Interview von REVOLUTION Österreich mit Sarah, Lehrerin und aktiv bei „Schule brennt“, Fight! Revolutionärer Frauenzeitung 14, März 2026
Am 11. Dezember 2025 wurde im österreichischen Parlament mit breiter Mehrheit ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren an Schulen beschlossen, mit den Stimmen von ÖVP, SPÖ, NEOS und der FPÖ. Das Verbot soll ab dem Schuljahr 2026/27 in Kraft treten – doch es regt sich Widerstand. Ein Gespräch mit einer Lehrerin, die aktiv ist bei „Schule brennt“.
Sarah: Also, der Schulalltag ist grundsätzlich immer stressig aufgrund von Personalmangel, Ressourcenmangel, einfach fehlendem Unterstützungspersonal neben den Lehrer*innen. Gerade kurz vor Semesterende sind wir einfach alle am Limit unserer Kräfte.
Zusätzlich dazu kommt das Kopftuchverbot. Es herrscht sehr viel Ungewissheit, wie genau die Regierung will, dass wir das umsetzen. Es wird nicht mit uns darüber kommuniziert. Das Gesetz wurde einfach so entschieden – über die Köpfe der Schülerinnen hinweg, aber auch über unsere. Dementsprechend haben wir kein Mitspracherecht und fühlen uns ein bisschen ausgeliefert. Daneben haben wir Angst, was das mit dem allgemeinen Schulklima, was es mit den Schülerinnen machen wird.
Sarah: Also, ich habe schon mit vielen geredet, die das über die Medien mitbekommen haben. Und die sind mit sehr viel Sorge dann zu uns gekommen. Viele haben gefragt: „Was heißt das jetzt? Heißt das, dass ich das sofort ablegen muss? Heißt das, dass ich nicht mehr in die Schule gehen kann, dass es mir verboten wird, in die Schule zu gehen?“ Solche Fragen eben. Es herrscht viel Angst und Ohnmacht, habe ich das Gefühl. Aber ich versuche schon, mit Schüler*innen darüber zu reden, dass sie für ihre Rechte einstehen sollen.
Doch dadurch, dass es momentan keine Organisierungsangebote oder Formen von Widerstand von Schüler*innen gibt, ist das schwerer.
Sarah: Sehr gespalten. Es gibt einen Teil meiner Kolleg*innen, die klar gegen das Verbot sind und die das als rassistische, antimuslimische Maßnahme erkennen und auch wissen, dass da unsere Beziehung zu den Schüler*innen auf dem Spiel steht.
Dann gibt es einen großen Teil, dem das so ein bisschen egal ist. Die sich nicht so viele Gedanken darüber machen oder nur die Frage stellen: „Heißt das jetzt mehr Aufwand für mich oder so?“ Es gibt aber auch einen Teil von tatsächlich rassistischen Lehrer*innen und Direktionen, die nur auf dieses Verbot eigentlich gewartet haben. Für die ist es ein weiteres Instrument, um Schülerinnen irgendwie kleinzumachen und zu schikanieren und so weiter.
Sarah: Also, ich glaube, dass es in den letzten zwei Jahren sehr, sehr viel antimuslimische Propaganda medial gab in Österreich. Diese rassistische Offensive hat sich einfach extrem zugespitzt auf das Thema Islam – und dann auf Schulen. Also beispielsweise dieses ganze Gerede von: „Oh, wir haben so viele Schüler*innen, die kein Deutsch können.“ Es gab wöchentlich Berichte über die angeblich so schlimme islamistische Radikalisierung an den Schulen. Es wurden Probleme herbeigeredet, die gar keine Probleme sind.
Doch diese Propaganda macht etwas mit Lehrer*innen, die vielleicht vor ein paar Jahren das Kopftuch noch nicht als Bedrohung wahrgenommen haben. Dadurch, dass es diesen Topf mit Buzzwords wie Radikalisierung, Integration, Islam gibt, in den alles einfach reingeworfen wird.
Sarah: Ja, auf jeden Fall. Wir haben vor einiger Zeit die Gruppe „Teachers for Palestine“ zum Beispiel gegründet, weil wir nach dem 7. Oktober 2023 festgestellt haben, dass der antimuslimische Rassismus stärker geworden ist. Das war ein ähnlicher Einschnitt wie nach dem 11. September 2001, als noch mal diese Propagandamaschinerie gegen Muslime losgegangen ist. Das hat vor allem junge Männer getroffen – jetzt trifft es Mädchen und junge Frauen. Jugendliche werden unter Generalverdacht gestellt.
Und parallel gibt es so viele generalisierende, rassistische Erzählungen über den Islam. Sehr viele koloniale Mythen, wie diese Erzählung von dem frauenfeindlichen Islam, bei dem das Kopftuch nur zur Unterdrückung der Frau da sei. Solche reaktionären Ideen haben sich in den letzten Jahren schon festgesetzt, auch in den Köpfen von Lehrer*innen.
Sarah: Ja, das wäre schön, wenn das so wäre (lacht). Also, leider ist es so, dass eigentlich alle Parteien in Österreich für dieses Verbot sind. Die Grünen waren, glaube ich, die Einzigen, die im Parlament dagegen gestimmt haben. Allerdings auch nicht ganz. Sie haben gesagt, dass sie schon gegen das Kopftuch und für das Verbot sind – aber sie halten es für verfassungswidrig, deswegen haben sie dagegen gestimmt.
Und die Gewerkschaften in Österreich stehen sehr weit rechts und sind konservativ dominiert, besonders die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst. Das zeigt sich bei dem Thema, aber auch bei Fragen wie generellen Arbeitsbedingungen. Sie sind einfach sehr unkämpferisch, tun wenig. Und die einzelnen Stimmen, die dagegen gesprochen haben, argumentieren nur dagegen, „weil es mehr Arbeitsaufwand“ bedeutet. Das war das Einzige zu dem Thema, was man von einzelnen Pflichtschulgewerkschaften gehört hat! Ansonsten bleiben eigentlich alle Gewerkschaftsfraktionen leise, inaktiv – oder sind im schlimmsten Fall sogar für das Verbot.
Sarah: Ja, die könnten viel tun. Ein erster Schritt wäre, Aufklärungsarbeit zu leisten, also Lehrpersonen aufzuklären, dass dieses Verbot kommt, was es bedeutet und warum es aus einer pädagogischen Sicht eine Gefahr darstellt für das Schulklima, für die Beziehung zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und so weiter.
Und in einem zweiten Schritt könnte die Gewerkschaft sich schon sehr klar dagegen positionieren, aus den verschiedensten Gründen – und dafür dann mobilisieren. Sie sollten sich einer Kampagne anschließen, die sagt: „Selbst wenn dieses Verbot kommt, werden wir es nicht umsetzen!“ Wir werden uns dafür einsetzen, dass es Proteste gibt – und wenn das nichts ändert, dann streiken wir, um das Gesetz wieder zu kippen.
Sarah: Wir fahren mit der Lehrer*inneninitiative „Schule brennt“ zwei verschiedene Schienen. Eine ist, dass wir ein breiteres zivilgesellschaftliches Bündnis mit aufgebaut haben, mit politischen Organisationen, muslimischen Organisationen, Jurist*innen und antirassistischen NGOs. Das Bündnis plant jetzt eine größere Demonstration am 13. Februar und plant generell, ein bisschen Pressearbeit, mediale Arbeit zum Thema zu machen. Das ist das eine.
Und das andere ist, dass wir versuchen wollen, Druck auf den Verfassungsgerichtshof aufzubauen. Das ist quasi der nächste Schritt. Dieses Gesetz wurde vom Parlament beschlossen und wird höchstwahrscheinlich in den nächsten Monaten vom Verfassungsgerichtshof geprüft. Und unsere Hoffnung ist natürlich, dass es dort dann gekippt wird.
Und je mehr gesellschaftlichen Druck es gibt und auch Druck aus den Schulen heraus, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass es vor Gericht kippt. Deswegen wollen wir eine Boykottkampagne organisieren, also sichere Schulen schaffen. Schulen, in denen klar ist: Die Lehrpersonen und die Direktionen setzen dieses Gesetz nicht um und tragen das auch in die Öffentlichkeit, dass sie sich dagegen positionieren, um so halt zu zeigen: „Okay, das ist nicht quasi in Stein gemeißelt, es ist nicht so von Gott gegeben, dieses Gesetz, sondern man kann sich dagegenstellen und muss es nicht umsetzen.“
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Sowohl in Österreich als auch in Deutschland prägt die Sozialpartnerschaft das Verhältnis zwischen Gewerkschaften, Staat und Kapital – und wirkt häufig konfliktdämpfend. In Österreich ist diese Einbindung jedoch traditionell enger institutionalisiert. Der ÖGB ist als Einheitsgewerkschaft organisiert, Kollektivverträge decken einen Großteil der Beschäftigten ab, und politische wie betriebliche Konflikte werden meist in Verhandlungen gelöst. Offene Arbeitskämpfe sind selten.
In Deutschland sind die Gewerkschaften plural organisiert, und Tarifauseinandersetzungen treten sichtbarer in Erscheinung, auch wenn politische Streiks rechtlich unzulässig sind. Das Streikrecht ist dort klarer geregelt, aber auf tarifliche Ziele beschränkt; zudem gilt für Beamt*innen ein Streikverbot. In Österreich ist das Streikrecht nicht ausdrücklich kodifiziert, sondern leitet sich aus der Koalitionsfreiheit ab – politische Streiks bewegen sich in einer Grauzone, ein generelles Streikverbot für Beamt:innen gibt es nicht.
Linke und Sozialist:innen in Betrieben und Gewerkschaften sollten die Auseinandersetzung offensiv als das benennen, was sie ist: eine politische Frage von demokratischen Rechten! Antimuslimischer Rassismus wird genutzt, um uns zu spalten – und zu schweigen, schadet der Glaubwürdigkeit und der Organisierungskraft. Gleichzeitig wissen wir auch, dass Gerichte nicht immer in unserem Interesse entscheiden werden – deswegen müssen wir jetzt anfangen, zu üben, kollektiv Widerstand aufzubauen.
Konkret heißt das: aktiv werden! Ein erster Schritt kann ein offener Brief sein, den einzelne Betriebs- und Personalräte initiieren und unterzeichnen, der sich klar gegen das Kopftuchverbot positioniert. Ein solcher Brief sollte öffentlich gemacht und breit beworben werden. Gleichzeitig müssen dabei auch die eigenen Gewerkschaften aufgefordert werden, Stellung zu beziehen, Informationsveranstaltungen zu organisieren und Initiativen wie „Schule brennt“ aktiv zu unterstützen. Theoretisch müssten sie Betriebsversammlungen organisieren, aufklären und mobilisieren.
Gerade weil die Lehrer*innengewerkschaft politisch eher rechts und konservativ dominiert ist, darf man das Feld nicht kampflos überlassen. Opposition organisiert sich nicht von selbst. Es braucht Kolleg*innen, die Anträge formulieren, Mehrheiten suchen, Vernetzungstreffen organisieren und andere ermutigen, Position zu beziehen. In anderen Strukturen wie younion – die Daseinsgewerkschaft – könnten Beschlüsse gegen das Verbot eingebracht und als Signal genutzt werden, dass gewerkschaftlicher Widerstand möglich ist. Auch international können Solidaritätsstatements und Positionierungen von Schwestergewerkschaften gegen das Kopftuchverbot angefordert werden, um die eigene Stellung zu verstärken.
Natürlich ist das angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks schwierig. Druck von rechts, Angst vor Spaltung oder Karrierenachteile sind real. Aber Schweigen verschiebt die Kräfteverhältnisse weiter nach rechts. Sozialist*innen sollten daher bewusst Allianzen mit migrantischen Kolleg*innen, antirassistischen Initiativen und kämpferischen Gewerkschafter*innen aufbauen. Jede Unterschrift, jede Resolution, jede Versammlung ist ein Schritt, um zu zeigen: Gewerkschaften sind keine neutralen Verwaltungsapparate, sondern Kampforganisationen. Gerade in schwierigen Zeiten entscheidet sich, wofür sie stehen.