Arbeiter:innenmacht

Der Iran an einem geschichtlichen Wendepunkt

Wikideas1, CC0, via Wikimedia Commons

Martin Suchanek, Neue Internationale 298, Februar 2026

Seit Wochen ertränkt das iranische Regime die Rebellion der aufständischen Massen in Blut. In zahlreichen Städten massakrierten Revolutionsgarden, andere Milizen und Abteilungen der Repressionskräfte demonstrierende Arbeiter:innen, Jugendliche, Frauen und Kinder, indem sie mit Maschinengewehren in die Menge schossen und regelrechte Massaker anrichteten.

Die Menschenrechtsorganisation HRANA spricht lt. Frankfurter Rundschau vom 25. Januar von 5.495 bestätigten Todesopfern, darunter 5.149 Demonstrant:innen. Mindestens 7.403 Menschen wurden schwer verletzt. Darüber hinaus prüft die Organisation 17.031 weitere mutmaßliche Todesfälle. Selbst nach offiziellen Angaben des islamistischen Regimes gab es über 3.000 Opfer.

Besonders seit dem 9. Januar, als Internet und andere Kommunikationskanäle tagelang geschlossen wurden, wütete der konterrevolutionäre Terror. Schätzungen gehen mittlerweile davon aus, dass bis zu 30.000 Menschen im Januar 2026 ermordet werden. Mindestens 40.000 Menschen wurden von den Schergen des Regimes seit Beginn der Massenerhebung am 28. Dezember 2025 festgenommen oder verschleppt. Iranische Linke warnen davor, dass das Regime Chameneis begonnen hat, Oppositionelle in Gefangenschaft systematisch zu exekutieren.

Vorläufige Bilanz

Der systematische Terror des Regimes und die Massaker an den Demonstrierenden haben nach zwei Wochen der Erhebung gegen die reaktionäre islamistische Diktatur die Massenbewegung für die unmittelbare Zukunft gebrochen. Das Regime Chamenei hat die größte Massenbewegung gegen seine Herrschaft überlebt. Vorerst.

Der Sieg des Regimes über die große Masse der Bevölkerung offenbarte seine Bereitschaft, jedes noch so barbarische Mittel zur Sicherung seiner Herrschaft, seiner Interessen, seiner Klientel und Parteigänger:innen einzusetzen. Das erscheint vordergründig als eine Stärke, denn der innere Zusammenhalt des Regimes hielt. Nicht nur die Revolutionsgarden und der Kern des Staatsapparates hielten dem Regime die Treue, sondern auch die Armee zerbrach nicht. So konnte das Regime einen Ansturm der Massen, von riesigen Demonstrationen, Streiks und lokaler Übernahme der Macht in einigen kleineren Städten überleben.

Doch diese Stärke offenbart zugleich eine tiefe Schwäche des islamistischen Regimes. Seine soziale Basis ist erodiert – und erodiert weiter. Es kann sich im Wesentlichen nur noch auf den Staatsapparat und die direkten Instrumente der islamistischen Konterrevolution (Klerus, Milizen) verlassen. Eine darüber hinausgehende soziale Basis hat es kaum noch. Das verdeutlicht die Tatsache, dass am 28. Dezember die Händler im Basar von Teheran ihre Läden schlossen (sicher nicht alle freiwillig). Teile der Handelsbourgeoisie und des Kleinbürger:innentums, die über Jahrzehnte eine soziale Stütze des Regimes gebildet hatten und die sich 2022/23 gegen die Bewegung gestellt hatten, die das Land nach der Ermordung von Jina Mahsa Amini erschüttert hatte, wandten sich vom Regime ab.

Die Massenbewegung vom 28. Dezember erschütterte das ganze Land. Sie breitete sich wie ein Lauffeuer aus. Auch wenn sie im Basar von Teheran ihren Ausgang nahm, so bildete die Arbeiter:innenklasse ihre eigentlichen soziale Trägerin. Schon im gesamten Jahr 2025 wuchs die Zahl der Streiks und Arbeitskonflikte aufgrund der Preissteigerungen, sinkender oder nicht ausbezahlter Löhne an. Um einem Generalstreik, der in der Luft lag, zuvorzukommen, schloss das Regime am Beginn der Bewegung zahlreiche staatliche Unternehmen und auch Universitäten, so dass sich die Menschen dort nicht oder nur erschwert versammeln konnten. Dennoch bildeten sich in einigen Städten auch Fabrikkomitees oder gar lokale Arbeiter:innenräte, die teilweise die Kontrolle übernahmen. Diese Entwicklung trug zwar vordergründig einen spontanen Charakter, aber sie verweist auch darauf, dass die iranische Arbeiter:innenklasse in den letzten Jahren illegale oder halblegale Gewerkschaften und betriebliche Strukturen aufgebaut hat und auch Ansätze einer Untergrundvernetzung. Dies begünstigte die rasche Verbreitung massiv.

Auch das trug dazu bei, dass die Bewegung trotz ihrer kurzen Dauer – faktisch wurde sie am 12./13. Januar gebrochen, also nur rund 2 Wochen nach ihrem Ausbruch – alle Landesteile umfasste. Wie schon 2022/23 entfaltete sie sich besonders stark in den kurdischen und belutschischen Gebieten, sie verbreitete sich in Stadt und Land. Anders als bei allen Bewegungen der letzten 20 Jahre verteidigten sich die Demonstrierenden auch gegen die Repressionskräfte, stürmten auch Polizeistationen und gingen bei einigen Zusammenstößen auch gegen Repressionseinheiten vor. Dies waren keine bloßen Einzelaktionen, sondern dieses Phänomen zeigte sich in vielen Städten. Vor allem Jugendliche scheuten die Auseinandersetzung mit den Kräften des Regimes nicht. Sie fürchteten den Tod weniger, als weiter unter den Bedingungen der Unterdrückung, Ausbeutung und des gesellschaftlichen Verfalls leben zu müssen.

Auch wenn am Beginn der Bewegung soziale Fragen eine große Rolle spielten, so entwickelte sie sich rasch zu einer, die sich gegen das gesamte Regime der islamistischen Republik richtete. Sie warf die Machtfrage auf, selbst wenn das nicht allen Demonstrierenden von Beginn an bewusst gewesen sein mag.

Ein Grund dafür besteht ironischer Weise im reaktionären Charakter des Regimes selbst. Als alle gesellschaftlichen Bereiche umfassende bonapartistische, klerikale Diktatur kann das iranische Regime keine nennenswerten bürgerlich-demokratischen Spielräume zur Vermittlung seiner Herrschaft tolerieren. Das bedeutet aber nicht nur, dass jede gesellschaftliche Regung, selbst jede Reformbewegung notwendigerweise in einen massiven Konflikt mit dem Regime oder seinen reaktionärsten Teilen (Revolutionswächtern, der faschistischen Basidsch-Miliz) gerät. Es bedeutet auch, dass Forderungen nach Gleichheit, dass der Kampf gegen die reaktionären Kleidervorschriften, dass selbst ökonomische Verteilungsfragen fast automatisch zu politischen Fragen werden, die die islamistische Diktatur und deren Machtmonopol herausfordern.

Hinzu kommt, dass die Mittel zur ökonomischen Integration ganzer Bevölkerungsschichten faktisch erschöpft sind. Das islamistische Regime selbst war als konterrevolutionäres Resultat aus einer genuinen, von der Arbeiter:innenklasse und den Massen getragenen Revolution gegen die Tyrannei des Schahs hervorgegangen. Doch weil es den Massen an einer revolutionären Führung fehlte, die die Revolution zum Sieg hätte führen können, konnte die islamistische Konterrevolution die Arbeiter:innenbewegung und die iranische Linke zerschlagen und ihre Diktatur errichten. Diese bemächtigte sich des Staatsapparates und stützt sich seither auf diesen. Hinzu kommen der Klerus sowie mit dem Staatsapparat verbundene paramilitärische Kräfte wie die Revolutionsgarden oder die faschistische Basidsch-Miliz. Insgesamt handelt es sich dabei um Millionen bewaffneter Kräfte des Regimes.

Doch die Islamische Republik konnte sich auch auf zentrale Teile der Bourgeoisie stützen, z. B. die Basaris, die Handelsbourgeoisie in Teheran, und an diese angelagerte kleinbürgerliche Schichten. Hinzu kommt, dass aus dem Apparat des islamistischen Staates selbst auch neue Schichten der Bourgeoisie hervorgingen, die eng mit dem Regime verbunden sind und davon ökonomisch profitierten. So wurden z. B. nach dem Iran-Irak-Krieg Offizierskader der Revolutionsgarden in der Wirtschaft eingesetzt und übernahmen dort Managerfunktionen oder wurden selbst Kapitalist:innen.

Schließlich konnte sich das konterrevolutionäre Regime auch auf untere, politisch rückständige Schichten in Stadt und Land stützen, die Verlierer:innen der pro-westlichen kapitalistischen „Modernisierung“ unter dem Schah.

Wirtschaftlicher Hintergrund

Bis etwa 2012 konnte das Regime – gestützt auf die Deviseneinnahmen aus dem Verkauf von Öl und anderen Rohstoffen auf dem Weltmarkt – die ökonomischen und sozialen Interessen dieser klassenmäßig heterogenen Basis einigermaßen befriedigen. So wuchs das BIP des Iran von 2000 bis 2012 um 5–8 % pro Jahr. Zugleich blieb – wie im Wesentlichen auch schon unter dem Schah – die halbkoloniale, von den Bedürfnissen des Weltmarktes und des imperialistischen Finanzkapitals bestimmte Struktur der iranischen Ökonomie erhalten. Ähnlich wie andere Öl-Staaten finanzierte auch der Iran Sozialprogramme zur Integration der Armen aus den Einnahmen auf dem Weltmarkt. Auf dieser Basis wuchsen zugleich die „Auswüchse“ des abhängigen Kapitalismus – Klientelismus und Nepotismus.

Nach 2012 änderte sich die ökonomische Lage grundlegend. Die Sanktionen der USA und der EU, also des westlichen Imperialismus, trafen die Wirtschaft und treffen sie seither hart. Die BIP-Wachstumsraten bewegen sich seither um die 3 %. Die Verschuldung wird aufgrund gesunkener Deviseneinnahmen zu einem stetigen Problem, das der iranische Staat durch Abwertung der Währung aufzufangen versuchte, was seinerseits die Inflation massiv ansteigen ließ.

2019 entsprach 1 US-Dollar noch 64.500 Rial; 2025 sind es 1.463.500 Rial. Um der Entwertung der Devisen der herrschenden Schichten im Iran entgegenzuwirken und deren Investitionstätigkeit anzuregen, etablierte das Regime verschiedene Wechselkursmärkte. Das führt jedoch nicht zum gewünschten Effekt, weil sich die iranische Bourgeoisie als Bourgeoisie erwies. So nützte sie z. B. günstige, vom Staat subventionierte Wechselkurse für Investor:innen, um Rial in Dollar oder Euro zu tauschen – und dann in der Türkei oder auf anderen Immobilienmärkten, aber nicht im Iran, zu investieren. Und da diese Operation auch viele Kapitalist:innen durchführen, die eng mit dem Regime verbunden sind, fällt es diesem schwer, diese Praktiken zu stoppen, auch wenn sie mit zum Niedergang des Landes beitragen.

Entscheidend ist jedoch, dass mehr als ein Jahrzehnt diese Politik zu einem massiven Rückgang der Investitionen geführt hat. Der Kapitalstock, also Maschinen und Technologie, ist veraltet, was sich auch im Rückgang der Produktion und Produktivität zeigt. Als Folge fiel die Menge des exportierten Öls von 2 Millionen Barrel 2011 auf 300.000 Barrel 2019. Auch wenn unmittelbar alle Sanktionen gegen den Iran aufgehoben würden, so müssten Milliarden US-Dollar in die Ölindustrie investiert werden, um die alten Kapazitäten wieder aufzubauen. Aus eigenen Kräften schafft das der iranische Kapitalismus nicht und auch seine imperialistischen Verbündeten, Russland und China, sind nicht bereit, die nötigen Summen zur Verfügung zu stellen. China nützt vielmehr die Zwangslage des Iran aus und ist nunmehr faktisch der einzige Käufer iranischen Öls auf dem Weltmarkt (rund 90 %).

Entwicklung 2025

Dieser langfristige Niedergang der iranischen Wirtschaft drückt sich in immer schlechteren Lebensverhältnissen aus. So verlor der Rial allein 2025 wieder 84 % seines Wertes. Die Inflation betrug 2025 rund 40 %, die Preissteigerung für Lebensmittel 72 %. Das heißt, die unteren Schichten der Arbeiter:innenklasse sind von der Misswirtschaft und ökonomischen Krise besonders betroffen.

Darüber hinaus ist der Iran mit einer immensen Wasserkrise konfrontiert, die zu einer gefährlichen Verknappung des Trinkwassers führt. Im November 2025 kündigte Präsident Massud Peseschkian sogar die Möglichkeit einer Evakuierung von Teheran mit über 10 Millionen Einwohner:innen an, falls es in den kommenden Wochen nicht regnen sollte. Diese katastrophale Situation ist das Ergebnis jahrzehntelanger wirtschaftlicher und insbesondere wasserpolitischer Misswirtschaft und war seit langem abzusehen. Dennoch versucht die Regierung, die Dringlichkeit dieses Themas zu verschleiern, um die Proteste, mit denen sie bereits konfrontiert ist, nicht weiter anzuheizen.

Diese materiellen Bedingungen haben nach der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ von 2022 zu einer neuen Welle landesweiter Proteste geführt. Was wir im Dezember/Januar erlebten, war ein Ausbruch von Wut, Empörung und sozialen Unruhen, die sich seit Jahren in der iranischen Gesellschaft angestaut hatten.

Hinzu kommt, dass das iranische Regime 2025 als Regionalmacht geostrategisch massiv geschwächt wurde. Sowohl der reaktionäre Angriff Israels und der USA wie auch der Sturz Assads offenbarten, dass das Regime keineswegs so stark war oder ist, wie es sich darstellt. Zugleich nahmen die Arbeitskämpfe zu. Allein zwischen Januar und September 2025 wurden mindestens 759 Arbeitskämpfe registriert, darunter 618 Demonstrationen und 141 Streiks. Darüber hinaus wurden 137 Arbeitsunfälle gemeldet – ein Beleg dafür, dass das Leid der Arbeiter:innen über die Löhne hinausgeht und auch gefährlich unsichere Arbeitsbedingungen umfasst.

Der Charakter der Lage

Die Bewegung vom 28. Dezember weist viele Aspekte auf, die Lenin in „Der Zusammenbruch der Zweiten Internationale“ als objektive Merkmale einer revolutionären Situation anführt. Er benennt dabei drei Punkte:

  • Für die herrschende Klasse ist es unmöglich, ihre Herrschaft unverändert aufrechtzuerhalten.
  • Infolgedessen steigert sich die Aktivität der Massen erheblich.
  • Die Not und das Elend der unterdrückten Klassen verschärfen sich über das gewöhnliche Maß hinaus.

Betrachten wir nur diese objektiven Faktoren, so waren zweifellos entscheidende Aspekte einer revolutionären Situation gegeben. Zugleich trat aber ein weiteres Merkmal deutlich hervor: die enorme Kluft zwischen der objektiven Lage und dem subjektiven Faktor, also dem Bewusstsein der Klasse und ihrer Führung. Die massive Führungskrise der Arbeiter:innenklasse und der unterdrückten Massen zeigt sich gerade darin, dass die lohnabhängigen Massen in vorderster Front der Bewegung stehen und ihre eigentliche soziale Basis ausmachen. Zugleich verfügen sie über kein eigenes Programm, keine Perspektive, wie das Regime gestürzt und durch ihre eigene Herrschaft ersetzt werden kann.

Diese Kluft ist auch ein Resultat der Niederlage der Revolution von 1979 und einer weitgehenden Zerschlagung der Arbeiter:innenklasse. Sie stellt zugleich aber das grundlegende Problem der iranischen Revolution dar, sie erklärt, warum die objektive Zuspitzung zwischen den Klassen nicht in eine Revolution umschlägt. Diese Führungskrise drückt sich vor allem im Fehlen einer revolutionären Partei und eines revolutionären Programms aus, die – ähnlich wie die bolschewistische Partei 1917 – die Massen zum Sieg führen könnte.

Die Politik der verschiedenen Klassen, des Imperialismus und der Monarchie

Diese Krise stellt aber auch einen zentralen Grund dar, warum die reale Gefahr besteht, dass reaktionäre proimperialistische, bürgerliche oder monarchistische Kräfte führenden Einfluss in der Bewegung gegen die islamistische Diktatur gewinnen können.

Die Bewegung gegen das Regime hat im Iran selbst nicht nur die proletarischen und bäuerlichen Massen, sondern auch das Kleinbürger:innentum und selbst Teile der Bourgeoisie in Bewegung gesetzt. Das ist keine Besonderheit, sondern zeichnet alle großen Klassenkämpfe und erst recht Bewegungen aus, die die Machtfrage aufwerfen. In diesen kämpfen Bourgeoisie und Proletariat – ob sie es wollen oder nicht – um die Führung.

Die Seite der iranischen Bourgeoisie umfasst dabei jene Teile, die mit dem Regime unzufrieden sind – z. B. die Basaris. Sollte ihr Zusammenstoß mit der Diktatur keine bloße Episode gewesen sein, werden sie unwillkürlich ein Bündnis mit der Exilbourgeoisie und mit dem westlichen Imperialismus suchen.

Zugleich versuchen sich die reaktionären Kräfte der Exilbourgeoisie, mit der Galionsfigur des Prinzen als „echtem Demokraten“ zu präsentieren. Sie nutzen ihre Beziehungen zu den USA und zu den EU-Mächten und ihr Vermögen, um ihre reaktionäre Propaganda im Iran zu verbreiten, aber auch Verbündete im Land anzuheuern. Bisher ist ihre eigentliche, organisierte soziale Basis noch gering, aber sie werden in jedem Fall versuchen, die Massaker des islamistischen Regimes zu nutzen – und sei es nur, um eine geläuterte Herrschaft eines neuen Schahs als kleineres Übel zu verkaufen.
Die USA, die EU-Mächte, aber auch Israel unterstützen diese reaktionäre, bürgerliche Opposition. Sie versuchen, die Verzweiflung der iranischen Massen zu ihren Gunsten zu wenden, darunter auch mit der Drohung einer Militärintervention oder dem Aufmarsch von Flottenverbänden in der Region. Auch wenn sich Trumps Drohungen als leer entpuppten, so steht heute die Bewegung im Iran an einem Scheideweg.

Kurzfristig kann sich das islamistische Regime behaupten, indem es die Bewegung im Blut ertränkt. Aber es ist nur eine Frage von wenigen Jahren, bis die nächste innere Krise, bis die nächste Massenbewegung, die nächste Eruption ausbricht. Eine ökonomische und soziale Stabilisierung durch das Regime kann ausgeschlossen werden. Die Massaker an Tausenden haben das Band zwischen Regime und Bevölkerung zerschnitten. Außerhalb von Staatsgewalt und Staatsterror hat das Regime kaum noch Mittel zur Integration von Teilen der Bevölkerung.

Daher müssen wir mit einer neuen Bewegung gegen das Regime rechnen und uns darauf vorbereiten. Aus den Kämpfen der letzten Jahrzehnte müssen wir zwei Lehren an den Beginn stellen. Erstens: Das Regime wird nicht friedlich abtreten, es muss durch eine Revolution gestürzt, zerschlagen werden. Zweitens: Die iranische Bourgeoisie mag sich zwar vom Regime abwenden, sie will aber keine Befreiung, sondern die eigene Herrschaft im Verbund mit dem westlichen Imperialismus. Sie ist unfähig und unwillens, die Massen zur Befreiung zu führen.

Die Lohnabhängigen, die unterdrückten Nationen, die Frauen sind zwar Hauptträger:innen der Bewegung, aber die Arbeiter:innenklasse führt sie nicht politisch.

Das ist nur möglich, wenn sich die revolutionären Kräfte im Iran selbst bewusst werden über den Charakter der zukünftigen Revolution im Land. Soll sie eine rein demokratische Revolution sein, die zuerst bürgerlich-demokratische Verhältnisse schafft, also die Bourgeoisie im nicht-islamistischen Gewand an die Macht bringt? Eine solche Perspektive würde in anderer Form die Fehler der großen Mehrheit der iranischen stalinistischen und populistischen Linken wiederholen, die 1979 davon ausging, dass sich die iranische Revolution auf die demokratischen Aufgaben beschränken und die antiimperialistische, nationale Bourgeoisie an die Macht bringen müsse. Diese eroberte sie dann auch unter Führung des Ajatollahs – und zerschlug die Arbeiter:innenbewegung.

Auf ein Bündnis mit der pseudo-demokratischen, monarchistischen und pro-imperialistischen Bourgeoisie zu setzen, würde bedeuten, denselben Fehler zu wiederholen, wenn auch mit einer anderen Fraktion der herrschenden Klasse.

Revolution

Die Erfahrungen der iranischen Revolution (und eigentlich aller wichtigen Revolutionen des 20. und 21. Jahrhunderts) zeigen, dass die demokratischen Forderungen – im Iran insbesondere die nach Gleichheit und Freiheit der Frauen, das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, die Unabhängigkeit vom Imperialismus, die Durchsetzung von Freiheit und Gleichheit – untrennbar mit der Klassenfrage verbunden sind.

Wirkliche Befreiung ist für die Frauen (sowie armen Bauern und Bäuerinnen sowie unterdrückten Nationalitäten) im Rahmen des Kapitalismus im Iran letztlich unmöglich. Ihre Unterdrückung mag unter einer anderen bürgerlichen Herrschaftsform oder einer anderen Elite allenfalls elastischere Formen annehmen (und selbst das ist keineswegs sicher).

Die Verbesserung der Lage der Massen – und insbesondere der Frauen und der unterdrückten Nationen – ist unmöglich, ohne die Profite, den Reichtum, die Privilegien, das Privateigentum der herrschenden Klasse im Iran anzutasten. Umgekehrt kann sich die Arbeiter:innenklasse selbst nur dann zur wirklich führenden Kraft einer Revolution aufschwingen, wenn sie die entscheidenden gesellschaftlichen Fragen mit der ihrer eigenen Befreiung, der Enteignung des Kapitals und der Errichtung einer demokratischen Planwirtschaft verbindet. Ansonsten wird das Proletariat – unabhängig vom Geschlecht – weiter eine Klasse von Lohnsklav:innen bleiben.

Eine solche Perspektive und ein revolutionäres Programm, das demokratische und soziale Forderungen mit sozialistischen verbindet und in der Errichtung einer Arbeiter:innen- und Bäuer:innenregierung gipfelt, entstehen nicht von alleine. Sie erfordern eine Kraft, die bewusst dafür in der Arbeiter:innenklasse, an den Universitäten und Schulen, unter der Jugend, den Frauen und unterdrückten Nationalitäten kämpft.

Nur so kann der stetige Vormarsch der Konterrevolution hier und jetzt gestoppt werden. Und diejenigen, die am beharrlichsten für solche Forderungen kämpfen und dabei nicht nur die Lehren aus dem letzten Monat, sondern vier Jahrzehnten ziehen, sind diejenigen, die mit dem Aufbau dieser Kraft, einer revolutionären Partei, beginnen können.

Denn klar ist: Nur eine solche Partei wird in der Lage sein, den Kampf unter allen Bedingungen zu führen, im Untergrund zu operieren, wenn es nötig ist, und in Streiks, Gewerkschaften und vor allem in Massenbewegungen in Zeiten des Aufschwungs der Kämpfe einzugreifen.

Anhang: Antiimperialismus

Nachdem Donald Trump die iranische Bevölkerung mit der Drohung getäuscht hatte, einzugreifen, falls Ali Khamenei die Demonstranten niedermetzeln würde, hat er nun, nachdem genau dies geschehen ist, angekündigt, eine „große Flotte neben den Iran“ zu schicken, angeführt vom Flugzeugträger USS Abraham Lincoln. Gleichzeitig deutete der Trump in einem Interview an, dass die Führung in Teheran „ein Abkommen schließen“ wolle, und ein namentlich nicht genannter hochrangiger US-Beamter erklärte gegenüber Reportern, Washington sei „offen für Verhandlungen“.

Dies sollte den Iraner:innen klar machen, dass Trump nicht im Geringsten von demokratischen Motiven geleitet wird und dass jeder Angriff der USA äußerst reaktionär wäre. Er beabsichtigt lediglich, die klerikalen Diktatoren zu erpressen, damit sie als seine Handlanger in der Region agieren und die natürlichen Ressourcen des Landes für die Ausbeutung durch die USA öffnen, ein Muster, das bereits in der Ukraine, in Gazaund in Venezuela zu beobachten war.

Tatsächlich muss die iranische Revolution, wenn sie kommt, nicht nur antimonarchistisch, demokratisch und sozialistisch sein, sondern auch entschlossen antiimperialistisch – so wie der Aufstand gegen den Schah 1978/79, bevor er von der Konterrevolution unter der Führung von Ayatollah Khomeini und den Mullahs übernommen wurde.

  • Nein zu einem weiteren Angriff der USA und Israels auf den Iran!
  • Nein zur Wiederherstellung der Pahlavi-Dynastie!
  • Nieder mit der klerikalen Diktatur und ihren faschistischen Banden!
  • Für eine Arbeiter:innenrevolution, die den Weg für die Befreiung der Frauen und der unterdrückten Nationalitäten ebnet und im Sozialismus gipfelt!

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