Arbeiter:innenmacht

Wir sind nicht alle – es fehlen die Gefallenen: die AIDS-Krise in der BRD der 80er Jahre

Yorick F. (Gruppe Arbeiter:innenmacht, Deutschland), Fight! Revolutionärer Frauenzeitung 14, März 2026

„Es war, als hätte sich ein Loch aufgetan – plötzlich war die Hälfte der Menschen, die man kannte, weg.“ So beschreibt ein Überlebender der AIDS-Krise aus Berlin die 1980er Jahre. Seine Erfahrung steht für viele: Zwischen 1983 und 2001 forderte AIDS in Deutschland rund 25.000 Todesopfer, vor allem in der queeren, insbesondere der schwulen Szene. Die Folgen dieses Massensterbens und der gesellschaftlichen Entmenschlichung prägen die schwule und queere Bewegung bis heute.

Doch AIDS war mehr als eine medizinische Katastrophe. Die Krise fiel in eine Phase reaktionärer Offensive in der BRD, begleitet von massiver Hetze gegen Schwule, Migrant:innen, Sexarbeiter:innen, Drogenabhängige sowie Angriffen auf erkämpfte Rechte Was sagt dieser Umgang über Staat und Gesellschaft aus? Wie prägt die AIDS-Krise die Bewegung bis heute? Und welche Lehren als Sozialist:innen müssen wir daraus heute ziehen? Diese Fragen wollen wir im Folgenden diskutieren. Doch zuerst eine Einordnung des Geschehens – gegen das Vergessen.

Verlauf der AIDS-Krise

1981 werden fünf junge Männer in Los Angeles in ein Krankenhaus eingeliefert, alle mit fatalen Symptomen: Ihr Immunsystem scheint nahezu zusammengebrochen. Es sind fünf der ersten bekannten AIDS-Todesfälle weltweit. Die Krankheit breitet sich rasant vor allem in der schwulen Szene der USA aus und wird zunächst offiziell als GRID – „Gay Related Immune Deficiency“ – bezeichnet. Teilweise ging man tatsächlich davon aus, dass sich ausschließlich schwule Männer infizieren können. 1982 erreicht die Krankheit mit dem ersten bekannten AIDS-Patienten in Frankfurt die BRD. 1983 wird das HI-Virus als Auslöser von AIDS erkannt.

Diese Abfolge zeigt, dass AIDS von Beginn an in der bürgerlichen Öffentlichkeit als „Krankheit der anderen“ wahrgenommen wurde. Gleichzeitig existierte in den 1980er Jahren lange keine wirksame Behandlung. Die durchschnittliche Überlebenszeit nach Ausbruch lag bei etwa eineinhalb Jahren; eine HIV-Infektion wurde – meist leider zu Recht – als Todesurteil angesehen.

Dies ging einher mit massiver Hetze in Politik und Presse, auf die wir weiter unten noch eingehen. Ein Beispiel für die breite gesellschaftliche Wirkung: Mitte der 1980er Jahre sprach sich in Umfragen rund ein Drittel der westdeutschen Bevölkerung für eine Isolierung homosexueller Männer aus.

Während sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Kranken richtete, wurde die Krankheit selbst in der medizinischen Forschung lange vernachlässigt. Das Gesundheitssystem der BRD erwies sich als unfähig und unwillig, die nötige Aufmerksamkeit zur Erforschung und Bekämpfung zu geben. Zum einen lag dies an der desolaten Unterfinanzierung der Gesundheitseinrichtungen unter der Kohl-Regierung. Im Zuge der sogenannten „geistig-moralischen Wende“ kam es zu einem massiven Abbau von Gesundheits- und Sozialleistungen, wodurch das System nicht adäquat reagieren konnte.

Zum anderen verlangsamten Patente – etwa auf Medikamente, die den Ausbruch von AIDS bei HIV-Positiven verzögern oder verhindern konnten – den Fortschritt in Forschung und Behandlung erheblich. Erst 1986 wurden erste medikamentöse Ansätze entwickelt, die jedoch stark überdosiert und langfristig kaum wirksam waren. Mit der Einführung der Kombinationstherapie ab 1996 wurde ein dauerhaftes Leben mit HIV möglich.

Gerade deswegen ist es wichtig, die scheinbar rein „medizinische“ Krise des HI-Virus als Ausdruck der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und des Klassenkampfs der 1980er Jahre zu begreifen – einer Phase der neoliberalen Offensive der herrschenden Klasse.

Von bürgerlicher Hetze …

Das Krankheitsbild von AIDS war dabei häufig unter anderem durch Tumore und auffällige Hautveränderungen sichtbar – und wurde von Beginn an von der bürgerlichen Presse massiv ausgeschlachtet. Insbesondere Der Spiegel spielte eine zentrale Rolle in der öffentlichen Hetze, explizit vor allem gegen schwule Männer. Titel wie „Lustseuche“, „Schwulenseuche“ oder „Schwulenkrebs“ griffen direkt die erste offizielle Bezeichnung für AIDS auf und waren Ausdruck eines ideologischen Rollbacks gegen schwule und queere Menschen.

Der heutige CSU-Ehrenvorsitzende Horst Seehofer forderte, AIDS-Kranke bei Bedarf in „speziellen Heimen zu konzentrieren“, und Hans Zehetmair, ebenfalls CSU-Politiker, bezeichnete Homosexualität öffentlich als einen gesellschaftlichen Rand der „Entartung“, den es „auszudünnen“ gelte: „Es geht darum, dass man klarmachen muss, dass dies contra naturam ist […] naturwidrig und im Grunde in ein krankhaftes Verhalten hineingeht.“

Die öffentliche Hetze der bürgerlichen Presse sowie reaktionärer Politiker:innen führte zu massiven Ressentiments gegen AIDS-Kranke und gegen Personen, die den sogenannten „Risikogruppen“ zugerechnet wurden – insbesondere schwule Männer, Sexarbeiter:innen und Menschen, die intravenös Drogen konsumierten. Dies hatte vor allem eine massive soziale Isolierung schwuler Männer zur Folge. Überlebende berichten, dass sie von ihren Familien verstoßen wurden, ihre Arbeitsstellen oder Wohnungen verloren und dass Krankenhäuser in einzelnen Fällen die Behandlung von AIDS-Kranken verweigerten.

… und rechtliche Konsequenzen sowie staatliche Repression

Doch es blieb nicht nur bei der Hetze, es folgte auch repressive Politik, wie durch Peter Gauweiler, Sohn eines ranghohen NSDAP-Funktionärs, späterer bayerischer Minister und selbst ernannter „Ehrenfreund“ Tel Avivs. In einer Talkshow äußerte er etwa: „Sollen wir weiter ganz bestimmte Saunaklubs durchführen lassen, in denen massenhaft Analverkehr betrieben wird?“ und setzte diese Haltung auch politisch um. 1987 stellte Gauweiler einen sogenannten „Maßnahmenkatalog“ auf Grundlage des Seuchenschutzgesetzes vor. Dieser umfasste Zwangs-HIV-Tests für sogenannte Risikogruppen – „notfalls mit Hilfe der Polizei“ –, eine namentliche Meldepflicht für HIV-Infizierte sowie gerichtlich angeordnete „Absonderungen“, de facto die Internierung von AIDS-Kranken in speziellen Einrichtungen. Dies wurde kurz darauf in Bayern umgesetzt.

Erste Zielscheiben staatlicher Repressionen waren dabei vor allem Migrant:innen und People of Colour. Ein besonders prominenter Fall war der von Lintwood B., einem 47-jährigen schwarzen Koch. Ihm wurde schwere Körperverletzung vorgeworfen, weil er als HIV-positiver schwuler Mann sexuell aktiv gewesen war. Obwohl er nachweislich Kondome verwendete und niemanden mit HIV infizierte, wurde er wegen angeblich „wissentlicher Ansteckung“ zu zwei Jahren Haft verurteilt. Dieser Fall gilt als Präzedenzfall für die strafrechtliche Verfolgung der sogenannten wissentlichen HIV-Übertragung und wurde zu einer zentralen Triebfeder des repressiven Umgangs mit HIV in der BRD. Lintwood B. war dabei lediglich der bekannteste, keineswegs jedoch der einzige Fall, in dem Migrant:innen und PoC Ziel solcher Repressionen wurden. Diese rassistischen Maßnahmen fungierten sowohl als Spaltungsinstrument als auch als Türöffner für später verallgemeinerte Repressionen.

Rollback auf mehreren Ebenen: Rassismus, Kürzungen, Queerfeindlichkeit

Die AIDS-Krise, global wie in der BRD, hatte zwei untrennbar verbundene Dimensionen: zum einen die ökonomische Seite – eine unterfinanzierte Forschung und Bekämpfung des HI-Virus, zusätzlich gebremst durch Patente; zum anderen die politische Seite – Angriff, Repression und autoritäre Maßnahmen. Schnell zeigte sich, dass AIDS nicht nur konkret Mitglieder der Szene und politische Aktivist:innen tötete, sondern auch als Legitimation und Anlass für massive gesellschaftliche und politische Rollbacks diente – nicht nur gegen queere Menschen, sondern weit darüber hinaus.

Die Aushöhlung des Asylrechts unter Kohl, etwa im sogenannten „Asylkompromiss“ von 1993, wurde bereits in den 1980er Jahren im Kontext der AIDS-Krise vorbereitet. Repressionen wie im Fall Lintwood B., die vor allem People of Colour trafen, dienten als Testlauf. Maßnahmen wie die Ausweisung HIV-positiver Migrant:innen, zunächst im Rahmen der AIDS-Politik erprobt, wurden später im „Asylkompromiss“ aufgegriffen, verallgemeinert und rechtlich verankert.

Warum gab es dieses Rollback?

Reagan in den USA, Thatcher in Großbritannien, Kohl in Deutschland: Vor dem Hintergrund eines weltweit stagnierenden Kapitalismus versuchte die deutsche Bourgeoisie, gesellschaftliche Positionen zurückzuerobern, die sie in den Kämpfen der späten 1960er und 1970er Jahre teilweise verloren hatte. Die Wirtschaft der BRD schwächelte und befand sich im Gegensatz zu den vorhergehenden Jahrzehnten in einer Phase der Stagnation.

Der Rückbau der Sozialpolitik unter der Kohl-Regierung – der später den Boden für die Hartzreformen und den Ausbau des Niedriglohnsektors bereitete – fungierte als zentrales „Konjunkturprogramm“ unter wachsendem Konkurrenzdruck, insbesondere durch die zunehmend hegemonial werdenden USA. Die 1980er Jahre waren insgesamt eine Periode politischer Reaktion und – trotz zahlreicher Abwehrkämpfe – schwerer Niederlagen der Arbeiter:innenklasse.

Doch was hat das mit der Hetze gegen Queers zu tun? In stagnativen Phasen wird oft an Reproduktionskosten gespart. Im Kapitalismus werden sie wieder in die bürgerliche Familie verlagert – und damit fällt dies besonders auf gesellschaftliche Gruppen zurück, die als „abweichend“ stigmatisiert werden.

Ein zentrales Mittel der Bourgeoisie war daher die Repression gegen Homosexuelle, inszeniert als „moral panic“ und Kulturkampf, eingebettet in einen rabiaten Klassenkampf von oben (wenn auch mit weniger durchschlagendem Erfolg als in Großbritannien). Die Repression gegen Queers und die Verschärfung der Asylpolitik waren dabei zentrale Instrumente zur Durchsetzung dieser Strategie.

Schwule Realitäten …

§ 175 des Strafgesetzbuches, der Homosexualität kriminalisierte, wurde 1968 noch nicht abgeschafft – erst 1994 –, war aber durch die Kämpfe der 68er-Bewegung deutlich entschärft. In diesem relativen Freiraum entstand eine lebendige, vor allem schwul-lesbische Szene. Die Fragen von Geschlecht spielten – anders als heute – eine eher ungeordnete Rolle. Im Vordergrund stand generell der Kampf um persönliche Freiräume und gesellschaftliche Akzeptanz.

Dieser fragile Status wurde durch die AIDS-Krise nahezu vollständig zerstört. Existenzielle Bedrohung, Stigmatisierung und Tod rückten erneut in den Alltag. Ein schwuler Aktivist aus West-Berlin beschrieb die Situation rückblickend so: „Ich war irgendwann auf mehr Beerdigungen als auf Geburtstagen. Manchmal drei, vier in einer Woche. Du hast aufgehört zu zählen.“ Ein anderer Überlebender sagte: „Man ist morgens aufgewacht und hat als Erstes überlegt, wer als Nächster fehlt.“

Doch neben dem Tod war auch die Isolation ein prägendes Moment: „Nicht die Krankheit war das Schlimmste“, sagte ein Freund eines Verstorbenen, „sondern zu merken, dass es niemanden interessiert.“ Gleichzeitig entstanden intensive Solidaritätsstrukturen, in denen gegenseitige Unterstützung und kollektives Überleben zentrale Rollen spielten.

… und queere Antworten

So gründete sich 1983 die Deutsche Aidshilfe (DAH). Ehrenamtliche AIDS-Hilfen waren in dieser Situation, in welcher der bürgerliche Staat es nicht fertigbrachte (und dies wollte), für Behandlung und Forschung zu sorgen, eine notwendige Selbsterhaltungsmaßnahme. Aus ihnen entwickelte sich dabei auch ein Großteil der Schulterschlüsse mit gewerkschaftlichen und radikalen linken Kräften in der AIDS-Frage. Neben Forderungen nach Forschung, medizinischer Vorsorge wurde gegen die Kriminalisierung der HIV-Infizierten gekämpft, was 1987 in einer Großdemonstration gegen Gauweilers Maßnahmenkatalog und seinen Verbündeten, Kronawitter, den SPD-Oberbürgermeister von München, gipfelte.

Bundesweit existierten zwar vereinzelt Bündnisse, etwa das „Hessische Netzwerk gegen AIDS-Zwangsmaßnahmen“, das sich aus Teilen der AIDS-Hilfe, Gewerkschafter:innen, Migrant:innen sowie der Sexarbeiter:innenselbstorganisation HWG („Huren wehren sich gemeinsam“) zusammensetzte. In Hessen organisierte dieses Netzwerk mehrere Demonstrationen gegen AIDS-Zwangsmaßnahmen, die teilweise auch gewerkschaftliche Unterstützung erfuhren. Solche Ansätze blieben jedoch Ausnahmen. In Österreich spielte die HOSI (Homosexuelle Initiative) eine wichtige Rolle, den Kampf gegen AIDS voranzutreiben.

In Deutschland wurde groteskerweise ausgerechnet die CDU-Politikerin Rita Süssmuth zu einer zentralen öffentlichen Figur im Kampf gegen AIDS-Zwangsmaßnahmen. Als Bundesgesundheitsministerin positionierte sie sich offen gegen Peter Gauweiler und andere Hardliner ihrer Partei. Slogans wie „Bekämpft die Krankheit, nicht die Kranken“ oder „Gib AIDS keine Chance“ machten sie bis heute zu einer wichtigen Bezugsperson für die AIDS-Hilfe-Vereine.

Dass ausgerechnet eine CDU-Politikerin diese Rolle einnahm, ist weniger Ausdruck besonderer Progressivität, sondern spiegelt auch die politische Schwäche der Schwulenbewegung wider. Neben linken Gruppierungen und Projekten, deren Gründung selbst von den deutschen oder österreichischen Behörden bekämpft wurde, entwickelte sich auch ein bürgerlich-liberaler und sozialreformerischer Flügel der Bewegung. Dieser suchte von Beginn an die Kooperation mit „fortschrittlichen“ bürgerlichen Politiker:innen und setzte auf Lobbyismus. Dies entsprach der sozialen Lage der Schwulen aus den Mittelschichten einerseits wie auch der Agenda der „aufgeklärten“ Teile des bürgerlichen Spektrums.

Ein Teil des Problems für die Illusionen in dem „demokratischen“ Flügel der CDU, aber auch in der Sozialdemokratie, bei den Grünen und den Liberalen muss man aber auch im Versagen großer Teile der Linken suchen.

Und die radikale Linke?

Es muss klar gesagt werden: Ein Großteil linker Gruppen hat sich zu AIDS spät oder kaum verhalten. In der Regel gingen die Positionen nicht über die Reformforderungen linker Bürgerlicher hinaus, teilweise fielen sie sogar dahinter zurück. Im Extremfall wurden sogar rückschrittliche Positionen vertreten. Einige wenige Ausnahmen kamen aus der queeren Bewegung selbst, wie u. a. die Rote Zelle Schwul aus Berlin und die Gruppe Act UP (AIDS Coalition to Unleash Power), welche sich v. a. auf Kreativaktionen und zivilen Ungehorsam fokussierten.

Dies war keineswegs ein bundesdeutsches oder österreichisches Sonderproblem. Die stalinistischen Staaten wie Kuba, die VR China und die Sowjetunion erklärten AIDS (und oft auch Homosexualität) zu einem Ausdruck kapitalistischer Dekadenz. Einmal als „westliche Seuche“ bestimmt, waren die HIV-positiven Menschen selbst „westlicher Dekadenz“ und des moralischen Verfalls verdächtig und wurden dementsprechend bekämpft. Kuba setzte z. B. die Zwangstätowierungen von Infizierten und die Absonderung Erkrankter in Lagern durch. Ähnlich verhielten sich auch die vielen nationalistischen, „antiimperialistischen“ und islamistischen Regime in den halbkolonialen Ländern, die AIDS und auch Homosexualität als „westliche“ Dekadenzerscheinungen brandmarkten.

Vor allem die DKP, die größte Organisation links von der SPD, hatte zu Recht wenig Glaubwürdigkeit. In den ersten Jahren der Pandemie war das Thema in ihren Publikationen kaum präsent, später sprang sie auf den Zug der Proteste gegen Gauweiler und Co. auf. So griff sie die Losung „Bekämpft AIDS – nicht Menschen mit AIDS!“ zwar in Deutschland auf, zu Osteuropa oder Kuba schwieg man aber (bestenfalls).

Kurzum: Man war nicht in der Lage, sich der AIDS-Krise konsequent anzunehmen und sie mit einem umfassenden Kampf gegen die eng mit ihr verknüpften Interessen und Strategien des deutschen Imperialismus zu verbinden. Das Schweigen zur Politik der stalinistischen Staaten oder nationalistischer Regime in den Halbkolonien diskreditierte sie zusätzlich und zu Recht. Das war Resultat ihrer eigenen Zersplitterung, aber auch methodischer Unklarheit.

Viele der aus der 68er-Bewegung hervorgegangenen sogenannten K-Gruppen aus dem maoistischen Spektrum befanden sich im Niedergang. Ihre Auseinandersetzung mit der bestehenden Anti-AIDS-Bewegung beschränkte sich weitgehend auf die – grundsätzlich notwendige – Ablehnung integrationistischer Politik. Hinzu kam, dass in vielen stalinistischen Organisationen, teilweise offiziell, fast immer in ihrem Organisationsleben in den 1980ern reaktionäre Positionen zur Homosexualität weit verbreitet waren.

Eine partielle Ausnahme bildete der Kommunistische Bund. Innerhalb dieser Organisation – deren Zeitung „Arbeiterkampf“ später zur bis heute erscheinenden „ak – analyse & kritik“ wurde – organisierten sich insbesondere lesbische und schwule Aktivist:innen in der AG Sexualität. Sie führten konkrete Kämpfe um sozialistische Positionen zur Frage sexueller Unterdrückung und veröffentlichten mehrere Texte zur AIDS-Krise. Die Genoss:innen des AK waren auch wie Teile des autonomen Spektrums in der Bewegung aktiv und mobilisierten auf der Straße – aber AK entwickelte keine marxistische Programmatik, die in die Bewegung getragen wurde, sondern übernahm vielmehr die teilweise radikale kleinbürgerliche Programmatik, die am linken Flügel der Bewegung vorherrschte.

Trotzkistisches Spektrum

Konkrete Positionierungen trotzkistischer Gruppen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz zur AIDS-Krise lassen sich nur schwer finden, teilweise, weil die Texte nicht digitalisiert wurden, teilweise, weil es nicht so viel dazu gab. Grundsätzlich können wir aber feststellen, dass sich die größeren Gruppierungen in Deutschland wie auch international sehr unterschiedlich verhielten. Dies hängt eng mit der Haltung verschiedener Strömungen zur Frauenbefreiung und zur Befreiung von Schwulen und Lesben zusammen. Als Negativbeispiel verweisen wir hier auf die Position des CWI aus den 70er Jahren.

So erklärten Mitglieder des CWI (Committee for a Workers’ International, eine Abspaltung vom Vereinigten Sekretariat der IV. Internationale) bereits 1976 in einer Broschüre:
„Seriöse Sozialist:innen erkennen, dass die ‚Schwulenbefreiung‘ nicht die geringste Grundlage für einen unabhängigen Beitrag zur Arbeiter:innenbewegung bieten kann. Die verschiedenen exotischen Theorien und emotionalen Argumente, die manchmal als Beweis für das Gegenteil vorgebracht werden, sind nur Symptome der völligen Verwirrung und Perspektivlosigkeit, die immer noch in der studentischen Politik vorherrschen.“

Noch weit schlechter war die Position von Lutte Ouvrière, einer ökonomistischen Strömung in Frankreich, die noch bis Ende der 1980er Jahre homosexuelle Genossen wegen Homosexualität aus der eigenen Organisation ausschloss.

Diese Anpassungen an reaktionäre Einstellungen in der Arbeiter:innenklasse gegenüber sozial Unterdrückten waren und sind typisch für viele ökonomische Strömungen, die den gewerkschaftlichen und betrieblichen Kampf als den „eigentlichen“ Klassenkampf und den Kampf gegen Homophobie, Sexismus und Angriffe auf demokratische Rechte als Nebenschauplatz betrachten.

Diese Positionen teilte jedoch ein großer Teil der trotzkistischen Gruppierungen in Deutschland nicht (mehr). Im Gegenteil, viele hatten sich der zweiten Welle der Frauenbewegung, dem Feminismus und auch der Schwulen- und Lesbenbewegung zugewandt und arbeiteten auch in diesen, wenn auch oft, ohne eine revolutionäre Programmatik in diese hineinzutragen. In allen deutschsprachigen Ländern waren in den 1980er Jahren die Gruppierungen des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale die größten trotzkistischen Strömungen: die Gruppe Revolutionäre Marxisten (GRM, später SOAL) in Österreich, die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP; in der französischen Schweiz unter dem Namen Ligue Marxiste Révolutionnaire) und die Gruppe Internationaler Marxisten (GIM; die Ende der 1980er Jahre mit der ex-maoistischen KPD zur VSP fusionierte) in Deutschland.

Die Genoss:innen der GRM, der GIM und der SAP waren aktiv in der feministischen Bewegung und auch in der Schwulen- und Lesbenbewegung. In Österreich war beispielsweise Gudrun Hauer, damals Mitglied der GRM, die erste Frau im Vorstand der HOSI Wien und jahrelang führende Vertreterin der Schwulen- und Lesbenbewegung. In Deutschland beteiligten sich Genossinnen der GIM aktiv an der feministischen Bewegung und an Initiativen gegen die Repression von HIV-Infizierten.

Die verschiedenen Spaltprodukte der Vierten Internationale verhielten sich insgesamt extrem unterschiedlich. Die wichtigsten Organisationen nahmen ähnlich dem KB eine aktive Haltung ein, aber sie erwiesen sich als unfähig, die trotzkistische Methode auf die drängenden Fragen sozialer Unterdrückung anzuwenden oder weiterzuentwickeln. Sie passten sich vielmehr dem vorherrschenden Bewusstsein der Bewegung an. Aber ihre Mitglieder und die Organisationen agierten nicht als einheitliche, revolutionäre Strömung auf Basis einer marxistischen Analyse, Theorie und Programmatik, sondern als mehr oder weniger unkritische Teile des linken Flügels einer Bewegung, die vom kleinbürgerlichen Radikalismus und Reformismus geprägt war.

Auswirkungen auf die queere Bewegung

Auch wenn die Hochzeit der AIDS-Krise in Mitteleuropa um die 40 Jahre zurückliegt, so prägt sie die queere Bewegung bis heute auf mehreren Ebenen. Der massive Verlust von Menschenleben hat nicht nur viele aus dem Leben gerissen. Eine ganze Generation ist betroffen, die heute in ihren 70ern/80ern wäre – und das wirkt sich auch auf das kollektive Gedächtnis der Community aus – genauso wie das Trauma und die gesellschaftliche Stigmatisierung. Viele Überlebende berichten von Isolation, Verlust der sozialen Netzwerke und Ausgrenzung aus Familien und Jobs. Die AIDS-Krise bedeutete deshalb nicht nur massenhaften Tod, sondern auch das Gefühl, austauschbar zu sein. Und genau dieses Wissen – dass man sterben kann, ohne dass es jemanden kümmert – prägt die queere Bewegung bis heute.

Die vorherrschenden Ideologien in der Bewegung und die Unfähigkeit der „radikalen Linken“, der Mangel an Solidarität sind also Gründe gewesen,  warum die Einhegung der schwul-lesbischen Bewegung so erfolgreich war. Regenbogenkapitalismus ist ein attraktiverer Partner – und teilweise auch logische Schlussfolgerung bei organisierten Selbsthilfeprojekten, die überleben wollen. Vor allem aber entspricht er auch der Klassenlage der Schwulen und Lesben aus der Bourgeoisie, dem Kleinbürger:innentum und lohnabhängigen Mittelschichten, die die Bewegung in den 80er Jahren stärker denn je prägten.

Lehren aus der AIDS-Krise

1. Die „AIDS-Krise“ war nicht nur ein medizinischer Ausnahmezustand, sondern eine unterlassene Hilfeleistung. Diese war Ausdruck der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und des Klassenkampfs der 1980er.

Angriffe auf Queers, Migrant:innen und HIV-Positive dienten als Hebel für breitere Rollbacks von Rechten und als Bestandteil eines Klassenkampfs von oben in einer Phase kapitalistischer Stagnation. So wurde die AIDS-Krise von Staat und Bourgeoisie genutzt, um unter dem Vorwand von „Gesundheitsschutz“ autoritäre Maßnahmen, Repression und soziale Spaltung durchzusetzen.

2. Selbsthilfe rettete Leben, Institutionalisierung entpolitisierte den Kampf.

Die AIDS-Hilfen waren eine lebensnotwendige Form von Selbstorganisation und kollektiver Fürsorge angesichts staatlichen Versagens. Ihre zunehmende Institutionalisierung und Einbindung in staatliche Strukturen entschärften jedoch politische Konflikte, individualisierten Unterdrückung und drängten den Kampf gegen Repression und Sparpolitik zurück. Ohne bewusste politische Verankerung drohte Selbsthilfe, vom Mittel des Überlebens zum Instrument der Befriedung zu werden.

Die zentrale Frage der 1980er Jahre war daher nicht, ob staatliche Finanzierung gefordert werden sollte, sondern in welchem politischen Kontext, mit welchem Programm und unter wessen Kontrolle. Selbstorganisation und staatliche Investitionen sind für sich genommen nicht revolutionär; in der konkreten Situation der AIDS-Krise waren sie jedoch untrennbar mit dem Kampf gegen Repression und Kürzungspolitik verbunden. Als Teil eines revolutionären Programms hätten sie eine Schlüsselrolle im Kampf um politische Führung innerhalb der Bewegung spielen können.

3. Ohne den Kampf gegen soziale Unterdrückung gibt es keinen wirksamen Klassenkampf – damals wie heute.

Rückblickend wiegt vor allem die unzureichende Auseinandersetzung mit Homophobie, queerfeindlichen und rassistischen Positionen innerhalb der Linken schwer. Neben offen queerfeindlichen Haltungen waren auch rassistische Praktiken verbreitet; selbst im autonomen Spektrum wurde etwa die zunehmende Verwendung des N-Wortes kritisiert. Migrant:innen, People of Colour und Queers organisierten sich deshalb teilweise außerhalb bestehender linker Strukturen, teilweise waren unter migrantischen Organisationen auch problematische stalinistische und pseudo-antiimperialistische Positionen verbreitet. Notwendig gewesen wäre ein bewusster Schulterschluss von Revolutionär:innen und eine aktive Intervention in diese Kämpfe.

Daraus ergibt sich eine doppelte Aufgabe: Selbstorganisation solidarisch zu unterstützen – und zugleich deutlich zu machen, dass sie allein nicht ausreicht. Es braucht nicht nur die Bekämpfung der Symptome sozialer Unterdrückung und eines unterfinanzierten Gesundheitssystems, sondern den Kampf gegen deren Ursachen. Dass diese Verbindung in den 1980er Jahren zu selten hergestellt wurde, war eine der zentralen Schwächen der revolutionären Linken.

Was braucht es heute?

In der BRD und in den meisten imperialistischen Zentren spielt AIDS heute eine untergeordnete Rolle. Dank Kombinationstherapie ist ein weitgehend beschwerdefreies Leben mit HIV möglich, und Medikamente, wie in der Präexpositionsprophylaxe (PrEP, Infektionsvermeidung) verhindern Ansteckungen. Sie sind jedoch teuer und nicht ausreichend verbreitet. In ärmeren Ländern wie Botswana bleibt AIDS ein großes Problem: 2016 waren rund 22 % der 15- bis 49-Jährigen HIV-positiv, auch wenn die Infektionszahlen aktuell deutlich zurückgehen. Doch klar ist, dass die Situation sich auch wieder verschlechtern kann – und dann vor allem wieder Schwule und Queers trifft. Die AIDS-Krise darf daher nicht als singuläre Episode der Geschichte verstanden werden – sie ist ein Ergebnis neoliberaler Offensive gewesen, bei der es schlichtweg kein Interesse seitens der Herrschenden gab, Forschung und Versorgung zu finanzieren.

Doch es ist unsere Aufgabe, die Frage aufzuwerfen, wer die Kontrolle dazu hat und bestimmt, wofür geforscht wird. Dies ist heute wichtiger denn je. Denn Figuren wie Kohl, Zehetmair, Seehofer oder Gauweiler mögen besonders widerwärtige Gesichter der Reaktion gewesen sein – ihr politisches Programm wird inhaltlich bis heute fortgeführt, etwa durch Friedrich Merz. Uns droht ein sozialer Kahlschlag, der die Gesundheitsversorgung trifft. Projekte wie die AIDS-Hilfe, der Kampf gegen Kürzungen, Aufrüstung und soziale Angriffe sind untrennbar mit dem Kampf gegen Unterdrückung, Asylrechtsabbau, Sexismus, Homophobie und Queerfeindlichkeit verbunden – und umgekehrt.

Für einen heutigen Kampf gegen AIDS braucht es:

  • Kostenlose, regelmäßige und flächendeckende STI-Tests (STI: sexuell übertragbare Infektionen) und Verhütungsmittel und kostenlose flächendeckende Beratungs- und Aufklärungsangebote – auf Kosten der Reichen!
  • Entkriminalisierung allen Drogenkonsums! Gegen Stigmatisierung und Kriminalisierung – für sicheren Konsum und Aufklärung!
  • Schulischer Aufklärungsunterricht über heteronormative Bilder hinaus! Für die demokratische Kontrolle über den Lehrplan durch Schüler:innen, Lehrer:innen und Vertreter:innen der Arbeiter:innenklasse – wir sollen entscheiden, was wir lernen! Für die Aufklärung über Verhütungsmittel wie PrEP im Schulunterricht!
  • Freigabe aller Patente auf Medikamente zur AIDS-Bekämpfung und -Prävention! Das restriktive Eigentum an diesen Patenten fordert aktiv das Leben von Menschen, welche sich die Medikamente nicht leisten können. Die Geheimhaltung von Forschungsergebnissen und Rezepturen zur Gewinnmaximierung verlangsamt den wissenschaftlichen Fortschritt in der möglichen vollständigen Heilung von HIV.
  • Entschädigungslose Enteignung der Pharmaindustrie und der Medizintechnik. Ausreichende Finanzierung von Forschung und Entwicklung in öffentlicher Hand und unter Arbeiter:innenkontrolle.
  • Programm für die kostenlose Versorgung aller Schichten der Weltbevölkerung mit Therapie und medizinischer Betreuung – gerade in den halbkolonialen Ländern.

Anhang: Was ist AIDS?

AIDS steht für „Acquired Immune Deficiency Syndrome“ (erworbenes Immunschwäche-Syndrom). Es wird durch das HI-Virus (HIV) ausgelöst bzw. ist dessen Endstadium in unbehandelter Form, in welcher das Virus wichtige Immunzellen zerstört, was in den meisten Fällen zu tödlichen Infektionen und Tumoren führt. HIV wird v. a. durch Körperflüssigkeiten übertragen, v. a. Blut, Sperma, Vaginal- und Analflüssigkeit. AIDS wurde das erste Mal 1981 in den USA nachgewiesen und erfasste rasant die gesamte Welt, insb. weil zu Beginn unfassbar wenig über das Virus und dessen Bekämpfung bekannt war.

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