Arbeiter:innenmacht

Die Führungskrise des Proletariats

Das Trotzkistische Manifest, Kapitel 2, Sommer 1989

Sogar in seiner Todeskrise wird der Kapitalismus nicht von selbst verschwinden. Er muß bewußt durch die Arbeiterklasse gestürzt werden. Dazu ist die Bildung einer neuen revolutionären Vorhut notwendig, die einen bewußten strategischen Plan, ein Programm und eine proletarische Avantgardepartei braucht.

Auch heute ist das zentrale Problem der Menschheit: Wer führt die Arbeiterklasse? Am Vorabend des letzten Krieges zwischen den imperialistischen Mächten war der Kapitalismus von einer allgemeinen ökonomischen Depression erfaßt, die die ganze Welt unabänderlich in eine revolutionäre Krise stürzte. Trotzkis Übergangsprogramm, das in diesen Jahren geschrieben wurde, erklärte, daß die Krise der Menschheit auf die Führungskrise reduziert war. Heute wäre jedoch eine einfache Wiederholung der Feststellung, daß alle gegenwärtigen Krisen „auf eine Führungskrise reduziert“ seien, falsch.

Das Proletariat steht noch nicht weltweit vor der schroffen Alternative, entweder die Macht zu ergreifen oder bei der Zerstörung all seiner vergangenen Errungenschaften zuzusehen. Dennoch erreicht die Führungskrise in vielen Ländern, sogar ganzen Kontinenten, eine außerordentliche Schärfe. Sogar in Ländern, wo dies nicht der Fall ist, quält die Arbeiterorganisationen eine chronische Krise, die ihnen infolge des wiederholten Verrates durch die reformistischen Führer Niederlage, Stagnation und sogar Niedergang bringt. Die Unfähigkeit des Kapitalismus, die grundlegenden Bedürfnisse der Millionen zu befriedigen, macht die Umwandlung defensiver Kämpfe der Arbeiter und armen Bauern in den Kampf um die Macht sowohl möglich als auch notwendig. Doch ist keine der existierenden Führungen willens oder fähig, so einen Kampf durchzuführen. Sie sind entweder an die Interessen der Bourgeoisie oder der parasitären Bürokratie der stalinistischen Staaten gebunden.

Seit langem hat die imperialistische Bourgeoisie ihre Ressourcen dazu verwendet, Spaltungen im Proletariat zu fördern und sogar die Existenz einer privilegierten Schicht, der ‚Arbeiteraristokratie‘, deren Lebensstandard wesentlich höher als der der Arbeitermassen war, zu akzeptieren. Dieser Teil der Arbeiterklasse bildete die hauptsächliche Grundlage für eine ‚Arbeiterbürokratie‘, deren Rolle es war, mit dem Kapital zu verhandeln, und deren spontane politische Auffassung daher die Klassenzusammenarbeit war.

1914 wurden die proletarischen Massenparteien Europas bereits von der Politik der Kollaboratoren beherrscht. Dies stimmte sowohl für Parteien wie die britische Labour Party, die seit ihrer Gründung eine reformistische Partei war, als auch für die sozialdemokratischen Parteien, die formal am Marxismus festhielten. Im Verrat der Zweiten (Sozialistischen) Internationale an der Arbeiterklasse fand diese Entwicklung ihren Höhepunkt. 1914 rührten sie die Werbetrommel für den imperialistischen Krieg. Als dann die Welle von Revolutionen durch Europa fegte (1917-23), stellten sie sich offen auf die Seite der bürgerlichen Konterrevolution gegen die arbeitenden Massen.

So nahm die Sozialdemokratie ihre grundlegende Gestalt an. Sie wurde strategisch an die kapitalistische Ökonomie und den kapitalistischen Staat, wenn auch in den idealisierten Formen des Staatskapitalismus und der bürgerlichen Demokratie, gebunden. Dies war sogar dort der Fall, wo der Kapitalismus noch keine voll entwickelten Arbeiteraristokratien und -bürokratien herausgebildet hatte. In Rußland zum Beispiel waren die Menschewiki, die für eine lange Periode der bürgerlichen Demokratie als einer notwendigen Entwicklungsstufe argumentierten, gegen die proletarische Revolution und ergriffen sogar die Waffen gegen sie. Direkte Aktion und militärische Gewalt waren für die Reformisten Mittel, die nur gegen die Gegner des bürgerlich-demokratischen Ziels verwendet werden konnten, niemals jedoch, um die Gegner der Arbeiterklasse zu schlagen.

Die Degeneration der Komintern

Die Komintern wurde von den konsequenten Kämpfern und Kämpferinnen gegen den Verrat der Sozialdemokratie in der revolutionären Periode nach 1917 gebildet. Ihre ersten vier Kongresse begannen, das revolutionäre Programm für die imperialistische Epoche wiederzuerarbeiten. Doch unter dem Einfluß der politischen Konterrevolution in der Sowjetunion degenerierte sie nach 1923 in den bürokratische Zentrismus. Das Ziel der Weltrevolution wurde durch die reaktionäre Utopie des „Sozialismus in einem Lande“ ersetzt. Die zentristisch-kommunistischen Parteien führten die Arbeiterklasse in China (1927) und Deutschland (1933) in blutige und unnötige Niederlagen.

Nach der Niederlage der deutschen Massen 1933 betrachtete Trotzki die Komintern als nicht mehr reformierbar. Später im gleichen Jahr erklärte er die Komintern, obgleich sie noch bürokratisch zentristisch war, für nicht reformierbar und „tot für die Ziele der Revolution“, nachdem sie sich als unfähig erwies, ihre Fehler zu erkennen und aus den Niederlagen zu lernen. Daher forderte er zuerst den Aufbau einer neuen Partei in Deutschland und dann einer neuen weltweiten Internationale, obwohl die Stalinisten noch nicht endgültig ins Lager der Konterrevolution übergegangen waren.

1934-1935 vervollständigte die Komintern ihre Verwandlung in eine konterrevolutionäre Internationale mit dem Ziel einer strategischen Allianz mit der Bourgeoisie der sogenannten „demokratischen“ Imperialismen im Namen einer neuen „Strategie“, der Volksfront. Diese klassenkollaborationistische Politik wurde den Sektionen der Komintern von der Kreml-Bürokratie auferlegt, um deren diplomatischen Interessen zu dienen. Die stalinistische Bürokratie versuchte, eine utopische „friedliche Koexistenz“ mit den „demokratischen“ Imperialismen und deren Verbündeten zu errichten und verwandelte die kommunistischen Parteien dieser Länder in reformistische Parteien, die die Zusammenarbeit und die „friedliche Koexistenz“ der Klassen predigten. Sie empfahl den Massen, ihre eigenen Imperialismen zu verteidigen, und folgte so der Sozialdemokratie ins Lager der Konterrevolution. Die Wende zum Sozialpatriotismus fiel mit der Liquidierung der alten bolschewistischen Vorhut in den Moskauer Schauprozessen zusammen. In der zweiten Phase des Zweiten Weltkrieges, nach dem Einmarsch der Nazis in der UdSSR, wurden die Stalinisten in den Staaten, die nicht zu den Achsenmächten gehörten, zu Superpatrioten, und in jenen, die von den Nazis besetzt waren oder gegen diese Krieg führten, gewannen die Stalinisten einen neuen Massenanhang.

Heute stehen diese Parteien der proletarischen Revolution, der Emanzipation der Arbeiterklasse und der Diktatur des Proletariats, die sich auf Sowjets stützt, feindlich gegenüber. Trotz des gestohlenen Banners des Kommunismus bleiben sie dem Ziel des Kommunismus, d.h. einer klassen- und staatenlosen Gesellschaft, feindlich gesinnt. Als solche sind sie kein Gegenstück zur Sozialdemokratie, sondern deren Zwilling, der mit ihr die Ideologie des Sozialpatriotismus und des Reformismus teilt. Die Loyalität der stalinistischen Parteien gegenüber ihren eigenen Bourgeoisien kann aufgrund der Unterstützung, die sie der Bürokratie der degenerierten Arbeiterstaaten geben und die sie von dieser erhalten, nicht so vollkommen sein wie die der Sozialdemokraten. Trotz der fortgeschrittenen Tendenzen in Richtung „Sozialdemokratisierung“, die gewisse Parteien vorweisen, können sie sich nicht einfach ohne Bruch in eine Sozialdemokratie verwandeln. Sogar dort, wo die stalinistischen Parteien ihre sozialdemokratischen Rivalen als dominierende Kraft der Arbeiterklasse praktisch in den Schatten gestellt haben und sie eine politische Praxis verfolgen, die im wesentlichen der der Sozialdemokraten anderer Länder gleicht, unterscheiden sie verschiedene Herkunft, Struktur und Tradition sowohl in den Augen der Arbeiterklasse als auch in denen der Bourgeoisie.

Dennoch ist die Unterscheidung zwischen Sozialdemokratie und Stalinismus eine Unterscheidung innerhalb des Reformismus. Von beiden ist es unvorstellbar, daß sie sich ohne interne Spaltungen in rein bürgerliche Parteien verwandeln, bloß weil sie ideologisch die programmatische Verpflichtung auf „gesellschaftliches Eigentum“ oder die „proletarische Diktatur“ aufgegeben haben. Dazu wäre ein Bruch mit ihren organischen Verbindungen mit dem Proletariat notwendig. Sogar der Faschismus konnte den sozialdemokratischen und den stalinistischen Reformismus nicht vollständig ausrotten. Deren Existenz kann nur dann beendet werden, wenn Revolutionäre die politische Vorherrschaft in der Klasse gewonnen haben.

Sowohl die stalinistischen als auch die sozialdemokratischen Parteien sind Diener der bürgerlichen Weltordnung, doch sind sie beide in den Organisationen, die das Proletariat zum Kampf für seine Klasseninteressen geschaffen hat, verwurzelt. Beide werden sie von einer privilegierten Bürokratie dominiert, die der imperialistischen Bourgeoisie dient. Die grundlegenden Wurzeln der Sozialdemokratie liegen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, die historischen Wurzeln des Stalinismus aber in der bürokratischen Degeneration der Sowjetunion und daher in nach-kapitalistischen Eigentumsverhältnissen. Doch ist der Stalinismus um nichts weniger Diener der Bourgeoisie als die Sozialdemokratie. Durch seine politische Diktatur, die er in der Sowjetunion und den anderen degenerierten Arbeiterstaaten ausübt, blockiert er das Fortschreiten zum Sozialismus und diskreditiert gerade das Ziel einer klassenlosen, staatenlosen Gesellschaft – den Kommunismus. Durch die Verbreitung von Chauvinismus und Klassenkollaboration hemmt er die Internationalisierung der Revolution. Objektiv fördert er das Potential für kapitalistische Restauration in den Arbeiterstaaten, und in einer entscheidenden Krise wird er aus seinen oberen Kreisen die Kader für die gesellschaftliche Konterrevolution stellen.

Der widersprüchliche Charakter, den Stalinismus und Sozialdemokratie teilen, kann am besten durch ihre Charakterisierung als bürgerliche Arbeiterparteien zusammengefaßt werden. Keine von beiden ist qualitativ besser oder schlechter. Dabei muß eines klar sein: Die Tatsache, daß eine Partei eine sozialdemokratische oder stalinistische Ideologie besitzt, beweist für sich nicht, daß sie eine bürgerliche Arbeiterpartei ist. Eine bedeutende Anzahl von Parteien in der Sozialistischen Internationale sind bürgerlich-nationalistische Parteien ohne irgendwelche entscheidenden organischen Verbindungen zu ihrem eigenen Proletariat. Andererseits gibt es stalinistische Parteien, deren soziale Basis die Bauernschaft oder das städtische oder ländliche Kleinbürgertum ist. Doch als weltweite Strömungen behalten beide den Charakter von bürgerlichen Arbeiterparteien.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelten sich in gewissen Ländern revolutionäre Kämpfe (z.B. in Italien, am Balkan und in Frankreich). Doch die vereinten Kräfte von Sozialdemokratie und Stalinismus zerstreuten entschieden den spontanen Willen der Massen, mit ihren diskreditierten Bourgeoisien die Rechnungen zu begleichen. Nachdem die sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien ihre Rolle als Agenten der demokratischen Konterrevolution gespielt hatten, wurden sie von den Kapitalisten beiseite gestoßen, die dann, wo immer dies möglich war, in den blühenden Wirtschaften der 1950er und 60er Jahre offen bürgerliche Parteien ans Ruder brachten.

In den imperialistischen Kernländern leiteten die späten 1960er Jahre eine neue Periode heftigen Klassenkampfes ein, der beständig von unten durch eine selbstbewußte und gut organisierte Arbeiterklasse begann. In ganz Europa bemühten sich die stalinistischen und sozialdemokratischen Führer und ihre Verbündeten in den Gewerkschaften erfolgreich, diese Kämpfe zu zügeln und in den Grenzen der Legalität und der offiziellen Organisationen zu halten. In Frankreich, Portugal und Spanien wurde dem Stalinismus und der Sozialdemokratie Gelegenheit gegeben, ihre konterrevolutionäre Loyalität gegenüber dem Kapitalismus einmal mehr zu demonstrieren. Durch schwere Niederlagen in vielen Ländern Westeuropas bis Mitte der 1970er Jahre wurde die europäische Arbeiterbewegung zurückgeworfen und für die nächste Periode ruhiggestellt.

Am Anfang der zweiten großen Krise, der von 1979 bis 1982, hatten die bestehenden Führungen den Widerstand der Arbeiterklasse bereits erfolgreich demobilisiert und das Proletariat der imperialistischen Länder für ein Jahrzehnt der wirtschaftlichen Sparpolitik (der Austerity-Programme), der Anti-Gewerkschaftsgesetze und der Angriffe auf demokratische Rechte geöffnet. In der Regierung waren die Verräter nur zu glücklich, diese Angriffe zu initiieren und anzuführen. So nimmt in den 1980ern in den imperialistischen Kernländern die Führungskrise die Form der Unfähigkeit der Arbeiterklasse an, mit ihren eigenen bestehenden Parteien, Gewerkschaften und Strategien gegen die Attacken von Wirtschaftsliberalen a‘ la Thatcher und Reagan erfolgreichen Widerstand zu leisten.

Indem sich die keynesianische, sozial-liberale Sozialstaatlichkeit, mit ihrer „gemischten Wirtschaft“ und der Staatsintervention in die Wirtschaft diskreditiert hat, werden die sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien in eine ideologische und politische Krise gestürzt. Die Bourgeoisie will deren altes Programm nicht, und gleichzeitig ist dieses Programm für die Bedürfnisse der von Austerität und Arbeitslosigkeit getroffenen Arbeiterklasse denkbar unzureichend. Die Gewerkschaftsbürokratie kann keinen effektiven Widerstand gegen die Angriffe organisieren. Die zentristischen Kräfte der 70er Jahre sind geschrumpft und demoralisiert. Dennoch hat die Arbeiterklasse gegen ihre Feinde zurückgeschlagen. Massive und erbitterte Arbeiterkämpfe haben die 80er Jahre gekennzeichnet, doch in keinem Fall gelang es, einen entscheidenden Sieg zu erringen. Nur mit einer neuen Führung und einem neuen Programm kann die chronische Krise in der Arbeiterbewegung in den imperialistischen Kernländern gelöst werden.

In den degenerierten Arbeiterstaaten hat es die stalinistische Bürokratie geschafft, gerade die Idee des Sozialismus und des Kommunismus in den Augen der Arbeiterklasse zu diskreditieren. Den herrschenden Kasten gelang es nicht, ihre Rolle in diesen Gesellschaften zu legitimieren, sie haben versagt, den grundlegenden Einwand bezüglich ihrer eigenen Existenz zu entkräften: sie sind für das System der geplanten Eigentumsverhältnisse unnötig – und stellen tatsächlich eine Belastung für das System dar.

In den Nachkriegsjahrzehnten hat diese Kaste versucht, ihre Herrschaft durch ein Schwanken zwischen Marktexperimenten (um die Stagnation zu überwinden) und einer Straffung des bürokratischen Kommandos in der Wirtschaft abzusichern. Diese Erfahrung hat zu einem Fraktionskampf in den Bürokratien und sogar zu politischen Möglichkeiten für eine Opposition von unten geführt.

Die Arbeiterklasse der degenerierten Arbeiterstaaten hat sich wiederholt als die entschiedenste Kraft in dieser Opposition erwiesen. Mehr als einmal hat sie gegen bürokratische Privilegien und politische Unterdrückung gekämpft. In der Nachkriegszeit hat dieser Kampf die Arbeiter und Arbeiterinnen fast zur proletarischen politischen Revolution geführt. Dies hat sich durch die Schaffung von Sowjets (Ungarn 1956) und von Vorformen von Arbeiterräten (wie den fabrikübergreifenden Komitees in Polen 1980 und China 1989) gezeigt.

Doch in Abwesenheit einer politisch-revolutionären Strategie wurden die Arbeiter und Arbeiterinnen in jeder wesentlichen politisch-revolutionären Krise geschlagen. Ihre spontanen Kämpfe haben Vorstellungen hervorgerufen, die sowohl dazu dienten, die Macht der Bürokratie zu erhalten, als auch – unter bestimmten Bedingungen – die Kräfte der kapitalistischen Restauration zu stärken.

1956 führten in Ungarn und Polen falsche Hoffnungen in einen Teil der Bürokratie die Arbeiterklassen schließlich in die Niederlage. Syndikalismus und bloßes Gewerkschaftsdenken, wie bei Solidarnosc in Polen, führten den Kampf weg vom Ziel der politischen Macht und leiteten ihn um in einen utopischen Kampf für unabhängige Gewerkschaften, die gemeinsam mit bürokratischer Herrschaft existieren. Sogar der linke Flügel von Solidarnosc verbreitete die Illusion, daß selbstverwaltete Betriebe und nicht Arbeiterverwaltung über die zentralisierten Planmechanismen die Krise der Kommandowirtschaft überwinden könnte.

In der UdSSR stärkt der Nationalismus die Kräfte der bürgerlichen und klerikalen Restauration. In Osteuropa und China ersehnen sich die Arbeiter und Arbeiterinnen parlamentarische Demokratie – ein Gefühl, das aus der Erfahrung mit einer erdrückenden Autokratie ersteht. Das blutige Massaker an den mutigen Kräften der chinesischen „Demokratiebewegung“ durch die Tyrannen der Chinesischen Kommunistischen Partei führte lediglich zur Stärkung der bürgerlich-demokratischen Strömung in der Oppositionsbewegung.

Doch diese Hoffnungen in „Demokratie“, entleert von ihrem proletarischen Klasseninhalt, sind ein grausamer Betrug, der vom Imperialismus gefördert wird, um das Übergehen der Massen dieser Länder in das Lager der kapitalistischen Ausbeutung zu erleichtern. Ohne eine revolutionäre Führung und ein revolutionäres Programm wird das Zerbrechen des Stalinismus in seinen Kernländern nur für eine herrschende Minderheit in diesen Staaten von Nutzen sein. Im Gegensatz dazu wird eine Mehrheit der multinationalen Konzerne in den imperialistischen Ländern einen Aufschwung erleben.

Ohne eine revolutionäre Führung können die Möglichkeiten für eine politische Revolution, die in den Ereignissen von Ungarn 1956 und China 1989 beinhaltet waren, nicht verwirklicht werden. Ohne eine solche Führung werden die herrschenden stalinistischen Parteien weiterhin entweder die Handlanger der kapitalistischen Restauration oder die Vorboten einer militärisch-bürokratischen Vergeltung sein.

Stalinismus versus permanente Revolution

Der konterrevolutionäre Charakter des Stalinismus zeigt sich auch in seiner gewalttätigen Opposition gegen die Perspektive und das Programm der permanenten Revolution in den Halbkolonien und überall dort, wo bürgerlich-demokratische Fragen eine revolutionäre Bedeutung erlangen. Die Sozialdemokratie ist in den Halbkolonien weniger ausdauernd. In diesen Ländern ist die Arbeiteraristokratie und die Gewerkschaftsbürokratie aufgrund des unterentwickelten Charakters des Kapitalismus weniger fest etabliert. Auch hat der noch feigere Legalismus und Parlamentarismus der Sozialdemokratie dazu geführt, daß sie vollständiger als der Stalinismus verschwindet, wenn Demokratie und Parlament selbst Opfer von Bonapartismus und Diktatur werden.

Von Indonesien über Chile bis zu Südafrika heute hat der Stalinismus an der Perspektive einer demokratischen Etappe, die den Kampf um die Arbeitermacht ausschließt, jedoch alle möglichen bürgerlichen, kleinbürgerlichen, klerikalen und militärisch-bonapartistischen Verbündeten einschließt, festgehalten. Diese Volksfrontstrategie, die die demokratische Konterrevolution nach 1945 einleitete, hat seither zu blutigen und entscheidenden Niederlagen in revolutionären Schlüsselsituationen geführt.

Die Kommunistische Partei in Indonesien, die größte stalinistische Partei der kapitalistischen Welt, trat in die linksnationalistische Regierung von Sukarno 1965 ein und behauptete, daß sie an der Spitze eines „Volksstaates“ stünde. Unbewaffnet und nicht gewarnt durch ihre Führer wurden die Massen der PKI durch das Militär dahingemetzelt. Dieses Desaster ist direkt vergleichbar mit den Ereignissen in China 1927 und Deutschland 1933.

In Chile führten der Stalinismus und die sozialdemokratische Sozialistische Partei die Arbeiter und armen Bauern ins Unglück. Die Regierung Allende, die 1970 installiert wurde, war eine Volksfront, deren Programm auf bestimmte Reformen beschränkt war. Von Beginn an lehnte Allende die Bewaffnung der Arbeiter und Arbeiterinnen ab und garantierte dem reaktionären Oberkommando ein Monopol über die Armee. Dennoch führte die spontane Militanz der Arbeiterklasse zur Schaffung von „cordones industrial“, Vorformen von Sowjets, und sogar von schlecht bewaffneten Milizen. Sie führte zur Forderung nach Enteignung, gegen die sich Allende entschieden stellte. Die ökonomische Krise und Sabotage schafften das Klima für einen Staatsstreich durch Pinochet im September 1973, der Tausende in den Tod, die Folter oder die Gefangenschaft führte und Hunderttausende zur Flucht aus dem Land zwang.

Im Iran nahm die stalinistische Tudeh Partei am Sturz des Schahs durch die Massen teil, nur um danach die Durchsetzung von Khomeinis Islamischer Republik zu unterstützen. Im Namen der revolutionären Loyalität stand Tudeh der islamischen Reaktion beim Niedermetzeln der Arbeitermassen, der Linken und der kurdischen Rebellen bei. Im Gegenzug dafür entfesselte Khomeini seinen repressiven Apparat gegen Tudeh selbst.

Als führende Kraft im African National Congress (ANC) verschwendete die Südafrikanische Kommunistische Partei eine revolutionäre Gelegenheit durch ihre Politik, die Revolten in den Townships zur Erreichung von Verhandlungen mit dem „aufgeklärten“ Flügel des südafrikanischen Imperialismus zu verwenden. Nun zieht sie sich im Interesse der „weltweiten Stabilität“, die der Kreml anstrebt, von allen Formen der revolutionären Aktivität zurück.

Der Bankrott des Stalinismus und der Sozialdemokratie hat das Leben des bürgerlichen und kleinbürgerlichen Nationalismus in weiten Teilen der halbkolonialen Arbeiterklasse verlängert. Trotz ihrer gelegentlichen Fähigkeit, radikaler zu sprechen und zu handeln als die Arbeiterparteien, bleiben die nationalistischen Massenbewegungen und -parteien unfähig, die Misere der Arbeiter und Bauern zu lösen. Garcias APRA in Peru, die mexikanische PRI, die FSLN in Nicaragua, die PLO in Palästina und Sinn Fein in Irland bleiben alle strategisch an den Kapitalismus gebunden. Ihre Widerstandsaktionen werden nur so lange durchgeführt, als die Arbeiterklasse als unabhängige Kraft vom Kampf fern bleibt. Einmal herausgefordert durch die ausgeprägten Forderungen der Ausgebeuteten, werden diese „Antiimperialisten“ zu getreuen Verteidigern des Imperialismus.

Sofern nicht eine revolutionäre Partei all diese Kräfte aus der Führung der Arbeiterklasse hinauswerfen kann, drohen sie, ihre Fehler in den mächtigen Klassenkämpfen, die vor uns liegen, zu wiederholen. Um dies zu verhindern, ist es entscheidend, daß sich die bewußte Avantgarde der Arbeiter und armen Bauern in dem Zeitraum, der vom zwanzigsten Jahrhundert noch übrig bleibt, weltweit um ein internationales Übergangsprogramm neugruppiert.

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