Revolutionary Socialist Movement (RSM, Pakistan), Infomail 1306, 20. März 2026
Der jüngste Krieg zwischen Pakistan und Afghanistan hat die gesamte Region erneut an den Rand der Instabilität gebracht. Grenzkonflikte, Luftangriffe und Pakistans Militäroperation „Ghazab lil-Haq“ (Zorn um der Gerechtigkeit willen) deuten darauf hin, dass der Konflikt zwischen den beiden Ländern in eine neue und gefährliche Phase eingetreten ist. Laut internationalen Medienberichten haben pakistanische Luftangriffe und Grenzgefechte zu heftigen Zusammenstößen in mehreren afghanischen Provinzen geführt, insbesondere in Nangarhar, Paktika, Khost und Kandahar. Am 18. März fielen 400 Zivilist:innen einem Luftangriff auf Kabul zum Opfer.
Auch wenn Pakistan und Afghanistan danach eine Feuerpause bis zum Ende des Ramadan vereinbar haben, so sind damit die tiefen Ursachen für diesen Krieg keineswegs beseitigt.
Dies ist nicht bloß ein Grenzstreit oder eine begrenzte Operation gegen den Terrorismus. Vielmehr ist es das Ergebnis der Krise der kapitalistischen Staaten in der Region, imperialistischer Interessen und jahrzehntelanger katastrophaler Politik, die die Region wiederholt in den Krieg gestürzt hat.
Die Angaben beider Staaten unterscheiden sich, doch die Konfrontation hat bereits erhebliche menschliche Verluste gefordert. Pakistan behauptet, bei seinen Operationen seien 641 afghanische Taliban-Kämpfer:innen getötet und mehr als 855 verwundet worden. Afghanische Quellen berichten, dass Dutzende pakistanischer Soldat:innen bei den Zusammenstößen getötet wurden.
Nach Angaben der Vereinten Nationen und anderer Quellen fielen während der Kampfhandlungen in Afghanistan zwischen 67 und 128 Zivilist:innen zum Opfer, und mehr als 120 Verletzte waren zu beklagen. Der Konflikt hat bereits etwa 115.000 afghanische Zivilist:innen vertrieben, während auch in Pakistan Tausende von Menschen gezwungen waren, ihre Häuser zu verlassen.
Der Beschuss in den Grenzgebieten hat Wohngebiete getroffen und viele Familien gezwungen, während des heiligen Monats Ramadan aus ihren Häusern zu fliehen. Für Afghanistan, ein Land, das bereits durch jahrzehntelange Kriege verwüstet ist, bedeutet dieser Konflikt eine weitere humanitäre Katastrophe.
Afghanistan hat fast vierzig Jahre andauernde Konflikte hinter sich. Die sowjetische Intervention, der Bürgerkrieg, die US-Besatzung und die Rückkehr der Taliban haben die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen des Landes zerstört.
In dieser Zeit wurden rund drei Millionen Afghan:innen getötet, und wenn man die Todesfälle durch Hunger, Krankheiten und die Strapazen der Vertreibung mit einbezieht, könnte die Zahl auf fünf Millionen steigen. Gleichzeitig wurden sieben bis acht Millionen Afghan:innen ins Exil getrieben.
Diese Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Zerstörung, die der Imperialismus und regionale Interventionen in Afghanistan angerichtet haben. Einen weiteren Krieg gegen das Land zu beginnen, bedeutet, eine bereits zerrüttete Gesellschaft noch tiefer ins Chaos und in die Verwüstung zu stürzen.
Pakistanische Luftangriffe haben die Infrastruktur in ländlichen Gebieten beschädigt, während Tausende von Familien gezwungen waren, aus ihren Häusern zu fliehen. Die lokale Wirtschaft, der Handel und die landwirtschaftlichen Aktivitäten wurden schwer beeinträchtigt. Laut den Vereinten Nationen und internationalen Medien haben die Kämpfe in den Grenzgebieten auch die humanitären Hilfsmaßnahmen gestört und damit eine ohnehin schon schwere humanitäre Krise verschlimmert.
Der pakistanische Staat stellt diesen Krieg als eine Kampagne gegen die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP; Bewegung der pakistanischen Taliban) dar. Doch es ist klar, dass die Entstehung der TTP selbst in früherer staatlicher Politik begründet liegt.
Während des Krieges gegen die Sowjetunion in den 1980er Jahren arbeitete Pakistan mit dem US-Imperialismus zusammen, um dschihadistische Gruppen zu unterstützen und zu organisieren. Später stürzten die Unterstützung der afghanischen Taliban und Pakistans Beteiligung am von den USA geführten „Krieg gegen den Terror“ die gesamte Region in einen Kreislauf aus Militarisierung und Extremismus.
Anhaltende Militäroperationen in den Stammesgebieten, Drohnenangriffe, Zwangsumsiedlungen und politische Unterdrückung führten zu tiefer Instabilität. Infolgedessen wurde die Militanz der extrem reaktionären Kräfte eher gestärkt als beseitigt, was Gruppen wie der TTP ermöglichte, zu entstehen und zu expandieren.
Selbst heute scheint es, als habe der Staat diese Politik nicht grundlegend aufgegeben; er versucht lediglich, die Kräfte zu kontrollieren, zu deren Entstehung er einst beigetragen hat.
Wäre der pakistanische Staat wirklich entschlossen, den Terrorismus zu beseitigen, würde er mit demokratischen und anti-talibanischen Kräften in den Stammesgebieten zusammenarbeiten.
Die Pashtun Tahafuz Movement (PTM) ist eine Massenbewegung, die ein Ende des Krieges, der Verschleppungen und der Militarisierung in den Stammesgebieten fordert. Sie hat sich zu einer starken Stimme gegen sowohl den Krieg als auch die Gewalt der Taliban entwickelt.
Doch der Staat hat wiederholt versucht, die Bewegung zu unterdrücken, indem er ihre Aktivist:innen verhaftete und ihre Aktivitäten einschränkte. Dieser Widerspruch macht deutlich, dass es nicht nur um Terrorismus geht; es dreht sich auch um den Wunsch des Staates, die militärische und politische Kontrolle über die Grenzregionen aufrechtzuerhalten.
Die PTM hat sich entschieden gegen den Krieg in Afghanistan ausgesprochen und argumentiert, dass er das Leben der ohnehin schon schwer getroffenen Zivilbevölkerung noch unerträglicher gemacht hat. Die größten Opfer des Krieges und der Militäroperationen sind die Paschtun:innen, die auf beiden Seiten der Grenze leben.
Seit den 1980er Jahren verfolgt der pakistanische Staat in Afghanistan die Doktrin der „strategischen Tiefe“. Nach der Saur-Revolution (Ausrufung der Demokratischen Republik Afghanistan durch die Demokratische Volkspartei [DVPA] am 27.4.1978) und dem darauf folgenden Bürgerkrieg – in dem Pakistan eng mit dem US-Imperialismus zusammenarbeitete – entwickelte die Regierung in Islamabad die Idee, Afghanistan in einen unter seinem Einfluss stehenden Vasallenstaat zu verwandeln, um sich strategischen Einfluss gegenüber Indien zu sichern.
Diese Politik beinhaltete die Unterstützung der Mudschaheddin (islamistische konterrevolutionäre Kräfte), die Förderung des Aufstiegs der Taliban und später die Rechtfertigung der Unterscheidung zwischen „guten“ und „bösen“ Taliban.
Pakistans Rolle bei den Verhandlungen in Doha half dabei, den Weg für die Rückkehr der Taliban an die Macht zu ebnen. Doch heute ist dieselbe Politik zu einer Last für den pakistanischen Staat geworden. Der Aufstand der TTP, wiederkehrende Grenzkonflikte, regionale Spannungen und sich verschärfende politische Krisen spiegeln allesamt den Zusammenbruch der Doktrin der strategischen Tiefe wider.
Das Projekt, strategische Tiefe in Afghanistan zu sichern – im Wesentlichen ein Versuch, Pakistans Position innerhalb der imperialistischen Weltordnung zu stärken – ist gescheitert. Dennoch zeigen die Ausweisung afghanischer Flüchtlinge, Luftangriffe in Afghanistan und der aktuelle Krieg, dass der Staat diese Politik nicht aufgegeben hat.
Die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan, die Durand-Linie, ist selbst ein Produkt des britischen Imperialismus. 1893 legte das Britische Empire diese Grenze fest und teilte damit die paschtunische Nation in zwei Teile.
Diese Grenze hat keine echte historische, nationale oder geografische Legitimität. Sie wurde geschaffen, um kolonialen Interessen zu dienen, indem eine Pufferzone zwischen Britisch-Indien und Afghanistan eingerichtet und gleichzeitig die paschtunischen Regionen politisch zersplittert wurden.
Auch heute noch existieren auf beiden Seiten der Grenze dieselben Menschen, dieselbe Kultur und dieselben sozialen Strukturen. Die Durand-Linie spaltete die paschtunische Nation zwischen zwei Staaten und schuf damit dauerhafte Spannungen in der Region. Stammesgebiete wurden bewusst unterentwickelt gehalten.
Die paschtunische nationale Nationale ist tief in dieser historischen Spaltung verwurzelt. Solange dieses Problem nicht angegangen wird, bleibt ein dauerhafter Frieden in der Region unmöglich. Die Lösung liegt nicht in militärischer Gewalt oder Unterdrückung, sondern in der Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts des paschtunischen Volkes.
In der aktuellen Kriegsstimmung werden afghanische Flüchtlinge ins Visier genommen, um Druck auf die Taliban auszuüben. Millionen von Afghan:innen, die seit Jahrzehnten in Pakistan leben, sind nun von Verhaftungen, Zwangsabschiebungen und der Beschlagnahmung ihres Eigentums bedroht.
Diese Flüchtlinge sind selbst Opfer von Kriegen, in denen Pakistan und globale Mächte eine wichtige Rolle gespielt haben. Durch ihre Arbeit haben sie erheblich zur pakistanischen Wirtschaft beigetragen, doch nun werden sie als Sicherheitsbedrohung dargestellt und zu Sündenböcken gemacht.
Viele afghanische Flüchtlinge leben schon seit Generationen in Pakistan. Für ihre Kinder und Enkelkinder ist Afghanistan praktisch ein fremdes Land. Sie jetzt zur Rückkehr zu zwingen, bedeutet, Leben zu zerstören, die durch jahrzehntelange harte Arbeit aufgebaut wurden.
Frauen, Mädchen, ethnische und sexuelle Minderheiten, Angehörige der Hazara-Gemeinschaft (ethnische Gruppe), Journalist:innen und Personen, die mit der ehemaligen afghanischen Regierung oder internationalen Organisationen in Verbindung stehen, sind ernsthaften Gefahren ausgesetzt, wenn sie in das von den Taliban regierte Afghanistan zurückgeschickt werden.
Sich gegen Pakistans Aggression zu stellen, bedeutet nicht, die Taliban-Regierung zu unterstützen. Die Taliban repräsentieren ein reaktionäres Regime, das den Rechten von Frauen und Minderheiten feindlich gegenübersteht. Zwar kontrollieren die afghanischen Taliban die TTP nicht direkt und vollständig, doch teilen sie deren reaktionäre Ziele und streben die Errichtung eines islamistischen Regimes im paschtunischen Gebiet an, was für die Bevölkerung eine Katastrophe wäre.
Versuche, die Regierung Afghanistans durch ausländische Militärinterventionen oder Luftangriffe zu ändern, werden jedoch weder Demokratie noch Freiheit bringen. Das hat das afghanische Volk während der zwei Jahrzehnte der US-Besatzung erlebt.
Über die Zukunft Afghanistans müssen die afghanischen Arbeiter:innen, Bäuer:innen, Frauen und Jugendlichen selbst entscheiden. Nur sie können letztendlich die Taliban-Herrschaft stürzen.
Revolutionäre Sozialist:innen verurteilen Pakistans Aggression gegen Afghanistan aufs Schärfste. Die pakistanische Arbeiter:innenklasse muss diesen Krieg ablehnen und sich gegen ihre eigene herrschende Klasse vereinen. Nur durch Klassenkampf kann das System gestürzt werden, das Krieg, Terrorismus und Zerstörung hervorbringt.
Der Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan spiegelt die Krise der herrschenden Klassen, die imperialistische Geopolitik und den Machtkampf in der Region wider.
Wir lehnen das reaktionäre, frauenfeindliche und kapitalistische Taliban-Regime ab. Gleichzeitig weisen wir jede imperialistische oder pakistanische staatliche Intervention zurück, die darauf abzielt, es zu stürzen. Afghanistan hat das Recht, sich zu verteidigen. Die Befreiung und Entwicklung Afghanistans kann nur durch revolutionäre Massenbewegungen, Arbeiter:innenorganisationen und Volkskomitees erreicht werden.
Bislang beschränkte sich der Krieg auf Zusammenstöße in den Grenzregionen und Luftangriffe. Eine Gefahr besteht darin, dass diese noch Wochen oder sogar Monate andauern, was es beiden Regierungen ermöglicht, sich als „Verteidigerinnen ihrer Nation“ darzustellen. Das erzkonservative, protofaschistische Taliban-Regime wird demagogisch behaupten, die nationalen Interessen eines der ärmsten Länder gegen eine weitere ausländische Invasion zu verteidigen. Die pakistanische Regierung wird die fortgesetzten Militäroperationen nicht nur an der Grenze, sondern auch im Landesinneren sowie die Aushöhlung demokratischer Rechte legitimieren.
Aber es gibt eine noch schlimmere, wenn auch weniger wahrscheinliche Gefahr: dass der Krieg an Umfang zunimmt und sogar zu einer Bodeninvasion durch Pakistan führt. Ein solches Abenteuer muss verhindert werden. Und es kann nur von der Arbeiter:innenklasse und den Unterdrückten gestoppt werden, indem sie eine massive Antikriegsbewegung aufbauen.
Die Massen in beiden Ländern haben ein gemeinsames Interesse daran, diesen Krieg jetzt zu beenden, und müssen gemeinsam handeln, um zu verhindern, dass ihre herrschenden Klassen sie in einen endlosen Krieg hineinziehen.
Ein gemeinsamer Kampf der Arbeiter:innenklasse in Afghanistan und Khyber Pakhtunkhwa kann die Taliban-Herrschaft und die staatliche Unterdrückung in Pakistan herausfordern und gleichzeitig der imperialistischen Vorherrschaft in der Region entgegentreten. Die dringende Aufgabe besteht darin, einen gemeinsamen revolutionären Kampf der arbeitenden Menschen in der gesamten Region aufzubauen – einen Kampf, der in der Lage ist, dem Imperialismus, den Taliban und der staatlichen Unterdrückung gleichermaßen die Stirn zu bieten. Der gemeinsame Kampf gegen die reaktionären Regime in Afghanistan und Pakistan und für die Selbstbestimmung aller Nationalitäten, insbesondere der paschtunischen Nation, kann ein Ausgangspunkt sein, um eine internationale und revolutionäre Kampfeinheit in der gesamten Region zu schaffen – indem diese Kämpfe mit dem Kampf für Arbeiter:innen- und Bäuer:innenregierungen und für eine sozialistische Föderation der gesamten Region verbunden werden.