Arbeiter:innenmacht

„Neue Internationale“ Nr. 300: Die Rolle einer revolutionären Zeitung

Leo Drais/Martin Suchanek, Neue Internationale 300, Mai 2026

Zum 1. Mai 2026 erscheint unsere 300. Ausgabe der „Neuen Internationalen“ – kurz NI, die wir seit Herbst 2001 unter diesem Namen herausbringen.

Seither hat sich die Welt deutlich gewandelt und damit auch der Hintergrund, vor dem wir die Zeitung herausbringen. 2001 war nicht nur das Jahr des 11. Septembers. Es war auch das Jahr der großen Gipfelproteste gegen die G8 in Genua und die Zeit der Sozialforenbewegungen – eine monatliche Zeitung war notwendig geworden, um hier intervenieren zu können, und als GAM waren wir bei einer Gruppengröße angekommen, dies zu stemmen.

Die Geschichte verstehen – die Geschichte der NI

Von da an haben wir in der NI 9-mal im Jahr unsere Analysen der Welt präsentiert und versucht, eine sozialistische Perspektive als Antwort auf Krisen und Kriege zu geben. Da waren der Überfall der USA und westlicher Verbündeter auf Afghanistan und den Irak, Letzterer begleitet von einer riesigen globalen Antikriegsbewegung. Der Angriff Schröders auf die deutsche Arbeiter:innenklasse in Form der Agenda 2010 und die Entstehung der Linkspartei. Der Beginn der Merkel-Ära (und viel später auch ihr Ende). Der Aufstieg Chinas und Russlands als imperialistische Mächte. Die Lehman-Brothers-Pleite 2008 und das Hereinbrechen einer bis heute anhaltenden historischen und ungelösten Krise des Kapitalismus, die zunächst globalen Widerstand hervorrief, der im Arabischen Frühling und in der griechischen Syriza-Regierung gipfelte, dann jedoch in einen tiefgreifenden Rechtsruck überging, nachdem der Arabische Frühling abgewürgt oder in Blut ertränkt worden war und die Syriza-Regierung vor dem deutschen Imperialismus kapituliert hatte. Es folgten der Aufstieg der AfD, der Rassismus, der erste Wahlsieg Trumps, der Brexit, die Anschläge von Hanau und Halle und eine De-facto-Abschaffung des Asylrechts. Tausende sind inzwischen im Mittelmeer vor der Festung Europa ertrunken. Dann – 2019 – entstand mit Fridays for Future eine globale Umweltbewegung, die den Klimawandel in den Fokus rückte, vor dem 2001 zwar gewarnt wurde, der sich nun jedoch mehr und mehr als die reale größte Bedrohung der heutigen Zivilisation offenbart – auch wenn inzwischen davon fast niemand mehr etwas wissen will. Mit der Coronapandemie wurde das neue Jahrzehnt eingeleitet, für das sich inzwischen der Begriff der „Zeitenwende“ etabliert hat: der Überfall Russlands auf die Ukraine als Vorstufe eines neuen Weltkrieges, der Genozid in Gaza, der zweite Wahlsieg Trumps, Venezuela, Iran …

Natürlich haben wir nicht alles davon so vorweggenommen – das ist unmöglich, eine Glaskugel hat niemand. Aber die grundlegende Tendenz dieser Entwicklung zu verstehen und anhand der tieferliegenden Prozesse des Kapitalismus zu prognostizieren, ist uns in der NI immer wieder gelungen, auch mit einer Selbstkorrektur, wenn das nötig war. Und das macht eine revolutionäre Zeitung aus: Sie bringt die Welt in einen Zusammenhang, versteht sie als Totalität und stellt sie nicht als eine große, quasi undurchschaubare Aneinanderreihung von Ereignissen dar, wie es die bürgerliche Presse tut.

Die Krise von 2008 markiert hier einen Wendepunkt, der der Zeitenwende 15 Jahre vorausging. Für uns war bereits in den 2000ern klar, dass der Kapitalismus auf eine solche Krise zusteuern muss, wenn Marx mit dem tendenziellen Fall der Profitrate Recht hatte – und er hatte es. In der NI haben wir auch dargelegt, dass dies zu einer Periode aus Revolution und Konterrevolution führen wird und dass der Kampf um die Neuaufteilung der Welt auf eine neue Stufe gehoben werden wird.

Klassenstandpunkt

Die Geschichte zu verstehen, heißt, sie verändern zu können. Und so ist die NI nicht nur ein Kompass, der versucht zu erklären, warum es ist, wie es ist, sondern auch, worin der Weg raus aus den Problemen dieser Welt liegen kann. Der Name der Zeitung kommt dabei nicht von ungefähr: Für uns ist der Aufbau einer neuen revolutionären kommunistischen Internationale der Arbeiter:innenklasse die unumgängliche Vorbedingung für eine internationale sozialistische Revolution, die ihrerseits die Voraussetzung dafür ist, mit einer Welt aus Krieg und Klimakrise Schluss zu machen. Somit war und ist die NI auch immer Programm gewesen, ein Ort, wo wir unsere Perspektive diskutieren und in Kämpfe tragen.

Denn eine revolutionäre Zeitung nimmt keinen vorgeblich „neutralen“ Standpunkt wie die bürgerliche Presse ein, hinter dem sich dann doch eine Verteidigung der Verhältnisse verbirgt. Eine scheinbare Neutralität bewirkt, dass es bleiben soll, wie es ist.

Demgegenüber ist ein kommunistisches Organ parteiisch, vertritt einen Klassenstandpunkt: den des Proletariats. Es muss darstellen, welche Interessen die Arbeiter:innenklasse in einem bestimmten Konflikt verfolgt oder verfolgen muss, wie sie Hindernisse dabei überwinden kann, welche Bündnispartner:innen sie dafür gewinnen oder von welchen sie sich trennen muss, welche strategischen und taktischen Schritte notwendig sind.

Kurzum, eine Aufgabe besteht darin, einen Klassenstandpunkt, ein Klassenbewusstsein zu entwickeln.

Diese Aufgabe ist zentral, weil das bürgerliche Medienmonopol und seine dahinterstehende Ideologie zur Manipulation des Bewusstseins der Unterdrückten führen oder wenigstens das Gefühl ihrer Ohnmacht, der Ausweglosigkeit der bestehenden Verhältnisse festigen. Aber das ist nicht der einzige Grund.

Das Bewusstsein der Lohnabhängigen ist nicht spontan revolutionär. Das Lohnarbeitsverhältnis führt dazu, dass die bestehenden Verhältnisse „verkehrt“ oder „falsch“ zu Bewusstsein kommen. So meinen die meisten Leute, Ausbeutung wäre nur dann gegeben, wenn der Preis für die Arbeitskraft zu niedrig ist. Die wirkliche Ausbeutung – die Aneignung des geschaffenen Mehrwerts – ist durch die Lohnform verschleiert.

Natürlich gerät die tägliche Erfahrung der Arbeiter:innen an verschiedenen Stellen damit in Widerspruch. Aber das ersetzt noch keine Aufklärung, keine Analyse der Ausbeutung, ihres Wesens und ihres historischen Charakters.

Der Klassenstandpunkt der Arbeiter:innenklasse ist nicht einfach mit dem Bewusstsein der Klasse identisch und kann es auch nicht sein. Ebenso wenig erschöpft sich kommunistische Propaganda auf das „unmittelbare“ Arbeiter:inneninteresse, auf Fragen wie Lohn, Arbeitszeit und so weiter. So wichtig diese Fragen sind: Eine revolutionäre Zeitung muss diese Fragen in den Kontext des Kampfes zur Abschaffung des gesamten Systems der Lohnarbeit stellen. Sie muss versuchen, alle wichtigen politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen Fragen zu beleuchten. Sie muss versuchen, nicht nur unmittelbare Arbeiter:inneninteressen zu artikulieren; sie muss die Beziehung aller Klassen, Parteien, Verbände, Gewerkschaften, Bewegungen analysieren und den Leser:innen von einem marxistischen Standpunkt aus darstellen. Sie muss allen internationalen Fragen einen zentralen Stellenwert beimessen. Sie muss alle Formen der politischen und sozialen Unterdrückung, alle großen gesellschaftlichen und politischen Fragen – also nicht nur jene, welche die Arbeiter:innen direkt betreffen – thematisieren und zeigen, dass die Arbeiter:innenklasse zu all diesen Fragen Stellung beziehen und für die Unterdrückten Partei ergreifen muss.

Nur so kann die Klasse – und das heißt zuerst ihre Avantgarde – befähigt werden, sich und alle anderen Unterdrückten zum Sturz des Kapitalismus zu führen. Nur so kann wirklich kommunistisches, revolutionäres Klassenbewusstsein entstehen.

Elementar sind hierbei bezogen auf die Zeitung:

1) Die politischen und organisierenden Schlussfolgerungen, die jede kommunistische Propaganda und Agitation einschließen müssen (z. B. Aufruf zur Bildung von Aktionsbündnissen, zum Aufbau einer Basisbewegung in den Gewerkschaften, …), sollen immer eine organisierende Tätigkeit darstellen, für die die Mitglieder der revolutionären Organisation eintreten. Sei es in Form der Propaganda, der Agitation oder, indem sie direkt bestimmte Bündnisse ins Leben rufen oder Aktionen durchführen.

2) Die Schwerpunktsetzungen einer revolutionären Zeitung sollen nicht nur auf die objektiven Klassenkampferfordernisse bezogen sein. Sie müssen stets auch in einer engen Bindung zu den Perspektiven des Aufbaus einer revolutionären Organisation stehen. Die Artikel dienen dazu, die politische Geschlossenheit unter verschiedenen örtlichen Gegebenheiten (und durchaus unter Berücksichtigung dieser „Besonderheiten“) sicherzustellen und zu festigen.

Das schließt auch die polemische Auseinandersetzung mit anderen Strömungen der Linken ein. Die Vorstellung, dass solche „Streitigkeiten“ nicht vermittelbar wären, lehnen wir ab. Die Isolierung und Zersplitterung der revolutionären Linken werden nicht dadurch überwunden, dass grundlegende Differenzen und Prinzipienfragen wieder einmal vertagt werden. Im Gegenteil: Damit wird das Ziel der politischen Aufklärung der Arbeiter:innen und linker Leser:innen eigentlich hintertrieben. Letztlich hat uns dieser Standpunkt – den Weg der Debatte zur Einheit, den Weg der Klarheit vor der Einheit – auch dazu gebracht, dass wir mittlerweile der Internationalen Sozialistischen Liga (ISL) angehören; ein Prozess, an dem auch die NI ihren Anteil trägt. Eine Zeitung dient für Kommunist:innen somit eben nicht einfach als „Informationsorgan“ für die Arbeiter:innen, radikale Intellektuelle und Jugendliche. Sie dient auch als Mittel zum Aufbau der revolutionären Organisation, als „kollektive Organisatorin“, wie es Lenin einmal ausdrückte.

Gradmesser der Organisation

Längst ist die NI dabei nicht mehr unser alleiniges propagandistisches Mittel: 2001 spielte das Internet noch lange nicht die große und dominierende Rolle als Informationsmedium wie heute. Schließlich gab es weder Instagram, TikTok noch YouTube. Die Verbreitung linker Ideen im Internet beschränkte sich auf (aus heutiger Sicht) spartanisch anmutende Websites sowie Infomails. Auch das hat sich inzwischen gewandelt. Zu einer bestmöglichen professionellen Arbeit einer kleinen politischen Gruppe gehört inzwischen ein enormer Aufwand, um Algorithmen zu füttern und einen ansprechenden Auftritt im Web zu haben, wo wir im Schnitt einen Artikel pro Tag veröffentlichen.

Und apropos ansprechend: Vor 4 Jahren unterzogen wir die NI einem Re-Design, wobei es uns gelang, dass die Zeitung ihrem Charakter als Magazin mit theoretischer Tiefe treu blieb. Auf der Titelseite steht weiterhin: Revolution, Rätedemokratie, Kommunismus; drinnen stehen weiterhin marxistische Antworten.

Der Layoutaufwand ist damit gestiegen und zeigt, dass wir auch darin gewachsen sind. Und klar: Ideal wäre natürlich eine kommunistische Tageszeitung wie etwa die bolschewistische „Prawda“. Doch ob gedruckt oder im Web – auch das setzt eine Organisation voraus, die in der Lage wäre, ein solches Projekt umzusetzen. Davon sind wir als kämpfende Propagandagruppe noch ein gutes Stück entfernt. Aber der Beitrag und die Zweckmäßigkeit einer revolutionären Monatszeitung – wie jeder revolutionären Publikation vom theoretischen Journal über die Homepage bis zum Flugblatt – müssen sich daran messen lassen, ob und wie sehr sie einen Beitrag zum Parteiaufbau, zur Organisierung von Kommunist:innen und der Verbreitung ihres Programms leisten.

Eine revolutionäre Zeitung ist eine Zeitung der gesamten Mitgliedschaft. Sie soll neben zentralen politischen Artikeln zu den „großen Fragen“ auch dazu dienen, eine reale Öffentlichkeit der Unterdrückten herzustellen. Sie soll auch dazu dienen, Berichte aus Betrieben, aus sozialen Kämpfen, aus der Schule, von Erwerbslosen und ihren Aktionen und Erfahrungen bekannt zu machen, um die eigene (scheinbare oder reale) Isolation zu überwinden, und dazu beitragen, gemeinsame Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Zeitung lebt von der Organisation, von den Genoss:innen, die sie schreiben, layoutieren und verbreiten. Dies ist noch lange kein Selbstläufer. Die NI stellt jedoch zugleich ein Mittel dar, anhand dessen Mitglieder und neue Genoss:innen sich diese Fähigkeiten aneignen und selbst zu Revolutionär:innen entwickeln können.

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