Arbeiter:innenmacht

Westsahara: Tausende Leute marschieren für den Kampf der Sahrauis

Santi González/Flor Salgueiro (Liga Internacional Socialista; LIS), Infomail 1298, 29. November 2025

Am 14. November 2025, dem 50. Jahrestag der Madrider Verträge, sind Tausende Menschen in Madrid und anderen Städten auf die Straße gegangen, um gegen die marokkanische Besetzung der Westsahara zu protestieren und das Selbstbestimmungsrecht für das saharauische Volk zu fordern. Die Mobilisierungen, die auch in anderen Städten der Europäischen Union (EU) stattfanden, zeigen den anhaltenden Kampf gegen einen zeitgenössischen Kolonialismus, der vom vorherrschenden Imperialismus unterstützt wird.

Große Demo in Madrid

Am 14. November marschierten Tausende von Menschen unter dem Motto „50 Jahre Widerstand gegen die Besetzung“ durch die Straßen von Madrid. Mit Fahnen, typischen Trachten und teilweise im Regen gingen Sahrauis im Exil und solidarische Aktivist:innen die Strecke von Atocha zur Puerta del Sol, wo eine Kundgebung mit Vertreter:innen aus Politik, Gewerkschaften und Gesellschaft stattfand, die sich solidarisch mit der Sache zeigten. In den Reden wurde an die Unterzeichnung der Dreierabkommen von Madrid am 14. November 1975 erinnert und der Verrat Spaniens angeprangert, das die Westsahara an Marokko und Mauretanien abgetreten hatte, ohne das Recht auf ein Referendum zur Selbstbestimmung zu respektieren. Außerdem wurde die Kritik an der aktuellen spanischen Regierung unter Pedro Sánchez (PSOE = Sozialistische Arbeiter:innenpartei Spaniens) wegen ihrer Annäherung an die unterdrückerischen Positionen des Königreichs Marokko betont.

Abdulah Arabi, Vertreter der Polisario-Front in Spanien, sagte auch, dass das sahrauische Volk „fest entschlossen ist, seinen Kampf fortzusetzen … bis es sein legitimes Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit erreicht hat“. Er dankte auch dafür, dass die Sahrauis in diesen 50 Jahren nie allein waren, sondern „von einer Solidaritätsbewegung begleitet wurden“. Wie jedes Jahr nahmen Genossinnen und Genossen von Socialismo y Libertad (Sozialismus und Freiheit) aus dem spanischen Staat als Mitglieder der International Socialist League (ISL) an der Mobilisierung teil.

Weitere Proteste in der EU

Tage vor der Mobilisierung in Madrid fanden weitere Proteste statt. In Berlin organisierten das Westsahara-Solidaritätsnetzwerk und die saharauische Gemeinschaft in Deutschland eine Demo vor der marokkanischen Botschaft mit Transparenten, auf denen Freiheit, Unabhängigkeit und ein Ende der Besatzung gefordert wurden. In London versammelten sich saharauische Aktivist:innen und britische Sympathisant:innen vor der marokkanischen Botschaft, um die Achtung des Rechts auf Selbstbestimmung zu fordern. Auf den Kanarischen Inseln, vor allem auf Teneriffa, gab es eine große Kundgebung gegen Donald Trumps Vorschlag, die marokkanische Souveränität über die besetzten Gebiete anzuerkennen, unterstützt von Israel, im Einklang mit den Abraham-Abkommen. Diese Mobilisierungen, zusammen mit denen in den Lagern von Tindūf (Westalgerien) und in anderen großen Städten der EU, zeigen, dass die saharauische Sache noch immer aktuell ist.

Ein Kampf, der weitergeht

Die Geschichte der Westsahara ist geprägt von kolonialer Unterdrückung und vielen internationalen Verraten. 1975 startete Marokko den „Grünen Marsch“ und schickte 350.000 Marokkaner:innen, um die ehemalige spanische Provinz zu besetzen, während Spanien in den letzten Zügen des Franco-Regimes über seinen Rückzug verhandelte. Diese Aktion war nicht nur symbolisch: Tage vor dem Grünen Marsch gab es eine militärische Intervention. Der Internationale Gerichtshof hatte entschieden, dass es keine Souveränitätsbeziehungen zwischen Marokko und der Westsahara gab, aber Marokko nutzte diese Beziehungen als Rechtfertigung für seine Invasion.

Die Madrider Abkommen formalisierten den Rückzug Spaniens, ohne jedoch ein Referendum über die Selbstbestimmung der Sahrauis zu garantieren. Trotz der Aufgabe wurde unter der Führung der Polisario-Front die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS, wörtlich eigentlich Arabische Saharauische Demokratische Republik) gegründet, und es kam zu einem jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt.

Obwohl 1991 ein Waffenstillstand geschlossen und die Mission der Vereinten Nationen für das Referendum in Westsahara (MINURSO) zur Überwachung eines vereinbarten Referendums eingerichtet wurde, fand dieses Referendum nie statt. Heute beherrscht Marokko etwa 80 % des Territoriums, während die Polisario-Front die Tindūf-Lager in Algerien kontrolliert.

Angesichts der jüngsten Verhandlungen wurde außerdem eine UN-Resolution (2797) verabschiedet, die „Autonomie unter marokkanischer Souveränität“ als „die tragfähigste Lösung“ definiert, was eine sehr besorgniserregende diplomatische Wendung ist, obwohl darin auch festgelegt ist, dass dies mit Zustimmung der saharauischen Vertretung geschehen muss, was sowohl von der Polisario-Front als auch von anderen saharauischen Organisationen abgelehnt wurde.

Geopolitische Motive für die Unterdrückung

Der Kampf der Sahrauis kann nicht verstanden werden, ohne das globale Schachbrett zu betrachten. In den letzten Jahren haben die USA eine entscheidende Rolle gespielt: Die Trump-Regierung hat die marokkanische Souveränität über die Westsahara anerkannt. Diese Unterstützung ist nicht nur diplomatischer Natur: Sie spiegelt umfassendere strategische Interessen wider, mit dem Versuch, eine neue Weltordnung zu schaffen, die sich derzeit in mehr globaler Unordnung niederschlägt. Der Vorschlag der USA, der bei den Mobilisierungen der Sahrauis Empörung ausgelöst hat, zielt darauf ab, die Besetzung zu legalisieren und die Möglichkeit einer vollständigen Selbstbestimmung auszuschließen.

Auch Israel ist in dieses komplexe geopolitische Netzwerk involviert und verbündet sich mit Marokko an mehreren Fronten (militärisch, technologisch, diplomatisch), wodurch ein Block entsteht, der nicht nur das sahrauische Volk unterdrückt, sondern auch dessen Territorium für Expansions- und Einflusszwecke in Afrika instrumentalisiert.

Darüber hinaus verschärft die afrikanische Realität diese Ungerechtigkeit noch: Die Westsahara ist reich an Phosphaten, Fischgründen und maritimen Ressourcen. Die Besetzung ist nicht nur eine Verweigerung der Rechte eines Volkes, sondern auch eine systematische Ausbeutung. Das autoritäre monarchische Regime von Mohammed VI. macht mit der Unterstützung der Großmächte die Ausbeutung dieser Ressourcen zu einem weiteren Element neokolonialer Herrschaft.

Mit der Sache der Sahrauis als Fahne

Angesichts eines halben Jahrhunderts Besatzung lehnen wir die Autonomie ab, die nichts anderes als die Anerkennung der marokkanischen Souveränität ist, und fordern die Achtung des Rechts auf Selbstbestimmung. Von der LIS aus werden wir weiterhin zu einer möglichst breiten gemeinsamen Aktion aufrufen, um die Kolonialpolitik des Königreichs Marokko und die Komplizenschaft der USA und Israels anzuprangern. Wir verurteilen die Verletzung der Menschenrechte in den besetzten Gebieten, die Unterdrückung, und fordern die Freilassung der saharauischen politischen Gefangenen.

Es ist wichtig, die saharauische Sache mit anderen antikolonialen und Enteignungskämpfen in Afrika und der Welt zu verbinden, vor allem mit dem palästinensischen Kampf. Es ist nicht nur ein lokaler Konflikt: Es ist ein typisches Beispiel für Imperialismus und ausstehende Entkolonialisierung. Alle auf den Weg zu einer sozialistischen Lösung für den ganzen Kontinent.

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