Vince Gaynor, Infomail 1323, 13. Oktober 2026
Die Konferenz „Socialism 2026“, die vom 4. bis 7. September in Chicago stattfand, zeigte die Herausforderungen, Chancen und Widersprüche der US-amerikanischen Linken auf.
Trump hat seine Angriffe auf Migrant:innen, Aktivist:innen, Gewerkschaften und die Linke im Allgemeinen verschärft. Die politische Unterdrückung nimmt immer konkretere Formen an. Gleichzeitig entwickelt sich der Widerstand weiter, und sozialistische Organisationen und Ideen gewinnen weiter an Boden. Doch die Konferenz schien die Dringlichkeit, die Gefahren, die Chancen und die Verantwortung der aktuellen Lage nicht richtig wahrzunehmen.
Die Repression, der die Linke ausgesetzt ist, ist längst kein abstraktes Thema mehr.
Die „Prairieland“-Angeklagten erhielten Haftstrafen zwischen 30 und 100 Jahren, weil sie in der Nähe eines ICE-Haftzentrums in Texas (Prairieland) ein Feuerwerk zum 4. Juli, dem US-amerikanischen Nationalfeiertag, organisiert hatten. Den „Minnesota 15“ wird wegen ihrer Teilnahme an friedlichen Protesten und Soforteinsätzen gegen die militärische Besetzung der Stadt durch die ICE (Polizei- und Zollbehörde) während der „Operation Metro Surge“ Verschwörung zur Verletzung oder Behinderung von Bundesbeamt:innen vorgeworfen.
Das FBI führte Razzien in den Wohnungen der „Michigan 8“-Aktivist:innen durch und verhaftete sie; ihnen werden auf Bundesebene Verschwörung und damit verbundene Anklagepunkte wegen Straßenkunst im Zusammenhang mit Solidaritätsaktionen für Palästina an der University of Michigan vorgeworfen.
Tom Alter, Mitglied von „Socialist Horizon“ und Historiker mit Festanstellung an der Texas State University, wurde wegen Äußerungen entlassen, die er auf einer sozialistischen Online-Konferenz gemacht hatte.
Die eskalierende staatliche Repression, politische Verfolgung und Kriminalisierung von Protesten durch die Trump-Regierung richtet sich gegen Anti-ICE- und Palästina-Solidaritätsaktivist:innen, Gewerkschafter:innen und Sozialist:innen. Ihr Ziel ist es, jeglichen Widerstand gegen ihr profithungriges, autoritäres, imperialistisches Projekt zu zerschlagen. Doch der Widerstand wächst weiter und wehrt sich.
Ganze Gemeinden im gesamten Land haben sich organisiert, um sich gegen ICE-Einsätze zu wehren. In den Gewerkschaften erlebt der Aktivismus einen Aufschwung, Tausende treten sozialistischen Organisationen bei und Millionen weitere öffnen sich für sozialistische Ideen. Millionen haben ihre Ansichten geändert: zugunsten Palästinas gegen den Zionismus, zugunsten der Gewerkschaften gegen die Milliardär:innen und zugunsten des Sozialismus gegen Kapitalismus und Imperialismus.
Eine Gallup-Umfrage, die kurz nach der Konferenz veröffentlicht wurde, ergab, dass 43 Prozent der Amerikaner:innen den Sozialismus mittlerweile positiv sehen – der höchste Wert, seit Gallup 2010 begann, diese Frage zu stellen. Und eine Mehrheit der 18- bis 34-Jährigen, nämlich 57 Prozent, steht dem Sozialismus positiv gegenüber, während 43 Prozent weiterhin den Kapitalismus bevorzugen.
Einer der Hauptsponsor:innen der Konferenz, die DSA (Demokratische Sozialistist:innen von Amerika) erreichte im Juli 120.000 Mitglieder – ein Anstieg gegenüber rund 50.000 Ende 2024. Und die Teilnehmer:innenzahl der Konferenz stieg im Vergleich zum Vorjahr um etwa 50 Prozent.
Die größte sozialistische Konferenz der USA, organisiert von der größten sozialistischen Organisation des Landes, fand also inmitten einer zunehmenden autoritären Offensive und eines wachsenden Interesses am Sozialismus statt. Diese Realität hätte im Mittelpunkt von „Socialism 2026“ stehen sollen. Stattdessen deuteten die beiden Hauptveranstaltungen in eine andere Richtung.
Die offizielle Eröffnungsplenarsitzung stand unter dem Motto „Freiheit ist ein ständiger Kampf: Palästina, Internationalismus, Abschaffung“ mit Angela Davis und Naomi Murakawa. Eine weitere große Abendveranstaltung boten Amy Goodman und Juan González bei einer Vorführung eines Dokumentarfilms über „Democracy Now!“.
Das Problem waren nicht Angela Davis oder Amy Goodman, auch nicht die politischen Kämpfe, mit denen sie in Verbindung gebracht werden. Das Problem war die Entscheidung darüber, was im politischen Mittelpunkt der Konferenz stehen sollte.
Zeitlose Ratschläge von erfahrenen Aktivist:innen sind zwar gut und schön, aber die Veranstaltung war eine großartige Gelegenheit, die dringenden und strategischen Fragen der Gegenwart anzusprechen. Wie kann man der Trump-Offensive Widerstand leisten? Wie kann man diejenigen verteidigen, die politischer Verfolgung ausgesetzt sind? Wie können sich die Kämpfe der Arbeiter:innenbewegung gegen die ICE, für Palästina, feministische, LGBTIAQ- und antirassistische Kämpfe gegenseitig stärken? Was soll mit den Tausenden von Menschen geschehen, die sich in Richtung einer sozialistischen Organisation bewegen? Welche Art von sozialistischer Organisation wird für die bevorstehenden Kämpfe benötigt?
Diese Chance wurde größtenteils vertan. Die Themen, auf die sich die Konferenz hätte konzentrieren sollen, wurden stattdessen in einer Reihe kleinerer Sitzungen behandelt.
Die von der United Left Platform (ULP) veranstaltete Sitzung „Standing Up to the National Security State“ brachte Vertreter:innen und Unterstützer:innen der Prairieland-Angeklagten, der „Minnesota 15“, der „Michigan 8“ und der Kampagne zur Verteidigung von Tom Alter zusammen.
Der Saal war brechend voll. Die Leute standen an den Wänden. Andere mussten abgewiesen werden, nachdem der Saal seine Kapazität überschritten hatte. Diese Resonanz zeigte, wie stark das Thema bei den Konferenzteilnehmer:innen ankam.
Die vier Fälle stehen an vorderster Front des Widerstands. Es geht dabei um Kämpfe gegen die ICE, Solidarität mit Palästina, Widerstand gegen die extreme Rechte und das Recht, offen sozialistische Politik zu organisieren.
Die Bedeutung der Veranstaltung lag nicht nur in ihrer Größe, sondern auch darin, dass sie direkt zur Organisation führte. Viele Teilnehmer:innen blieben nach Ende der Podiumsdiskussion zu einem Organisationsmeeting, um mit der Planung einer breiten nationalen Kampagne gegen politische Verfolgung zu beginnen.
Das Ziel ist es, diese vier bestehenden Kampagnen zusammenzuführen und eine Infrastruktur aufzubauen, die auch andere Fälle einbeziehen kann, die noch auftauchen werden.
In diesem Sinne kam die Sitzung dem, was eine zentrale Plenarsitzung bei „Socialism 2026“ hätte sein können, viel näher. Sie brachte Menschen zusammen, die mit Repression konfrontiert sind, verband verschiedene Kämpfe miteinander und begann, eine gemeinsame Antwort zu diskutieren.
Die Sitzung der ULP zum Thema „Revolutionären Sozialismus in Zeiten von Krieg und Autoritarismus aufbauen“ trug zudem eine zentrale Debatte bei, die sonst auf der Konferenz weitgehend fehlte: Welche Möglichkeiten, Chancen und Verantwortlichkeiten haben Revolutionär:innen in der gegenwärtigen Situation? Was sind unsere zentralen Aufgaben und Prioritäten? Konkret: Was sollten wir tun und was sollten wir aufbauen?
Unter den Mitgliedsorganisationen der ULP gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, welche Merkmale politische Organisationen haben sollten, die Revolutionär:innen aufbauen, und wie man in die Klassen-, sozialen und politischen Kämpfe eingreifen sollte. Es herrscht jedoch allgemeine Einigkeit darüber, dass Revolutionär:innen heute sowohl auf den Aufbau einer revolutionären Arbeiter:innenpartei hinarbeiten als auch dazu beitragen müssen, die Organisationen und die Kampfkraft der Arbeiter:innenklasse und der sozialen Bewegungen zu stärken.
Wie es in den Grundsätzen und Leitlinien heißt: „Die United Left Platform (ULP) entstand als Initiative mehrerer sozialistischer Gruppen, die sich im Juli auf der Konferenz ‚Socialism 2025‘ trafen, um interne Protokolle für Sicherheits- und gegenseitige Verteidigungsabkommen, gemeinsame Verteidigungskampagnen und das Projekt zum Aufbau einer Einheitsfront zu besprechen, mit der der Widerstand der Arbeiter:innenklasse gegen die Trump-Regierung organisiert werden soll.“
In ihrem ersten Jahr hat die ULP bei der Verwirklichung ihrer Ziele erhebliche Fortschritte gemacht: Sie hat die Kampagne zur Verteidigung von Tom Alter aufgebaut, die Zusammenarbeit mit vielen Gewerkschaften und Organisationen ausgebaut, die Zahl der Mitgliedsorganisationen erweitert und begonnen, an einer breiter angelegten nationalen Verteidigungskampagne zu arbeiten. Der Beitrag, den Revolutionär:innen in den Organisationen der ULP zur Stärkung der Kampfkraft des Widerstands leisten, ist offensichtlich.
Die Frage, wie die ULP zum Aufbau stärkerer revolutionärer Organisationen beitragen kann, löste in der Sitzung „Building Revolutionary Socialism“ eine Debatte aus, die sich bis ins anschließende ULP-Treffen fortsetzte.
Socialist Horizon argumentierte, dass die wertvolle Koalitionsarbeit, die wir in der ULP leisten, auch dazu beitragen kann, politische Beziehungen, gegenseitiges Vertrauen und die Perspektive einer Neuformierung unter einigen der Mitgliedsorganisationen zu entwickeln. Wir betonen diesen Punkt, weil wir glauben, dass es unter verschiedenen revolutionären Organisationen in den USA genügend Übereinstimmung gibt, die eine Perspektive der Vereinigung möglich macht. Und weil wir überzeugt sind, dass große Schritte statt kleiner Schrittchen beim Aufbau einer stärkeren revolutionären sozialistischen Organisation in naher Zukunft einen ganz realen Unterschied machen können.
Einige Genoss:innen betonten, dass die ULP eine Einheitsfront ist und kein Projekt zur Neugruppierung. Sie argumentierten, dass dies keine Debatte für heute sei und dass Bemühungen um eine Neugruppierung uns von den dringenden Aufgaben beim Aufbau der Verteidigungskampagnen ablenken würden, an denen wir gerade arbeiten.
Die ULP ist kein Umgruppierungsprojekt und kann es auch nicht sein. Sie ist auch keine Einheitsfront im eigentlichen Sinne. Sie ist ein Bündnis revolutionärer sozialistischer Organisationen, die zusammenarbeiten, um gemeinsame Kampagnen voranzutreiben, die darauf abzielen, breitere Einheitsfronten aufzubauen. Sie kann auch die Umgruppierungsbemühungen von Organisationen erleichtern, die eine tiefere Ebene der Einheit anstreben.
Unsere gemeinsame Arbeit in der ULP schafft Bedingungen, unter denen tiefgreifendere politische Diskussionen möglich werden. Durch gemeinsame Kampagnen lernen unsere Organisationen mehr übereinander, prüfen Übereinstimmungen und Unterschiede anhand konkreter Ereignisse und bauen gegenseitiges Vertrauen auf. Das bedeutet nicht, dass jede Organisation in der ULP eine Neuformierung anstreben sollte. Es bedeutet auch nicht, dass eine Fusion zwischen allen sofort möglich oder wünschenswert ist. Es bedeutet, dass diese Möglichkeit nicht automatisch auf eine unbestimmte Zukunft verschoben werden sollte. Soweit es echte Möglichkeiten gibt, ist der Zusammenschluss nur ein Teil der strategischen Aufgabe, revolutionäre Organisationen aufzubauen. Er sollte dem Aufbau von Einheitsfronten oder Bewegungen keineswegs entgegengesetzt werden. Die parallelen Aufgaben des Aufbaus revolutionärer Organisationen und der breiteren Bewegung sollten sich gegenseitig befruchten. Je stärker unsere revolutionären sozialistischen Organisationen sind, desto stärker werden unsere Bemühungen um Einheitsfronten sein.
Die Teilnahme von Socialist Horizon an der Socialism 2026 unterstrich das Wachstum der Organisation seit ihrer Gründung vor einem Jahr. Neben der zentralen Rolle, die die Organisation bei den ULP-Sitzungen spielte, trugen ihre Mitglieder auch zu anderen Sitzungen bei und nahmen daran teil. Von besonderer Bedeutung war dabei die Sitzung des South Asia Solidarity Network zu Kaschmir, die einen wichtigen Kampf in die Konferenz einbrachte, der relativ wenig Beachtung findet.
Das „Socialist Horizon Meet-up“, das im Rahmen der Konferenz stattfand, zeigte die Entwicklung und das breite Spektrum der Aktivitäten der Organisation. Im Laufe des vergangenen Jahres hat die Organisation sowohl ihre Mitgliederzahl als auch die Anzahl ihrer Ortsgruppen verdoppelt. Ihre Mitglieder engagieren sich landesweit in der Organisation gegen die ICE, in der Solidarität mit Palästina, in Arbeits- und Gemeindekämpfen sowie für die Verteidigung von Tom Alter und der United Left Platform.
„Socialism 2026“ bestätigte den Mangel an Visionen bei den Mainstream-demokratischen Sozialist:innen, der nur zu neuen Enttäuschungen und Frustrationen führen kann. Aber es zeigte auch, dass es einen riesigen Raum gibt, in dem revolutionäre Politik wachsen und einen alternativen Weg nach vorne aufzeigen kann. Die ULP hat gezeigt, dass das Potenzial für Fortschritte da ist, und „Socialist Horizon“ stellt sich dieser Herausforderung voll und ganz.