Arbeiter:innenmacht

Operation Epic Disaster

Zu den ökonomischen Folgen des Krieges gegen den Iran

Markus Lehner, Neue Internationale 299, April 2026

Der US-/israelische Angriff auf den Iran unter dem Codenamen „Epic Fury“ droht neben allem anderen schwerwiegende Folgen für große Teile der Weltwirtschaft zu haben. Offenbar waren Trump und die US-Führung davon ausgegangen, dass die anfängliche „Enthauptungsaktion“ das Regime im Iran schnell zum Einsturz bringen würde. Stattdessen zieht sich der Krieg in die Länge. Der Iran hat mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Israel und mit den USA verbündete Golfstaaten ebenso wie mit der De-facto-Schließung der Straße von Hormus wirksame Gegenschläge gesetzt – und scheint dies noch längere Zeit durchhalten zu können.

Die Kosten des Krieges für die USA, die Schäden für die Golfstaaten und die zu erwartenden Folgen für die Weltwirtschaft scheinen von Trump & Co. nicht wirklich einkalkuliert worden zu sein – es sei denn, Trump hat einen geheimen Masterplan. Wenn nicht, so haben die USA nur die Wahl zwischen einer weiteren Eskalation des Krieges (Einsatz von Bodentruppen) oder seiner raschen Beendigung, ohne das unliebsame Regime in Teheran beseitigt zu haben. Eine längere Fortsetzung des jetzigen Zustands wäre insbesondere ökonomisch ein Desaster.

Die Kosten des Krieges für die USA

Zu diesen ökonomischen Folgen zählen zuerst mal die unmittelbaren Kosten des Krieges. Für die USA und Israel ist die Art der Kriegsführung enorm kostspielig. Während der Iran militärtechnisch vollständig unterlegen ist und den Luft- und Lenkwaffeneinsätzen nicht viel entgegenzusetzen hat, antwortet er mit einer „asymmetrischen Taktik“. So kann der Iran mit Billigdrohnen (20.000 Dollar das Stück) beträchtlichen Schaden in der Golfregion und Israel anrichten, während die ausgeklügelten Systeme von USA/Israel ungemein kostspielig sind. Allein der Einsatz einer Patriot-Rakete kostet an die 5 Millionen Dollar.

So ist es kein Wunder, dass dem US-Kongress die Kosten des Krieges derzeit mit an die 2 Milliarden pro Tag angegeben werden. Nachdem sein Chef schon den „Endsieg“ verkündet hat, kam vom „Kriegsminister“ Hegseth am 19. März der Antrag an den Kongress, 200 Milliarden Dollar für die weitere Kriegsführung auszugeben. Damit erreichen selbst die offiziellen Kosten des US-Einsatzes die Größenordnung von einem Viertel des Militärhaushalts des Landes. Dazu kommen die Kosten des bereits jetzt total verschuldeten Israel (Schuldenstand 70 % des BIP), dem die USA in den letzten Jahren zusätzlich zu den üblichen 3,8 Milliarden Dollar jährlich Sonderzahlungen von um die 16 Milliarden für seine Kriegsführung und den Genozid zukommen lassen.

Dabei sind die USA selbst eines der am meisten verschuldeten Länder der Welt: Der Schuldenstand erreichte bereits vor dem Krieg 120 % des BIP, womit die Zinszahlungen für diese Schulden bereits die 1-Billionen-Grenze erreicht haben und zum größten Haushaltsposten geworden sind. Beträchtliche Teile dieser Schulden werden von Ländern gehalten, die jetzt massiv von den ökonomischen Folgen der US-Angriffe betroffen sind: Japan, China, EU-Staaten, Britannien, Golf-Monarchien. Daneben sind es vor allem US-Anleger:innen und die Zentralbank der USA, von denen als Reaktion auf die weltwirtschaftliche Lage eine Umkehr in Richtung wieder steigender Zinsen erwartet wird.

Insgesamt könnten sich USA/Israel diesen kostspieligen Krieg nur leisten, wenn die Weltwirtschaft im Aufwind wäre und sich so das wachsende US-Defizit halten ließe. Jeder Einbruch der globalen Konjunktur wird dagegen die US-Regierung (und im Gefolge Israel) vor ein enormes Schuldenproblem stellen, das eine radikale Änderung der Haushaltspolitik erzwänge, mit gravierenden Folgen auch für die kommenden Kongresswahlen.

Die Kosten des Krieges in der Region

Auch wenn der Iran sehr viel weniger kostspieliges Kriegsmaterial einsetzt als USA/Israel (und mit zehntausenden Drohnen kann er diese Kriegsführung sicher noch Monate durchhalten), so sind die Folgekosten für den Staat und seine Bevölkerung natürlich die größten des Krieges. Dies betrifft nicht nur die weitaus größte Zahl an Toten und Verletzten, sondern auch das Ausmaß der Zerstörung von Gebäuden, Infrastruktur und Produktionsanlagen. Insbesondere der israelische Angriff auf das Gasfeld South Pars/North Dome, das 70 % der iranischen Gasproduktion umfasst, könnte die Energieversorgung um Jahre zurückwerfen. Gar nicht zu rechnen sind die langfristigen ökologischen Schäden, etwa durch Angriffe auf Tanklager, mit entsprechenden Folgen z. B. für die sowieso schon schwierige Grundwassersituation des Landes. Nach dem Krieg könnte der Iran daher auch eine beträchtliche Auswanderungswelle, speziell auch unter höher qualifizierten Arbeitskräften, erleben.

Ähnlich katastrophal entwickelt sich die Situation im Libanon, wo die israelische Armee unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung ein „zweites Gaza“ in den von Schiit:innen bewohnten Gebieten anrichten will. In einem Land, das sowieso mit schweren ökonomischen Problemen und großen Mengen an (Binnen-)Flüchtlingen zu tun hat, wird dies zu einer Katastrophe führen, die ebenso eine neue Flüchtlingswelle auslösen wird.

Schon in Gaza hat sich die Unfähigkeit bzw. Unwilligkeit der dominierenden westlichen imperialistischen Staaten gezeigt, für die Bevölkerung für Frieden, Sicherheit oder gar eine Perspektive des Wiederaufbaus zu sorgen. Die vorsichtig von UNO und Weltbank geschätzten 70 Milliarden Dollar, die für einen Wiederaufbau von Gaza notwendig wären, realisieren sich im „Friedensrat“ von Trump mit ganzen 5 Milliarden. Bei den Summen, die für den Iran und den Libanon nötig wären, wird klar, dass hier erst recht keinerlei Perspektive geboten wird. Wenn den USA im Iran kein Regimewechsel gelingt, ist eher davon auszugehen, dass China, aufgrund seiner Lieferbeziehungen zur iranischen Öl- und Gasindustrie (90 % der iranischen Ölexporte gehen nach China), noch stärker und direkter (schon jetzt werden die Gasfelder des Iran praktisch von chinesischen Unternehmen erschlossen) in diese einsteigen wird. Die USA müssten dann im Interesse einer Stabilisierung der Öl- und Gasmärkte eventuell ihrem globalen Hauptkonkurrenten ein größeres Gewicht in der Region zugestehen.

Auch wenn die Kriegsschäden in den Golfstaaten nicht mit denen im Iran und im Libanon verglichen werden können, so trifft sie dieser Krieg in ihren regionalen Aufstiegsplänen sehr stark. Hatten sie das Bündnis mit den USA bisher als Rückversicherung für ein ruhiges Wirtschaften außerhalb der regionalen Konflikte gesehen, so sind jetzt trotz aller Unterwürfigkeit unter die USA ihre Haupteinnahmequellen aus dem Öl- und Gasgeschäft, ihre Rolle als „sichere“ Verkehrsknotenpunkte und neue „Côte d’Azur“ des globalen Kapitalismus schwer angeschlagen. Die Gasfelder von Katar wurden schwer getroffen (bezeichnenderweise von israelischen Luftangriffen), ebenso seine LNG-Verladekapazität – beides wird monatelange Ausfälle eines der größten LNG-Lieferanten der Welt bewirken. Aber auch Anlagen der Ölindustrie Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwaits und Omans wurden getroffen und für die Dauer des Krieges außer Betrieb gesetzt. In allen Golfstaaten wird dieses Jahr mit einem Konjunktureinbruch von um die 10 % gerechnet. Besonders schwer trifft es Bahrain, das schon vor dem Krieg mit ökonomischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und dessen schiitische Bevölkerungsmehrheit mit dem herrschenden Regime abrechnen will. In allen Golfstaaten gibt es mehr oder weniger stark formulierte Kritik an der planlosen Aktion der USA (trotz der eigenen Warnungen), den Druck auf baldiges Kriegsende und Bestrebungen nach größerer Unabhängigkeit von den USA (z. B. neue Militärbündnisse mit Pakistan, der Türkei oder Ausbau der Beziehungen zu China). Jedenfalls hat der wirtschaftliche Einbruch in den Golfstaaten einen negativen Effekt auf die Weltkonjunktur.

Auswirkungen auf die Weltwirtschaft

Seit Beginn des Irankrieges sind die Ölpreise auf dem Weltmarkt um etwa 50 % gestiegen, die Gaspreise haben sich zeitweise verdoppelt. Je nachdem, wie lange der Krieg dauert, könnte sich ein Ölpreis von konstant über 120 Dollar pro Barrel etablieren (Vorkriegsstand: 60 Dollar). Dies wäre ein Vielfaches des „Ölpreisschocks“, der 1973/74 die erste schwere weltweite Rezession nach dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat. Auch diesmal gehen Ökonom:innen davon aus, dass ein Ölpreis in dieser Höhe und eine Kriegsdauer über den März hinaus der sichere Weg in eine globale Rezession sind (z. B. Economist 14.03.26, S. 61). Dies hängt mit dem derzeitig steigenden Energiebedarf rund um die IT- und Rüstungsindustrien zusammen. Insbesondere könnten steigende Energiepreise in diesem Ausmaß allen sowieso schon mit Profitabilität kämpfenden Industrien (Automobilindustrie, Grundstoffindustrien …) schwere Probleme bereiten sowie die geringen Erträge der bisherigen KI-Investitionen gänzlich verschwinden lassen (mitsamt einem möglichen Platzen der KI-Blase an den Anlagemärkten).

Die Probleme mit den Öl- und Gaslieferungen aus der Golf-Region sind nicht nur ein Resultat der Kriegsschäden an Öl- und Gasförderanlagen, sondern unmittelbar eine Folge der „Sperrung“ der Straße von Hormus. Dieses Nadelöhr zwischen der Golfregion und dem Indischen Ozean ist an der engsten Stelle nur 38 Kilometer breit und über eine Länge von immerhin 167 Kilometern nicht breiter als 55 Kilometer. Die Navigation mit riesigen Supertankern wird zusätzlich durch Untiefen erschwert, so dass es nur zwei 3 Kilometer breite, präzise zu navigierende Schifffahrtsrouten gibt. Daher ist an sich schon ein Kriegsgeschehen rund um diesen Schifffahrtsweg Grund genug für die Reeder, ihre Tanker nicht zu riskieren. Derzeit sind allein die Versicherungen für die im Golf festsitzenden Tanker auf über 300 Milliarden Dollar gestiegen – ein Vielfaches der Summe, die die USA für den Fall der Blockade als Sicherheit bereitgestellt hatten (noch eine der Fehlplanungen dieses Krieges). Es reichte wohl der Beschuss von einigen wenigen Tankern, um hunderte Tanker auf beiden Seiten der Straße festzusetzen. Statt der üblichen 138 pro Tag passieren somit derzeit nur 5–6 Tanker die Straße. Letzteres vor allem für China und Indien, die entsprechende Schutzversprechen vom Iran erhielten.

Damit fallen derzeit 15 Millionen Barrel Rohöl (15 % des globalen Outputs) und 4 Millionen Barrel Raffinerieprodukte pro Tag für den Weltmarkt aus. Der Ausfall von LNG-Verschiffung macht derzeit etwa 5 % des globalen Outputs aus, kann sich aber bei längerem Ausfall auf 15 % erhöhen. Das Ausweichen über Pipelines (vor allem über Saudi-Arabien) ans Rote Meer bietet mit 4 Millionen Barrel pro Tag nur eine geringe Entlastung – und weiteres Eskalationspotenzial (Stichwort: Jemen). Ähnliches gilt für Pipelines über den Irak, der bisher weitgehend aus dem Krieg herausgehalten wurde. Auch die insbesondere in den imperialistischen Ländern (inklusive China) gehaltenen Öl- und Gasreserven können den Weltmarktpreis nur eingeschränkt entlasten – die IAE (International Energy Agency)-Reserven können aufgrund ihrer technischen Realisierung etwa 3 Millionen Barrel pro Tag dem Weltmarkt zufügen. Auch eine Konvoi-Lösung für Tanker in der Straße von Hormus würde einen Bruchteil der 138 Tanker pro Tag durch das Nadelöhr bringen.

Die Folgen eines monatelangen Ausfalls dieser Rohstoffmengen für die Weltkonjunktur betreffen nicht nur die Energiewirtschaft, sondern alles, was letztlich mit Öl- und Gasprodukten zu tun hat, von Kunstdünger, Nahrungsmittelproduktion und Metallverarbeitung bis hin zur Halbleiterproduktion und Transportindustrie.

Regionale Unterschiede

Offensichtlich ist auch, dass die Auswirkungen dieser Ausfälle regional sehr unterschiedlich sind. Die USA mit ihrer eigenen Öl- und Gasindustrie sind nicht unmittelbar, sondern nur über die Weltmarktpreise betroffen. US-amerikanische Öl- und Gas-Konzerne gehören absolut zu den Profiteuren des Krieges. Ebenso profitiert natürlich Russland wirtschaftlich, das jetzt an seine Abnehmer:innen teurer verkaufen kann und zumindest zeitweise von Sanktionen ausgenommen wird – damit zusammenhängen dürfte auch, dass dem Iran russische Satelliteninformationen über Ziele in der Golfregion zur Verfügung gestellt werden, ebenso wie neueste Drohnentechnologie (dies wird auch offenbar in den Verhandlungen zur Ukraine gegenüber den US-Unterhändler:innen als Tauschmittel benutzt). Auch die EU-Länder und Großbritannien sind von der Öl- und Gasknappheit nicht unmittelbar betroffen, da sie vor allem von den USA, Norwegen und aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion beziehen (also de facto weiterhin von der russischen Öl- und Gasindustrie). Aber auch sie müssen natürlich die Verteuerung der Weltmarktpreise in ihre Energie- und sonstigen öl-/gasbezogenen Kosten einbeziehen – am unmittelbarsten erleben das die Verbraucher:innen derzeit an den Tankstellen. Dauert der Krieg an, wird sich das jedoch in einer allgemeinen Preissteigerung manifestieren.

Am heftigsten sind aber die Auswirkungen in Asien, wo die größte Abhängigkeit von Lieferungen aus der Golfregion besteht. Länder wie Japan oder Südkorea beziehen um die 90 % aus der Region – aber haben zumindest Reserven. Andere Länder, wie China und Indien, haben zusätzlich die russische Option. Die meisten anderen Staaten (auch wenn sie eine eigene Ölförderung haben, wie Indonesien) sind Nettoimporteure von Öl und Gas aus der Golfregion und können derzeit aufgrund geringer Reserven höchstens durch teure Importe aus den USA ihren Bedarf ersetzen. In Ländern wie Pakistan, Bangladesch, Indonesien, Thailand, Vietnam etc. trifft die Energieknappheit vor allem ärmere Bevölkerungsschichten und führt zu mehr oder weniger drastischen Rationierungen bzw. auch zum Zurückfahren von Produktion und Transportsektor. In vielen Ländern müssen Arbeiter:innen in ihre Heimatdörfer zurückkehren, da sie in den großen Städten kaum mehr überleben können (wenn z. B. das Gas zum Kochen einfach nicht zur Verfügung steht). Je länger diese Versorgungsprobleme anhalten, desto sicherer werden auch die globalen Lieferketten betroffen sein. Wie zu Coronazeiten wird dieser Angebotsausfallschock dann wiederum die durch die höheren Energiepreise sowie steigende Inflation anheizen. Die Weltwirtschaft würde sich also notwendigerweise Richtung Stagflation bewegen.

Der Irrsinn dieses Krieges, der weltweit Millionen von Menschen ins Elend zu stürzen droht, zeigt einmal mehr die Alternative: Sozialismus oder Barbarei. Einerseits müssen die irrwitzigen militärischen imperialistischen Apparate zerschlagen und die großen Monopolkapitale enteignet werden, die ihre Interessen immer wieder mit solch zerstörerischer Kraft durchzusetzen versuchen. Andererseits muss die immer noch steigende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und ihrem ökologisch zerstörerischen Einsatz beendet werden. Schließlich führen Elend und Zerstörung in weiten Teilen der Welt – Gaza ist dazu das Fanal – vor Augen, dass die Beseitigung der Folgekosten dieses imperialistischen Systems eines globalen Notfallplans bedarf, der unter Kontrolle der von neokolonialer Ausbeutung und Politik Betroffenen für Entschädigung, Wiederaufbau und Versorgungssicherheit sorgt. Der Krieg der USA, Israels und ihrer Verbündeten und dessen drohende Ausweitung können nur gestoppt werden, wenn wir dem kapitalistischen, imperialistischen System, das ihn hervorbringt, selbst den Krieg erklären.

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