Neue Internationale 298, Februar 2026
Als Gruppe Arbeiter:innenmacht und Liga für die Fünfte Internationale sind wir im Dezember der Internationalen Sozialistischen Liga (ISL/LIS) beigetreten. Dieser Entschluss fand statt auf Basis monatelanger Diskussionen, gemeinsamer Eingriffe in internationale Debatten und einem auf dem dritten Kongress der ISL beschlossenen Programms. Die Dokumente des Kongresses sind unter https://lis-isl.org/ nachzulesen. Wir laden alle ein, sie mit uns zu diskutieren.
Für diese Ausgabe der Neuen Internationalen haben wir ein Interview mit Alejandro Bodart, dem Koordinator der Internationalen Sozialistischen Liga und führenden Mitglied der MST (Movimiento Socialista de los Trabajadores) aus Argentinien geführt, in dem er die ISL vorstellt.
Alejandro: Ich bin Vorsitzender der MST, einer der Kräfte des argentinischen Trotzkismus, die eine wichtige Rolle in der Arbeiter:innenbewegung, der Jugend und in sozialen Bewegungen spielt. Zusammen mit anderen Organisationen haben wir vor einigen Jahren die Frente de Izquierda y de los Trabajadores Unidad (FIT-U, Front der Linken und Arbeiter:innen – Einheit) gegründet, eine Kraft, die in den letzten Jahren an Bedeutung im Wahlkampf gewonnen hat und auch organisatorisch eine wichtige Rolle spielt, obwohl sie noch größer sein könnte, wenn die Probleme überwunden würden, die Teil der Debatten innerhalb der FIT-U sind.
Alejandro: Die LIS entstand 2019 auf einer Konferenz in Barcelona, an der eine Handvoll Revolutionär:innen aus einigen lateinamerikanischen, osteuropäischen und europäischen Ländern teilnahmen. In den letzten Jahren ist sie gewachsen und hat sich zu einer Organisation entwickelt, die heute Genoss:innen und Organisationen aus fast 40 Ländern vereint. Wir haben uns, aus verschiedenen Traditionen kommend, auf der Grundlage eines gemeinsamen Programms und einer gemeinsamen Methode neu formiert. Formiert, um die Zersplitterung zu überwinden, unter der die revolutionären Kräfte heute aufgrund politischer Fehler, aber auch aufgrund enormer methodischer Probleme leiden. Ich bin seit 45 Jahren im argentinischen Trotzkismus aktiv und habe an anderen internationalen Projekten teilgenommen, aber dieses ist vielleicht dasjenige, das hierzu die wichtigste Rolle spielt.
Alejandro: Innerhalb der LIS arbeiten wir mit Genoss:innen zusammen, die eine lange Vergangenheit in der morenistischen Strömung haben, mit Genoss:innen, wie zum Beispiel aus Pakistan, die eine lange Tradition im Grantismus haben, oder mit Genoss:innen, die eine Tradition in anderen Strömungen des englischen Trotzkismus haben. Derzeit treten Genoss:innen bei, die aus einer mandelistischen Tradition kommen, wie etwa Genoss:innen aus Ecuador, oder Genoss:innen, die aus der ehemaligen großen US-amerikanischen Organisation ISO kommen. Hinzu kommen Genoss:innen, die aus anderen Traditionen stammen, sich aber dem Trotzkismus angenähert haben. Das heißt, es handelt sich wirklich um eine Organisation, die Genoss:innen aus verschiedenen Traditionen in sich vereint. Die Herausforderung besteht darin, eine gemeinsame, übergeordnete Tradition aufzubauen, die die besten Elemente jeder einzelnen Tradition aufgreift, sich aber gerade dadurch weiterentwickelt, dass sie sowohl politisch als auch methodisch eine neue Form findet.
Die verschiedenen Organisationen, aus denen sich die ISL zusammensetzt, haben unterschiedliche Ursprünge. Ein Großteil von ihnen stammt aus verschiedenen Strömungen des Trotzkismus, aber es gibt auch Kräfte aus anderen Organisationen, zum Beispiel die Genoss:innen aus dem Libanon oder Kenia, die aus Abspaltungen der linken Jugend der kommunistischen Parteien ihrer jeweiligen Länder stammen, oder die Genoss:innen aus der Ukraine und Osteuropa, die aus der revolutionären Gewerkschaftsbewegung kommen. Derzeit besteht die LIS aus Genoss:innen, die aus praktisch allen Familien des Trotzkismus stammen. Was uns vereint hat, ist das gemeinsame Verständnis, dass es in dieser Etappe des weltweiten Klassenkampfs von grundlegender Bedeutung ist, größte Anstrengungen zu unternehmen, um die Revolutionär:innen neu zu gruppieren und darauf hinzuarbeiten, jede unserer Traditionen in eine gemeinsame Tradition zu verwandeln, in eine Synthese, die alle Traditionen, aus denen wir stammen, überwindet.
Denn abgesehen von den Erfolgen und dem Gepäck, das jede/r mitbringen kann, waren diese unzureichend, um die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Und genau deshalb muss eine neue, revolutionäre Tradition aufgebaut werden. Auf der Grundlage einer Methode, die es ermöglicht, gründlich zu diskutieren und gleichzeitig gemeinsam in der Wirklichkeit zu handeln. Eine Methode, die im Gegensatz zu der vieler Organisationen steht, die aufgrund tiefgreifender bürokratischer Methoden, von denen viele aus dem Stalinismus stammen, auseinandergebrochen sind – auch wenn viele Strömungen, die aus dem Trotzkismus hervorgegangen sind, auch im Kampf gegen diesen aufgebaut wurden. Aber es ist auch sehr wichtig, um Kräfte zu bündeln, ein gemeinsames Verständnis der aktuellen Situation, des Klassenkampfs und zentraler Bestimmungen wie des Charakters der neuen imperialistischen Länder, die sich gebildet haben, zu haben. Eine richtige Politik für die wichtigsten Prozesse des Klassenkampfs wie den in Palästina, den in der Ukraine und den Kampf gegen nationale Unterdrückung zu haben und die Notwendigkeit, dass wir revolutionären sozialistischen Kräfte die Politik der Selbstbestimmung aufstellen – wann immer der Klassenkampf dies erfordert. Diese Fragen haben in letzter Zeit zu Spaltungen geführt.
Alejandro: Für uns war der dritte Kongress der ISL ein qualitativer Sprung, deshalb sprechen wir von einem Kongress, einem historischen Kongress, denn während sich der Großteil der sozialistischen Strömungen in einer Krise befindet – solche Krisen haben wir in letzter Zeit bei Spaltungen in der Internationalen Arbeiterliga (LIT-CI, International Workers League) gesehen – ist die ISL/LIS ein Anlaufpunkt, um diese Zersplitterung zu überwinden, und deshalb ist sie für uns so wichtig. Wichtig ist sie auch, weil sie eine echte Schule der Theorie und Politik, der Orientierung war, was man an den verschiedenen Themen sehen kann, die auf dem Kongress behandelt wurden und bei denen sich große Einheit zeigte. Wir haben ein Programm verabschiedet, das einen sehr wichtigen Beitrag für die Avantgarde auf internationaler Ebene darstellt und das wir auch anderen Organisationen zur Diskussion stellen, weil wir glauben, dass es uns ermöglicht, ein Übergangsprogramm voranzubringen, das für die Intervention im Klassenkampf eine zentrale Aufgabe von Revolutionär:innen ist. Aber nicht nur das, wir haben auch Fortschritte in der ökologischen Frage und Umweltbewegung gemacht, im Kampf für die Emanzipation der Frauen. Das heißt, in verschiedenen Themenbereichen, die über die verschiedenen Kanäle unserer Organisation nachverfolgt werden können und die zeigen, dass der Kongress auch ein großer theoretischer und politischer Fortschritt war, der uns stärker macht, um uns weiter umzugruppieren. Um uns weiterhin in den Klassenkampf einzumischen, um unsere Organisationen weiter aufzubauen und der Bourgeoisie und dem Reformismus entgegenzutreten, die maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass die Rechte so viel Boden gutgemacht hat. Und deshalb ist es unser Ziel, sie zu überwinden, und die einzigen, die das schaffen können, sind wir Revolutionär:innen auf Basis eines sozialistischen Programms.
Alejandro: Die ISL hat eine wichtige Rolle in verschiedenen Prozessen des Klassenkampfs gespielt. Ein sehr wichtiger Punkt war beispielsweise, eine fundierte und gemeinsame Position in Bezug auf den Konflikt einzunehmen, der durch die Invasion des russischen Imperialismus in der Ukraine ausgelöst wurde und die weltweite Linke spaltet. Und natürlich haben wir eine sehr offensive Kampagne in Bezug auf Palästina geführt und standen an der Spitze der fortschrittlichsten Kämpfe in den verschiedenen Ländern, in denen wir aktiv sind.
Ich glaube, dass die ISL in der nächsten Zeit vor einer enormen Herausforderung steht, nämlich einerseits die breitestmögliche Einheit der Aktion zu entwickeln, um die Mobilisierung gegen die immer brutaleren Angriffe eines Kapitalismus in der Krise voranzutreiben, der die Regierungen zu einer regelrechten wirtschaftlichen Konterrevolution gegen die Arbeiter:innen veranlasst und dafür immer mehr in Richtung Autoritarismus voranschreitet. Sogar die Gefahr des Faschismus ist latent vorhanden, und daher ist die Einigkeit so bedeutsam im Handeln auf den Straßen und in der Mobilisierung. Um den Organisationen der Arbeiter:innen- und Massenbewegung mit einer klaren Perspektive entgegenzutreten, eine der ersten Aufgaben. Daneben besteht die andere wichtige Aufgabe darin, eine tiefgreifende Analyse zu entwickeln, die es uns ermöglicht, die Revolutionär:innen neu zu gruppieren, ausgehend von der Überzeugung, dass wir nicht die Einzigen sind und dass es mit einer Politik möglich ist, eine große internationale Organisation aufzubauen, die zum Aufbau nationaler Bezugspunkte beiträgt und die Perspektive für den Kampf um die Massenbewegung eröffnet. Auch wenn heute der zentrale Kampf darin besteht, Avantgardeorganisationen aufzubauen, wird uns die zunehmend polarisierte Wirklichkeit mit einer immer offensiveren Rechten in relativ kurzer Zeit vor die Perspektive stellen, um die Massenbewegung zu kämpfen. Dafür müssen wir uns vorbereiten.