Martin Suchanek, Fight! Revolutionärer Frauenzeitung 14, März 2026
Seit dem 10. Oktober gilt in Gaza offiziell die von Trump erzwungene Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas. In Wirklichkeit ist diese eine Farce, ebenso wie die Versprechungen von Wiederaufbau, politischer Lösung und Beteiligung der Palästinenser:innen.
Bis zum 10. Februar 2026 verletzte Israel den Waffenstillstand 1.620 Mal durch Luftangriffe, Artillerie- oder Infanteriebeschuss. An 114 der 132 Tage seit dem Abkommen fanden einer oder mehrere Angriffe statt. Mindestens 603 Palästinenser:innen wurden in diesem Zeitraum von der israelischen Armee getötet, über 1.600 verletzt.
Während Trump an der Gaza-Besatzungstruppe bastelt, die das Gebiet als internationales, US-geführtes Protektorat sichern soll, hält das israelische Militär einen Teil Gazas (bis zur sog. gelben Linie) unter seiner Kontrolle. In der Westbank werden Angriffe auf die Bevölkerung, Landraub und Vertreibung weiter forciert, ebenso wie der zionistische Staat weiter Teile des Libanon oder Syriens okkupiert.
Die erste Phase des sog. Friedensplans bedeutet nicht nur weiteren Terror, Besatzung, Tötung und Zerstörung. Auch die dringend nötigen Hilfslieferungen werden nicht durchgelassen. Auf dem Papier sieht der Plan vor, dass mit offiziellem Beginn der Waffenruhe die notwendige Hilfe „vollständig“ und „unverzüglich“ nach Gaza geliefert werden soll. In Wirklichkeit wurden von den 72.000 für die Versorgung der Bevölkerung mit dem Notwendigen vorgesehenen Trucks nur die Hälfte, genauer 31.178, durchgelassen.
Somit geht das Töten, wenn auch weniger intensiv, weiter. Die Bevölkerung Gazas wird faktisch weiter ausgehungert. Von einem „Wiederaufbau“ kann ohnedies nicht die Rede sein. Laut UN wurden 80 % aller Gebäude und 77 % des Straßennetzes in Gaza zerstört oder unbrauchbar beschädigt. In den städtischen Ballungsräumen wie Rafah und Gaza (Stadt) ist der Anteil noch höher. Der größte Teil der medizinischen Einrichtungen ist ebenfalls vernichtet worden.
Vom 7. Oktober 2023 bis 6. Oktober 2025 fielen den genozidalen Angriffen Israels mindestens 67.173 Palästinenser:innen zum Opfer. Diese Zahlen stammen vom Gesundheitsministerium des Gazastreifens und sie sind auch die einzigen offiziellen Statisten. Auch wenn sie von zionistischer und imperialistischer Seite immer wieder angezweifelt wurden, so gibt es keinen einzigen glaubhaften Hinweis auf eine Manipulation der Zahlen. Im Gegenteil. Es handelt sich um eine gesicherte Mindestzahl, da das Gesundheitsministerium nur bestätigte Todesfälle zählt, bei denen beispielsweise ein Leichenschein aus einem Krankenhaus vorliegt. Forschungsgruppen von der London School of Hygiene and Tropical Medicine oder vom Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung schätzen die reale Zahl auf 100.000 bis 125.000 Menschen. Andere Schätzungen gehen sogar von bis zu 200.000 Toten aus.
Rund 30 Prozent der Kriegstoten in Gaza sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Frauen, Kinder und ältere Menschen machten nach verschiedenen Schätzungen 55–70 Prozent der Todesfälle aus. Die größte Gruppe an Getöteten bilden insgesamt junge Männer von 20–35. Dass es sich bei dem zionistischen Kriegsunternehmen um einen Genozid handelt, lässt sich nicht zuletzt auch an der drastisch gesunkenen Lebenserwartung der Palästinenser:innen zeigen, die von 77 Jahren bei Frauen und 74 Jahren bei Männern vor dem 7. Oktober bei Frauen auf 46 und bei Männern auf 36 Jahre im Jahr 2024 sank.
Mit dem Waffenstillstand ist die humanitäre Katastrophe längst nicht beendet. Der Genozid ist nicht gestoppt, sondern nimmt vielmehr eine andere, schleichende Form an. Und die Katastrophe trifft Kinder und Frauen besonders hart:
Palästinensische Frauen sind jedoch wie das gesamte palästinensische Volk keineswegs nur passive Opfer. Sie leisteten und leisten Widerstand. Und sie erfüllen für ihre Familien, ihre Angehörigen enorme und deutlich mehr Aufgaben als vor dem 7. Oktober 2023, um das Überleben einigermaßen zu organisieren, um Gemeinschaften und Kooperation aufrechtzuerhalten.
Das heißt, dass sich in der palästinensischen Gesellschaft eine, wenn auch nicht bewusst herbeigeführte, sondern aus der Not hervorgehende Veränderung der Rolle der Frau anbahnt. Das wird die Frauen oder jedenfalls deren politisch bewussteren Teil früher oder später in Widerspruch zu den reaktionären islamistischen Führungen, aber auch zur Autonomiebehörde bringen. Die Islamist:innen, aber auch bürgerliche Kräfte werden patriarchale Strukturen verteidigen und zu festigen versuchen, um ihre eigene Herrschaft zu stärken, auch wenn sie damit den Widerstand gegen den Zionismus schwächen.
Die Aufgabe von Revolutionär:innen besteht darin, dieser objektiven Veränderung einen bewussten gesellschaftlichen und politischen Ausdruck zu geben, so dass Frauen nicht nur die Hauptlast der gesellschaftlichen Arbeit tragen müssen, sondern auch als Führerinnen an der Spitze des Kampfes um Selbstbestimmung und Befreiung stehen. Dies wird aber nur möglich sein, wenn der Kampf um die Befreiung Palästinas mit dem um die Befreiung der Frau und soziale Befreiung der Arbeiter:innenklasse verbunden wird.
Die reaktionären Führungen wie die islamistische Hamas oder die Fatah, aber historisch betrachtet auch die PLO und die palästinensische Linke, gingen immer davon aus, dass der nationale Befreiungskampf zuerst ein strategisches Bündnis der Arbeiter:innenklasse und der Bäuer:innen mit den nationalistischen Kräften des Kleinbürger:innentums und der nationalen Bourgeoisie erfordere (ob diese nun im demokratisch-säkularen Gewand wie die Fatah oder im islamistischen wie die Hamas auftreten würden). Die palästinensische Revolution wäre diesem Konzept zufolge zuerst eine national-demokratische, die nicht den Sozialismus, sondern einen unabhängigen (demokratischen) kapitalistischen Staat hervorbringe. In dieser Etappe müssten daher die Arbeiter:innenklasse und alle Unterdrückten Abstriche von ihren eigentlichen Interessen machen, um so das Bündnis mit der Bourgeoisie oder dem Kleinbürger:innentum nicht zu gefährden, da diese logischerweise keine Maßnahmen wollten, die ihre Eigentumsrechte angreifen.
Diese Konzeption der stalinistischen Etappentheorie ist in Palästina wie überall gescheitert – und sie wird immer scheitern müssen. Damit die demokratischen Aufgaben erfüllt, der Kampf um ein einheitliches, freies Palästina erfolgreich sein kann, damit der Kampf nicht nur die nationale Befreiung, sondern auch jene der Frauen und aller Unterdrückten bringt, damit der Kampf zu einer Gesellschaft und einem Staat führt, in dem Angehörige aller Nationen – Palästinenser:innen wie auch Jüd:innen – gleichberechtigt und friedlich gemeinsam leben können, muss der Kampf für demokratische Forderungen und das nationale Selbstbestimmungsrecht mit dem für eine sozialistische Umwälzung in Palästina und im gesamten Nahen Osten verbunden werden.
Daher treten wir für eine Ein-Staaten-Lösung ein, da diese die einzige Möglichkeit darstellt, um die Befreiung des palästinensischen Volkes zu garantieren, ohne Zugeständnisse an den Zionismus machen zu müssen. Das bedeutet nicht, die israelisch-jüdische Bevölkerung zu vertreiben oder gar auszulöschen, jedoch sehr wohl, den zionistischen, rassistischen israelischen Staat zu zerschlagen. Da wir glauben, dass Religionen als Vorwand für imperialistische Unterdrückung und zur Umsetzung geopolitischer Interessen genutzt werden, setzen wir uns für einen säkularen, multiethnischen Staat ein, in dem es kulturellen Austausch statt erzwungener Assimilation geben soll.
Das Rückkehrrecht sowie der Zugang zu Wohnraum, Wasser, Lebensmitteln, Arbeit und Bildung für alle, egal ob Israelis oder Palästinenser:innen, kann nur unter einer demokratischen Kontrolle der Arbeiter:innenklasse – insbesondere der proletarischen Frauen – gewährleistet werden. Diese sozialistische Ein-Staaten-Lösung müsste in eine sozialistische Föderation des Nahen Ostens eingebettet werden, um die vom Imperialismus bewusst geschaffene Spaltung überwinden und so ein massives Kampfmittel darstellen zu können. Demnach darf der Kampf der Palästinenser:innen nicht als isoliert verstanden werden, und die Arbeiter:innenklassen der umliegenden Länder müssen sich ihm anschließen und einen neuen Arabischen Frühling erzwingen. Das gilt auch in letzter Konsequenz für die israelische Arbeiter:innenklasse.
Als Ansatzpunkt in Halbkolonien kann der Kampf für die Vollendung der verbliebenen bürgerlich-demokratischen Aufgaben im Sinne von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution angesehen werden. Dieser zufolge können das nationale Selbstbestimmungsrecht, die Unabhängigkeit vom Imperialismus, die Agrarrevolution und die Aufhebung gesellschaftlicher Unterdrückung wie jener der Frau von der nationalen Bourgeoisie nicht errungen werden, sondern nur unter Führung der Arbeiter:innenklasse. Diese muss dazu die bürgerlichen, kapitalistischen Verhältnisse angreifen und die Revolution zu einer sozialistischen und internationalen machen.
Das kann nicht durch Guerillatruppen erreicht werden, sondern nur durch Demonstrationen und Streiks, letztendlich massenhafte Aufstände. Also mit Hilfe einer Intifada mitsamt einem Generalstreik, zu dem auch international alle Gewerkschaften zur Beteiligung aufgerufen werden. Die Massenaktionen in der 1. Intifada haben auch bereits gezeigt, dass das palästinensische Proletariat und die Jugend kämpfen können. Dafür braucht es den Aufbau von kämpferischen Gewerkschaften, Arbeiter:innen- und Bäuer:innenräten, Frauenkomitees und auch Volksmilizen.
Das kann auch erfordern, dass die Kräfte der Arbeiter:innenklasse und das regionale (Klein-)Bürger:innentum in einer antiimperialistischen Einheitsfront zeitweise gemeinsam gegen Imperialismus und Zionismus kämpfen. Aber dieses Bündnis kann immer nur zeitweilig und auf klar definierte gemeinsame Aktionen – z. B. militärische Absprachen – begrenzt sein. Denn sie bleiben unerbittliche Klassenfeind:innen. Das bedeutet auch, dass es sich um getrennte Organisierungen handeln muss, wobei sich die betroffenen Gruppierungen und Organisationen jederzeit offen kritisieren dürfen sollen. Das ist besonders für uns als Marxist:innen wichtig, da wir so die (klein-)bürgerliche Führung auf einer ideologischen Ebene angreifen und somit ihren Einfluss auf die Unterdrückten schmälern können. Denn auch die Führungskrise der Arbeiter:innenklasse ist ein internationales Problem und führt so zu dem immer wiederkehrenden Verrat an den Interessen der Unterdrückten und Ausgebeuteten durch (klein-)bürgerliche Bewegungen. Daher braucht es eine revolutionäre Partei, um die Interessen der Arbeiter:innenklasse durchzusetzen, indem sie die Kämpfe zuspitzt und anführt. Diese muss demokratisch-zentralistisch organisiert sein und zum Ziel haben, sowohl die israelische Regierung als auch die Palästinensische Autonomiebehörde zu entmachten und eine konstituierende Versammlung einzusetzen, die die Verfassung eines binationalen, säkularen, demokratischen und sozialistischen Staates ausarbeitet.
Aber der alleinige Kampf im Nahen und Mittleren Osten reicht nicht aus, um den Imperialismus zu besiegen. In den letzten zwei Jahren sind weltweit Massen auf die Straße gegangen. Millionen demonstrierten gegen den Genozid und für die Befreiung Palästinas. Das ist enorm wichtig, zeigt aber auch die Grenzen symbolischer Protestformen: Moralischer Druck allein reicht nicht aus, um die materiellen Grundlagen der zionistischen Kriegsführung ins Wanken zu bringen. Entscheidend ist, jene ökonomischen, politischen und militärischen Strukturen anzugreifen, die Krieg und Besatzung ermöglichen und aufrechterhalten.
Daher braucht es eine neue Internationale, um die Interessen der Arbeiter:innenklasse durchzusetzen, indem sie Kämpfe verbindet, zuspitzt und strategisch ausrichtet. Dabei sollte für die Arbeiter:innenklasse in den imperialistischen Zentren die Devise lauten: Der Hauptfeind steht im eigenen Land. Das bedeutet konkret, nicht nur zu protestieren, sondern die Unterstützung der eigenen Regierungen für Kriegspolitik praktisch zu unterbrechen – etwa durch Arbeitskämpfe, politische Streiks oder Blockaden von Waffenproduktion und -transporten. Deutschland ist der zweitgrößte Waffenexporteur an Israel und spielt damit eine zentrale Rolle im Verlauf des Genozids. Internationale Solidarität bedeutet daher vor allem, die eigenen herrschenden Klassen zu konfrontieren.