Arbeiter:innenmacht

Antifa heißt Free Palestine – ein Bericht von der Demonstration

www.montecruzfoto.org

Lukas Müller, Infomail 1302, 22. Januar 2026

Am 17. Januar versammelten wir uns mit Tausenden Menschen in Connewitz und trugen lautstark unsere Palästinafahnen und politischen Positionen auf die Straße – eine der größten Demonstrationen, die Leipzig in den letzten Jahren gesehen hat. Mit Spannung wurden die Versammlungen erwartet, nicht nur in linken Kreisen, sondern auch in bürgerlichen Medien und bei Parteien. Ein bundesweit mobilisiertes Kräftemessen zwischen der palästinasolidarischen Bewegung und der zionistischen, antideutschen Szene stand bevor – und wir haben gezeigt, dass wir bereit und geschlossen sind.

Damit haben wir ein klares Signal gesetzt an alle Betroffenen der Gewalt, an alle, die Palästina unterstützen: Wir lassen euch nicht allein, wir organisieren uns gemeinsam gegen zionistische Gewalt – und Palästinasolidarität ist keine Minderheitsposition!

Doch wie verlief die Demonstration tatsächlich? Wie wurde mit Polizei und Provokationen am Straßenrand umgegangen? Was bedeutet die Demo für uns – und

Diese Fragen wollen wir im Folgenden beantworten – während wir an anderer Stelle diskutieren, welche Bedeutung die Antideutschen Heute haben, und ob man sich an ihnen abarbeiten sollte.

Hintergründe der Demo

Auf ihren voranschreitenden Niedergang und das Entstehen einer großen und sehr aktiven Palästinabewegung in Leipzig haben die Zionist:innen mit einer massiven Zunahme von Gewalt reagiert – vor allem, aber nicht nur in Connewitz. Außerhalb des Stadtteils wurde zum Beispiel das migrantische Hausprojekt „Casa“, auch „Bäckerei“ genannt angegriffen, Fensterscheiben eingeschlagen und als Ausdruck ihres antimuslimischen Rassismus Schweinefett im Innenraum verteilt. Ein Infostand von Students for Palestine an der HTWK wurde letztes Jahr von mehreren vermummten Antideutschen am helllichten Tag angegriffen, Leute niedergeschlagen und Material zerstört. Unzählige Male wurden Menschen mit Kufiyas in den letzten Jahren von Antideutschen in Connewitz bedroht, verfolgt oder physisch angegriffen. Dabei kam es auch zu transfeindlichen und rassistischen Bekleidungen. So wurde einem Aktivisten zum Beispiel gesagt, er solle sich mit seinem „Araberlappen“ verpissen. Auch beim Plakatieren für die Demo am 17. Januar wurden Aktivist:innen von Lotta Antifascista und anderen aus der Palästinabewegung von Antideutschen brutal mit Teleskopschlagstöcken, Pfefferspray, Flaschen und Steinen überfallen und zusammengeschlagen. Einige wurden so schwer verletzt, dass ein Krankenwagen gerufen werden musste. Viele der Übergriffe sind gut dokumentiert, zu dem Angriff an der HTWK existiert ein eindeutiges Video. Auf der Instagramseite von Lotta Antifascista findet sich eine Chronik der Angriffe der letzten Monate.

Um auf die zunehmende und immer brutaler werdende Gewalt gegen linke und arabisch gelesene Menschen aufmerksam zu machen beschlossen die Genoss:innen von Lotta Antifascista eine Demo durch den Stadtteil zu organisieren und schrieben einen Aufruf, in dem sie sich an die Menschen in Connewitz richteten. Außerdem baten sie das Palästinaaktionsbündnis (PAL) um Hilfe, welches aus dutzenden linken Gruppen in Leipzig besteht, unter anderem die migrantische Gruppe Handala. Dieses Bündnis verfasste einen weiteren Aufruf, in dem nicht nur von den Übergriffen berichtet wurde, sondern auch wichtige Akteure und Treffpunkte der Szene benannt und deren vermeintlicher, letztlich selektiver Antifaschismus in Frage gestellt und reclaimt wurde. Genannt wurden das linxxnet, die Landtagsabgeordnete Juliane Nagel und das Conne Island. Juliane Nagel stellt der Szene seit Jahrzehnten die nötige Infrastruktur zur Verfügung, leitet Gelder weiter, bindet selbst den rechtesten Flügel der Antideutschen in ihre Netzwerke ein, lässt ihre Verbindungen zur bürgerlichen Presse spielen und hält ihre schützende Hand über die Schläger:innen. Im Conne Island wurde für die israelische Armee rekrutiert, Menschen mit Kufiya haben Hausverbot und Leute wie Thomas Maul durften dort Werbung für die AfD machen.

Vor allem den Aufruf des PAL versuchte die Antideutsche Szene zu nutzen, um einen Angriff auf die „antifaschistische Hochburg“ Connewitz und ein „ganz Connewitz gegen Handala“ zu konstruieren und die Bevölkerung des Stadtteils hinter sich zu versammeln. Auch wenn dieser Aufruf durchaus die Schwäche hatte, den Fokus weg von den Angriffen zu legen und so den Antideutschen eine bessere Möglichkeit gab, selbst davon abzulenken, so war seine politische Stoßrichtung richtig.

Die Auseinandersetzung zwischen palästinasolidarischen, antiimperialistischen Linken und den Antideutschen verschiedener Schattierung sind eng kein „Szenekonflikt“. Vielmehr handelt es sich um eine grundlegende Differenz zwischen jenen Kräften, die die Internationalismus keine bloßes Schlagwort, sondern eine Richtschnur politischer Praxis ist und vorgeblich linken Verteidiger:innen des Zionismus und der deutschen Staatsräson. Letztere stehen – wie die Demonstration selbst zeigte – auf der anderen Seite der Barrikade und auf Seiten ihrer herrschenden Klasse.

Die Demonstrationen selbst

Beide Kundgebungen fanden direkt auf dem Connewitzer Kreuz statt, getrennt durch eine Reihe von Gittern. Ab 13 Uhr versammelten sich immer mehr Menschen, auf der einen Seite mit Israel-, auf der anderen Seite mit Palästinafahnen. Die Teilnehmer:innen der Palästinademo reisten überwiegend von Norden her an, die Zionist:innen überwiegend aus dem Süden. Bereits beim Einlaufen aufs Kreuz filmten und fotografierten Zionist:innen die Teilnehmer:innen der Palästinademo massiv von beiden Seiten. Auch viele Schaulustige hatten sich angesichts des Medienrummels versammelt.

Schon vor dem eigentlichen Auftakt machte die Polizei deutlich, welchen Rahmen sie der Demonstration geben wollte. Neben der Repression durch das faktische Verbot der eigentlichen Demonstration überzogen die rund 1.000 Bullen die Demo auch vor Ort von Anfang an mit Repression. Auf dem letzten Abschnitt der Karl-Liebknecht-Straße runter zum Connewitzer Kreuz hatten sie mit Dutzenden Fahrzeugen mehrere Hundert Meter entlang der Straße geparkt – eine offene Machtdemonstration gegenüber den eintreffenden Aktivist:innen. Sogar ein Helikopter war in Hörweite im Einsatz.

Trotz dieser Einschüchterungsversuche nahmen an der Palästinakundgebung und -demo etwa 2.500 Personen teil. Darunter Mitglieder der Linkspartei, von Solid und dem SDS, Gewerkschafter:innen für Gaza, die jüdische Gruppe Jüdisch-Israelischer Dissens sowie nahezu sämtliche Organisationen aus dem antiimperialistischen Spektrum Leipzigs. Darüber hinaus reisten Genoss:innen aus Hamburg, Berlin, Fulda, Braunschweig und vielen weiteren Städten an. Bereits auf dem Weg zum Kreuz stiegen an nahezu jeder Haltestelle Menschen mit Kufiya zu; Straßenbahnen waren teils so überfüllt, dass Aktivist:innen auf die nächste Bahn warten mussten. Redebeiträge kamen unter anderem vom Jüdisch-Israelischen Dissens, Handala, Lotta Antifascista, der BAG Palästinasolidarität sowie von uns als Gruppe Arbeiter:innenmacht.

Nach einem längeren Auftakt zog die Demo schließlich dichtgedrängt vom Kreuz über die Karl-Liebknecht-Straße in Richtung Innenstadt und endete am Augustusplatz. Sie lief damit nur kurz durch Connewitz, abseits der Szenetreffpunkte – denn die Polizei hatte die angemeldete Route durch die Szenestraßen Connewitz’ kurzfristig verboten. Ihre Begründung: Sie könne die Sicherheit der Demonstrant:innen nicht gewährleisten. Währenddessen gab es Live-Musik und Redebeiträge über Lautsprecherwagen, die aufgrund der Größe der Demo weiter hinten kaum noch wahrnehmbar waren. Die Demonstration war jedoch durchgehend laut und kämpferisch.

Im weiteren Verlauf verschärfte die Polizei ihr Vorgehen. Um sich vor dem penetranten Filmen und Fotografieren durch die Zionist:innen zu schützen, verdeckten einige Genoss:innen Teile ihres Gesichts. Das nahmen die Bullen bereits beim Auftakt zum Anlass, wiederholt in die Demo reinzurennen und wahllos Personen wegen angeblicher Vermummung festzunehmen. Dies setzte sich während der Demo fort: Immer wieder kam es zu Angriffen auf verschiedene Blöcke und zu Festnahmen aus diesen heraus durch BFE-Einheiten. Bei diesen Angriffen machten die Bullen wenig Anstalten, die antideutschen Provokateur:innen am Straßenrand auf Abstand zu halten. Zum Teil standen diese direkt neben den Bullen und feuerten sie regelrecht an. Die Teilnehmer:innen unserer Demo standen dem geschlossen und solidarisch gegenüber und versuchten, die Angriffe abzuwehren – worauf die Bullen mit noch mehr Festnahmen reagierten.

Zionistische Provokationen

Auf der zionistischen Kundgebung versammelten sich etwa 1.000 Menschen. Bereits die mobilisierenden Organisationen machten deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine antifaschistische oder linke Kundgebung handelte, sondern um eine Veranstaltung überwiegend bürgerlicher und rechter Kräfte, die gemeinsam die deutsche Staatsräson zelebrierten. Die Gruppe AG Halle/Saale, sinnbildlich für die Überalterung der Hardliner dieser Szene, trat laut einem Bericht auf indymedia offen polizeifreundlich auf. Weder von der Orga noch aus dem Publikum kam darauf eine kritische Reaktion – ebenso wenig auf die wiederholten „Nie wieder Gaza!“-Rufe. Ebenfalls anwesend war die Berliner Gruppe Never Again Berlin, die öffentlich zur Entsolidarisierung mit der Roten Hilfe aufruft, da diese angeblich Antisemit:innen schützen würde.

Abseits der eigenen Kundgebung versuchten pro-zioinistische Kräfte unsere Demo immer wieder zu provozieren. Sie liefen eng an der Demo vorbei, geschmückt mit Israel und IDF-Fahnen, riefen Parolen wie „Nie wieder Gaza!“ oder „Netanyahu ist ein Antifaschist!“, gestikulierten aggressiv und feuerten die Polizei bei jedem Angriff auf die Demo regelrecht an. Immer wieder lief das Grüppchen direkt neben Einsatzkräften, lachte über Festnahmen und spottete über die Solidarität der Demonstrant:innen. Es sind die Videoaufnahmen von diesen Leuten, die an der Seite stehen und „Ihr habt den Krieg verloren in Gaza“, die den reaktionären Charakter der Position ohne viele Worte zusammenfassen.

Entgegen der Behauptungen antideutscher Gruppen im Vorfeld gab es keine Versuche der Teilnahme durch die faschistischen Freien Sachsen. Laut Polizei hatten diese zwar eine eigene Kundgebung angemeldet, diese fand jedoch nicht statt, da niemand auftauchte. Damit bestätigte sich, was viele im PAL bereits zuvor gesagt hatten: Die Bezugnahme auf die Demo durch die Freien Sachsen diente lediglich als Provokation, um einen angeblichen innerlinken Grabenkampf zu befeuern. Das Bündnis hatte sich dennoch auf den Fall vorbereitet, dass Nazis auftauchen würden. Es gab eine Sicherheitsstruktur, die Nazis notfalls mit allen nötigen Mitteln von der Demo entfernt hätte.

Abschließende Schlussfolgerungen

Wie bereits in der Einleitung geschrieben: Die Demonstration für uns war ein voller Erfolg! Das Bündnis hat es geschafft bundesweit die Aufmerksamkeit in der (radikalen) Linken auf die Zustände in Connewitz zu lenken. Sicher war vielen das Ausmaß der Zustände bisher nicht bewusst. Connewitz ist zwar für seine Antideutsche Szene bekannt, aber in der Wahrnehmung vieler ist der Stadtteil letztlich doch irgendwie eine krasse linke Hochburg. Mit der Öffentlichkeit um die Demo konnten wir die Antideutschen innerhalb der Linken aus der Deckung holen und unter Druck setzen.

Dabei ist es auch als Erfolg zu werten, dass sich Teile der Linkspartei nun rechtfertigen müssen. Während diese vorab versuchten hatten, es so zu drehen, dass die Demo ein persönlicher Angriff gegen sie wären (wie beispielsweise Jule Nagel es versuchte darzustellen), müssen die ihr Verhältnis zu dem Mob, der „Nie wieder Gaza!“ brüllt, rechtfertigen. Dabei ist klar:

Die Funktionär:innen in Sachsen und die Parteispitze mögen sich hinter Juliane Nagel versammelt haben, an der Basis aber ist der Unmut über sie gewachsen und ihre Rolle in Connewitz in den Fokus gerückt. Im Zuge der Mobilisierung zur Demo sind palästinasolidarische Kräfte weiter zusammengerückt, haben sich vernetzt und dazu entscheiden den Konflikt offensiver als bisher in der Partei auszutragen.

Und auch wenn Tagesschau & Co, die Zahlen ordentlich runtergedreht haben, eins ist klar: wir konnten mit einem großen linken Bündnis mehr Menschen auf die Straße bringen als die Antideutschen gemeinsam mit diversen bürgerlichen Parteien und unterstützt von der bürgerlichen Presse inklusive Springer. Damit die Antideutschen überhaupt um die 1.000 Personen mobilisieren konnten mussten sie nicht nur ideologisch, sondern auch praktisch ganz offen den Schulterschluss mit den staatstragenden Kräften eingehen. Das hat erneut deutlich gezeigt, auf welcher Seite die angeblichen „Antideutschen“ eigentlich stehen.

Die Szene alleine und hätte wohl nur ein paar Hundert Personen auf die Straße gebracht. Sie ist personell stark geschwächt. Dennoch ist sie weiterhin gefährlich – und der Kampf um Connewitz noch nicht vorbei. Auch wenn Antideutsche nur eine kleine Minderheit im Stadtteil ausmachen, so üben sie nach wie vor eine politische Hegemonie aus und haben noch immer eine gewisse Verankerung im Stadtteil. Das hat sich auch auf der Gegenkundgebung gezeigt oder durch die öffentliche Unterstützung durch Cafes und Bars. Viele haben mit ihrer Hegemonie kein Problem. Aber sie wird zunehmend in Frage gestellt. Die Antideutschen in Connewitz werden nicht alleine plötzlich verschwinden. Wir müssen sie weiterhin entschlossen bekämpfen und uns gegenseitig so gut es geht vor Repression schützen. Das PAL geht gestärkt aus dem 17. Januar hervor und wird seine erfolgreiche Bündnispolitik und seine Kampagnen sicher auch im weiteren Verlauf des Jahres 2026 fortsetzen.

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