Mariano Rosa, MST, Argentinien, Fight! Revolutionärer Frauenzeitung 14, März 2026
Personalmangel, Überlastung, Reallohnverluste und Kürzungen gehören längst zum Alltag in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen – ob in Argentinien, den USA oder Deutschland. Überall wird im Namen knapper Kassen gespart – auf Kosten der Beschäftigten und der Patient:innen. Gerade deshalb lohnt sich ein Blick auf Kämpfe, in denen diese Logik durchbrochen wurde. Der Streik am Garrahan-Kinderkrankenhaus in Buenos Aires zeigt, dass erfolgreiche Gegenwehr möglich ist – auch unter extremen Bedingungen.
Aktuell läuft eine Solidaritätskampagne der internationalen Strömung ISL – weil mehrere Beschäftigte, darunter die Gewerkschaftssekretärin, die den Kampf angeführt hat und Mitglied der MST ist, nach ihrem Arbeitskampf rausgeworfen wurden.
Am 3. Februar hat der nationale Kabinettschef Manuel Adorni den Medien in einem beispiellosen Vorgang mitgeteilt, dass 10 politische Führer:innen des Krankenhauses entlassen und 29 weitere bestraft werden sollen.
Als MST haben wir bei der Organisierung dessen eine zentrale Rolle gespielt. Dieser Artikel zeichnet nach, wie dieser Kampf geführt wurde, welche Rolle antibürokratische Gewerkschaftsarbeit spielte und welche Lehren daraus für Gesundheitsbeschäftigte international gezogen werden können. Denn eines ist klar: Widerstand gegen die Angriffe ist nicht nur notwendig, sondern möglich!
Garrahan Hospital ist das wichtigste öffentliche, universelle und hochspezialisierte Kinderkrankenhaus Argentiniens – und eines der bedeutendsten in ganz Lateinamerika. Jährlich werden hier über 600.000 Patient:innen aus dem ganzen Land und aus Nachbarstaaten behandelt. Rund 80 Prozent aller pädiatrischen Organtransplantationen Argentiniens und mehr als 60 Prozent der Krebsbehandlungen bei Kindern finden am Garrahan statt.
Insgesamt arbeiten fast 7.000 Menschen im Krankenhaus: Ärzt:innen, Pflegekräfte, Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen, Biochemiker:innen, Techniker:innen, Reinigungskräfte, Verwaltungsbeschäftigte und viele weitere Berufsgruppen. Etwa 70 Prozent von ihnen sind direkt in der Patient:innenversorgung tätig. Präsent im Krankenhaus ist die Assoziation der Garrahan-Facharbeiter:innen und Techniker:innen (APyT).
Es handelt sich dabei um eine „multiprofessionelle“ Gewerkschaft (Ärzt:innen, Techniker:innen, Biochemiker:innen, Pflegekräfte und 20 weitere Fachrichtungen), die sich der historischen peronistischen Gewerkschaft der Beschäftigten im öffentlichen Dienst entgegenstellt. Letztere sind häufig bürokratisch geprägt und fungieren als Transmissionsriemen für die Politik aller jeweils an der Macht befindlichen Regierungen Insgesamt sind von den 7.000 Beschäftigten etwa 4.500 gewerkschaftlich organisiert. Fast die Hälfte davon gehört der SUTECBA (Sindicato Único de Trabajadores del Estado de la Ciudad de Buenos Aires; Einheitsgewerkschaft der Staatsbediensteten der Stadt Buenos Aires) an, der wichtigsten peronistischen Gewerkschaft für Staatsbedienstete, die dem Dachverband GCT angeschlossen ist. APyT hatte zu Beginn des Konflikts einen Anteil von 30 % – ist aber im Verlauf des Konfliktes um 25 % angewachsen. Dies ist zweifellos aufgrund der demokratischen Methoden zustande gekommen, da sie die Beteiligung der Arbeiter:innen während des Konflikts einbezog.
Finanziert wird das Krankenhaus zu 80 Prozent vom Nationalstaat und zu 20 Prozent von der Stadt Buenos Aires. Das Garrahan ist zugleich Behandlungszentrum, Forschungsstandort und Ausbildungsstätte für hochqualifiziertes medizinisches Personal. Somit ist es auch ein Symbol für Effizienz, Qualität und kostenlose Pflege. Gerade diese nationale Zuständigkeit machte das Garrahan zu einem politischen Angriffsziel der Milei-Regierung – und später zu einem Brennpunkt des Widerstands.
Denn mit dem Amtsantritt von Javier Milei im Dezember 2023 begann ein beispielloser sozialer Kahlschlag. Dabei ist Argentinien Testfeld für eine neue Phase der kapitalistischen Restrukturierung. In diesem Sinne startete die Zerschlagung öffentlicher Dienstleistungen – und das Gesundheitswesen steht dabei ganz oben auf der Abschussliste. Konkret bedeutete das für die Krankenhäuser:
· Einfrieren der Budgets für Betrieb und Löhne
· Reale Lohnkürzungen bei explodierender Inflation
· Öffentliche Diffamierung der Beschäftigten als „privilegiert“, „faul“ oder „überzählig“.
Nach monatelangem Kampf, massiven Mobilisierungen und einer breiten gesellschaftlichen Unterstützung erzwangen sie eine Lohnerhöhung von insgesamt 61 Prozent – der bislang größte Sieg von Arbeiter:innen gegen Mileis Regierung. Den Beschäftigten des Garrahan-Krankenhauses ist ein Durchbruch gelungen, der weit über den eigenen Betrieb hinausweist.
Dabei muss klar sein: Dieser Erfolg kam nicht „trotz“, sondern gerade wegen der politischen Schärfe des Konflikts zustande. Er ist kein spontanes Aufflackern, kein isolierter Tarifkampf und kein bloßes Ergebnis günstiger Umstände. Er war das Resultat einer bewussten antibürokratischen Strategie, einer kämpferischen Gewerkschaftsführung und einer klassenpolitischen Orientierung, die den Arbeitskampf aus dem Krankenhaus hinaus in die Gesellschaft getragen hat. Die brennende Frage ist also: Wie wurde der Widerstand organisiert? Doch bevor wir dazu kommen, werfen wir einen Blick auf die Entwicklung des argentinischen Gesundheitssystems und der Gewerkschaften – um den Kampf voll begreifen zu können.
In den 1940er Jahren entstand unter der Regierung von Juan Domingo Perón ein öffentliches Gesundheitssystem, das in Lateinamerika einzigartig war. Im Rahmen eines staatlich regulierten Entwicklungsmodells wurden Krankenhäuser und Gesundheitszentren aufgebaut, kostenlose und universelle Gesundheitsversorgung erhielt Verfassungsrang. Gesundheit galt – zumindest formal – als soziales Recht. Diese Verbesserungen unter Perón (die politische Strömung wird auch Peronismus genannt) waren vor allem möglich, da Argentiniens Wirtschaft damals stark vom Export von Getreide, Fleisch und anderen Agrarprodukten profitierte. Als der Preis auf dem Weltmarkt fiel in den 50ern, geriet das System in die Krise. Denn als populistische Bewegung wurden zwar Verbesserungen erwirkt, diese konnten aber nicht dauerhaft erhalten werden, da sie die kapitalistische Verwertungslogik nicht geändert haben – Stück für Stück wurden sie zurückgenommen.
Spätestens mit der Militärdiktatur (1976–1983) wurde das Gesundheitssystem systematisch untergraben. Im Zuge der neoliberalen Umstrukturierung des Staates begann eine Phase permanenter Unterfinanzierung, Lohnverfalls und Prekarisierung. Ziel war es, Mittel für Schuldendienste und Subventionen an große Unternehmen freizumachen.
Einen qualitativen Einschnitt stellte die neoliberale Politik der 1990er Jahre unter Carlos Menem dar. Das Gesundheitssystem wurde „dezentralisiert“: Krankenhäuser wurden den Provinzen übergeben – allerdings ohne ausreichende Budgets. Gebäude und Personal wechselten die Zuständigkeit, die Finanzierung nicht. Diese Maßnahme zersplitterte die Beschäftigten, verschärfte regionale Ungleichheiten und schwächte kollektiven Widerstand. Während der private Gesundheitssektor massiv anwuchs, blieben nur wenige Krankenhäuser ganz oder teilweise unter nationaler Verwaltung – das Garrahan war eines davon. Nach der Rebellion von 2001 kam es zwar zu gewissen Verbesserungen bei der Finanzierung einzelner Gesundheitsprogramme sowie zu moderaten Erhöhungen von Budgets und Löhnen. Doch auch die folgenden Jahre unter sogenannten progressiven Regierungen machten die strukturellen Einschnitte der neoliberalen Umstrukturierung nicht rückgängig: Das Gesundheitssystem wurde nicht wieder vereinheitlicht, prekäre Beschäftigungsverhältnisse blieben bestehen und die private Gesundheitsversorgung wurde nicht abgeschafft. Statt grundlegender Veränderungen beschränkte man sich auf punktuelle Korrekturen und „notdürftige Reparaturen“.
Große Gewerkschaften haben ihre eigenen Krankenkassen, einschließlich Krankenhäuser (Obras Sociales; soziale Projekte). Diese werden vom Staat subventioniert und sind günstiger und besser als private Krankenkassen. Ursprünglich waren sie eine große Errungenschaft – heute sind sie jedoch auch eine wichtige Finanzquelle für die korrupte Bürokratie und massiv geschrumpft. Dies liegt vor allem daran, dass viele Bürokrat:innen es für lukrativer befanden, Teile davon zu privatisieren und im Gegenzug Anteile an privaten Gesundheitsdienstleister:innen zu erwerben.
Der Konflikt begann mit Löhnen, die deutlich unter den Lebenshaltungskosten lagen. Während ein existenzsichernder Lohn bei etwa 1.400 US-Dollar pro Monat gelegen hätte, verdienten viele Beschäftigte kaum mehr als 800 US-Dollar und damit in der Nähe der offiziellen Armutsgrenze. In der Folge verließen während der Milei-Regierung mehr als 300 hochqualifizierte Fachkräfte das Krankenhaus. Interdisziplinäre Teams zerbrachen, die Versorgung schwerkranker Kinder geriet zunehmend in Gefahr.
Aus der schleichenden Krise wurde so ein offener Konflikt. Die soziale Ungerechtigkeit war offensichtlich: Während einfache Krankenhausbeschäftigte nahe an der Armutsgrenze lebten, erhielten politisch eingesetzte Manager:innen Monatsgehälter von über 5.000 US-Dollar. Gesundheitsminister Lugones – selbst Millionär und Eigentümer privater Kliniken – verdiente rund 10.000 US-Dollar.
Ein Vergleich der staatlichen Ausgaben machte den politischen Charakter der Kürzungen zusätzlich deutlich. Für den Geheimdienst SIDE, der unter anderem für Überwachung, Einschüchterung und propagandistische Kampagnen zuständig ist, stellte die Regierung rund 140 Millionen US-Dollar bereit – fast so viel wie das gesamte Jahresbudget des Garrahan. Gleichzeitig gewährte sie Steuererleichterungen für große Agrarkonzerne in Höhe von 1,6 Milliarden US-Dollar, was etwa zehn Jahresbudgets des Krankenhauses entspricht.
Für uns war daher früh klar: Das Garrahan ist mehr als ein einzelnes Krankenhaus. Aufgrund seines enormen gesellschaftlichen Prestiges und seiner zentralen Rolle in der öffentlichen Gesundheitsversorgung konnte dieser Konflikt nicht als interner Tarifstreit geführt werden. Von Beginn der Auseinandersetzung an vertrat die Gewerkschaftsführung der APyT die Orientierung, den Lohnkampf als gesellschaftliche Frage zu formulieren. Unter dem Motto „Garrahan ist in Gefahr – das ist eine nationale Angelegenheit“ wurde der Kampf bewusst über den Betrieb hinausgetragen.
Diese Ausrichtung war jedoch innerhalb der Linken umkämpft. Als MST mussten wir diese Orientierung in einer harten Auseinandersetzung mit der PO (Partido Obrero) und PTS (Partido de los Trabajadores Socialistas) und anderen Gruppen innerhalb des Krankenhauses durchsetzen. Denn diese stellten sich dauerhaft gegen die breite Einheit – gegen das „Hinaustragen des Konflikts auf die Straße und die Zusammenführung mit breiter Unterstützung aus der Bevölkerung“ sowie gegen den Aufbau gemeinsamer Mobilisierungen, selbst unter Einbeziehung von Gewerkschaftssektoren unter peronistischer Führung. Vor allem die PO verfolgte ausschließlich eine ökonomistische (nur Lohnforderungen) und gewerkschaftliche (nur für Krankenhausbeschäftigte) politische Linie. Dafür war es zentral, dass es politische Kämpfe auf Vollversammlungen gegeben hat – diese haben die Beschäftigten nicht verschreckt, sondern selber geführt – denn es ging um die Frage, wie der eigene Kampf geführt werden soll.
Dabei hat sich bestätigt, dass es für den Sieg des Konfliktes entscheidend war, ihn von Beginn an politisch zu rahmen und über den Betrieb hinaus zu öffnen. Die Verteidigung des Garrahan wurde als gesellschaftliche Frage formuliert – als Kampf um öffentliche Gesundheitsversorgung. Genau diese Orientierung ermöglichte breite Solidarität und verlieh dem Streik seine Durchschlagskraft. Am Höhepunkt des Konflikts lag die Zustimmung in der Bevölkerung bei rund 90 Prozent!
Das war notwendig, denn die Kürzungen selbst sind Teil des oben erwähnten politischen Generalangriffs der Regierung Mileis – und keine gewöhnlichen Tarifkonflikte. Zugleich hat der Gesundheits- und Care-Sektor allgemein eine besondere Stellung im kapitalistischen Produktionsgefüge. Hier wird kein klassischer Mehrwert produziert wie in der Industrie. Pflege, medizinische Versorgung und soziale Reproduktion lassen sich nur begrenzt nach industriellen Maßstäben organisieren. Dennoch versuchen Regierungen und Klinikleitungen, diese Bereiche über Marktmechanismen, Fallpauschalen und Kostendruck in eine Logik der Profitabilität zu zwingen – mit permanentem Personalmangel und Arbeitsverdichtung als Folge.
Gerade daraus ergibt sich ein Widerspruch: Beschäftigte im Gesundheitswesen sind kämpferisch, gleichzeitig sind ihre Kämpfe auf politische Zuspitzung und breite Unterstützung angewiesen, da sie nicht einfach über ökonomischen Druck wie in der Warenproduktion geführt werden können. Eben, weil sie nicht „nur“ die Beschäftigten treffen, die ihre Gehälter und Arbeitsbedingungen aushandeln, sondern in ihren Arbeitsbedingungen auch die Qualität der Versorgung der gesamten Klasse verhandelt wird.
Das betrifft nicht nur die Beschäftigten, sondern greift direkt in einen zentralen Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion ein: die Versorgung von Kranken, Kindern und Familien. Konkret heißt das: längere Wartezeiten, geschlossene Stationen, überlastetes Personal und eine reale Verschlechterung der Lebensbedingungen für breite Teile der Arbeiter:innenklasse. Genau deshalb erzeugen Angriffe im Gesundheitssektor ein gesellschaftliches Echo, das weit über den Betrieb hinausgeht.
Die Einbindung breiterer Strukturen lief wie folgt ab: Auf der Vollversammlung des Krankenhauses, bei der alle Arbeiter:innen unabhängig von ihrer Gewerkschaftsmitgliedschaft teilnehmen konnten und Stimmrecht hatten, schlug die APyT die Bildung eines Streik- und Aktionskomitees vor. Dieses setzte sich aus drei Kräften zusammen: der APyT selbst, Delegierten der öffentlichen Dienstgewerkschaft ATE (Asociación de los Trabajadores del Estado) sowie einer Gruppe selbstorganisierter Ärzt:innen, darunter leitende Fachkräfte und renommierte Wissenschaftler:innen, die zuvor kaum an gewerkschaftlichen Aktionen teilgenommen hatten. Die Ausschüsse dienen dabei der Umsetzung der Beschlüsse der Vollversammlungen. Sie sind koordinierende und ausführende, keine beratenden Gremien.
Zentral war die bewusste Entscheidung, klassische Streiks mit kreativen und öffentlichkeitswirksamen Aktionsformen zu verbinden. Neben Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen gab es Kulturfeste, Menschenketten um das Krankenhaus, Fackelmärsche, Fahrradkorsos mit Familien, Spielzeugsammlungen, Aktionstage mit Künstler:innen und Sportler:innen sowie Live-Radiosendungen vor dem Haupteingang.
Parallel dazu wurde eine breite Koordinierung aufgebaut: das „Cabildo Abierto“, ein offenes Bündnis von Gesundheitsgewerkschaften, anderen Branchen, Studierenden-, Frauen- und Menschenrechtsorganisationen. Diese Struktur fungierte als Einheitsfront zur Unterstützung des Streiks und trug entscheidend dazu bei, den Konflikt in die Gesellschaft zu tragen.
Ein weiterer Hebel war die politische Intervention auf parlamentarischer Ebene. Ein Notstandsgesetz zur Kindergesundheit wurde im Kongress eingebracht und zunächst verabschiedet. Obwohl Milei dagegen sein Veto einlegte, zwang der massive gesellschaftliche Druck – begleitet von Mobilisierungen mit Hunderttausenden – das Parlament zur erneuten Abstimmung und Bestätigung.
Die Verleumdung kämpferischerer Arbeiter:innen in den Medien ist in Argentinien nichts Ungewöhnliches. Am Garrahan verschärfte die Regierung ihre Offensive zusätzlich und griff dabei zu offenen mccarthyistischen Methoden. Besonders ins Visier geriet unsere Genossin Norma Lezana, Generalsekretärin der APyT, zentrale Streikführerin und Kandidatin der FIT-U (Frente de Izquierda y de Trabajadores – Unidad; vereinte Front der Linken und Arbeiter:innen).
In einer landesweit ausgestrahlten Fernsehsendung auf einem rechten Sender versuchte ein Journalist, der der Regierung Milei besonders nahesteht, Norma sowie eine weitere Gewerkschaftsaktivistin zu provozieren und anzugreifen. Dabei bediente er sich sexistischer und mccarthyistischer Angriffe gegen die Linke und fügte hinzu: „Der Trotzkismus ruiniert immer alles“ – eine Anspielung auf Normas Kandidatur für die FIT-U.
Beide erteilten diesem Provokateur eine politische Abreibung. Am Ende des Interviews legte Norma dem reaktionären Journalisten nahe, „einen Psychologen aufzusuchen und eine Therapie zu machen“ und den Sieg der Arbeiter:innen zu akzeptieren, da seine Emotionalität im Interview nicht normal sei. So erlangten sie große Popularität.
Seitdem haben die Gewerkschaftsführung, unsere Strömung innerhalb der Gewerkschaft und insbesondere unsere führende Genossin eine deutlich spürbare Sympathie gewonnen. Diese zeigt sich in jedem Kampf, an dem sie beteiligt ist – auf der Straße ebenso wie im Krankenhaus selbst. Nach acht Monaten intensiven Kampfes, getragen von Streiks, Massenmobilisierungen und einer breiten gesellschaftlichen Unterstützung, konnten die Beschäftigten des Garrahan-Krankenhauses einen historischen Erfolg erringen.
In einem ersten Schritt wurde ein dauerhafter Bonus von 30 Prozent auf den Grundlohn durchgesetzt. Doch dabei blieb es nicht: Trotz massiver Repression, Lohnabzügen für Streiktage und politischem Druck sah sich die Regierung schließlich gezwungen, eine Gesamtlohnerhöhung von 61 Prozent zu gewähren! Eine solche Erhöhung hatte es unter Mileis Regierung bislang in keinem Sektor gegeben.
Der Erfolg des Streiks am Garrahan war kein Produkt spontaner Radikalisierung oder außergewöhnlicher Umstände, sondern Ergebnis einer über Jahre aufgebauten antibürokratischen Gewerkschaftsarbeit im Krankenhaus selbst. Unsere Partei in Argentinien führt mehrere Gewerkschaften im öffentlichen Gesundheitswesen an und ist auch im privaten Gesundheitssektor stark als wichtigste Opposition gegen die Bürokratie in diesem Bereich. Dort verfügen wir über eine lange Tradition seit dem Sturz der Diktatur.
Unsere Arbeit in der APyT begann, indem wir ihre heutige Generalsekretärin Norma Lezana (eine pädiatrische Ernährungswissenschaftlerin, spezialisiert auf Diabetes im Kindesalter) als Kader für die MST und unser Verständnis der Gewerkschaftsarbeit gewannen. Diese Praxis materialisierte sich beispielsweise in der APyT als multiprofessioneller Gewerkschaft, denn so wurde verhindert, dass die Regierung oder das Management einzelne Gruppen gegeneinander ausspielen konnten. Nach der Pandemie bauten wir – mit der Zuteilung für vier Jahre einer Genossin, die Mitglied der nationalen Parteiführung ist – ein Team von Arbeiter:innen auf, die sich der MST angeschlossen haben. In der APyT ist es uns gelungen, ein demokratisches Gewerkschaftsmodell mit Versammlungen und Einheit im Handeln mit verschiedenen Sektoren zu entwickeln. Die Führung ist pluralistisch und umfasst neben der MST auch Ärzt:innen, Biochemiker:innen, Pflegekräfte, Radiolog:innen usw., die unabhängig sind oder sogar „progressive“ Sympathien für den Kirchnerismus (Politik der beiden Staatspräsident:innen) haben.
Dabei ist wichtig zu sagen: Manche Führungskräfte der APyT sind Teilzeit bei der Gewerkschaft angestellt, aber alle arbeiten und haben einen direkten Bezug zu ihren Kolleg:innen. Sie besuchten jede Woche alle Abteilungen, um mit den Arbeiter:innen in den 12 Gebäuden des Krankenhauses zu sprechen. Dadurch werden die einfachen Mitglieder einbezogen – und das zahlt sich aus, wenn es darum geht, Aktivitäten zu organisieren und politische Entscheidungen zu treffen.
Dennoch übernahm die MST letztlich die Führung der Gewerkschaft und nahm auch politisch Einfluss auf die Mehrheit der Mitglieder des Exekutivkomitees der Gewerkschaft. Während dieses Konflikts festigten und verstärkten sich die politische Autorität der MST, ihre Popularität unter den Aktivist:innen und das Vertrauen der gesamten Gewerkschaft bis zu dem Punkt, dass die von der MST-Leitung vor vier Jahren eingesetzte Parteiführerin als legitime Beraterin der obersten Streikführung anerkannt wurde.
An einem so komplexen Arbeitsplatz mit Elite-Fachkräften und Wissenschaftler:innen stellte diese parteipolitische Legitimierung einen großen Erfolg dar. Entscheidend für diesen Erfolg waren mehrere Dinge:
a) Verständnis antibürokratischer Gewerkschaftspolitik: Antibürokratisch meint hier keine abstrakte Haltung, sondern eine konkrete Praxis: Entscheidungen werden nicht von einer abgehobenen Funktionärsebene getroffen, sondern kollektiv in Versammlungen diskutiert und beschlossen. Die Beschäftigten bestimmen Tempo, Formen und Ziele des Kampfes selbst – und entwickeln dabei ein gemeinsames politisches Verständnis ihrer Situation. Im Unterschied zur peronistischen Gewerkschaftsbürokratie, die Konflikte traditionell einhegt und an staatliche Interessen anpasst, setzte die APyT also auf offene Debatten, gewählte Delegierte und die kontinuierliche Aktivierung der Basis. Streiks und Aktionsformen wurden nicht verwaltet, sondern politisch vorbereitet und gemeinsam getragen.
b) Kollektive Stütze: Die Schwerpunktverlagerung der nationalen Partei auf diesen Konflikt ist von zentraler Bedeutung. Der Kampf wurde nach einem Beschluss des Zentralkomitees für mehrere Wochen zu einer Priorität der MST. Ebenso entscheidend war die Durchführung eines nationalen Treffens der MST-Arbeiter:innengruppen mit 650 Delegierten und Aktivist:innen aus dem ganzen Land, die diese Politik verabschiedeten.
c) Politisierung des Konfliktes: Antibürokratische Gewerkschaftsarbeit bedeutet schließlich auch, den eigenen Betrieb nicht als Grenze des Kampfes zu akzeptieren. Die Verbindung von innerbetrieblicher Demokratie, politischer Klarheit und Öffnung nach außen war eine zentrale Voraussetzung dafür, dass der Streik am Garrahan seine außergewöhnliche Durchschlagskraft entwickeln konnte.
Auch wenn nicht überall die gleichen Bedingungen vorherrschen: Der Streik am Garrahan liefert eine Reihe von Lehren, die über Argentinien hinaus von Bedeutung sind – gerade für Beschäftigte im Gesundheitswesen und für alle, die sich mit der Frage erfolgreicher gewerkschaftlicher Organisierung beschäftigen. Sie zeigen uns:
1. Angriffe auf öffentliche Daseinsvorsorge sind politische Angriffe. Erfolgreiche Kämpfe verbinden betriebliche Interessen mit gesellschaftlichen Anliegen.
Nicht alle betrieblichen Konflikte können allein mit tariftechnischen Mitteln beantwortet werden, sondern erfordern eine bewusste politische Mobilisierung und gesellschaftliche Bündnisse. Der Durchbruch am Garrahan wurde möglich, weil der Kampf als Verteidigung eines gesellschaftlichen Rechts – der öffentlichen Gesundheitsversorgung – geführt wurde.
2. Gewerkschaftliche Organisation ist unverzichtbar – doch ihre Ausrichtung ist entscheidend. Antibürokratische Führung ist Prinzip und muss Praxis sein.
Nicht jede Gewerkschaft führt automatisch zu Kampfkraft. Demokratische Strukturen, Transparenz und aktive Beteiligung der Basis sind zentrale Voraussetzungen für erfolgreiche Auseinandersetzungen. Es braucht konsequente demokratische Arbeit, politische Klarheit und die Bereitschaft, Konflikte auch innerhalb der Gewerkschaft auszutragen. Der Kampf am Garrahan zeigt: Selbst unter einer extrem rechten Regierung können Beschäftigte siegen – wenn sie organisiert, politisch orientiert und solidarisch handeln mittels eines klassenkämpferischen Programms.
Gerade weil dieser Sieg eine Signalwirkung für andere Belegschaften hatte, folgte umgehend der Versuch der Disziplinierung. Wenige Wochen nach dem Abschluss des Konflikts leitete das politisch eingesetzte Krankenhausmanagement 44 Disziplinarverfahren gegen Norma Lezana und weitere aktive Kolleg:innen ein. Ziel dieser Maßnahmen ist es, den Sieg im Nachhinein zu bestrafen, die Belegschaft einzuschüchtern und die Verbindung zwischen gewerkschaftlicher Führung und Basis zu schwächen. Am 3. Februar hat der nationale Kabinettschef Manuel Adorni den Medien in einem beispiellosen Vorgang mitgeteilt, dass 10 politische Führer:innen des Krankenhauses entlassen und 29 weitere bestraft werden sollen. Er tat dies in einem Social-Media-Beitrag mit dem drohenden Titel „Wer das Verbrechen begeht, muss die Strafe verbüßen“.
Diese Repression zeigt, dass der Konflikt aus Sicht der Regierung nicht abgeschlossen ist. Der Kampf um das Garrahan ist zu einem politischen Präzedenzfall geworden, dessen Ausstrahlung Milei unbedingt begrenzen will – insbesondere vor dem Hintergrund geplanter arbeitsrechtlicher Verschärfungen. Gerade deswegen ist es wichtig, unsere Solidarität zu zeigen! Ein Angriff auf die Beschäftigten ist in der Tat ein Angriff auf uns alle – doch wir lassen uns nicht einschüchtern!