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Jette Kromann (Dänemark), Neue Internationale 298, Februar 2026
Auch wenn vielfach behauptet wird, dass die USA vor allem wegen der Rohstoffe an Grönland interessiert seien, so ist es insbesondere die Großmachtrivalität mit China und Russland, die offenbar zur direkten Übernahme des Landes drängt. Nach dem brutalen Angriff der USA auf Venezuela und den Drohungen gegen mehrere Länder in Latein- und Mittelamerika, in denen China wirtschaftlich gut etabliert ist, hat Trump seine Doktrin offen erklärt: Die USA müssen die westliche Hemisphäre dominieren. Dass die USA aus geopolitischen Erwägungen Anspruch auf Grönland erheben, ist nichts Neues. Neu ist die verschärfte internationale Polarisierung zwischen den USA und China/Russland.
Im Gegensatz zu Venezuela und mehreren anderen lateinamerikanischen Ländern, die derzeit ebenfalls mit einer drohenden Aggression seitens der USA konfrontiert sind, haben weder China noch Russland derzeit einen wirtschaftlichen Einfluss oder eine Präsenz in Grönland – ganz zu schweigen von einer militärischen Präsenz. Im Jahr 2019 drängte die USA die anderen Teilnehmer des Arktischen Rates, chinesische und russische Interessen daran zu hindern, sich in Grönland zu etablieren. Seitdem hat sich China auf die russische Arktis konzentriert. Mit der Verwirklichung einer künftig zunehmenden nationalen Unabhängigkeit Grönlands würde sich diese Situation mit Sicherheit ändern. Diese mögliche Aussicht ist ein weiterer Grund für die Forderungen der USA. Und mit der Öffnung ehemals zugefrorener arktischer Gewässer und Küstengebiete durch die Klimakrise – das Eis des Nordpolarmeers schmilzt – werden weitere Transportwege erschlossen und mögliche Bergbaugebiete entlang der Küsten freigelegt.
Militärisch dominiert die USA das Land völlig uneingeschränkt und tut dies seit Beginn des Zweiten Weltkriegs ununterbrochen und ungehindert. Gleichzeitig hat sie die Anzahl ihrer Stützpunkte und Truppen zugunsten der militärischen Raketenüberwachung reduziert.
Militärisch hat die USA also bereits die volle Kontrolle über Grönland. Eine tatsächliche militärische Besetzung würde die vollständige Übernahme des Staatsapparats des Landes bedeuten. Der kleine imperialistische dänische Staat ist militärisch gesehen eine kleine Tochtergesellschaft des US-Imperialismus. Heute hat Grönland formal Selbstverwaltung, wenn es um lokale Angelegenheiten geht, den Status einer dänischen Region/Gemeinde, mit einem völlig unzureichenden dänischen Finanzbeitrag und ohne eigene Außenpolitik und sonstige Staatsgewalt. Natürlich sind weder Dänemark noch Grönland in der Lage, einem militärischen Angriff der stärksten imperialistischen Macht der Welt in irgendeiner Weise Widerstand zu leisten.
Der imperialistischen Aggression der USA stehen die imperialistischen Mächte der EU und ihre Interessen gegenüber. Angesichts der fortdauernden imperialistischen Kolonialherrschaft Dänemarks über Grönland und der Zugehörigkeit Grönlands zur NATO wird die Forderung der USA, Grönland zu besitzen, zu einem direkten Angriff auf die imperialistischen Mächte Europas/die EU und ihre NATO-Mitgliedschaft. Die Beziehungen zwischen den USA und der EU innerhalb der NATO befinden sich aufgrund der Angriffe der USA bereits in einer tiefen Krise. Eine militärische Übernahme Grönlands durch die USA würde einen Bruch zwischen der EU und den USA in Bezug auf die NATO bedeuten.
Die imperialistischen europäischen Staaten haben fieberhaft ihre Unterstützung für die dänische „Reichsgemeinschaft“ (wie das dänische „Königreich“ offiziell bezeichnet wird) – und damit auch Grönland – bekundet. Aber sie stehen den USA machtlos gegenüber, da sie zwischen ihrer Abhängigkeit von den USA und ihren eigenen Interessen hin- und hergerissen sind. Die Frage ist, ob die USA endgültig die Beziehungen zwischen Europa und den USA in der NATO durch eine militärische Besetzung und Übernahme von Grönland riskieren werden. Im Raum steht daher auch die wirtschaftliche Übernahme.
Eine wirtschaftliche Übernahme würde keinerlei Risiko für die NATO darstellen und könnte eine Mischung aus direkten wirtschaftlichen „Geschenken“ an Einzelpersonen und einer umfassenden US-amerikanischen Wirtschaft beinhalten. Und dies richtet sich an eine Inuit-Bevölkerung, die in einem begründeten Gegensatz zur anhaltenden kolonialen Arroganz Dänemarks steht und unter einer extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit leidet, wobei viele keine Ausbildung haben, sowie an eine Inuit-Bevölkerung, die unter weit verbreiteter allgemeiner Armut leidet. Das Land ist wirtschaftlich unterentwickelt und tief geprägt vom dänischen Kolonialismus, der die ursprünglich notwendige wirtschaftliche Akkumulation verhindert hat, die für die wirtschaftliche Entwicklung jedes Landes erforderlich ist. Derzeit wird in den USA ein mögliches sogenanntes COFA-Abkommen (Compact of Free Association) diskutiert – ein Assoziierungsabkommen mit einer bescheidenen finanziellen Unterstützung durch den US-Imperialismus – und formeller nationaler Selbstbestimmung – einer kulturellen Dominanz und massiven militärischen Vorherrschaft.
Am 14. Januar 2026 fand ein Treffen auf Außenministerebene zwischen Dänemark, Grönland und den USA statt, das ohne Ergebnis blieb, aber mit der Vereinbarung, weitere Treffen abzuhalten. Möglicherweise wird ein COFA-Abkommen oder etwas Ähnliches zum Thema.
Die Forderung der USA geht einher mit einem wachsenden Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung. Sie wurde mit den größten Protestdemonstrationen in der Geschichte Grönlands aufgenommen. Gleichzeitig verschärft sich die Krise in den Beziehungen zwischen Grönland und der sozialdemokratisch geführten Mehrheitsregierung in Dänemark. Hier nur zwei Beispiele für die Fortsetzung der alten kolonialen Übergriffe Dänemarks gegen die grönländische Inuit-Bevölkerung, die zeigen, wie zerstörerisch die dänische Kolonialpolitik gewesen ist und wie wenig die dänische Kolonialmacht ihren kolonial-imperialistischen Klassencharakter grundlegend verändert hat.
Der erste Fall wurde vor vier bis fünf Jahren ans Licht gebracht. Die dänischen Behörden hatten ohne Zustimmung der Eltern Inuit-Kinder an dänische Familien in Dänemark adoptiert, wo ihnen ihre Sprache und der Kontakt zu ihren Inuit-Eltern genommen wurden Der Plan der kolonialen Herrscher:innen war, dass diese Kinder als Dän:innen erzogen werden und als Erwachsene eine zukünftige dänisch orientierte Elite in Grönland bilden sollten. Die wenigen dieser Kinder, die diese brutale Trennung von ihren Eltern, ihrer Sprache und ihrer Umgebung psychisch und physisch überlebten, mussten nun als 70- und 80-Jährige den dänischen Staat verklagen, um ihn zu zwingen, eine finanzielle Entschädigung und eine offizielle Entschuldigung zu leisten. Viele dieser Kinder begingen als Erwachsene Selbstmord oder wurden Alkoholiker. Nur wenige erhielten nach einem Gerichtsverfahren endlich diese symbolische Entschädigung für ein zerstörtes Leben.
Das zweite Beispiel für gewalttätige Übergriffe ereignete sich über viele Jahre hinweg in den 1960er und 1970er Jahren. Der ehemalige Ministerpräsident Grönlands, Múte B. Egede, bezeichnet es als Völkermord. Ohne dass die jungen Schülerinnen – die teilweise erst 13 Jahre alt waren – wussten, was vor sich ging, wurden sie zum Arzt geschickt, um sich Spiralen einsetzen zu lassen, damit sie nicht schwanger werden konnten und es nicht zu einem – für die dänischen Kolonialherr:innen – unerwünschten Bevölkerungswachstum kam. Dies geschah unter der Aufsicht des dänischen Gesundheitswesens, das alle Fälle registrierte – 4.500 Mädchen und sehr junge Frauen. Viele erfuhren erst viele Jahre später, was ihnen widerfahren war. Viele waren jahrelang krank aufgrund der damals verwendeten primitiven Spiralen, die bei den jungen, zierlichen Mädchen und Frauen eingesetzt wurden. Oft wurden die Spiralen erst entdeckt, als sie als Erwachsene über Jahre hinweg nicht schwanger werden konnten und gründlich untersucht wurden. Chronische Krankheiten und Kinderlosigkeit waren für viele die Folge. Es ist symptomatisch für die anhaltende imperialistische Arroganz Dänemarks, dass es für die Frauen – 143 jetzt sehr alte Frauen – notwendig war, den dänischen Staat zu verklagen, um ihre Leiden anerkannt zu bekommen, eine finanzielle Entschädigung und eine offizielle Entschuldigung zu erhalten.
Als revolutionäre Sozialist:innen unterstützen wir das uneingeschränkte Recht des Inuit-Volkes auf nationale Selbstbestimmung, einschließlich eines vollständigen Bruchs mit der dänischen Kolonialmacht. Die letzten Parlamentswahlen in Grönland im April 2025 bestätigten den massiven Wunsch der Bevölkerung nach mehr nationaler Selbstbestimmung mit einer fast einstimmigen Zustimmung zu dieser Forderung – schneller oder langsamer.
Revolutionäre Sozialist:innen erkennen das Recht des Inuit-Volkes auf nationale Selbstbestimmung an und unterstützen es, einschließlich der Abkehr von allen Formen des Kolonialismus. Revolutionär:innen in Dänemark müssen ihre Kritik in erster Linie gegen ihre eigene imperialistische Bourgeoisie richten – die dänische Regierung und Kapitalinteressen – in Solidarität mit Grönland. Im Gegensatz zu Pelle Dragsted, dem Vorsitzenden der dänischen linksreformistischen Partei Enhedslisten (Schwesterpartei der „Linken“), der sich hinter die eigene und die imperialistische Bourgeoisie der EU stellt und vorschlägt, europäische Soldat:innen nach Grönland zu entsenden, um Trump abzuschrecken. Dies würde zu einer ganz klaren interimperialistischen Konfrontation zwischen der EU/den imperialistischen europäischen Staaten und den USA führen. Als revolutionäre Sozialist:innen können wir nicht unsere „eigene“ imperialistische Seite gegen den Imperialismus der USA unterstützen. Es besteht die äußerst gefährliche Gefahr einer Eskalation auf internationaler Ebene. In dieser Situation haben die imperialistischen europäischen Mächte eine gemeinsame Militärübung begonnen und planen die Stationierung permanenter Truppen. Bislang haben sie (symbolische) Truppen aus Schweden, Deutschland, Frankreich und England entsandt. Dies könnte ein Hindernis für Trumps militärischen Angriff darstellen. Eine direkte militärische Konfrontation zwischen den imperialistischen Staaten der EU und den USA würde mit ziemlicher Sicherheit zu einem Bruch zwischen Europa und den USA in der NATO führen. Angesichts der verstärkten Allianz zwischen China und Russland ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die USA einen solchen Bruch mit Europa und den Zusammenbruch der NATO riskieren würden.
In der dänischen Öffentlichkeit haben prokoloniale Kräfte die Wahrheit in den dänischen Staatsmedien verdrängt, als diese es wagten, zu äußern, dass Dänemark von der historischen Kryolith-Gewinnung (Kryolith: seltenes Halogenidmineral) in Grönland profitiert habe. Die öffentliche Lüge lautet, dass das Volk der Inuit eine wirtschaftliche Belastung für die dänische Gesellschaft war und ist. Tatsächlich hat der dänische Staat, unter anderem durch seine Konzentration auf Rohstoffraubbau in Grönland, dem Land eine konkrete Möglichkeit für wirtschaftliche Eigenentwicklung geraubt, um die dänische Wirtschaft zu fördern. Diese verlorenen Werte für die Gesellschaft in Grönland sind Werte, die der dänische Staat heute Grönland und dem Volk der Inuit schuldet und die der dänische Kolonialstaat nun zurückzahlen muss. Darüber hinaus müssen Revolutionär:innen die revolutionären historischen Erfahrungen aus dem Freiheitskampf der indigenen Völker im marxistischen Licht weitergeben, als Beitrag zur Inspiration und politischen Entwicklung der neuen radikalen Generation freiheitsliebender Inuit-Jugendlicher. Revolutionär:innen in Dänemark müssen Wissen und politischen Austausch mit Linken und Radikalen unter den Inuit in Dänemark suchen, um den Kern einer revolutionären sozialistischen Partei in Grönland zu entwickeln. Sie müssen die radikale Jugend in Grönland in direkten Kontakt mit anderen revolutionären Sozialist:innen und anderen jungen Menschen indigener Völker bringen, um einen Austausch und eine internationale revolutionäre Organisation zu ermöglichen.