so sein können, wie sie wollen. Dass wir uns selber zensieren, um nicht aufzufallen und Gewalt zu erleben. Kann ich hier die Hand meines Partners halten? Kann ich so angezogen nach Hause fahren? Kann ich erzählen, dass ich trans bin? Wir lernen, uns selbst zu beobachten. Wir werden leiser, ziehen uns anders an, schauen zweimal über die Schulter.
Queerfeindliche Gewalt und Hasskriminalität werden in Deutschland immer häufiger registriert. Im Themenfeld „sexuelle Orientierung“ erfassten die Behörden 2011 noch 148 politisch motivierte Straftaten, 2024 waren es 1.765. Auch die registrierten Gewaltdelikte stiegen langfristig von 38 auf 253. Hinzu kommen seit 2022 separat erfasste Straftaten im Themenfeld „geschlechtsbezogene Diversität“: von 417 im Jahr 2022 auf 1.152 im Jahr 2024.
Die Zahlen bilden nur das Hellfeld ab und sind nicht eins zu eins mit einer tatsächlichen Zunahme gleichzusetzen. Mehr Aufmerksamkeit, veränderte Erfassung und eine höhere Anzeigebereitschaft spielen ebenfalls eine Rolle. Gleichzeitig bleibt aber ein großes Dunkelfeld nicht gemeldeter Übergriffe.
Gleichzeitig wird queerfeindliche Politik mehr und mehr gesellschaftsfähig. Die AfD hetzt gegen queere und insbesondere trans Menschen. Und auch die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) entschied, beim Kulturkampf mit dabei zu sein, indem die Regenbogenflagge am Bundestag zwar am 17. Mai, aber ausdrücklich nicht zum Berliner CSD gehisst wird. Damals war es schon ein beklemmendes Zeichen, denn seit mehreren Jahren ist es Trend von faschistischen Organisationen wie dem „III. Weg“, insbesondere zu kleineren Prides Gegenmobilisierungen zu starten.
Die Frage lautet also nicht erst seit Samstag: Wie schaffen wir Orte, an denen wir tatsächlich sicher sind?
Einer meiner ersten Gedanken am Samstag war: Bitte lass den Täter keinen migrantischen Hintergrund haben. Nicht, weil queerfeindliche Gewalt weniger schlimm wäre, je nachdem, wer sie ausübt. Sondern weil klar ist, was folgt: die Debatte darüber, welche Herkunft der Täter hat, welche Religion, welchen Aufenthaltsstatus – und die Forderung nach noch mehr Polizei, Überwachung und Abschottung. Die Berliner CDU hat dementsprechend ihr Wahlkampfthema gefunden – und so wird das Gefühl der Beklemmung nur größer, wenn Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) auf der Pressekonferenz im Tiergarten sagt: „Alles, was wir hier sehen, deutet darauf hin, dass wir es mit einem islamistischen Terroranschlag zu tun haben.“
Unsere Trauer ist kein Freifahrtschein für Rassismus. Unsere Angst ist kein Argument für Abschiebungen. Und unsere Sicherheit darf nicht zum Vorwand für mehr Überwachung und Polizei werden. Wer queere Befreiung will, kann sie nicht auf der Entrechtung anderer aufbauen.
Queere Sicherheit lässt sich nicht gegen die Sicherheit anderer ausspielen. Rassismus und Queerfeindlichkeit sind unterschiedliche Formen systematischer Unterdrückung, die untrennbar mit dem kapitalistischen System verbunden sind. Und das heißt auch, dass wir uns ganz klar gegen Homonationalismus und Law-and-Order-Politik stellen müssen.
Allein der Umgang der Internationalistischen Pride, die ebenfalls am 25. Juni um 15 Uhr am Berliner Gesundbrunnen startete, zeigt: Die Berliner Polizei ist sich nicht zu schade, mit Pfefferspray und ihren Fäusten eine Demonstration anzugreifen. Schutz sieht anders aus. Denn queeres Leben muss nicht nur verteidigt werden, wenn es physisch angegriffen wird. Unsere Gesundheit, die Orte, an denen wir ungestört leben können – all das hat es bisher auch nicht flächendeckend gegeben und muss erkämpft werden:
1. Wir bleiben sichtbar: Aufklärungskampagnen über queeres Leben und Sexualität an Schulen, Universitäten und Betrieben – organisiert von Gewerkschaften und queeren Organisationen!
2. Wir verdienen mehr: Kostenlose STI-Tests für alle, Ausbau queerer Wohn- und Gesundheitsprojekte – für die Vergesellschaftung und Neuorganisierung von Wohnraum. Nein zu jeder Diskriminierung queerer Menschen am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit.
3. Wir wehren uns: Prides, Klubs, Jugendzentren und andere queere Räume müssen Orte bleiben, an denen wir uns sicher fühlen können. Dafür brauchen wir demokratisch organisierten, massenhaften Selbstschutz gegen rechte und queerfeindliche Gewalt – getragen von der Community, Gewerkschaften, Linken, sozialen Bewegungen und allen, die sich dieser Gewalt entgegenstellen.
Es schmerzt, das zu sagen: Die Zunahme dieser Angriffe findet statt, weil sich das gesellschaftliche Klima verschärft. Rechte, für die jahrzehntelang gekämpft wurde, sind nicht selbstverständlich – und sie sind umkehrbar. Wenn die Gesellschaft nach rechts rückt, werden unsere Sichtbarkeit, unsere Rechte und unsere Sicherheit wieder zur Zielscheibe.
Und genau darin zeigt sich die Grenze queerer Befreiung im Kapitalismus: Wir haben uns Räume erkämpft, in denen wir freier leben können. Aber wir wollen keine Inseln der Sicherheit in einer Gesellschaft, in der wir lernen müssen, wann wir eine Hand loslassen, wann wir leiser werden und wann wir besser nicht auffallen.
Das auszusprechen, instrumentalisiert die Opfer nicht. Gedenken bedeutet für mich nicht nur, die Namen derer zu erinnern, die wir verloren haben. Es bedeutet auch, für die zu kämpfen, die noch hier sind – und für eine Zukunft, in der niemand mehr lernen muss, Angst zu haben.
Wir schulden den Toten mehr als Erinnerung. Und den Lebenden mehr als Angst.
Lasst uns gemeinsam trauern. Aber lasst uns nicht leiser werden, sondern unsere Wut, unsere Trauer, unsere Ohnmacht und unseren Schmerz in Widerstand umwandeln!