Arbeiter:innenmacht

Kultur: Bad Bunny und der Sound eines Kontinents in Aufruhr

Los Capos del Genero TV, CC BY 3.0 , via Wikimedia Commons

Daniella Fernandez, Infomail 1303, 8. Februar 2026

Zuerst veröffentlicht in: https://periodismodeizquierda.com/bad-bunny-y-el-sonido-de-un-continente-en-tension/ , 6.02.2026

Benito Antonio Martínez Ocasio – Benito, Sohn von Benito – lehnt sich in einem roten Samtsessel zurück, genau in dem Moment, als der Brite Harry Styles verkündet, dass DtMF (Debí tirar más fotos, 6. Studioalbum von Bad Bunny) bei der 68. Ausgabe der Grammy Awards in der Kategorie „Bestes Album des Jahres“ gewonnen hat. Alle Anwesenden sind bereits zu frenetischem Applaus aufgestanden; Benito bleibt auf seinem Platz sitzen und versucht, seine Tränen zurückzuhalten. Es gelingt ihm nicht. Er weint, bis er die Bühne erreicht.

DtMF ist das erste spanischsprachige Album, das diese Kategorie gewonnen hat. Der Erfolg von Benito, alias Bad Bunny, fällt in eine Zeit großer politischer Spannungen und sozialer Umbrüche in den Vereinigten Staaten – inmitten eines beispiellosen Einsatzes von ICE-Beamt:innen und anderen Einwanderungsbehörden in mehreren Städten des Landes. Die Razzien haben zur Festnahme von mindestens 328.000 Menschen und zum Tod von etwa dreißig geführt; zu den jüngsten Fällen gehört die Ermordung der Beobachter:innen Renée Nicole Good und Alex Jeffrey Pretti.

„Puerto Rico, glaub mir, wenn ich dir sage, dass wir viel größer sind als 100 × 35 (100 Meilen lang und 35 Meilen breit) und dass es nichts gibt, was wir nicht erreichen können”, sagt Benito als Erstes auf Spanisch, während er das Grammophon (Preistrophäe) in den Händen hält. „Danke, Mama, dass du mich in Puerto Rico geboren hast!“

Er fährt auf Englisch fort: „We are humans, and we are Americans.“

Die Medien würden den letzten Satz mit „Wir sind Menschen und wir sind US-Amerikaner:innen“ übersetzen, aber tief in meinem Inneren – vielleicht etwas naiv – glaube ich, dass Benito nicht nur zu den US-Amerikaner:innen gesprochen hat. Ich glaube, er hat zu einem ganzen Kontinent gesprochen, der kolonialisiert und neokolonialisiert wurde. Sprache ist strategisch, und die Yankees wissen das nur zu gut. Ich glaube, dass Martínez Ocasio, geboren in der Zuckerrohrstadt Vega Baja (Puerto Rico), zu allen sprach, die auf gestohlenem Land geboren wurden.

Es war eine offene politische Gala: Mehrere Künstler:innen verspotteten Trump, andere beleidigten die ICE mehr oder weniger explizit. Gesten, keine echte Zustimmung. Gesten.

Hinter den Grammy Awards steht eine kapitalistische Musikindustrie, die uns nicht legitimiert, sondern – wie der kubanische Kulturjournalist Rafael González Escalona betont – aus reinem Überlebensinstinkt handelt. Eine Industrie, die bereits zugibt, dass sie sich nicht mehr den Luxus leisten kann, uns zu ignorieren: die Armen, die Migrant:innen, die Arbeiter:innenklasse.

La Bayamesa und La Borinqueña

Ich suche bei Bad Bunny nicht nach etwas, von dem ich weiß, dass ich es nicht finden werde. Bad Bunny ist nicht Víctor Jara inmitten der chilenischen Diktatur (Musiker des widerständigen Chiles, Opfer des Pinochet-Putsches 1973). Er ist nicht Mercedes Sosa (argentinische Sängerin gegen Krieg, Militärdiktaturen und für indigene Rechte). Er ist kein lateinamerikanischer Nationalheld und versucht auch nicht, einer zu sein. Er wird auch nicht die Halbzeitpause des Super Bowl boykottieren – eines der meistgesehenen und kommerziellsten Ereignisse in den Vereinigten Staaten –, bei dem er dieses Jahr der Hauptkünstler ist.

Obwohl er bestimmte Unabhängigkeitspositionen vertreten hat, hat Bad Bunny seine politische Einstellung nicht öffentlich gemacht. Benito hat sich nicht ausdrücklich zum Völkermord in Gaza geäußert, obwohl er während eines seiner Konzerte in Puerto Rico die Sängerin iLe auf die Bühne eingeladen hat, die in einer Pause des Songs „Lo que pasó en Hawái“ laut und deutlich sagte: „Freiheit für Palästina und es lebe das freie Puerto Rico.“

„Lo que pasó en Hawái“ wurde jedoch Ende 2025 zum Soundtrack Tausender Videos von unterdrückten Völkern und Gemeinschaften, die die sozialen Netzwerke überschwemmten; viele davon wurden direkt aus dem Gazastreifen aufgenommen. Als ich einige über Kuba sah, weinte ich. Ich weinte allein und weinte aus der Ferne, zusammen mit anderen Freund:innen aus der Diaspora und dem Exil.

„Hier wollte niemand weggehen, wer gegangen ist, träumt davon, zurückzukommen“, hörte man im Hintergrund, während Bilder einer Strandpromenade zu sehen waren, die einst unser Treffpunkt war.

Sie wollen mir den Fluss und auch den Strand wegnehmen. Sie wollen mein Viertel, und dass meine Großmutter weggeht. Nein, lass die Flagge nicht los und vergiss das Lelolai (Gesangsstil puerto-ricanischer Volksmusik) nicht. Ich will nicht, dass sie mit dir machen, was sie mit Hawaii gemacht haben.

Wenige Tage vor der Veröffentlichung von DtMF, als viele Antillianer:innen (Antillen, Inselgruppe) in melancholischer Stimmung waren, erinnerte der Essayist Julio César Guanche, eine Persönlichkeit der kritischen kubanischen Linken, in seinen sozialen Netzwerken daran, wie 2011 – im hundertsten Jahr des puerto-ricanischen Kinos – eine außergewöhnliche Gruppe puerto-ricanischer Künstler:innen zum Internationalen Lateinamerikanischen Filmfestival nach Havanna reiste. Unter ihnen war Jacobo Morales, Oscar-Nominierter und Regisseur des Klassikers Dios los cría.

Der 90-jährige Jacobo ist der Protagonist des Films, der DtMF begleitet. Es ist Jacobo, der sagt: „Solange man lebt, muss man so viel wie möglich lieben.“ Es ist Jacobo, dem ein junger Mann im Film 30 Pesos für einen Kaffee und einen Käse bezahlt. Es ist derselbe Jacobo, der am Ende des Videos in einer außergewöhnlichen Szene in „Un baile inolvidable“ (Ein unvergesslicher Tanz) die Hauptrolle spielt.

In seiner Analyse erinnert Guanche auch daran, dass Kuba und Puerto Rico mehr verbindet als nur das Karibische Meer, Palmen, Früchte, Zuckerrohrfelder, das Erbe der Taíno (indigenes Volk der Großantillen) und die Überreste der Arawak-Sprache. Sie, Borinquen; wir, Kubanacán.

„Die puerto-ricanische Flagge wurde 1895 von kubanischen und puerto-ricanischen Exilanten in New York entworfen, die Mitglieder der Sektion Puerto Rico der Kubanischen Revolutionären Partei waren. Beide Flaggen entstanden aus der republikanischen (und freimaurerischen) Vorstellungskraft. „Das Bestreben von José Martí, Antonio Maceo, Ramón Emeterio Betances und Eugenio María de Hostos, eine Republik zu gründen, ist bis heute ein gemeinsames Bestreben unserer beiden Inseln“, schreibt er. „Die kubanische Nationalhymne La Bayamesa ist eine direkte Schwester von La Borinqueña.“

In der Zeitung Patria urteilt der Apostel Kubas, José Martí: „Wenn das Volk La Borinqueña hörte, verspürte es mehr als nur den Wunsch, einen bezaubernden Tanz zu tanzen, und es hatte etwas Unerklärliches, das es elektrisierte: das tiefe, langsame Seufzen eines Volkes, das unter den Schrecken einer grausamen Herrschaft leidet.“

Ist es vielleicht so, dass wir etwas Ähnliches empfinden, wenn wir diese politisierte Version von Benito hören? Oder brauchen wir, wie zu Zeiten von La Borinqueña, einen Soundtrack für die Momente des Kampfes, die sich abzeichnen?

Über DtMF hinaus möchte ich auf den Song „Una velita“ hinweisen, der 2024 von Bad Bunny veröffentlicht wurde und den 5.000 Opfern des Hurrikans Maria gewidmet ist. Der Song handelt von einem herannahenden Sturm: Regen, angeschwollene Flüsse, starke Winde, aber vor allem von der Existenz einer Regierung, die keine Antwort geben wird, weil sie es auch zuvor nicht getan hat.

„Die Palme, an der sie das Land aufhängen wollen. Eines Tages werden wir sie umstürzen.

Die Trommeln, die das Design untermalen, erinnern fast an einen Kriegsgesang, wie er kurz vor einem Aufstand in den Sklavenbaracken erklungen sein könnte. Etwas steht bevor, denn in der zentralamerikanischen Karibik ist bereits etwas im Gange, und es ist – zumindest dieses Mal – kein neuer Hurrikan.“

Ein weiterer Sturm steht vor der Tür

Die Entführung von Nicolás Maduro am 3. Januar markierte einen Wendepunkt in der Monroe-Doktrin in Bezug auf die gesamte Region. Zwanzig Tage später unterzeichnete Präsident Donald Trump eine Durchführungsverordnung zur Verhängung zusätzlicher Zölle für diejenigen, die Rohöl oder Derivate an Kuba verkaufen oder liefern. Eine Maßnahme, die darauf abzielt, die wirtschaftliche Not zu verschärfen und Hunger und Energie als politische Waffen einzusetzen, um einen Regimewechsel zu erzwingen.

Bis zu diesem Zeitpunkt lieferte Venezuela täglich etwa 30.000 Barrel, was 30 bis 40 % des Bedarfs der Insel entsprach.

Im Januar erhielt Kuba bisher nur 84.900 Barrel in einer einzigen Lieferung aus Mexiko. Die Folge ist eine brutale Energiekrise: Stromausfälle von mehr als 12 Stunden und ganze Provinzen mit nur zwei bis vier Stunden Strom pro Tag. Internationale Medien sagen einen vollständigen Zusammenbruch des Stromnetzes in weniger als einem Monat voraus.

In einer kürzlich veröffentlichten Erklärung warnte die kritische kubanische linke Gruppierung Socialistas en Lucha (SeL; Sozialist:innen im Kampf) diejenigen, die diese Politik als Weg zum Sturz der autoritären Regierung unter Staatspräsident Miguel Díaz-Canel begrüßen. In diesem Zusammenhang machen die Verhandlungen zwischen venezolanischen Machtfiguren wie der ehemaligen Vizepräsidentin Delcy Rodríguez und dem Weißen Haus deutlich, dass der Imperialismus nicht darauf abzielt, die Völker zu befreien, sondern Regierungen nach seinem Belieben neu zu ordnen.

Ebenso deutlich wiesen sie darauf hin, dass der Imperialismus nicht allein für die Wirklichkeit verantwortlich ist, die die Insel von einem Ende zum anderen durchzieht. Das Handeln der Kommunistischen Partei war ausschlaggebend für den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch Kubas. (1)

Vor langer Zeit haben die Regierenden aufgehört, an den Sozialismus zu glauben, und das Volk verraten, indem sie sich an eine bürokratische, autoritäre und zutiefst konservative Machtlogik klammerten.

„Schickt mir nichts von der Regierung. Diese Mistkerle werden es verschwinden lassen. Die gehen nur auf die Straße, um Fotos zu machen. Von mir aus können sie sich alle zum Teufel scheren.“

Heute ist Kuba ein Land mit einer alternden Bevölkerung von rund 25 %. Mit Renten, die nicht ausreichen, um den Grundbedarf zu decken, und mit einem maroden öffentlichen Gesundheitssystem, das weite Teile der Bevölkerung in einen informellen, auf US-Dollar basierenden Markt drängt.

Das Bildungssystem befindet sich in einem alarmierenden Zustand, während die Wasserversorgung nicht gewährleistet, der Nahverkehr prekär ist und es an den Mindestvoraussetzungen für Hygiene und ein menschenwürdiges Leben mangelt. Hinzu kommt die politische Unterdrückung: Rund 1.185 politische Gefangene wurden wegen der Ausübung elementarer Rechte inhaftiert.

„Es braut sich ein Sturm zusammen. Wer wird uns retten?“

Die Antwort? Die Lösung? Die hat Benito selbst gegeben: Das Zeichen ist gesetzt, aber sie wollen es nicht sehen. Es fehlt nur noch, dass die Puertoricaner:innen sich entscheiden, aufzuwachen.

Nur die echte Gewährung politischer Rechte, die Anerkennung des sozialen Pluralismus, die Legalisierung unabhängiger Organisationen und die Wiederherstellung der Volkssouveränität können einen gemeinsamen Horizont wiederaufbauen und dem sozialistischen Projekt seine Legitimität zurückgeben. Ein Projekt mit der Kraft aller, das in der Lage ist, sich dem Imperialismus zu widersetzen. Denn wer Puertoricaner:innen sagt, sagt Kubaner:innen, sagt Lateinamerikaner:innen, sagt Arbeiter:innen, sagt internationale Arbeiter:innenklasse.

„Denkt daran, dass wir alle von hier sind. Es ist Aufgabe des Volkes, sich selbst zu retten.“

(1) Hier der Link zur Stellungnahme von Socialistas en Lucha vom 1.2.2026 in Spanisch: https://lis-isl.org/es/2026/02/cuba-soberania-popular-democracia-y-responsabilidad-historica/

Related Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Für eine Uni des gesellschaftlichen Fortschritts

Revolutionäres Aktionsprogramm

Buch, A 5, 100 Seiten, 6,- Euro

Vom Widerstand zur Befreiung

Für ein freies, demokratisches, sozialistisches Palästina!

Broschüre, A4, 48 Seiten, 3,- Euro

Lage der Klasse – Podcast der Gruppe Arbeiter:innenmacht

Internationalismus. Revolutionäres Sommercamp 2025