Arbeiter:innenmacht

Nachruf auf Genossen Detlef Mühling

Frederik Haber, Infomail 1197, 1. September 2022

Ein halbes Jahrhundert war Detlef aktiver Sozialist und Revolutionär. Am 22. August starb er an einem Herzschlag, von dem er sich nicht mehr erholte. Auch wenn sich unsere Wege in den letzten Jahren trennten, so war der Genosse fast zwei Jahrzehnte in der Gruppe Arbeiter:innenmacht aktiv und zentral am Aufbau der Ortsgruppe in Kassel beteiligt. Mit ihm verscheidet ein engagierter, verlässlicher Kämpfer, der Zeit seines Lebens nach dem revolutionären Weg suchte.

Als Schüler und Student war Detlef im Kommunistischen Arbeiterbund Deutschlands (KABD) aktiv gewesen, aus dem später die MLPD entstand. Detlef war Teil einer Opposition, die als „kleinbürgerlich entartet“ und „trotzkistianisches Pferd“ diffamiert wurde.

In den bewegten 1968er Jahren hatte sich Detlef auch ein Berufsverbot als Lehrer eingefangen. Er beklagte sich nie darüber, auch wenn die fehlende Altersabsicherung ihm Sorgen bereitete. Revolutionär:innen brauchen keine Karriere. Er arbeitete als Freelancer. Als Kopierer und Großformatdrucker eingeführt wurden, spezialisierte er sich darauf, später auf die Digitalisierung von Texten und Zeichnungen.

Ende der achtziger Jahre führte seine Arbeit ihn auch nach Ostberlin: Die SED-Behörden wollten auch Kopierer, aber nicht mit US-kapitalistischen Unternehmen wie Rank Xerox oder Kodak zusammenarbeiten. Detlef fiel dabei allerhand brisantes Material in die Hände: Belege für die enge und freundschaftliche Zusammenarbeit der DDR mit Israel oder dem Apartheidregime in Südafrika.

Die Revolte in der DDR machte ab 1989 deren Veröffentlichung zweitrangig. Detlef suchte nach Wegen, sich mit revolutionären Kräften aus dem Osten zu verbinden, und schloss sich den „Arbeitskreisen für Arbeitnehmerpolitik“ an. Diese waren von der lambertistischen Internationale Sozialistische Arbeiterorganisation (ISA) initiiert worden. Sie hatte die Krise der DDR und des gesamten Ostblocks kommen sehen und auch die Dynamik, die die nationale Frage in Deutschland auslösen würde. Sie hatte mit der Kampagne „Biermann nach Bochum“ aktiv in die Bildung einer sozialistischen Opposition in der DDR eingegriffen, ganz im Sinne Biermanns, damals noch keineswegs der Reaktionär, zu dem er später geworden ist: „Die deutsche Einheit kommt, doch nur im Geiste des Propheten Karl Marx und nur im Klassenkampf der Bauern und Proleten!“

Die ISA, die die politische Revolution im Osten und die soziale Revolution im Westen propagierte, tat dies aber mit demokratisch und ökonomistisch beschränkten Losungen, die weder die Massen noch sie selbst gegen die bürgerlich-demokratische Konterrevolution bewaffneten. So hielt sie bis Mitte der 1990er Jahre an der Perspektive der bevorstehenden deutschen Revolution fest, leugnete die durch die Wiedervereinigung auf kapitalistischer Basis vollzogene Zerstörung des staatlichen Eigentums in der Ex-DDR und redete in den Massen auftretende reaktionäre und nationalistische Tendenzen klein. Mit der Beschönigung des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen war für Detlef eine Grenze überschritten.

Nicht nur für ihn. Gemeinsam mit Mitgliedern, die ihren Austritt mit dem Versuch verbanden, als Gruppe weiterzuarbeiten, fand er in der Folge den Weg zur Gruppe Arbeiter:innenmacht. Diese war damals im Wesentlichen auf Berlin und einzelne Genoss:innen in Norddeutschland beschränkt, konnte jedoch im Gegensatz zur ISA (und anderen) ernsthafte Analysen und programmatische Antworten auf zentrale Fragen des Klassenkampfes liefern.

Wie für viele, von mehreren Aufbauversuchen geprägte Genoss:innen stellte sich auch für ihn die Frage: Sollte er sich noch einmal darauf stürzen? In einer Zeit, wo viele Niederlagen in vielen Ländern mit der historische Niederlage des Zusammenbruchs der Sowjetunion „gekrönt“ worden waren? „Wir sollten es versuchen. Und wenn wir nur unsere Erfahrungen an die nächste Generation weitergeben können,“ lautete seine Antwort auf die Fragen.

Das hat Detlef getan und zwar ziemlich erfolgreich. Er trug zum Aufbau und Wachstum unserer Organisation bei, gewann einige jüngere Genoss:innen und baute eine Ortsgruppe in Kassel auf, ein wesentlicher Beitrag zur flächenmäßigen Verbreiterung der Gruppe. Er war immer gut für eigene Initiativen und Vorschläge.

Darüber hinaus trat er regelmäßig publizistisch in Erscheinung, verfasste zahlreiche Artikel der Neuen Internationale und mehrere ausführliche Beiträge in unserem theoretischen Journal „Revolutionärer Marxismus“ (darunter zur Geschichte der kommunistischen Bewegung und zur Analyse der NATO). Außerdem arbeitete er aktiv an mehreren Broschüren wie z. B. zu den sog. Rentenreformen zu Beginn des neuen Jahrtausends mit.

Es kam trotzdem zum Bruch. Vor acht Jahren verließ Detlef die GAM ohne politische Erklärung oder Abrechnung. Eine solche blieb er trotz mehrmaligen Nachfragens schuldig. Es gab zwar Meinungsverschiedenheiten in taktischen Fragen, aber die gibt es in jeder lebendigen Organisation. Er fühlte sich zuletzt von Jüngeren an den Rand gedrängt und sprach manchmal von „Altersdiskriminierung“. Insgesamt zeigte sich jedoch an dieser Stelle eine gewisse Demoralisierung, die paradoxerweise durch das Wachstum der Gruppe verursacht worden war und die Notwendigkeit, auch Arbeitsweisen älterer Genoss:innen zu ändern.

Später schloss er sich RCIT an. Auch wenn er dies als logischen Schritt rechtfertigte, blieb er bei Treffen zu politischen Gelegenheiten respektvoll, aber auch etwas ausweichend. Politisch war er leider in den letzten Jahren nur noch ein Schatten seiner selbst, was sich nicht zuletzt auch in den wenigen kurzen Texten, die zuletzt von ihm veröffentlicht wurden, ausdrückt.

Vergleichen wir diese mit früheren Zeiten, so drängt sich unwillkürlich die Erinnerung an Detlef in seiner Zeit in einer revolutionären Organisation wieder auf, in der er sich mit Enthusiasmus und Energie auf komplexe Fragestellungen warf, die er in aller Tiefe und Breite sowie Querverbindungen zu untersuchen trachtete. Manches Mal brachte dieses politische Begehren ihn in Schwierigkeiten, seine Erkenntnisse journalistisch auszudrücken, so groß war seine Hartnäckigkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Dass sich die politischen Wege von Detlef und der Gruppe Arbeiter:innenmacht trennten, kann nicht die großen Verdienste schmälern, die er sich für den Aufbau unserer Organisation erworben hat. Wir werden die Erinnerung an diese und Detlef immer bewahren. Wir senden seiner Gefährtin und Frau Anita sowie seiner Tochter Anika unsere aufrichtige Anteilnahme am Verlust eines Kämpfers und lieben Freunds.

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