Jaqueline Katherina Singh, Infomail 1306, 20. März 2026
Stell dir vor, dein Gesicht taucht plötzlich auf pornografischen Bildern im Internet auf. Nicht einmal, sondern immer wieder – auf Plattformen, in Foren, in Chatgruppen. Du hast diese Aufnahmen nie gemacht, warst nie Teil davon, und trotzdem bist du es, die gesehen wird. Dein Alltag verändert sich radikal: Arbeit, Freundeskreis, Beziehungen, Bewegungsfreiheit – alles steht unter dem Schatten dieser Bilder.
Doch das ist nicht alles. Rund 30 Männer – teilweise aus deinem persönlichen und beruflichen Umfeld – glauben, dass du eine Online-Affäre mit ihnen hast, weil „du“ ihnen Bilder und Texte schickst. Dieser Kontrollverlust – über den eigenen Körper, das eigene Bild, die eigene Geschichte – ist Collien Fernandes passiert. Über Jahre hinweg wurden Deepfake-Inhalte von der Schauspielerin verbreitet – manipulierte Videos und Bilder, die sie scheinbar in pornografischen Kontexten zeigen. (Deepfake: Fälschung) Erst 2024, nach der Moderation einer ZDF-Doku zu Deepfakes und einer Anzeige gegen Unbekannt, kam die Wahrheit ans Licht: Hinter der systematischen Gewalt stand kein Fremder, kein Hacker, kein Troll – es war ihr eigener, damaliger Ehemann, Christian Ulmen.
Das liegt schwer im Magen. Der Spiegel+-Artikel „Du hast mich virtuell vergewaltigt“ beschreibt, wie Ulmen über Jahre gezielt und systematisch handelte. Zwischen den Zeilen wird deutlich: Es geht nicht nur um einen sexuellen Fetisch, sondern um Macht. Angst, Unsicherheit und Leid wurden bewusst eingesetzt, um Kontrolle zu sichern.
Nicht nur die Bilder selbst sind übergriffig. Wie bei Gisèle Pelicot (französ. Vergewaltigungsopfer) zeigt sich: Partnerschaftliche Gewalt umfasst physische, sexuelle und psychische Ebenen. Jahrelanges Leiden im eigenen Zuhause, während der Partner die Kontrolle hat, zerstört Nähe und Vertrauen. Emotionale Verletzlichkeit wird gezielt ausgenutzt, um Macht zu sichern und eigene Wünsche zu befriedigen.
Dieses Muster ist kein Einzelfall. Laut dem Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben erleben in Deutschland etwa 35 % der Frauen seit ihrem 16. Lebensjahr physische oder psychische Gewalt durch Partner. Digitale Gewalt durch Partner nimmt als Form patriarchaler Kontrolle zu: Sie verbindet Nähe, Überwachung und öffentliche Bloßstellung mit emotionalem Missbrauch.
Deepfakes sind eine der neuesten Formen. Aber schon lange zuvor zeigte sich das Problem: Laut EU-Grundrechteagentur (FRA, 2014) hat jede zehnte Frau seit 15 Jahren Formen von Cyberbelästigung erlebt. Neuere Untersuchungen bestätigen, dass etwa jede fünfte Frau und jeder siebte Mann in Deutschland heute digitale sexualisierte Gewalt erfahren. Die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher, weil viele Betroffene schweigen.
Doch klar ist: Diese Gewalt ist nicht „virtuell“. Das Internet ist kein losgelöster Raum und was als „Internetkultur“ verkauft wird, ist in Wirklichkeit eine digitale Verlängerung patriarchaler Machtverhältnisse und äußert sich in unterschiedlichen Formen:
bedeutet die Weitergabe intimer Bilder ohne Zustimmung. Laut einer Studie der Cyber Civil Rights Initiative haben etwa 1 von 8 Internetnutzer:innen solche Erfahrungen gemacht.
nutzt KI, um Gesichter in pornografische Inhalte einzufügen. Laut Deeptrace (2019) sind 96 % aller Deepfake-Videos pornografisch, fast ausschließlich mit weiblichen Betroffenen. Neuere Schätzungen zeigen, dass sich die Anzahl solcher Inhalte seitdem vervielfacht hat.
umfasst das systematische Verfolgen, Kontrollieren und Bedrohen über digitale Mittel. Laut Bundeskriminalamt gab es 2023 über 20.000 registrierte Stalking-Fälle in Deutschland – ein wachsender Teil davon mit digitaler Komponente.
ist für viele Frauen Alltag im Netz. Eine Studie von Amnesty International (2017) zeigt, dass 23 % der befragten Frauen online Missbrauch oder Belästigung erlebt haben.
sind seit 2021 strafbar – aber weit verbreitet. Eine Umfrage der Hochschule Merseburg (2022) ergab, dass rund 50 % der jungen Frauen bereits solche Bilder erhalten haben.
bedeutet das Veröffentlichen persönlicher Daten, oft verbunden mit sexualisierter Hetze oder Gewaltandrohungen.
Verfolgung digitaler Gewalt ist international unterschiedlich. Spanien verschärfte Gesetze gegen nicht einvernehmliche Verbreitung intimer Inhalte. Großbritannien kriminalisiert „Revenge Porn“ seit 2015, mehrere US-Bundesstaaten haben spezifische Deepfake-Gesetze. Deutschland hinkt hinterher: Seit 2021 ist das Versenden unerwünschter Genitalbilder (§ 184k StGB) strafbar, aber die Durchsetzung ist schwach. Viele Fälle werden nicht angezeigt, nur ein Bruchteil führt zu Verurteilungen.
Deepfakes stellen eine besondere Herausforderung dar: Sie fallen oft nicht eindeutig unter bestehende Straftatbestände, weil die Gesetze noch auf traditionelle Formen der Gewalt ausgelegt sind. Gleichzeitig agieren Plattformen global, während Strafverfolgung national organisiert ist – und wendet man sich an die Plattformen selbst, wird häufig nicht reagiert. Die Beweisführung ist teuer und technisch aufwendig, die Betroffenen tragen Kosten und Lasten, während Täter oft ungeschoren davonkommen.
Der Mythos vom „rechtsfreien Raum Internet“ verschleiert dabei ein politisches Versagen: Beleidigungen und kleinere Verstöße werden verfolgt, systematische sexualisierte Entrechtung häufig nicht. Doch es fehlt nicht an Möglichkeiten, sondern am politischen Willen, digitale Gewalt konsequent als strukturelle Gewalt anzuerkennen. Gleichzeitig dürfen Veränderungen nicht als Vorwand dienen, noch mehr Überwachung oder Kontrolle über alle Nutzer: innen zu rechtfertigen – digitale Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das über Strafverfolgung und Überwachung hinaus angegangen werden muss.
Der Prozess gegen Christian Ulmen läuft in Spanien (Palma de Mallorca). Ende 2025 wurde ein 40-seitiger Schriftsatz eingereicht: Anklagepunkte u. a.: Anmaßung des Personenstands, öffentliche Beleidigung, Körperverletzung, Bedrohung. Vorermittlungen laufen, Unschuldsvermutung gilt. Ulmen hat laut Bericht seine Taten gegenüber Collien gestanden.
Dieser Prozess zeigt die Grenzen des deutschen Systems: In Deutschland wäre eine juristische Aufarbeitung in dieser Form kaum möglich. Ebenso zeigt er, ähnlich wie bei der #MeToo-Bewegung, dass patriarchale Gewalt oft aus dem direkten Umfeld kommt – aus Partnerschaften, dem Arbeitsumfeld oder der Öffentlichkeit – und dass gesellschaftliche Anerkennung dessen entscheidend ist. Gleichzeitig müssen wir daraus lernen: Einzelne, öffentlich breit diskutierte Fälle reichen nicht, wenn nicht auch auf anderen Ebenen reale Veränderungen durchgesetzt werden. Es braucht also mehr als einen Onlineaufschrei der Empörung.
Gerade bei sexueller Gewalt zeigen sich die Begrenzungen unserer Gesellschaft besonders deutlich: Ein Urteil kann Inhalte nicht löschen. Angst, Scham, Schmerz oder berufliche Schäden lassen sich nicht rückgängig machen. Auch wenn Täter verurteilt werden, bleiben häufig strukturelle Schäden bestehen – für die Betroffenen, für die Kontrolle über den eigenen Körper, das eigene Bild und ihr soziales Umfeld. Im bürgerlichen Rechtssystem steht bei der Rechtsprechung nicht die Wiedergutmachung des Schadens im Vordergrund, sondern die Wiederherstellung der Staatsgewalt.
Strafe wird zu einem technischen Mittel, das vor allem die Autorität des Staates markiert, nicht die Bedürfnisse der Verletzten. Doch auf der anderen Seite zeigt der Status quo, dass das Fehlen jedweder Konsequenzen ebenfalls keine Alternative ist.
Gerechtigkeit heißt mehr, als einen Täter zu bestrafen. Es geht darum, den erlittenen Schaden anzuerkennen, die Verantwortung des Täters über die Strafe hinaus einzufordern, materielle und emotionale Wiedergutmachung zu schaffen – und die sozialen und technologischen Bedingungen zu verändern, die solche Gewalt überhaupt erst möglich machen.
Digitale sexuelle Gewalt ist kein Randphänomen. Zwar kann diese im Kapitalismus niemals vollständig beseitigt werden – aber der Kampf dagegen beginnt im Hier und Jetzt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Wie „bestrafen“ wir einzelne Täter:innen? Sie muss vielmehr heißen: „Wie zerstören wir die Strukturen, die diese Gewalt überhaupt ermöglichen?“
Für Sozialist:innen bedeutet das einen mehrfachen Kampf, der auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen mag:
Erstens geht es darum, juristische Anerkennung zu erkämpfen. Öffentlichkeit und Druck sind notwendig, damit Betroffene sichtbar werden und Täter zur Rechenschaft gezogen werden können. Nur so entstehen Konsequenzen – und gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Problem.
Zweitens müssen wir gesellschaftliche Ressourcen erkämpfen. Schon vor Zeiten sozialer Kürzungspolitik gab es zu wenig Unterstützung für Betroffene, Präventionsarbeit und Aufarbeitungsangebote. Doch es mangelt nicht nur an Frauenhausplätzen, sondern auch an Beratungsstellen, Therapien und Programmen für jene, die gewalttätig geworden sind. Ohne diese Ressourcen lassen sich nachhaltige Veränderungen nicht erreichen – wir müssen uns diese erkämpfen!
Drittens geht es darum, Kontrolle über die Strukturen der Gewalt zu erlangen. Große pornografische Plattformen gehören entschädigungslos enteignet. Aber Kontrolle endet nicht bei der Wirtschaft: Auch im polizeilichen und rechtlichen Bereich müssen Betroffene das Sagen haben. Anzeigen dürfen keine Hürden aufwerfen, und herkömmliche Verhörpraktiken, die Betroffene nach Kleidung fragen oder ihnen die Schuld zuschieben, müssen verboten werden. Stattdessen fordern wir Untersuchungskommissionen, zusammengesetzt aus Gewerkschaften und Betroffenenvertretungen, die vollen Zugang zu den Mitteln der Polizei erhalten und den Prozess der Strafverfolgung aktiv mitgestalten.
Die Wut bleibt: KI könnte Leben retten, die Umwelt schützen, Krankheiten heilen – stattdessen benutzen manche Männer sie, um Deepfake-Pornos zu machen. Milliarden an Strom, Daten und Rechenleistung werden vergeudet, um Frauen zu erniedrigen und zu kontrollieren. Was als technologische Revolution verkauft wird, wird so zum Verstärker patriarchaler Gewalt – ein teures, monströses Spiel auf Kosten realer Menschen.
Allein deswegen darf der Fall nicht als Einzelfall abgetan werden, sondern muss als Aufhänger für eine reale Bewegung dienen, die für kollektive Veränderungen kämpft. Denn Gerechtigkeit ist mehr als ein Urteil. Letztendlich bedeutet sie eine Gesellschaft, in der niemand Angst haben muss, dass der eigene Körper – real oder digital – zur Waffe, Ware oder zum Instrument von Kontrolle wird. Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks und der Erstarkung traditioneller Geschlechterrollen wird diese Aufgabe umso dringlicher.
Deswegen reicht es nicht, bei Zeitungsartikeln und Onlineposts stehen zu bleiben. Es braucht eine Bewegung gegen sexuelle Gewalt, die unter anderem für folgende Forderungen kämpft:
Dabei ist klar: Der Kampf gegen sexuelle Gewalt findet in unserem unmittelbaren Alltag statt. Jeden Tag. Deswegen braucht es Sensibilisierungskampagnen an Schulen, Universitäten und in Betrieben – für sexuellen Konsens, der erklärt, was „Ja“ wirklich heißt. Der erklärt, was die Folgen sexueller Gewalt sind, wie man einschreitet, Anspruchsdenken verlernt und sich wehren kann. Es ist an uns, Organisationen wie Gewerkschaften oder beispielsweise Die Linke dazu zu bringen, solche Forderungen offensiv aufzustellen – und voranzugehen, um das gesamtgesellschaftlich zu erkämpfen!