Jaqueline Katherina Singh, Neue Internationale 299, April 2026
Die Gewalt, die Collien Fernandes erleben musste, liegt schwer im Magen. Gleichzeitig gibt es eine Flut an Reaktionen, die sie infrage stellen. Das macht mehr als wütend, denn wir wissen: Collien ist kein Einzelfall. Ob Gewalt in partnerschaftlichen Beziehungen und aus dem Umfeld oder Folgenlosigkeit bei sexueller Gewalt – all das ist für viele Alltag.
Die Frage, woher sexuelle Gewalt kommt und wie wir sie stoppen können, ist zu komplex, um sie auf einem Flyer vollständig zu beantworten. Klar ist jedoch: Wir müssen zwar dafür kämpfen, dass digitale Gewalt (sowie Femizide) als Straftatbestände aufgenommen werden – aber Gesetzesänderungen reichen nicht aus. Digitale Gewalt zeigt, wie tief patriarchale Strukturen in unserer Gesellschaft verankert sind. Sie entsteht nicht im „rechtsfreien Raum Internet“, sondern in realen Machtverhältnissen – und wird durch Technologie verstärkt. Zwar können diese im Kapitalismus niemals vollständig beseitigt werden (denn sie werden durch ihn verstärkt und hervorgebracht) – aber der Kampf dagegen beginnt im Hier und Jetzt!
Denn während Täter oft ungeschoren davonkommen, tragen Betroffene die Konsequenzen. Wenn wir sexuelle Gewalt wirklich bekämpfen wollen, müssen wir mehr tun, als nur einzelne Fälle zu bestrafen. Es geht darum, Strukturen zu verändern, Verantwortung einzufordern und kollektive Lösungen zu erkämpfen.
Denn gerade bei sexueller Gewalt zeigen sich die Begrenzungen unserer Gesellschaft besonders deutlich: Ein Urteil kann weder Inhalte löschen noch Angst, Scham, Schmerz oder berufliche Schäden rückgängig machen. Auch wenn Täter verurteilt werden, bleiben häufig strukturelle Schäden bestehen – für die Betroffenen, für die Kontrolle über den eigenen Körper, das eigene Bild und ihr soziales Umfeld. Im bürgerlichen Rechtssystem steht bei der Rechtsprechung nicht die Wiedergutmachung des Schadens im Vordergrund, sondern die Wiederherstellung der Staatsgewalt.
Strafe wird zu einem technischen Mittel, das vor allem die Autorität des Staates markiert, nicht die Bedürfnisse der Verletzten. Doch auf der anderen Seite zeigt der Status quo, dass das Fehlen jedweder Konsequenzen ebenfalls keine Alternative ist. Es muss darum gehen, erlittenen Schaden anzuerkennen, die Verantwortung des Täters über die Strafe hinaus einzufordern, materielle und emotionale Wiedergutmachung zu schaffen – und die sozialen und technologischen Bedingungen zu verändern, die solche Gewalt überhaupt erst möglich machen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Wie „bestrafen“ wir einzelne Täter:innen? Sie muss vielmehr heißen: „Wie zerstören wir die Strukturen, die diese Gewalt überhaupt ermöglichen?“
Für Linke und Sozialist:innen bedeutet das einen mehrfachen Kampf, der auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen mag:
Erstens geht es darum, juristische Anerkennung zu erkämpfen. Öffentlichkeit und Druck sind notwendig, damit Betroffene sichtbar werden und Täter zur Rechenschaft gezogen werden können. Nur so entstehen Konsequenzen – und gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Problem.
Zweitens müssen wir gesellschaftliche Ressourcen erkämpfen. Das ist einer der wichtigsten Punkte. Schon vor Zeiten sozialer Kürzungspolitik gab es zu wenig Unterstützung für Betroffene, Präventionsarbeit und Aufarbeitungsangebote. Nun werden jene Angbote, die helfen, weg- oder kaputt gespart! Doch es mangelt nicht nur an Frauenhausplätzen, sondern auch an Beratungsstellen, Therapien und Programmen für jene, die gewalttätig geworden sind. Ohne diese Ressourcen lassen sich nachhaltige Veränderungen nicht erreichen – wir müssen uns diese erkämpfen!
Drittens geht es darum, Kontrolle über die Strukturen der Gewalt zu erlangen. Große pornografische Plattformen löschen diskriminierendes oder gegen den Willen verbreitetes Material nicht? Keine Sorge, sie gehören entschädigungslos enteignet. Aber die Forderung nach Kontrolle darf nicht hier enden: Auch im polizeilichen und rechtlichen Bereich müssen wir das Sagen haben. Anzeigen dürfen keine Hürden aufwerfen, und herkömmliche Verhörpraktiken, die Betroffene nach Kleidung fragen oder ihnen die Schuld zuschieben, müssen verboten werden. Stattdessen fordern wir Untersuchungskommissionen, zusammengesetzt aus Gewerkschaften und Betroffenenvertretungen, die vollen Zugang zu den Mitteln der Polizei erhalten und den Prozess der Strafverfolgung aktiv mitgestalten.
Gerechtigkeit ist somit mehr als ein Urteil. Letztendlich bedeutet sie eine Gesellschaft, in der niemand Angst haben muss, dass der eigene Körper – real oder digital – zur Waffe, Ware oder zum Instrument von Kontrolle wird. Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks und der Erstarkung traditioneller Geschlechterrollen wird diese Aufgabe umso dringlicher.
Deswegen reicht es nicht, bei Zeitungsartikeln und Onlineposts stehen zu bleiben. Es braucht eine Bewegung gegen sexuelle Gewalt, die unter anderem für folgende Forderungen kämpft. Genau das hat bei #MeToo gefehlt. Deswegen:
• Schluss mit dem Schweigen: eigenständiger Straftatbestand für Deepfake-Pornografie, digitale Identitätsverletzung und Femizide! Für flächendeckende Anlaufstellen zur Meldung von sexueller Gewalt sowie sofortige, kostenlose psychologische Betreuung, wenn gewünscht!
• Schluss mit Gewalt: Für den flächendeckenden Ausbau von Frauen- und LINTA-Häusern! Kampf für bzw. Erhalt von Schutzräumen und Beratungsstellen in den Kommunen! Für Nachbarschaftskomitees, um Frauen aus der Isolierung zu holen!
• Schluss mit der Folgenlosigkeit: Für die Einrichtung und den Ausbau von Rehabilitationsprogrammen für (sexuelle) Gewalttäter! Bei ausbleibender Teilnahme und Fortschritten darf ihnen keine öffentliche Bühne gegeben werden.
• Schluss mit den Schmerzen: Kostenlose Rechtsberatung und Übernahme der Prozesskosten sowie längerfristige Hilfeangebote für Betroffene von sexueller Gewalt, finanziert durch den Staat! Für das Recht auf mehr bezahlte Urlaubstage sowie eine Mindestsicherung, angepasst an die Inflation!
• Schluss mit der Ohnmacht: Für die entschädigungslose Enteignung von großen Plattformen und pornografischen Seiten. Bis dahin müssen sie verpflichtet werden, sexualisierte Inhalte ohne Einwilligung unverzüglich zu entfernen, Transparenzberichte zu veröffentlichen und auf Wiederholungsversuche zu reagieren. Der Kampf dagegen ist keine Privatsache, sondern muss öffentlich bereitgestellt und demokratisch kontrolliert werden.
Dabei ist klar: Der Kampf gegen sexuelle Gewalt findet in unserem unmittelbaren Alltag statt. Jeden Tag. Allein deswegen darf der Fall nicht als Einzelfall abgetan werden, sondern muss als Aufhänger für eine reale Bewegung dienen, die für kollektive Veränderungen kämpft. Damit das klappt, müssen wir auf mehreren Ebenen aktiv werden: Es ist an uns, Organisationen wie Gewerkschaften oder beispielsweise Die Linke dazu zu bringen, solche Forderungen offensiv aufzustellen – andererseits müssen wir die Auseinandersetzung in den Alltag bringen – dort, wo sich niemand der Debatte entziehen kann.
Deswegen braucht es Sensibilisierungskampagnen an Schulen, Universitäten und in Betrieben – für sexuellen Konsens, der erklärt, was „Ja“ wirklich heißt. Eine Kampagne, die erklärt, was die Folgen sexueller Gewalt sind, wie man einschreitet, Anspruchsdenken verlernt und sich wehren kann – und die Menschen zusammenbringt, um für Gesetzesänderungen, aber auch gegen Kürzungen sowie für den Ausbau sozialer Infrastruktur auf die Straße zu gehen. Denn nur wenn wir unsere Wut in Widerstand umwandeln, nur wenn das Verantwortungsgefühl die Seite wechselt und wir gemeinsam die materielle Basis, die diese Gewalt hervorbringt – den Kapitalismus – überwinden, können wir im Kampf gegen sexuelle Gewalt erfolgreich sein.