Arbeiter:innenmacht

Klassenkämpfer Hermann Dworczak – ein Nachruf

Martin Suchanek, Infomail 1303, 2. Februar 2026

Am 20. Januar 2026 verstarb der 1948 geborene Hermann Dworczak nach langer und schwerer Krankheit, die ihn in den letzten Lebensjahren an Wohnung und Bett gefesselt hatte. Eine Teilnahme am aktiven politischen Leben war ihm unmöglich geworden. Wer Hermann kannte, weiß, dass er darunter am meisten litt.

Mit Hermann Dworczak ging ein Genosse und Kampfgefährte. Die 68er-Bewegung prägte er mit und in den 1970er und 1980er Jahren wurde er zu einer Art Galionsfigur des Trotzkismus in Österreich. In dieser Periode avancierte er zum Sprecher der „Gruppe Revolutionäre Marxisten“ (GRM), der Sektion des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale, der damals größten und einflussreichsten trotzkistischen Organisation im Land.

Wie wenig andere verkörperte er die Stärken und Schwächen dieser Strömung. Ähnlich wie Ernest Mandel, den prägenden Kopf dieser internationalen Strömung, erfüllte Hermann Dworczak Zeit seines Lebens ein revolutionärer Optimismus, der seinen enormen Elan und Aktivismus unterfütterte. Hinzu kam seine tiefe Verbundenheit zum Proletariat, die sicher auch biografisch – Hermann stammte aus einer Wiener Arbeiter:innenfamilie –, keineswegs aber nur biografisch bedingt war.

Hermann Dworczak war auch ein Kämpfer an allen Fronten – als Gewerkschafter, als Betriebsrat, vor allem aber als Agitator für den Trotzkismus und als Polemiker gegen Stalinismus und Sozialdemokratie. Sein Wille, seine Hingabe und tiefe Überzeugung für die Sache der Arbeiter:innenklasse prägten Hermann Dworczak so sehr, dass für ihn auch nach Niederlagen an ein Aufgeben nie zu denken war.

Viele seiner ehemaligen Weggefährten der ersten Stunden hingegen kapitulierten, vor allem nach der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion und Osteuropa. Sie machten ihren Frieden mit dem sozialdemokratischen, grünen oder liberalen bürgerlichen Establishment, mutierten selbst zu Schönschreiber:innen eines Systems, das sie einst revolutionär überwinden wollten. Diese Abkehr vom Kampf für eine sozialistische Gesellschaft, für Befreiung im umfassenden Sinn wie auch von allen Bewegungen der Unterdrückten kam Hermann Dworczak nie in den Sinn. Die Kapitulation vieler seiner Ex-Genoss:innen schmerzte ihn und entfremdete ihn von diesen, weil sie sich nicht „nur“ von einer Weltanschauung und revolutionären Theorie verabschiedeten, sondern von jeder Form des Klassenkampfes.

Der Klassenkampf und der Wille zur revolutionären Veränderung hingegen bildeten den politischen Referenzpunkt von Hermann Dworczak. Doch – und auch das gehört zu einem Nachruf an einen geschätzten, auch freundschaftlich verbundenen Genossen – sein revolutionärer Wille war auch verbunden mit der steten Suche nach Abkürzungen auf dem Weg zur Revolution. Diese führten ihn manchmal – im Wesentlichen in den 60er und 70er Jahren – auf ultralinke Abwege, als sich seine internationale Strömung unkritisch an die kleinbürgerliche Guerilla-Strategie anpasste. Praktisch führte dies jedoch zu einer Anpassung an kleinbürgerliche oder bürgerliche Führungen, zuletzt und vielleicht am krassesten in Nicaragua, als die sandinistische Revolution zur sozialistischen und Nicaragua zum revolutionären Arbeiter:innenstaat verklärt wurde.

Zumeist entpuppten sich seine Abkürzungen zur Revolution als opportunistische Umwege, so als die SOAL (zu der sich die GRM umbenannt hatte) den Grünen beitrat. Nicht zuletzt nach diesem desaströsen Manöver war seine politische Strömung zu einem Randphänomen des österreichischen Trotzkismus geworden. Seit Ende der 1990er Jahre ging Hermann Dworczak in Österreich zunehmend eigene Wege. Gemeinsam mit seinem Freund und Kampfgenossen Leo Gabriel beteiligte er sich massiv am Aufbau des österreichischen und europäischen Sozialforums. Er nahm – teilweise im direkten Gegensatz zu „seiner“ Organisation, der SOAL – an verschiedenen Umgruppierungsprojekten der radikalen Linken teil und engagierte sich sehr aktiv in der Solidaritätsbewegung mit Griechenland gegen das Troika-Diktat.

Dass sich Hermann Dworczak seiner eigenen Organisation entfremdete, war kein Zufall. In den 1970er und 1980er Jahren stand seine Strömung, das Vereinigte Sekretariat der Vierten Internationale, für eine zentristische Spielart des Trotzkismus, die sich aus zwei Quellen speiste. Einerseits einer Tendenz zu zumeist opportunistischen Abkürzungen auf dem Weg zur Revolution, die immer wieder zur Anpassung an nichtproletarische Klassenkräfte führten – sei es an die Studierendenschaft als „neue Massenavantgarde“, die Guerillastrategie oder vermeintlich objektiv revolutionäre Strömungen des „linken“ Stalinismus und Nationalismus (z. B. Castrismus, Maoismus, Sandinismus). Andererseits aber war es eine wirkliche Suche nach der Abkürzung zur Revolution. Die politischen Fehler waren aus einer revolutionären Überzeugung, Zuversicht und Kampfbereitschaft für die Sache gespeist, die allen Revolutionär:innen gut zu Gesicht steht, ja unerlässlich für jede wirklich kommunistische Bewegung ist.

Der Zusammenbruch des Stalinismus und der Triumph des westlichen Imperialismus markieren auch in der Geschichte von Hermanns internationaler Strömung einen Wendepunkt. Der revolutionäre Optimismus eines Hermann Dworczak, eines getreuen Schülers von Ernest Mandel, war nunmehr in „seiner“ Strömung nicht mehr gefragt. Die Revolution stünde nicht mehr auf der geschichtlichen Tagesordnung, die Trennung von revolutionären und reformistischen Parteien wäre nicht länger sinnvoll oder notwendig, so das Credo seines Vereinigten Sekretariats. Hermann Dworczak erkannte daran – leider – nicht den grundlegenden Revisionismus. Für taktische Umwege im Parteiaufbau, für opportunistische Manöver war er durchaus zu haben. Aber er betrachtete sie letztlich als Mittel zur Revolution. Im Vereinigten Sekretariat der Vierten Internationale hingegen machte sich eine Skepsis gegenüber dem Ziel selbst mit Beginn der 1990er Jahre breit, die zu Passivität, Opportunismus und zum faktischen Einstellen jeder verbindlichen internationalen Politik und Intervention führte. Daher rührte die Entfremdung von seiner eigenen Strömung, auch wenn er mit deren historischen Irrtümern und methodologischen Fehlern nicht brach. Somit stand er in seinen letzten Jahren oft Genoss:innen in der politischen Praxis näher, die Strömungen links von seiner eigenen angehörten. Und zwar weil er mit diesen die Überzeugung in die Möglichkeit und Notwendigkeit der sozialen Revolution teilte.

In den letzten Jahren verlor ich Hermann Dworczak aus den Augen. Sein Tod kam überraschend, obwohl ich von seiner schweren Krankheit wusste. Doch sein Tod war in gewisser Weise mehr und anders als der eines zufälligen Menschen. Es war der Tod eines zur Institution gewordenen Aktivisten und revolutionären Klassenkämpfers, eines Menschen, der aufgrund seiner Stärken wie seiner Schwächen eine Lücke hinterlässt, die nur schwer zu füllen sein wird.

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