Vorwort

Redaktion Revolutionärer Marxismus, Revolutionärer Marxismus 54, Dezember 2021

Im Jahr 2009 veröffentlichte eine 28-köpfige Gruppe von NaturwissenschaftlerInnen um Johan Rockström einen Aufsatz zum Thema „planetare Grenzen“. Sie ging davon aus, dass es eine Reihe von globalen ökologischen Systemen gibt, bei denen die gegenwärtige Wirtschaftsweise Störungen hervorruft, die ab einer gewissen Grenze von den natürlichen Ausgleichsmechanismen nicht mehr auf ein für menschliches Leben geeignetes Gleichgewicht zurückgeführt werden können. Das damit begründete Projekt fand letztlich neun solche globalen Grenzen, für die Grenzwerte bestimmt wurden, ab denen solche lebensbedrohlichen Kipppunkte zu erwarten sind. Am bekanntesten ist sicherlich die 2 °C-Grenze für die Zunahme der globale Durchschnittstemperatur seit Beginn der Industrialisierung als Punkt, ab dem die Auswirkungen von Klimaveränderungen für menschliches Leben auf dem Planeten unkontrollierbar werden. Deswegen ist eine Haltelinie schon bei 1,5 °C erstrebenswert. Ähnliche Kipppunkte und Anleitungen für Reduktionen bestimmter Einträge (Treibhausgase, Phosphor, Quecksilber, Kernbrennstoffabfälle etc.) wurden aber auch für Gebiete wie Versauerung der Ozeane, Phosphor- und Stickstoffkreisläufe, Süßwasserverbrauch, Biodiversität etc. festgelegt und erstellt – und in mehreren Nachfolgeprojekten präzisiert. Während politisch vor allem der Klimawandel im Fokus der Aufmerksamkeit steht, wird leicht übersehen, dass etwa beim Artensterben oder den biochemischen Kreisläufen schon weitaus bedrohlichere Grenzbereiche erreicht sind und sogar die Ozeane in ihrer Rolle als globale Müllkippen ökologisch extrem gefährdet sind. In der Verengung der ökologischen Krise auf die Klimafrage werden sogar solche Sackgassen wie die Atomenergie wieder aus der Versenkung geholt.

Dies passt zur Fehlsicht, dass die Verhinderung der genannten ökologischen Katastrophen vor allem ein technisches Problem sei – die Verringerung der genannten Belastungen durch alternative Technologien und Substanzen, die die problematischen ersetzen könnten. Vorbild dafür ist die wahrscheinlich erfolgreiche Regeneration der Ozonschicht infolge des 1987 verabschiedeten Montreal-Protokolls. In diesem wurden Mechanismen gefunden, die Ozonschicht schädigenden Substanzen wie FCKW global aus dem Verkehr zu ziehen und letztlich durch ungefährlichere, wenn auch teurere Ersatzstoffe abzulösen. Offensichtlich ist eine solche Lösung für den Ausstieg etwa aus der Verbrennung von fossilen Energieträgern ungleich schwieriger. Hier wird offensichtlich eine wesentlich innigere Verschränkung von ökologischer und ökonomischer Krise deutlich. Dies hat wieder mal der letzte Klimagipfel in Glasgow gezeigt. Es ist nicht in Sicht, dass das Abkommen von Paris einen ähnlichen Erfolg wie das Montreal-Protokoll mit sich führen wird.

Einer der MitautorInnen der Rockströmstudie, Chemienobelpreisträger Paul J. Crutzen, hatte schon einige Jahre zuvor den Begriff „Anthropozän“ als Bezeichnung für ein neues Erdzeitalter vorgeschlagen, da seit Beginn des Industriezeitalters der Mensch zu einem entscheidenden Einflussfaktor für biologische und atmosphärische Systeme auf der Erde geworden ist. Richtig daran ist sicher: Die meisten menschlichen Zivilisationen behandelten die Natur gemäß dem Motto „Macht euch die Erde untertan“ als praktisch unerschöpfliche Ressource. Mit dem Kapitalismus haben die (re-)produktiven Kreisläufe von Ökonomie und Konsumtion Umfang und Tempo angenommen, die immer mehr natürliche Kreislaufsysteme überlasten oder sogar zum Zusammenbruch bringen. Es kommt, wie John Bellamy Foster es nennt, zu einem „metabolischen Bruch“ zwischen Mensch und Erde, der zu einem tiefgreifenden Riss zu werden droht.

Doch wie Elmar Altvater in einem seiner letzten Artikel zu Recht anmerkte, erweckt der Begriff des „Anthropozäns“ den Eindruck, als sei es „der Mensch“ selbst, der die herrschende Kraft in diesem neuen Erdzeitalter sei. Tatsächlich ist jede Form menschlicher Naturaneignung immer schon gesellschaftlich vermittelt und seit der Entstehung der Klassengesellschaft (Zivilisation) verbunden mit der Geschichte von Herrschaft, Klassen und Arbeit. Im Kapitalismus hat die Entfremdung des arbeitenden Menschen vom Produkt der Arbeit und damit auch dessen natürlicher Stofflichkeit in der Verselbstständigung der Wertform ihren Höhepunkt erreicht. Der Zwang zur Verwertung des Werts, inhärent im Begriff des Kapitals selbst, führt unmittelbar zur Schrankenlosigkeit der Kapitalakkumulation. Diese Maßlosigkeit der Tauschwertseite des Kapitals kennt nur in der ökonomischen Krise als Ausbruch der immanenten Widersprüche des Wertverhältnisses eine zeitweise Schranke. Ihr Durchbrechen mittels kapitalistischen Krisenbewältigung – selbst mit enormen sozialen und ökologischen Opfern verbunden – führt zwangsläufig jeweils zu einer neuen Qualität von Ausbeutung von Mensch und Natur. Im „Kapitalozän“ (Altvater) stößt die scheinbare Grenzenlosigkeit der Kapitalakkumulation auf Wertebene auf materielle, ökologische Grenzen auf der stofflichen Ebene (Gebrauchswert). Ökologische und ökonomische Krise verschränken sich. So wenig wie also „die Menschheit“ die gegenwärtige ökologische Krise verantwortet, ist sie auch als Abstraktum in der Lage, das Desaster aufzuhalten. Als geschichtliche Gesellschaftsformation schafft aber der Kapitalismus auch diejenigen sozialen Kräfte, die aufgrund ihrer Stellung im (Re-)Produktionsprozess zur Aufhebung der kapitalistischen Entfremdungsverhältnisse in der Lage sind. Es gibt keine Überwindung des ökologisch-metabolischen Risses ohne gesellschaftlichen Bruch mit der Herrschaft des Kapitals!

Die hier skizzierte Verknüpfung von ökologischer Krise mit den Widersprüchen des Kapitalismus und den sozialen Kräften, die beide in revolutionärer Weise überwinden können und müssen, ist das Thema dieser Ausgabe des „Revolutionären Marxismus“. Im Artikel „Umwelt und Kapitalismus“ wird dieser Zusammenhang thesenhaft entwickelt, unter Berücksichtigung neuerer Diskussionen dazu, wie z. B. bei John Bellamy Foster, Brand/Wissen etc. und es wird dabei in Abgrenzung z. B. von Theorien des „ungleichen ökologischen Tausches“ der Begriff des „Umweltimperialismus“ als Kennzeichnung des gegenwärtigen globalen Regimes der Ausbeutung von Natur und Mensch entwickelt. Im Artikel „Umweltpolitik und Umweltbewegung“ werden dagegen die grundlegenden AkteurInnen und sozialen Kräfte analysiert, die derzeit als Reflex der ökologischen Krise nach Auswegen suchen. Mit AutorInnen wie Andreas Malm werden die Grenzen der gegenwärtigen Protestbewegungen auch in ihren scheinbar radikalsten Formen ausgeleuchtet und wird ungenügende Kapitalismuskritik, z. B. in Form der verschiedenen „Degrowth“-Ansätze, besprochen. Der Artikel „Die New Green Deals“ widmet sich einer grundlegenden Kritik der heute vorherrschenden „Rettungspläne“ für das Klimadesaster, die sich letztlich dem utopischen Ziel einer Heilung des ökologischen Bruchs im Rahmen kapitalistischer (keynesianischer) Krisenpolitik verschrieben haben. Die Fragen einer sozialistischen Alternative werden sowohl in einem Rekurs auf Rudolf Bahros „Die Alternative“ am Ende des Artikels zu „Umweltpolitik und Umweltbewegung“ als auch in einer Besprechung des Ökosozialismus-Buchs von Michael Löwy angesprochen. Dies ist sicher nur der Anfang einer weitergehenden Auseinandersetzung mit der Frage des Ökosozialismus. Heruntergebrochen werden die verschiedenen Ansätze der anderen Artikel am konkreten Beispiel der Verkehrspolitik im Artikel „Vom Kapitalismus, dem Verkehr und seiner Wende“. Diese Konkretisierung wird sich in einem der nächsten RMs zum Thema „Landwirtschaft“ fortsetzen. Schließlich veröffentlichen wir in diesem RM als zusammenfassende Antwort unserer Strömung auf die ökologische Krise die umweltpolitischen Forderungen aus dem Programm der Liga für die Fünfte Internationale, das diese auf ihrem letzten internationalen Kongress 2019 beschlossen hat.

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