Arbeiter:innenmacht

Die Epstein Files verstehen

Rob Schofield (Workers Power Britannien), Infomail 1306, 24. März 2026

Die Veröffentlichung der Epstein-Files (Akten) hat einen Einblick in die Welt gewährt, wie sie tatsächlich funktioniert – nicht in die regelbasierte Ordnung der liberalen Mythologie, sondern in die reale Ordnung: eine Welt der Straffreiheit, der Ausbeutung und der Klassenmacht, die ohne Einschränkungen oder Konsequenzen ausgeübt wird.

Gemäß dem „Epstein Files Transparency Act“ war die Trump-Regierung verpflichtet, alle nicht geheimen Akten innerhalb von 30 Tagen zu veröffentlichen. Trumps schamlose Missachtung dieser Vorschrift erweist sich als völlig im Einklang mit der Welt, die die Files  offenbaren: Gesetze gelten nicht für Leute wie Epstein und seinen Kreis. Kinder zu vergewaltigen, Steuern zu hinterziehen, über gewählten Regierungen zu stehen und generell ein Leben ohne Rücksicht auf moralische Normen zu führen, ist ihr Geburtsrecht.

Trump wird in den bisher veröffentlichten Dokumenten 4.000 Mal erwähnt, wobei Millionen weitere noch zurückgehalten werden. Doch die Akten tun weit mehr, als nur abscheuliche Individuen zu entlarven. Sie sind eine Anklage gegen das gesamte System des globalen Kapitalismus – gegen diejenigen, die es leiten, und diejenigen, die darin einflussreiche Positionen innehaben. Das Ausmaß ist atemberaubend: Politiker, Banker, Wissenschaftler, Medienmogule, Akademiker, Geheimdienstmitarbeiter, Königshäuser – alle vernetzt durch Geld, gegenseitige Gefälligkeiten und Zugang zu Frauen und Kindern, die zu ihrer Befriedigung gehandelt werden. Elon Musk tauscht E-Mails aus, in denen er fragt, wann die wildeste Party auf Epsteins Insel stattfinden würde. Richard Branson schreibt, dass er sich gerne treffen würde, solange Epstein seinen „Harem“ mitbringt. Bill Gates, Sergey Brin von Google und eine endlose Liste von Wall-Street-Bankern und Geschäftsleuten sind darin verwickelt. Das ist nicht die Verirrung einiger weniger schwarzer Schafe. Das ist die herrschende Klasse, die ganz normal agiert, überzeugt von ihrer eigenen Straffreiheit.

Das Ausmaß des Missbrauchs ist industriell. Das Justizministerium schätzt, dass Epstein mehr als 1.000 Frauen und Mädchen missbraucht hat. Seine Opfer stammten überwiegend aus armen Verhältnissen und der Arbeiter:innenklasse – Mädchen, die aus nahegelegenen Schulen rekrutiert wurden, junge Frauen, die über eine von ihm kontrollierte Modelagentur aus Osteuropa verschleppt wurden. Die Fahrt von Epsteins Villa in Palm Beach in die Viertel, aus denen seine Opfer in Florida stammten, wurde beschrieben als eine Reise vom Himmel in die Hölle in fünfzehn Minuten. Im reichsten Land der Welt leben die Armen Tür an Tür mit Präsidenten und Bankern, die sie in jeder Hinsicht wie Leibeigene, wenn nicht gar Sklavinnen, behandeln.

Sexismus, Staat und Klasse

Das ist kein Zufall des Kapitalismus. Für die herrschende Klasse sind gewöhnliche Menschen Dinge – wie eine Superyacht oder ein Maserati-Auto, nur viel billiger. Arbeiter:innen sind aus Sicht derer, die das Kapital kontrollieren, und ihrer Mitläufer:innen bloße Produktionsfaktoren. Und Menschen für die eigene Bereicherung auszubeuten, ist nur ein kleiner Schritt davon entfernt, sie zur sexuellen Befriedigung auszubeuten. Aber Epsteins Kreis sollte als mehr als nur die Exzesse der Freizeitklasse betrachtet werden. Solche Praktiken sind tief in den Strukturen des Kapitalismus verwurzelt. Missbrauch wird unermesslich erleichtert, wenn ein extremes Machtungleichgewicht zwischen Täter und Opfer besteht – und der Kapitalismus erzeugt dieses Ungleichgewicht im industriellen Maßstab. Die sexuelle Ausbeutung von Frauen steht allen Männern offen, ob reich oder arm.

Die Akten bestätigen auch, was Marxist:innen schon immer über den Staat gesagt haben: dass er dazu da ist, den Interessen des Kapitals zu dienen, nicht um Gerechtigkeit zu schaffen. Epsteins Verurteilung im Jahr 2008 – wegen Vorwürfen, die eigentlich eine Anklage wegen massiver sexueller Ausbeutung vor einem Bundesgericht hätten nach sich ziehen müssen – führte zu 13 Monaten komfortabler Haft, von denen er einen Großteil als Tageshäftling in seinen eigenen Büros verbüßte. Der Staatsanwalt, der den Deal ausgehandelt hatte, Alexander Acosta, wurde anschließend in Trumps erster Regierung zum Arbeitsminister ernannt.

JPMorgan Chase und die Deutsche Bank verbrachten Jahre damit, seine Briefkastenfirmen und verdächtigen Transaktionen vor der Aufsicht der Regulierungsbehörden zu schützen – als Routinedienstleistung für einen hochkarätigen Kunden. Die Opfer – darunter Dutzende identifizierter Minderjähriger – wurden nicht einmal über den Deal informiert. So sieht bürgerliche Gerechtigkeit aus.

Ein besonders aufschlussreicher Aspekt in den Akten ist der parteiübergreifende Charakter von Epsteins Welt. Republikanische und demokratische Präsidenten bewegten sich im selben sozialen Universum. Ihre elitäre Solidarität ging über Parteigrenzen hinaus, durchbrach die angeblich heftigen Spaltungen des politischen Lebens und enthüllte, was darunter liegt: eine herrschende Klasse, die diplomatische Deals über Hintertürchen abschließt, Staatskunst mit persönlichen Interessen vermischt und die formalen Institutionen der Demokratie als nützliche Fassade betrachtet. Lord Peter Mandelson – kurzzeitig von Keir Starmer zum US-Botschafter ernannt – scheint Epstein per E-Mail über Euro-Rettungspläne zu informieren und vorzuschlagen, JPMorgan solle seine eigene Regierung wegen einer Steuer auf Bankerboni „leicht unter Druck setzen“. Die Klasseninteressen des Kapitals übertrumpfen nationale Loyalität, Parteizugehörigkeit und demokratische Rechenschaftspflicht auf Schritt und Tritt.

Sie halten ihre Geschäfte geheim, weil sie wissen, dass eine Aufdeckung nicht nur persönliche Blamage bedeutet, sondern die Delegitimierung des gesamten Systems aus Reichtum und Macht, das sie repräsentieren. In diesem Sinne sind die Epstein-Akten ein weiterer dieser immer häufiger auftretenden „Skandale“, die dem System die Maske vom Gesicht reißen. Der Epstein-Kreislauf war ein Kanal zur Anhäufung von Profit und Macht durch Personen, deren gemeinsame Klasseninteressen über Parteigrenzen und Landesgrenzen hinwegreichten und deren Opfer arme Frauen und Kinder aus der Arbeiter:innenklasse waren. Wenn jemand weitere Argumente für den Sturz der Klasse brauchte, die dies hervorgebracht hat – die die Herrschaft und den Missbrauch der Vielen durch die Wenigen nicht zur Ausnahme, sondern zu einem strukturellen Merkmal macht –, dann sind die Epstein-Akten genau das.

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