Arbeiter:innenmacht

Inuit – ein indigenes Volk der Arktis unter doppeltem imperialistischem Druck

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Groenland1.JPG

Jette Kromann, Dänemark, Infomail 1302, 19. Januar 2026

Was ist das Hauptinteresse der USA an der Übernahme Grönlands?

Während Teile der Linken lange Zeit fälschlicherweise behauptet haben, dass das Hauptmotiv der USA für ihre Ansprüche auf Grönland die Kontrolle über die Rohstoffe des Landes sei, hängt dies damit zusammen, dass sie China (und/oder Russland) nicht als Imperialisten betrachten und daher nicht erkennen können, dass das Motiv des US-Imperialismus, Grönland zu besitzen, in erster Linie in der Rivalität mit dem imperialistischen China liegt. Nach dem brutalen Angriff der USA auf Venezuela und den Drohungen gegen mehrere Länder in Latein- und Mittelamerika, in denen China wirtschaftlich gut etabliert ist, hat Trump seine Doktrin offen erklärt: Die USA müssen die westliche Hemisphäre dominieren. Nicht als eine dauerhafte Aufteilung der Länder und Völker der Welt zwischen der imperialen Macht Chinas (und Russlands) und den USA, sondern als Sicherung einer günstigeren Position der USA in einem späteren möglichen Endkampf um die Weltherrschaft gegenüber China. Dies ist umso aktueller nach Trumps gescheitertem Versuch, Russland in den Verhandlungen mit diesem Land über die Ukraine von China wegzuziehen. Putin hat sich als unerschütterlich erwiesen.

Dass die USA aus geopolitischen Erwägungen Anspruch auf Grönland erheben, ist nichts Neues. Neu ist die verschärfte internationale Polarisierung zwischen den USA und China/Russland sowie die imperialistische, verinnerlichte Persönlichkeit des US-Präsidenten. Wie er selbst in einem kürzlich erschienenen Interview in der New York Times sagt: „Ich halte es für psychologisch notwendig, um erfolgreich zu sein. Eigentum gibt dir etwas, das du nicht bekommen kannst, wenn du über Miete oder einen Vertrag sprichst.“

Im Gegensatz zu Venezuela und mehreren anderen lateinamerikanischen Ländern, die derzeit ebenfalls mit einer drohenden Aggression seitens der USA konfrontiert sind, haben weder China noch Russland derzeit einen wirtschaftlichen Einfluss oder eine Präsenz in Grönland – ganz zu schweigen von einer militärischen Präsenz. Im Jahr 2019 drängten die USA die anderen Teilnehmer:innen des Arktischen Rates, chinesische und russische Interessen daran zu hindern, sich in Grönland zu etablieren. Seitdem hat sich China auf die russische Arktis konzentriert. Mit der Verwirklichung einer künftig zunehmenden nationalen Unabhängigkeit Grönlands würde sich diese Situation mit Sicherheit ändern. Diese mögliche Aussicht ist ein weiterer Grund für die Forderungen der USA. Und mit der Öffnung ehemals zugefrorener arktischer Gewässer und Küstengebiete durch die Klimakrise – das Eis des Nordpolarmeers schmilzt – werden weitere Transportwege erschlossen und mögliche Bergbaugebiete entlang der Küsten freigelegt.

Militärisch dominiert die USA das Land völlig uneingeschränkt und tut dies seit Beginn des Zweiten Weltkriegs ununterbrochen und ungehindert. Gleichzeitig hat sie die Anzahl ihrer Stützpunkte und Truppen zugunsten der militärischen Raketenüberwachung reduziert.

Militärische Übernahme?

Militärisch hat die USA also bereits die volle Kontrolle über Grönland. Eine tatsächliche militärische Besetzung würde die vollständige Übernahme des Staatsapparats des Landes bedeuten. Der kleine imperialistische dänische Staat ist militärisch gesehen eine kleine Tochtergesellschaft des US-Imperialismus. Heute hat Grönland formal Selbstverwaltung, wenn es um lokale Angelegenheiten geht. Grönland hat den Status einer dänischen Region/Gemeinde, mit einem völlig unzureichenden dänischen Finanzbeitrag und ohne eigene Außenpolitik und sonstige Staatsgewalt. Natürlich sind weder Dänemark noch Grönland in der Lage, einem militärischen Angriff der stärksten imperialistischen Macht der Welt in irgendeiner Weise Widerstand zu leisten.

Europäischer Imperialismus unter starkem Druck

Der imperialistischen Aggression der USA stehen die imperialistischen Mächte der EU und ihre Interessen gegenüber. Angesichts der fortdauernden imperialistischen Kolonialherrschaft Dänemarks über Grönland und der Zugehörigkeit Grönlands zur NATO wird die Forderung der USA, Grönland zu besitzen, zu einem direkten Angriff auf die imperialistischen Mächte Europas/die EU und ihre NATO-Mitgliedschaft. Die Beziehungen zwischen den USA und der EU innerhalb der NATO befinden sich aufgrund der Angriffe der USA bereits in einer tiefen Krise. Eine militärische Übernahme Grönlands durch die USA würde einen Bruch zwischen der EU und den USA in Bezug auf die NATO bedeuten. Wie ernst die europäischen imperialistischen Interessen bedroht sind, zeigt sich beispielsweise an den Angeboten Schwedens und Frankreichs, Truppen nach Grönland zu entsenden, und daran, dass Dänemark und die EU in der nächsten Zeit ihre Investitionen verdoppeln wollen. Die imperialistischen europäischen Staaten haben fieberhaft ihre Unterstützung für die dänische „Reichsgemeinschaft” (dänischer Kolonialismus) – und Grönland – bekundet. Aber sie stehen den USA machtlos gegenüber, da sie zwischen ihrer Abhängigkeit von den USA und ihren eigenen Interessen hin- und hergerissen sind. Die Frage ist, ob die USA endgültig die Beziehungen zwischen Europa und den USA in der NATO durch eine militärische Besetzung und Übernahme von Grönland riskieren werden. Die Frage ist, ob nicht eine wirtschaftliche Übernahme vorzuziehen wäre.

Eine wirtschaftliche Übernahme?

Eine wirtschaftliche Übernahme würde keinerlei Risiko für die NATO darstellen und könnte eine Mischung aus direkten wirtschaftlichen „Geschenken“ an Einzelpersonen und einer umfassenden US-amerikanischen Wirtschaft beinhalten. Und dies richtet sich an eine Inuit-Bevölkerung, die in einem begründeten Gegensatz zur anhaltenden kolonialen Arroganz Dänemarks steht und unter einer extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit leidet, wobei viele keine Ausbildung haben, sowie an eine Inuit-Bevölkerung, die unter weit verbreiteter allgemeiner Armut leidet. Das Land ist wirtschaftlich unterentwickelt und tief geprägt vom dänischen Kolonialismus, der die ursprünglich notwendige wirtschaftliche Akkumulation verhindert hat, die für die wirtschaftliche Entwicklung jedes Landes erforderlich ist. Derzeit wird in den USA ein mögliches sogenanntes COFA-Abkommen (Compact of Free Association) diskutiert – ein Assoziierungsabkommen mit einer bescheidenen finanziellen Unterstützung durch den US-Imperialismus – und formeller nationaler Selbstbestimmung – einer kulturellen Dominanz und massiven militärischen Vorherrschaft.

Laut Googles KI-Antwort ist COFA „… ein Vertrag zwischen den USA und drei unabhängigen Pazifikstaaten: Mikronesien (FSM), den Marshallinseln (RMI) und Palau (ROP), der den USA militärischen Zugang zu strategischen Gebieten sichert und den Bürger:innen dieser Inseln das Recht einräumt, in den USA zu leben, zu arbeiten und zu studieren, im Gegenzug für wirtschaftliche Unterstützung und die Verteidigung durch die USA. Diese Abkommen gewähren den USA exklusiven militärischen Zugang und ermöglichen den COFA-Bürger:innen den Zugang zu bestimmten amerikanischen Programmen und Arbeitsmöglichkeiten.“

Am 14. Januar 2026 fand ein Treffen auf Außenministerebene zwischen Dänemark, Grönland und den USA statt, das ohne Ergebnis blieb, aber mit der Vereinbarung, weitere Treffen abzuhalten. Vielleicht wird ein COFA-Abkommen oder etwas Ähnliches zum Thema?

Krise in den Beziehungen zur dänischen Kolonialmacht

Die Forderung der USA geht einher mit einem wachsenden Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung. Die Forderung der USA wurde mit den größten Protestdemonstrationen in der Geschichte Grönlands aufgenommen, und in einer kürzlich durchgeführten Umfrage haben über 80 % ihre Ablehnung zum Ausdruck gebracht (dänische Siedler:innen sind in der Umfrage berücksichtigt). Gleichzeitig verschärft sich die Krise in den Beziehungen zwischen Grönland und der sozialdemokratisch geführten Mehrheitsregierung in Dänemark. Hier nur zwei Beispiele für die Fortsetzung der alten kolonialen Übergriffe Dänemarks gegen die grönländische Inuit-Bevölkerung. Diese Beispiele haben nun erneut der grönländischen Bevölkerung – und nun auch der Öffentlichkeit in Dänemark – gezeigt, wie zerstörerisch die dänische Kolonialpolitik gewesen ist und wie wenig die dänische Kolonialmacht ihren kolonial-imperialistischen Klassencharakter grundlegend verändert hat.

Der erste Fall wurde vor vier bis fünf Jahren ans Licht gebracht. Die dänischen Behörden hatten ohne Zustimmung der Eltern Inuit-Kinder von dänischen Familien in Dänemark adoptieren lassen, wo ihnen ihre Sprache und der Kontakt zu ihren Inuit-Eltern genommen wurden Der Plan der kolonialen Herrscher:innen war, dass diese Kinder als Dän:innen erzogen werden und als Erwachsene eine zukünftige dänisch orientierte Elite in Grönland bilden sollten. Die wenigen dieser Kinder, die diese brutale Trennung von ihren Eltern, ihrer Sprache und ihrer Umgebung psychisch und physisch überlebten, mussten nun als 70- und 80-Jährige den dänischen Staat verklagen, um ihn zu zwingen, eine finanzielle Entschädigung und eine offizielle Entschuldigung zu leisten. Viele dieser Kinder begingen als Erwachsene Selbstmord oder wurden Alkoholiker:innen. Nur wenige erhielten nach einem Gerichtsverfahren endlich diese symbolische Entschädigung für ein zerstörtes Leben.

Das zweite Beispiel für gewalttätige Übergriffe ereignete sich über viele Jahre hinweg in den 1960er und 1970er Jahren. Der ehemalige Ministerpräsident Grönlands, Múte B. Egede, bezeichnet es als Völkermord. Ohne dass die jungen Schülerinnen – die teilweise erst 13 Jahre alt waren – wussten, was vor sich ging, wurden sie zum/r Arzt/Ärztin geschickt, um sich Spiralen einsetzen zu lassen, damit sie nicht schwanger werden konnten und es nicht zu einem – für die dänischen Kolonialherr:innen – unerwünschten Bevölkerungswachstum kam. Dies geschah unter der Aufsicht des dänischen Gesundheitswesens, das alle Fälle registrierte – 4.500 Mädchen und sehr junge Frauen. Viele erfuhren erst viele Jahre später, was ihnen widerfahren war. Viele waren jahrelang krank aufgrund der damals verwendeten primitiven Spiralen, die bei den jungen, zierlichen Mädchen und Frauen eingesetzt wurden. Oft wurden die Spiralen erst entdeckt, als sie als Erwachsene über Jahre hinweg nicht schwanger werden konnten und gründlich untersucht wurden. Chronische Krankheiten und Kinderlosigkeit waren für viele die Folge. Es ist symptomatisch für die anhaltende imperialistische Arroganz Dänemarks, dass es für die Frauen – 143 jetzt sehr alte Frauen – notwendig war, den dänischen Staat zu verklagen, um ihre Leiden anerkannt zu bekommen, eine finanzielle Entschädigung und eine offizielle Entschuldigung zu erhalten.

Es ist offensichtlich, welche Leiden diese Übergriffe für die einzelnen Menschen verursacht haben. Aber es geht auch um großes gesellschaftliches Leid, Trauer und Unterdrückung von Entfaltung und gesellschaftlichem Wachstum, wenn große Gruppen von Jugendlichen in recht kleinen Gemeinschaften auf diese Weise brutal entfernt und vom Staat sexuell missbraucht werden.

Aktuell hat das dänische Parlament erneut seine koloniale Arroganz demonstriert, indem es die Simultanübersetzung vom Grönländischen ins Dänische abgelehnt hat, als der grönländische politische Vertreter im dänischen Parlament Grönländisch sprechen wollte. Das bedeutet, dass eine große Mehrheit der Inuit-Bevölkerung, die kein Dänisch spricht oder versteht, nicht nachvollziehen kann, was ihr Vertreter im Folketing sagt. Das Argument im Parlament war wirtschaftlicher Natur – es würde einen (sehr bescheidenen) Betrag kosten, eine Simultanübersetzung sicherzustellen – und zutiefst peinlich arrogant: „Nun, wir wissen doch, dass der Betreffende Dänisch spricht.”

Das Recht und der Anspruch der Inuit auf nationale Selbstbestimmung

Als revolutionäre Sozialist:innen unterstützen wir das uneingeschränkte Recht des Inuit-Volkes auf nationale Selbstbestimmung, einschließlich eines vollständigen Bruchs mit der dänischen Kolonialmacht. Die letzten Landtagswahlen in Grönland im April 2025 bestätigten den massiven Wunsch der Bevölkerung nach mehr nationaler Selbstbestimmung mit einer fast einstimmigen Zustimmung zu dieser Forderung – schneller oder langsamer. Viele auf der linken Seite haben die großen natürlichen Reichtümer des Landes hervorgehoben. Ist das vielleicht ein Teil der Antwort auf die Frage nach einer wirtschaftlichen Grundlage für ein unabhängiges Grönland? Unter ganz bestimmten politischen Bedingungen könnte das sein.

Es gibt einige Besonderheiten hinsichtlich der Rohstoffvorkommen in Grönland. Der Untergrund des Landes gehört rechtlich gesehen den Inuit – der grönländischen Bevölkerung. Es gibt also kein Privateigentum an der Erde – an dem Land. Es gehört der Gemeinschaft. Unter größerer nationaler Unabhängigkeit gibt es somit zumindest formal alle Möglichkeiten, dass die Gewinnung dieser Reichtümer der Bevölkerung zugutekommen könnte. Sowohl die gesamte Bevölkerung als auch die lokale Bevölkerung, die unweigerlich in gewissem Maße unter den notwendigen Eingriffen in die Natur rund um eine Mine leiden würde. Die eventuellen Einheimischen – sofern es welche gibt – könnten angemessene Vorteile aus der notwendigen, neu geschaffenen Infrastruktur in Form von Häfen, Straßenbau, Stromversorgung, Flughäfen usw. ziehen. Die zweite Besonderheit des Bergbaus besteht darin, dass in Grönland eine politische Entscheidung getroffen wurde, den Bergbau nicht zuzulassen, wenn ein Nebenprodukt radioaktives Material ist, was tatsächlich bei einem Großteil der Rohstoffe der Fall ist. Diese Entscheidung wurde unter Berücksichtigung der irreversiblen Schäden an der Natur getroffen, die radioaktiver Abfall zwangsläufig verursachen wird. Dieses Verbot verdeutlicht die naturbewusste Haltung der Ureinwohner:innen, der Inuit, gegenüber der empfindlichen arktischen Natur und steht in vollem Einklang mit der revolutionären sozialistischen Perspektive zum Schutz der Umwelt und des Klimas.

Die meisten Inuit wollen und können nicht unter Tage im traditionellen Bergbau arbeiten, sondern möchten ihren freieren Beruf als Fischer:in und Jäger:in beibehalten. Daher besteht die Wahl entweder zwischen einem inakzeptablen Einsatz von Fly-in-Fly-out-Arbeitskräften oder dem Einsatz modernster Robotertechnologien mit entsprechenden Ausbildungsprogrammen für die Inuit als leitende Kraft in den hochtechnologischen Arbeitsprozessen. Wie hängt dies mit den politischen Bedingungen für eine fortschrittliche Nutzung der natürlichen Ressourcen im Einklang mit den Wünschen der ursprünglichen Inuit-Bevölkerung zusammen? Die Umsetzung einer solchen Politik im Interesse der Bevölkerung ist mit jeder Form imperialistischer Macht völlig unvereinbar – imperialistisch kontrollierter Bergbau durch die USA, Dänemark, China, Russland, Kanada (u. a.) würde in jedem Fall nur zum Diebstahl der Ressourcen und zur Zerstörung von Menschen und Natur führen. Eine fortschrittliche Entwicklung erfordert hingegen die Kontrolle und Macht der gesamten Inuit-Bevölkerung und ihrer Gemeinschaft. Übersetzt in die Sprache der Politik bedeutet dies eine sozialistische Revolution, die auf Räten von Arbeiter:innen, Jäger:innen und Fischer:innen basiert – von der Inuit-Bevölkerung und ihren Nachkommen gemischter Inuit-dänischer Ethnizität. (Alle Privilegierten sind im Wesentlichen dänische Kolonist:innen – dauerhaft oder vorübergehend ansässig.)

Für das indigene Volk der Inuit geht es heute jedoch in erster Linie um die Lösung der nationalen Frage – um die Verwirklichung des Rechts auf nationale Selbstbestimmung und um die Wahl des besten Weges in diese Richtung in einer Situation, in der von mehreren Seiten Übermacht droht. In Ländern, in denen man keine Erfahrung mit dem Recht auf ein vollwertiges eigenes nationales demokratisches Parlament hat – wie in Grönland –, kann man verfassunggebende Ausschüsse einrichten, um die Verabschiedung einer eigentlichen Volksverfassung für den neuen Staat der Nation vorzubereiten. Das Volk der Inuit hatte diese Möglichkeit nie, kann aber seinen Willen durch diese radikal demokratische Ausdrucksform seines kollektiven Begehrens zum Ausdruck bringen. Auch wenn eine Bevölkerung von 56.000 Menschen nicht die materielle Grundlage für eine echte unabhängige Staatsgründung darstellt, bedeutet dies nicht, dass Unabhängigkeit nicht erreicht werden kann, z. B. durch die richtige Grundlage für eine Föderation. Dies könnte in Zusammenarbeit mit anderen arktischen Inuit-Völkern oder auf andere Weise geschehen. So wie die Situation derzeit ist, stehen die gewählten Parlamentarier:innen in Grönland unter großem Druck. Eine der politischen Parteien in Grönland (mit einem Wähleranteil von 26 %) verfolgt eine klar neoliberale Politik und strebt einen sofortigen Bruch mit dem dänischen Kolonialismus an – und eine Verbindung mit den USA. Auch wenn alle politischen Parteien dafür eintreten, dass „nur die Grönländer:innen über die Zukunft des Landes entscheiden sollen”, bedeutet eine mögliche formale Umsetzung dieses Ziels keineswegs automatisch eine echte Unabhängigkeit für die Mehrheit der Bevölkerung. Aber was werden die Politiker:innen tun, wenn die USA/Trump sie vor die „Wahl“ stellen, zwischen der Annahme von möglicherweise großzügigen wirtschaftlichen Angeboten und formaler Unabhängigkeit oder militärischer Intervention? Es ist nicht die beste Sicherheit, die Zukunft des Inuit-Volkes in die Hände einiger weniger Parlamentarier:innen zu legen, die nur über begrenzte politische Manövrierfähigkeit verfügen.

Bei den Inuit selbst ist das etwas ganz anderes. Vorausgesetzt natürlich, dass sie nicht weiterhin dem unerträglichen Druck der individuellen Atomisierung ausgesetzt sind, der sie unweigerlich spalten und atomisieren wird, in einer Situation, die unbedingt kollektive Solidarität erfordert. Ganz anders sieht es aus, wenn das Volk gemeinsam die Möglichkeit erhält, den radikalsten bürgerlich-demokratischen Kurs für die Gesellschaft und ihre Verfassung zu wählen. Was bedeutet das? Das Volk der Inuit hatte zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, darüber zu entscheiden, wie es seine Gesellschaft organisiert haben möchte. Wie können die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft im Interesse des Volkes in einem übergreifenden, kohärenten Gesellschaftsplan zum Wohle der Menschen und der Umwelt entwickelt werden? Wie soll das wirtschaftliche Eigentumsrecht in Bezug auf die Ressourcen der Gesellschaft organisiert werden, und wie sollen diese entwickelt werden? Wie kann man der Bevölkerung Gesundheit, Bildung, Arbeit, einen sicheren Lebensabend, Frauen- und LGBTQ+-Rechte, gute Bedingungen für Menschen mit Behinderungen und die Kontrolle der Verbraucherpreise garantieren? Soll die Bevölkerung, von der viele daran gewöhnt sind, Schusswaffen für die Jagd zu benutzen, bewaffnet und zu einer lokal basierten nationalen Selbstverteidigung organisiert werden? Und nicht zuletzt: Wie kann die Bevölkerung nach der Verabschiedung der Verfassung weiterhin die Kontrolle über die Gesellschaft sicherstellen? Die Verfassungskomitees müssen in diesem Prozess auf das Wissen sympathisierender Expert:innen zurückgreifen können – wobei sie sich bewusst sein müssen, dass diese nicht die Kontrolle über den Prozess übernehmen dürfen.

Wie kann eine solche Organisation des gesamten Inuit-Volkes in Verfassungskommissionen im ganzen Land in allen Siedlungen einen Schutz vor imperialistischen Übergriffen bieten? Eine Bevölkerung, die in der Lage ist, ihre kollektiven gesellschaftlichen Interessen zu formulieren – ein sich selbst formulierendes Kollektiv – wird dadurch selbstbewusst und widerstandsfähig auf eine grundlegend andere Weise als eine individualisierte, atomisierte Bevölkerung, die allein und einzeln der Flut wirtschaftlich motivierter Manipulationen ausgeliefert ist, die die USA in nächster Zeit über alle Medien verbreiten werden. Ein organisiertes Volkskollektiv wird darüber hinaus seine parlamentarisch gewählten Vertreter:innen in dem Maße stützen, wie diese bereit sind, auf der organisierten Kraft und dem Willen des Volkes aufzubauen, und es wird damit diese Politiker:innen politisch für die Bevölkerung aussortieren.

Man könnte einwenden: Aber können solche Volkskomitees unter den gegenwärtigen Umständen wirklich eine radikale demokratische Verfassung durchsetzen? Das ist keineswegs sicher, aber auch nicht von vornherein ausgeschlossen. Auf jeden Fall wäre eine organisierte Bevölkerung optimal gerüstet, um jeglichem Druck von außen standzuhalten. Darüber hinaus hängt die Möglichkeit der Umsetzung auch davon ab, welche Ausstrahlungseffekte erzielt werden könnten – unter anderem auf andere arktische Völker, die sich in einem breiten Gürtel über die Arktis verteilen – USA, Kanada, Russland. Insbesondere hängt es davon ab, ob eine politisch relevante Führung entsteht – eine revolutionäre sozialistische Inuit-Führung, die die tiefe revolutionäre Bedeutung der nationalen Frage voll und ganz versteht – und nicht in bürgerlichen Nationalismus verfällt und das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen kann. Das Volk der Inuit war während seiner gesamten Geschichte einer brutalen Unterdrückung ausgesetzt. Die Inuit wurden Jahrzehnt für Jahrzehnt mit einem tödlichen, zerstörerischen Rassismus konfrontiert. Dies gilt nicht zuletzt für die Inuit-Bürger:innen, die sich dauerhaft oder vorübergehend in Dänemark aufhalten. Sie und ihre Interessen müssen einbezogen und vertreten werden. Wie alle indigenen, schwer geprüften Völker brauchen die Inuit eine kollektive Erfahrung, die ihre eigenen reichen Fähigkeiten, kollektiv und individuell, bestätigt. Sie brauchen mehr kollektives Selbstbewusstsein gegen die Angriffe des Imperialismus.

Eine solche Erfahrung in Form der Teilnahme an verfassunggebenden Ausschüssen wird – unabhängig davon, wie erfolgreich oder erfolglos das Ergebnis sein mag – über mehrere Generationen hinweg unauslöschliche Spuren hinterlassen und zu einem radikal veränderten Bewusstsein in breiten Schichten der Bevölkerung führen, weg von jeglichem Defätismus und hin zum Glauben an die eigene Fähigkeit, durch Handeln und die eigenen kollektiven Fähigkeiten zur Ausübung gesellschaftlicher Macht Veränderungen zu bewirken. Von machtlosen Unterdrückten zu selbstbewussten potenziellen Machthabern.

Vor welchen Aufgaben stehen revolutionäre Sozialist:innen in Dänemark und international?

Revolutionäre Sozialist:innen erkennen das Recht des Inuit-Volkes auf nationale Selbstbestimmung an und unterstützen es, einschließlich der Abkehr von allen Formen des Kolonialismus. Revolutionär:innen in Dänemark müssen ihre Kritik in erster Linie gegen ihre eigene imperialistische Bourgeoisie richten – die dänische Regierung und Kapitalinteressen – in Solidarität mit Grönland. Im Gegensatz zu Pelle Dragsted, dem Vorsitzenden der dänischen linksreformistischen Partei Enhedslisten, der sich hinter die eigene und die imperialistische Bourgeoisie der EU stellt und vorschlägt, europäische Soldat:innen nach Grönland zu entsenden, um Trump abzuschrecken. Dies würde zu einer ganz klaren interimperialistischen Konfrontation zwischen der EU/den imperialistischen europäischen Staaten und den USA führen. Als revolutionäre Sozialist:innen können wir nicht unsere „eigene” imperialistische Seite gegen den Imperialismus der USA unterstützen. Es besteht die äußerst gefährliche Gefahr einer Eskalation auf internationaler Ebene. In dieser Situation haben die imperialistischen europäischen Mächte eine gemeinsame Militärübung begonnen und planen die Stationierung permanenter Truppen. Bislang haben sie (symbolische) Truppen aus Schweden, Deutschland, Frankreich und Großbritannien entsandt. Dies könnte ein Hindernis für Trumps militärischen Angriff darstellen. Eine direkte militärische Konfrontation zwischen den imperialistischen Staaten der EU und den USA würde mit ziemlicher Sicherheit zu einem Bruch zwischen Europa und den USA in der NATO führen. Angesichts der verstärkten Allianz zwischen China und Russland ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die USA einen solchen Bruch mit Europa und den Zusammenbruch der NATO riskieren würden.

Revolutionär:innen müssen jede Gelegenheit nutzen, um ihre Solidarität mit den Interessen des Inuit-Volkes zu zeigen. In der dänischen Öffentlichkeit haben prokoloniale Kräfte die Wahrheit in den dänischen Staatsmedien verdrängt, als diese es wagten, zu äußern, dass Dänemark von der historischen Kryolith-Gewinnung in Grönland profitiert habe. (Kryolith:seltenes Mineral aus der Klasse der Halogenide; Natrium-Aluminium-Fluorit) Die öffentliche Lüge lautet, dass das Volk der Inuit eine wirtschaftliche Belastung für die dänische Gesellschaft war und ist. Revolutionär:innen müssen versuchen, diese Lüge mit Fakten zu widerlegen, indem sie – optimalerweise in Zusammenarbeit mit Inuit-Studierenden – marxistische Ökonom:innen und andere sympathisierende Akademiker:innen organisieren, die sich auf die Analyse der wirtschaftlichen und anderen Folgen der Ausbeutung und Unterdrückung der Kolonien spezialisiert haben. Dies, um aufzuzeigen, dass der dänische Staat, unter anderem durch seinen Kryolith-Abbau in Grönland, dem Land eine konkrete Möglichkeit für wirtschaftliches Wachstum geraubt hat – ursprüngliche wirtschaftliche Akkumulation, mit wirtschaftlicher Unterentwicklung als Folge – ein Wachstum, das stattdessen der dänischen Gesellschaft zugutekam. Diese verlorenen Werte für die Gesellschaft in Grönland sind Werte, die der dänische Staat heute Grönland und dem Volk der Inuit schuldet und die der dänische Kolonialstaat nun zurückzahlen muss. Darüber hinaus müssen Revolutionär:innen die revolutionären historischen Erfahrungen aus dem Freiheitskampf der indigenen Völker im marxistischen Licht weitergeben, als Beitrag zur Inspiration und politischen Entwicklung der neuen radikalen Generation freiheitsliebender Inuit-Jugendlicher. Revolutionär:innen in Dänemark müssen Wissen bei und politischen Austausch mit Linken und Radikalen unter den Inuit in Dänemark suchen, um den Kern einer revolutionären sozialistischen Partei in Grönland zu entwickeln. Sie müssen die radikale Jugend in Grönland in direkten Kontakt mit anderen revolutionären Sozialist:innen und anderen jungen Menschen indigener Völker bringen, um einen Austausch und eine internationale revolutionäre Organisation zu ermöglichen.

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