Leonie Schmidt, Neue Internationale 299, April 2026
Im Januar diesen Jahres wurde Yosef, ein 14-jähriger schwarzer Junge aus Eritrea, in der nordrhein-westfälischen Stadt Dormagen tot aufgefunden. Schnell war klar: Es handelt sich um ein Tötungsdelikt. Mittlerweile konnte ein Tatverdächtiger ausgemacht werden. Offenbar ein 12-jähriger deutscher Mitschüler von Yosef.
Medien und Polizei waren einmal mehr schnell darin, ein rassistisches Tatmotiv herunterzuspielen oder gar nicht erst ernsthaft in Betracht zu ziehen. Zwar halten die Ermittlungen an, doch die öffentlichen Darstellungen, welche vor Täter-Opfer-Umkehr nur so strotzen, wurden bereits gestreut: Der Täter habe nicht im Affekt gehandelt, sondern die Tat geplant, gerade weil er sich gemobbt gefühlt habe. Natürlich wollen wir keine Mutmaßungen anstellen, doch diese „Begründung“ kommt mal wieder sehr gelegen. Um die weißen Täter zu entlasten oder ihre Handlungen außerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse zu verorten, wird bei Morden an schwarzen Personen schnell Empathie für die weißen Tatverdächtigen und Täter gepredigt, von psychischen Erkrankungen ausgegangen oder jede mögliche rassistische Gesinnung relativiert, individualisiert oder gleich ganz ausgeblendet (selbst bei eindeutigen Anzeichen). Oder wie in diesem Fall, direkt die Schuld verlagert. Das vermeidet nicht nur eine kritische Reflexion über den sozialen Kontext dieser Tat, sondern wehrt damit auch das weiße Unbehagen ab, sobald es zu einer wirklich kritischen Reflexion über rassistische Strukturen kommen könnte, was in dem Begriff „White Fragility“ zusammengefasst wird.
Es ist ein Skandal, dass die von dpa und WDR zitierten Ermittlerkreise solche Informationen überhaupt in einem derart frühen Stadium der Ermittlungen streuen. Zu diesem Zeitpunkt ist keineswegs geklärt, was den Aussagen des Tatverdächtigen zugrunde liegt, wie belastbar diese Darstellung ist und welche gesellschaftlichen Dynamiken in der Vorgeschichte tatsächlich eine Rolle spielten. Denn wenn sich Betroffene von Rassismus gegen Anfeindungen wehren, wird ihre Gegenwehr nicht selten selbst als Aggression oder Kränkung gewertet, während sich weiße Akteur:innen als die eigentlichen Opfer verstehen. So oder so kennen wir bislang nicht die ganze Vorgeschichte und selbstverständlich würde auch Mobbing keinen brutalen Mord rechtfertigen. Gerade deshalb ist es politisch brisant, wenn Ermittlungsbehörden schon früh Deutungen in Umlauf bringen, die ein mögliches rassistisches Motiv in den Hintergrund drängen. Denn Polizei und Justiz sind keine neutralen Instanzen über den gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern reproduzieren diese vielfach selbst.
Zugleich wurde natürlich direkt wieder das Framing (der meist bewusst gesteuerte Prozess einer Einbettung von Ereignissen und Themen in Deutungsraster und Narrative bzw. Erzählmuster) des „guten Ausländers“ betrieben. Yosef sei gut integriert gewesen (Sat 1 Crime) und wäre bisher nicht straffällig geworden (WDR). Dinge, die überhaupt nichts zur Sache tun, wenn ein schwarzer Jugendlicher brutal ermordet wird und Familie, Mitschüler:innen und Fußballfreunde von Yosef um ihr Familienmitglied und ihren Freund trauern. Dinge, die vor allem nichts zur Sache tun, in einem derart rassistischen Klima, welches in Deutschland und in der EU aktuell vorherrscht. Und auch Dinge, die letztlich versuchen, zu relativieren und den Fokus von der strukturellen rassistischen Gewalt abzulenken, die schwarze Menschen erfahren. Gerade darin zeigt sich diese Gewalt auch: dass schwarze Menschen sich erst als „unschuldig“, „integriert“ oder „unauffällig“ qualifizieren müssen, um überhaupt öffentliche Empathie zu erhalten.
Zudem werden diese Aussagen von den Medien nicht hinterfragt und einfach übernommen. Erst schwarze „Creator:innen“ wie beispielsweise Noko (@esistnoko auf Instagram) mussten diese und andere rassistische Framings einordnen und darauf aufmerksam machen. Die Arbeit bleibt also wieder einmal an den Betroffenen hängen. Trotzdem änderte sich nichts an der Berichterstattung. Auch dass gerade diese Form der politischen Aufklärungsarbeit durch Betroffene derart notwendig ist, ist kein Einzelfall und bestätigt die strukturelle Dimension von Rassismus und anderer Unterdrückung.
Hinzu kommt, dass der mutmaßliche Täter nicht strafmündig ist, da er noch unter 14 ist. NRW-Innenminister Herbert Reul fällt dazu nichts anderes ein, als eine Debatte über frühere Strafmündigkeit anzustreben. Doch das setzt am völlig falschen Ende an. Damit unterstellt er zunächst einmal, dass Gerichte über den gesellschaftlichen Verhältnissen stünden und frei von strukturellem Rassismus urteilen würden. Ein absoluter Fehlschluss, wie z. B. der Fall von Quabel A. zeigt, der im März 2025 von Polizist:innen bei der Vollstreckung eines rechtswidrigen Haftbefehls in seiner Wohnung erschossen wurde. Der Prozess wurde fallengelassen. Oder der Mord an Mahdi ben Nacer, welcher in seiner Geflüchtetenunterkunft von einem Rechtsradikalen mit einer Pistole aus der Nazizeit erschossen wurde. Der Täter wurde zwar verurteilt, allerdings wurden rassistische Motive dabei ausgeschlossen. Die Schwester von Mahdi ben Nacer ging in Berufung. Oder der Polizeimord an Mouhamed Dramé. Oder der Polizeimord an Oury Jalloh, bei dem heute von Seiten des Staates nur von einer fahrlässigen Tötung – aber keinesfalls von einem Mord – ausgegangen wird, wenngleich der vermeintliche Tathergang (das Opfer habe sich selbst in Brand gesteckt) laut Untersuchungen überhaupt nicht haltbar ist. Oder, oder, oder … Wir können hier leider nicht alle Fälle der letzten Jahre und Jahrzehnte aufzählen, bei denen schwarze Menschen ermordet wurden und die weißen deutschen Täter:innen – teilweise von der Polizei – nicht einmal das mögliche Strafmaß für Mord nach der Prozesslogik des deutschen Staates erhalten. Weder die Morde noch die rassistischen Hintergründe der Taten sind Einzelfälle. Es ist im Sinne des deutschen Staates, Rassismus aufrechtzuerhalten, zu reproduzieren und anzufeuern. Denn nur so können Abschiebungen und imperialistische Bestrebungen legitimiert werden. Nur so können schwarze Menschen und allgemein rassistisch unterdrückte Personen im Niedriglohnsektor ausgebeutet werden. Und nur so kann die Arbeiter:innenklasse gespalten werden, weil sie jemand anders für ihre Ausbeutung als Feind:in ansehen soll als die herrschende Klasse.
Reuls Vorstoß greift nicht nur zu kurz, weil er erst nach der Tat ansetzt. Er verschleiert vor allem, dass rassistische Gewalt nicht aus einem Mangel an Härte des Strafrechts entsteht, sondern aus gesellschaftlichen Verhältnissen, die Rassismus systematisch hervorbringen und normalisieren. Wer deshalb nur an Strafmündigkeit und Strafe denkt, individualisiert das Problem. Notwendig ist stattdessen ein Kampf gegen die materiellen, ideologischen und staatlich abgesicherten Grundlagen des Rassismus selbst. Dazu gehört auch die konsequente politische Aufklärung gegen Rassismus, insbesondere gegenüber schwarzen Menschen und Muslim:innen.
Eine repräsentative Studie der European Union Agency for Fundamental Rights zeigt, wie stark der Alltag schwarzer Menschen in der EU von strukturellem Rassismus geprägt ist. 45 % der schwarzen Personen in der EU erfahren Diskriminierung, 30 % erfahren rassistische Schikane, aber zeigen es nicht an. 58 % haben die letzte Polizeikontrolle als Racial Profiling wahrgenommen und 34 % erleben rassistische Diskriminierung bei der Jobsuche. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit dreimal höher, dass schwarze Jugendliche die Schule abbrechen. Diese Zahlen beschreiben keine bloßen Vorurteile im Kopf Einzelner, sondern ein System aus rassistischer Ausgrenzung im Alltag, auf dem Arbeitsmarkt, im Bildungssystem und durch staatliche Institutionen.
Wie sehr rassistisches Denken in Deutschland gefestigt ist, zeigt zudem eine repräsentative Studie des Deutschen Zentrums für Migrations- und Integrationsforschung: Viele Menschen in Deutschland glauben demnach an vermeintlich naturgegebene Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien und Kulturen. So gehen zwei von drei Befragten davon aus, dass bestimmte Kulturen fortschrittlicher seien als andere. Knapp die Hälfte glaubt, dass „gewisse Gruppen von Natur aus fleißiger seien als andere“. Und etwas mehr als ein Drittel denkt, dass es „unterschiedliche Rassen“ geben würde. Auch die rechtsextremen und explizit muslimfeindlichen Einstellungen nehmen zu, wie eine weitere Studie des MOTRA-Monitors nahelegt.
Wir sehen also: Rassistische Gewalt ist kein Problem „krimineller Einzelfälle“ oder straffälliger Minderjähriger, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse, in die eine rassistische Hierarchisierung fest eingeschrieben ist. Der Kampf gegen rassistische Gewalt darf sich also nicht auf moralische Verurteilung oder auf den Ruf nach einem härteren Staat verlassen. Solange Rassismus durch Schule, Medien, Polizei, Migrationsregime und Arbeitsmarkt tagtäglich reproduziert wird, kann er auch nicht durch einzelne Urteile oder symbolische Betroffenheitsbekundungen überwunden werden. Nötig ist vielmehr eine politische Praxis, die antirassistischen Widerstand mit dem Kampf gegen Abschiebungen, staatliche Repression, Prekarisierung und die Spaltung der Arbeiter:innenklasse verbindet. Nur so kann aus berechtigter Empörung eine organisierte Gegenmacht werden.
Wir fordern: