Shehzad Arshad, Infomail 1301, 6. Januar 2026
In den letzten Monaten hat die starke Abwertung der iranischen Währung die schon schwere Wirtschaftskrise noch verschärft. Die galoppierende Inflation, der stetige Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel, der schnelle Rückgang der Reallöhne und die Massenarbeitslosigkeit machen das Leben für Arbeiter:innen, Student:innen, Lehrer:innen und Rentner:innen immer unerträglicher.
Darüber hinaus ist der Iran mit einer immensen Wasserkrise konfrontiert, die zu einer gefährlichen Verknappung des Trinkwassers führt. Im November kündigte Präsident Masoud Pezeshkian sogar die Möglichkeit einer Evakuierung von Teheran mit über 10 Millionen Einwohner:innen an, falls es in den kommenden Wochen nicht regnen sollte. Diese katastrophale Situation ist das Ergebnis jahrzehntelanger wirtschaftlicher und insbesondere wasserpolitischer Misswirtschaft und war seit langem abzusehen. Dennoch versucht die Regierung, die Dringlichkeit dieses Themas zu verschleiern, um die Proteste, mit denen sie bereits konfrontiert ist, nicht weiter anzuheizen.
Diese materiellen Bedingungen haben nach der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ von 2022 zu einer neuen Welle landesweiter Proteste geführt. Was wir heute erleben, ist ein Ausbruch von Wut, Entbehrung und sozialen Unruhen, die sich seit Jahren in der iranischen Gesellschaft angestaut haben.
Die Proteste begannen am Sonntag, dem 28. Dezember, im Großen Basar von Teheran, wo Händler:innen ihre Läden schlossen und durch die Straßen marschierten und „Schließt alles!“ riefen. In den folgenden sieben Tagen gab es Demos an 174 Orten in 60 Städten in 25 Provinzen. Bisher wurden mindestens 582 Leute verhaftet und 19 Todesfälle gemeldet. Und diese gehen trotz der massiven Angriffe weiter.
Die Proteste sind nicht nur in den großen Städten des Iran ausgebrochen, sondern auch in kleinen Städten und Dörfern, wo „Tod dem Diktator“-Rufe durch die Straßen und auf öffentlichen Plätzen hallen. Diese Parolen richten sich direkt gegen das 46 Jahre alte islamische theokratische Regime, das seit über vier Jahrzehnten unter dem Banner der Religion kapitalistische Ausbeutung, staatliche Unterdrückung und ideologische Diktatur miteinander verbindet.
Trotz brutaler Unterdrückung dauern die Streiks der Arbeiter:innen seit Jahren in wichtigen Sektoren wie Öl, Gas, Petrochemie, Transport, Bildung und Gesundheitswesen an. Lehrer:innen, Krankenpflegekräfte und Rentner:innen haben wiederholt gegen die Wirtschaftspolitik des Staates mobilgemacht. Allein zwischen Januar und September 2025 wurden mindestens 759 Arbeitskämpfe registriert, darunter 618 Demonstrationen und 141 Streiks. Darüber hinaus wurden 137 Arbeitsunfälle gemeldet – ein Beleg dafür, dass das Leid der Arbeiter:innen über die Löhne hinausgeht und auch gefährlich unsichere Arbeitsbedingungen umfasst.
Gleichzeitig hat die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ die ideologischen Grundlagen des Regimes erschüttert: die Unterdrückung der Frauen und den religiösen Autoritarismus. Dass Frauen in der Öffentlichkeit ihre Hidschabs (Kopfbedeckung) ablegten, war nicht nur ein kultureller Akt, sondern eine direkte Herausforderung der klerikalen Herrschaft selbst. Auch heute stehen Frauen an der Spitze der Proteste, schwenken ihre Kopftücher und skandieren: „Kein Hidschab, kein Schleier – Freiheit und Gleichheit.” Das Zusammentreffen von Arbeiter:innenkämpfen und Frauenwiderstand bildet das eigentliche soziale Rückgrat des aktuellen Aufstands. Um dies zu vertiefen, muss der Kampf die vollständige politische und rechtliche Gleichstellung der Frauen sowie ihre soziale Befreiung umfassen.
In den letzten Jahren ist die soziale Basis des theokratischen Regimes massiv errodiert, so dass es immer mehr auf brutale Gewalt zurückgreifen muss. Im Jahr 2025 wurden mehr als 1.500 Menschen von der Islamischen Republik hingerichtet, die meisten davon durch Erhängen aus politischen Motiven, um weitere Angst zu verbreiten und die politische Bewegung durch tödliche Repressionen zu unterdrücken.
Die Kluft zwischen der herrschenden Elite des Iran und der großen Mehrheit der Bevölkerung ist gefährlich groß geworden. Auf der einen Seite steht eine wohlhabende Kapitalist:innenklasse, die mit den Revolutionsgarden und dem klerikalen Establishment verbunden ist und durch Korruption, Luxuskonsum und Vermögenswerte im Ausland Vermögen anhäuft. Auf der anderen Seite leben Millionen von Menschen, denen es an Grundnahrungsmitteln, Gesundheitsversorgung und Bildung mangelt. Der Zusammenbruch des Rial hat die Ersparnisse der einfachen Leute vernichtet, während die Elite ihr Vermögen längst in Dollar, Gold und Auslandskonten umgewandelt hat. Diese sich verschärfende Klassenungleichheit hat dem Zorn der Bevölkerung einen deutlich revolutionären Charakter verliehen. Neben der galoppierenden Inflation sieht sich der Iran mit einem Anstieg der realen Arbeitslosigkeit konfrontiert. Bis zum Jahresende werden voraussichtlich fast 450.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Rückläufige in- und ausländische Investitionen in Verbindung mit sinkenden Öleinnahmen haben die Wirtschaft in eine Rezession gestürzt.
Als Reaktion darauf haben die Abgeordneten eine Erhöhung des Mindestlohns um mehr als 40 Prozent gefordert. Die Regierung Peseschkian hat außerdem angekündigt, die staatliche Finanzhilfe und die Lebensmittelkarten für staatliche Geschäfte auszuweiten und vier Monatshilfen auf einmal auf die Bankkonten der Haushaltsvorstände zu überweisen. Durch Bargeldzahlungen, erweiterte Subventionen und Lohnerhöhungen hofft das Regime, die Kaufkraft vorübergehend zu erhöhen, die Wut der Bevölkerung zu zerstreuen und die Bewegung durch Repressionen zu unterdrücken. Angesichts des Ausmaßes der Empörung in der Bevölkerung und der völligen Unfähigkeit des Regimes, Inflation und Arbeitslosigkeit zu kontrollieren, ist es unwahrscheinlich, dass diese Strategie Erfolg haben wird.
Angesichts des Fehlens an einer anerkannten Führung der Kämpfe durch die Arbeiter:innenklasse und der enormen Ressourcen der proimperialistischen Kräfte besteht jedoch die reale Gefahr, dass diese in der aktuellen Krise Unterstützung von Teilen der herrschenden Klasse, aber auch aus den Reihen der Bewegung selbst erhalten könnten. Alle linken und progressiven Kräfte müssen daher vor diesen Irreführer:innen warnen und für eine Führung der Kämpfe durch die Arbeiterklasse kämpfen.
Die Krise hat auch tiefe Spaltungen innerhalb der herrschenden Klasse selbst offenbart. Zwischen dem Klerus, den Revolutionsgarden, der staatlichen Bürokratie und rivalisierenden kapitalistischen Fraktionen entbrennt ein intensiver Kampf um Ressourcen, politische Macht und Außenpolitik.
Die Niederlage des Iran in seiner Konfrontation mit Israel und den USA hat das klerikale Establishment weiter geschwächt und gezeigt, dass seine Zwangsgewalt in erster Linie gegen das eigene Volk gerichtet ist. Seine antiimperialistische Rhetorik ist hohl und heuchlerisch. Im Inland hat das Regime völlig versagt, Brot, Arbeitsplätze oder Sicherheit zu bieten. Seine Kriegstreiberei dient hauptsächlich dazu, die Aufmerksamkeit von der sich verschärfenden internen Krise abzulenken.
Neben diesem legitimen Kampf des Volkes geht eine ernsthafte Gefahr von Kräften aus, die die Herrschaft der Geistlichen durch imperialistische Intervention, ausländische Unterstützung oder persönliche Macht stürzen wollen. Anhänger der Pahlavi-Monarchie und Gruppen wie die Mojahedin-e-Khalq (MEK; Volksmudschahedin) sind kein Produkt von Massenbewegungen und haben keine echten sozialen Wurzeln im Iran. Sie stützen sich auf Exilpolitik, Medienkampagnen und die Unterstützung der USA und Israels.
Ihr Ziel ist nicht die Arbeiter:innendemokratie, die Organisation der Basis oder soziale Gerechtigkeit, sondern die Konzentration der Macht in den Händen einer einzigen Familie oder einer autoritären Führung. Diese Kräfte fürchten Massenbewegungen gerade deshalb, weil eine organisierte Arbeiter:innenklasse nicht nur die Herrschaft der Geistlichen, sondern jede Form kapitalistischer Diktatur in Frage stellen kann. Daher versuchen sie entweder, die Proteste ihren eigenen Zielen unterzuordnen, oder sie versuchen, sie als Vorwand für eine ausländische Intervention zu nutzen.
Imperialistische Intervention: ein Weg ins Verderben, nicht in die Befreiung
Illusionen auf Rettung durch den US-Imperialismus sind gefährlich und falsch. Die Erfahrungen im Irak, in Afghanistan, Libyen, Syrien und im Jemen zeigen, dass imperialistische „Interventionen“ nur Zerstörung, Bürgerkrieg, sektiererische Gewalt und sozialen Zusammenbruch bringen.
Im Iran würde eine imperialistische Intervention die Volksbewegung zerschlagen und die Region in eine noch größere Katastrophe stürzen. Sie würde weder dem iranischen Volk noch der Arbeiter:innenklasse dienen, sondern stattdessen neue Diktaturen, noch größeres Elend und neue Formen der Ausbeutung hervorbringen. Der Kampf des iranischen Volkes muss daher entschlossen gegen alle Formen imperialistischer Einmischung verteidigt werden.
Auf dem Weg zu einer revolutionären Alternative
Die iranische Arbeiter:innenklasse ist bereits eine zentrale soziale Kraft im aktuellen Aufstand, insbesondere durch Streiks am Arbeitsplatz. Sie ist die einzige Klasse, die in der Lage ist, die Herrschaft der Geistlichen zu besiegen, indem sie den Protest in einen unbefristeten Generalstreik verwandelt. Das muss verbunden werden mit der Schaffung von Organen zur Selbstverteidigung gegen die Unterdrückung durch den Staat und paramilitärische reaktionäre Kräfte und durch den Aufruf an die einfachen Soldaten, sich auf die Seite der Massen zu stellen. Um dies zu erreichen, bedarf es einer revolutionären Partei, die mit einem Programm ausgestattet ist, das den Widerstand gegen die theokratische Tyrannei mit dem Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus verbindet und Inflation, Arbeitslosigkeit, Unterdrückung und Krieg als miteinander verbundene Krisen des Systems angeht:
Die Kämpfe von Studierenden, Lehrenden und Arbeiter:innen müssen vereint werden. Der Kampf für die Befreiung der Frauen muss einen zentralen Platz in der Bewegung einnehmen.
Für einen Generalstreik, um das Regime zu stürzen. Arbeiter:innenräte müssen an den Arbeitsplätzen aufgebaut werden.
Für den revolutionären Sturz des klerikalen Regimes! Für eine Arbeiter:innenregierung, die in der Massenbewegung verwurzelt ist und auf einem revolutionären sozialistischen Programm basiert.